DANIEL RICHTER – Malerei als Fortsetzung der Realität | Eine Retrospektive

DANIEL RICHTER - "Lonely Old Slogan" 2006 
oil paint on canvas 250x280cm [Ausschnitt]
Courtesy Sammlung Falckenberg, Hamburg | Foto: Jens Ullheimer

Wie nur wenige prägt Daniel Richter seit den 1990er Jahren die Malerei in Deutschland. Die retrospektiv angelegte Hamburger Werkschau zeigt über 50 großformatigeBilder und erstmals eine größere Auswahl aus den mehr als 400 kleinen Formaten, die Richter als Ideenskizzen und Tagebuch dienen.

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Die Hamburger Kunsthalle zeigt ab dem 4. Mai 2007 eine große, retrospektiv angelegte Ausstellung über das Werk des 1962 geborenen Künstlers. In seinen großformatigen Ölgemälden verschränkt Richter kunsthistorische, massenmediale und popkulturelle Versatzstücke zu eigenwilligen, erzählerischen Bildwelten.

Die Ausstellung gibt erstmals einen Überblick über zwölf Jahre malerischen Schaffens und entsteht in enger Zusammenarbeit mit dem Künstler.

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Hamburger Kunsthalle | 4. Mai bis 5. August 2007

Daniel Richter

Pressetext: Hamburger Kunsthalle | www.hamburger-kunsthalle.de

Daniel Richter studierte bei Werner Büttner an der Hamburger Hochschule für bildende Künste und arbeitete als Assistent von Albert Oehlen. Zunächst entstanden abstrakte Gemälde, deren farbstarker, psychedelisch anmutender Formenkosmos sich zwischen Graffiti und verschlungenen Ornamenten bewegt. Dabei orientiert er sich gleichermaßen an Surrealismus und Underground sowie an den verschlungenen Grotesken des italienischen Manierismus.

Pünktlich zum Jahrtausendwechsel kam Richters persönliche „Wende“ vom abstrakten Geflecht zum menschlichen Körper. Seitdem arbeitet er ausschließlich figurativ. Großformatige figurenreiche Szenen, häufig durch Reproduktionen aus Zeitungen und Geschichtsbüchern angeregt, zeigen Kampf und Bedrohung in überschießender Vitalität.

Richters Wechsel zum Figurativen wurde mehrfach als Wiedergeburt des Historienbildes gefeiert — allerdings eine Wiedergeburt unter veränderten Vorzeichen: Wo das Historienbild auf eindeutig lesbare Bilderzählungen setzte und auf das Ziel gerichtet war, Gegenwärtiges durch die Berufung auf Historisches zu legitimieren, handeln Richters Bilder vom Scheitern der Utopien der Moderne. „Mich hat interessiert, wie man Bezug nehmen kann auf die Welt und auf das Bild von der Welt, wie ich sie wahrnehmen oder beschreiben will“, erklärte er selbst seinen Wandel.

DANIEL RICHTER - Nerdon, 2004 | Foto: Jens Ullheimer

Die Themen seiner danach entstandenen Bilder sind etwa der gescheiterte kommunistische Aufstand in Hamburg-Barmbek von 1923 (Nerdon) oder die Flüchtlingsboote aus Nordafrika (Fatifa). Dabei zeichnen sich die Motive und Lesarten der Bilder Richters immer wieder durch eine große Ambivalenz aus. So zeigt etwa sein frühes figuratives Werk Phienox eine dramatisch aufgeladene Szene, in der ein Mensch mit der Hilfe anderer über eine hohe Mauer gehievt wird. Gemalt im Jahr 2000, als man nach zehn Jahren der Wiedervereinigung gedachte. Entstanden war das Bild aber nach einem Zeitungsfoto, das die Ereignisse um das terroristische Attentat auf die amerikanische Botschaft in Nairobi dokumentiert. Die meisten von Daniel Richters Werken sind solche Vexierbilder, die der Betrachter mit seinem Wissen und seinen Vorstellungen von Politik und Popkultur auffüllt.

DANIEL RICHTER - Poor Girl, 2005 | Foto: Jens Ullheimer

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»Realität — das ist, wo unsere Träume herkommen. Ich würde sagen, dass die Malerei die Fortsetzung der Realität ist, nicht des Traums.« [ Daniel Richter ]

Daniel Richter. Die Palette 1995-2007 Die Palette 1995-2007 - Katalog

Katalog Daniel Richter – Die Palette 1995-2007

Essays u.a. von  Dietmar Dath ( SPEX, FAZ )

Gebunden mit Schutzumschlag
242 Seiten,
60 ganz- und doppelseitige,
ca. 163 kleinformatige Abbildungen,
32,0 x B 24,0 cm

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Erster groß angelegter Übersichtsband mit Abbildungen von Arbeiten aus allen Schaffensphasen.

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VIDEO | Vernissage 3. Mai 2007 | Hamburger Kunsthalle
[ Jens Ullheimer | netsamurai digitale ]

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Der Schleiertänzer

ZEIT online – Hanno Rauterberg | Artikel lesen

Worum es in den Bildern geht, bleibt oft unklar. Auch der Katalog ist nur wenig hilfreich, er überlässt es allein dem Betrachter, sich auszumalen, was ein weißer Gorilla im Rollstuhl mit einem langnasigen schwarzen Maskenmann zu tun haben könnte. Darin liegt eine Freiheit: Jeder Betrachter ist sein eigener Regisseur und schiebt die kauzigen Gestalten frei über die Bildbühne seiner Imagination.

Aber spätestens im zweiten Saal der Ausstellung erlahmt die spekulative Fantasie. Zu oft malt Richter ähnliche Szenerien, zu traumverloren bleiben die Figuren. Am Ende wirkt seine Kunst wie ein psychedelisch aufgepeppter Impressionismus, eine Stimmungsmalerei, die vor allem Melancholie, Inferno, Depression heraufbeschwört

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Till Briegleb

Erschöpfte Superhelden im Science-Fiction-KZ

Richters Bilder stecken ähnlich wie die seines mehr romantisch veranlagten Antipoden und Freundes Neo Rauch voller Rätsel, sie collagieren unterschiedlichste Bezüge, suchen nach symbolischer Aufladung, die sich aber in absurden Widersprüchen wieder selbst entkräftet. Doch so beziehungsreich sie auch komponiert sind, im Zentrum der Bilder stehen eigentlich immer Angst- und Gewalterfahrungen, oft entwickelt aus historischen Hintergründen.

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Nicola Kuhn im Gespräch mit Daniel Richter

Ich verbreite gerne Binsenweisheiten

Gemeinsam mit Jonathan Meese und Neo Rauch gehören Sie international zu den gefragtesten deutschen Malern. Wie erklären Sie sich das Interesse?

RICHTER: Wahrscheinlich ist das nur temporär, übermorgen sind es drei andere. Interessant ist daran, dass es deutsche Malerei ist, aufgeladen mit Geschichtlichkeit. Bei Jonathan geschieht dies in der Form von Irrsinn, von Entwertung, bei Neo in der Form von Traum und konservativem Gedenken. Meine Bilder sind eine Schrottvariante des negativen Historienbildes. Ich halte mich noch für den am wenigsten deutschen Maler in diesem Trio.

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Die Goldenen Zitronen - Mila [ Album Lenin # 2006 Cover Art DANIEL RICHTER ]

VIDEO | Die Goldenen Zitronen – Mila [ Album: Lenin # 2006 /Cover Art: DANIEL RICHTER ]
Regie: Schorsch Kamerun // Kamera & Schnitt: Eva Könnemann

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2 comments for “DANIEL RICHTER – Malerei als Fortsetzung der Realität | Eine Retrospektive

  1. adam
    1. März 2008 at 15:28

    Respect for your gravity of soul.I AM PAINTER TO

  2. 17. März 2008 at 00:12

    Complimenti, Daniel Richter! Das tut richtig gut, dass du die Dinge auf den Punkt bringst. Würde dich gerne mal in Aktion sehen, im Atelier oder auf irgendeiner Aftershowparty. Vielleicht schickst du mir mal eine Einladung. Ich glaube in der heutigen Zeit begreifen die Leute die politischen Widersprüche und gewalttätigen Auseinandersetzungen erst über die Verbildlichung – aber gleichzeitig ist es auch eine Verblendung – denn es geht ja um die etablierte, verkorkste Gesellschaft, die für diese Bilder zahlen und das ist auch eine doppelte Widersprüchlichkeit und das schafft eine umgekehrte Illusion: die Illusion des angeblichen und verlogenen Aufgeklärtseins dieses hochrangigen Kunstsammlertums.
    Aber trotzdem: Danke, das du mit deiner Kunst Politik machst und abschreckst, statt zu verscheiern!
    Mit künstlerischem Gruss
    Doya Nolte

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