Biennale Venedig 07 | Isa Genzken
Astronauten im Nazi-Tempel
SUEDDEUTSCHE – Holger Liebs
“Ich habe den knallhart bespielt” – die Bildhauerin Isa Genzken sprach mit uns über ihre Ausstellung im Deutschen Pavillon auf der Biennale in Venedig und völlig überschätzte Kunst.
Am imaginären Himmel des neugestalteten Raums werden Astronautenanzüge hängen, “gekauft in Amerika. Drei schweben unter der Decke, zwei ruhen sich auf dem Mond aus.”
Genzken sagt, ihr gehe es mit den Astronautenfiguren, die möglicherweise etwas versehrt aussehen, nicht um eine oberflächliche Amerikakritik. Eher um eine Verkörperung des amerikanischen Traums – und seines Scheiterns. Die Astronautenfiguren würden ja den Raum verwandeln, ihn vergrößern – so wäre dann gleichsam das ganze Gebäude von außen nach innen gestülpt und umgekehrt, mit der verhüllten Außenhaut und mit dem sich ins Unendliche erweiternden Innenraum.
“Ich glaube, was mir in Venedig gelungen ist, ist die Verbindung von Innen- und Außenraum. Und von Lieblichkeit und Eiseskälte. Ich habe auch fünf Galgen aufgehängt – aber mit Äffchen daran! Sie stehen sozusagen zum Selbstmord parat.”
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Isa Genzken im Deutschen Pavillon
ARTNET – Hortense Pisano
Ein mutiges Statement ist Genzkens Beitrag. Die grelle Gesellschaftssatire übt deutlich Kritik an den Industrienationen. So ist Öl nicht nur der Stoff aus dem Genzkens Plastiktrash besteht. Der Titel ihrer Installation Oil legt obendrein die Assoziation zum Irakkrieg nahe. Genzken: „Ob Krieg, ob nicht, darum geht’s. Um Energie und um Öl.“ Diese Kritik weniger plakativ abzubilden – man denke an die Tierposter oder das Rembrandt-Plakat – hätte der Ausstellung allerdings insgesamt gut getan.
Der Materialfülle fehlt eine sinnstiftende Klammer, die die einzelnen Skulpturen zusammenhält. So ertappt man sich dabei, permanent in die Falle des Details zu treten. Statt Antworten findet man immer nur Neues. Hinter der zersetzenden Kleinteiligkeit lässt sich natürlich eine Strategie der Verunsicherung vermuten. Nimmt Genzken nach ihrer langen Phase der Betonskulpturen und der Architekturmodelle in Venedig einfach Urlaub vom System? „Künstler machen nie Urlaub, obschon das komplette Kunstsystem dringend Urlaub bräuchte.“ Dieser Satz von Isa Genzken liest sich heute wie ein treffender Kommentar zu ihrem Biennale-Beitrag.
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52nd International Exhibition of Visual Arts 2007:
La Biennale Di Venezia (Taschenbuch)
von Robert Storr
Isa Genzken | OIL | Biennale Katalog Venedig:
German Pavilion, Venice 2007 (Gebundene Ausgabe, english)
Official publication of the German Pavilion.
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Der Stoff, der die Welt hält
FR online – Elke Buhr
Die revolutionären Studenten, Arbeiter und Intellektuelle von Venedig rufen zum Boykott der Biennale auf. Sie ist veraltet, bourgeois und ein Instrument des Nationalismus, Imperialismus und Rassismus!” So steht es auf einem Plakat, das in einer Trattoria hängt, ganz in der Nähe von Venedigs Rialto-Brücke. Allerdings hängt dieses Plakat seit dem Jahr 1968 dort.
Mittlerweile ist die Biennale längst von innen heraus gesprengt.
… – eine Arena für den internationalen Kampf um Definitionsmacht und Einfluss, die immer noch vorgibt, ein Wettbewerb der Nationen zu sein, und die längst niemand mehr boykottiert.
“Denke mit den Sinnen – fühle mit dem Geist” hat Storr, der an der Yale-Universität lehrt und selbst auch malt, seine Ausstellung überschrieben. Er wolle die üblichen Gegensätze von Körper und Geist, Gedanke und Gefühl, Intellekt und Sinnlichkeit überwinden, so seine Programmatik.
Er hat zwar dafür gesorgt, dass erstmals auch der afrikanische Kontinent einen Pavillon hat. Allerdings hat er die Verantwortung dafür an ein Kuratorenteam abgegeben, das ausnahmslos aus der Privatsammlung von Sindika Dokolo schöpft, ein Verwandter des Präsidenten von Angola mit undurchschaubaren Beziehungen in Waffenhändler-Kreise.
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Zu unentschieden: Banal grande in Venedig
FAZ – Peter Richter, Venedig
Was für ein Kunstsommer hatte das werden sollen! Die schönste Documenta aller Zeiten wurde uns versprochen – und für den deutschen Biennale-Pavillon nicht weniger als eine Weltsensation. Und dann das.
… es ist nicht nur weniger aufregend als erwartet, alles ist auch gleich eine ganze Nummer bescheidener als bei den letzten Biennalen. Das gilt übrigens für das Partydrumherum genauso wie für die Kunst in vielen der Länderpavillons und ganz besonders in der zentralen Ausstellung, von der man sich ja am ehesten den Anspruch erwarten darf, einen gewissen Stand der Dinge zu formulieren. Und hier wird nun dieses Jahr deutlich, wie die Kunst den messianischen Erwartungen, die inzwischen auf ihr lasten, tendenziell begegnet, nämlich durch Flucht in die Introversion.
… ausgerechnet jetzt wird in Venedig über weite Strecken ein Abschied in die Abstraktion und ins Malerei-Fachgespräch zelebriert: In dem Moment, wo der bildenden Kunst endlich mehr oder weniger die Rolle einer Leitdisziplin unter den Umgangs- und Erkenntnisformen dieser Welt eingeräumt wird; wo ihr Dinge zugetraut und zugemutet werden wie noch nie zuvor: da zieht sie sich lieber wieder auf sich selbst zurück …
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Schwere Kost, die beflügelt
SPIEGEL online – Jenny Hoch, Venedig
Globale Perspektive statt nationaler Kraftmeierei: Kurator Robert Storr setzt in der Arsenale-Ausstellung auf Themen wie Krieg und Exil. Dennoch wirkt die Schau nicht spröde, sondern bunt und vielgestaltig wie das Leben selbst.
Das liegt vor allem daran, dass Storr zum großen Teil auf Künstler setzt, die in der europäischen und nordamerikanischen Kunstszene weitgehend unbekannt sind. Er hat nicht nur Platz gemacht für eine große Schau afrikanischer Kunst und einen türkischen Pavillon, sondern zeigt auch überproportional viele Arbeiten aus Ländern wie Iran, Algerien, Brasilien, Ghana, Jordanien, Indien, Serbien oder Nicaragua.
Im schlimmsten Fall werde seine Ausstellung eben ein Amuse Geule, also ein Appetithäppchen für den Kunstbetrieb, hatte Robert Storr angesichts seines geringen Budgets vorher geunkt. Das Gegenteil ist der Fall. Sie ist ein gelungener Gegenentwurf zur nationalen Repräsentation, die in den Pavillons gepflegt wird. Statt länderbezogener Kraftmeierei öffnet sich hier der Blick zu einer globalen Perspektive.
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Vom Schaum der Zeit gebremste Schönheit – Kein Spässchen, nirgends
NZZ – Samuel Herzog
Die internationale Ausstellung der 52. Biennale von Venedig schlägt ernste bis düstere Töne an. Auch in den Länder- Pavillons tritt die Kunst mehrheitlich wohltemperiert in Erscheinung – die Zeit der frechen Gesten scheint vorbei.
Der amerikanische Maler, Kurator und Kritiker Robert Storr hat sich vorgenommen, einen von ihm im Blutbild der Gegenwartskunst konstatierten Gegensatz zwischen Gefühl und Intellekt zu vereinen. Dabei ist eine Ausstellung entstanden, die auf alles Spektakuläre verzichtet und von einem durchwegs ernsthaften Grundton bestimmt wird. Die Kunst erscheint hier als eine vom Schaum der Zeit gebremste Schönheit, die endlich auf alles Make-up verzichtet und betont von den äusseren Reizen zu den inneren Werten gelangt ist.
Viele Werke sind engagiert, fast alles hat museale Qualitäten. Viel Raum hat Storr der Malerei eingeräumt – Richter, Polke, Kelly, Ryman, LeWitt und Kippenberger füllen den halben Padiglione d’Italia.
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Kunstbiennale in Venedig
10. Juni bis 21. November 2007
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