schorsch-kamerun-2007.jpgPT Filmstiftung NRW |

Hörspielpreis der Kriegsblinden 2007 ging an Schorsch Kamerun.

Für sein Hörspiel „Ein Menschenbild, das in seiner Summe null ergibt” erhielt Schorsch Kamerun den diesjährigen Hörspielpreis der Kriegsblinden/Preis für Radiokunst.

Der Hörspielpreis der Kriegsblinden, der zu den renommiertesten Aus­zeichnungen für Hörspielautoren zählt, wird gemeinsam vom Bund der Kriegsblin­den Deutschlands e.V. und der Filmstiftung Nordrhein-Westfalen getragen. Mit dem Preis wird jährlich ein von einem deutschsprachigen Sender konzipiertes und pro­duziertes Hörspiel ausgezeichnet, das „in herausragender Weise die Möglichkeiten der Kunstform realisiert und erweitert”.

Begründung der Jury 

Kamerun zeichnet das bestürzende Porträt einer Generation, die zwischen Medien­geschwätz, Lifestylemode und Kaufwelt, zwischen verordneter Wahlfreiheit und all­gemeiner Beliebigkeit keine Chance auf ein originales Leben, auf authentische Wün­sche hat. Kameruns Menschen, leben in einer indirekten Welt, zugeschüttet mit einem Übermaß an Null-Information. Sprechen sie, zitieren sie? Ist das Plattheit oder Ironie? Und wo sind wir überhaupt? In der Wirklichkeit, im Fernsehen, in einer Talkshow, im Gespräch, in der Satire? Kamerun lässt das offen, lässt das Publikum teilhaben an der Desorientierung seiner Figuren.

Sie drehen sich im Kreis, zwischen Praktika und Projekten, zwischen Leerlauf und Wie­derholung. Dazwischen leuchtet wilde Wut auf, ohnmächtige Angst, ziellose Sehnsucht. Protest wird nicht gehört, geht unter im allgemeinen Medienbrei. Hoffnung findet nur vorgefertigte Wege. In bruchstückhaften Zitaten wird an eine Zeit erinnert, in der Auf­klärung und Kunst Werte vorgaben. Heute ist Verweigerung der höchste Wert. Und von den Gedanken der Aufklärung bleibt die Erkenntnis, dass man einen Gedanken eben nicht zu Ende denken kann.

Kamerun inszeniert das mit bestem Gebrauch radiophoner Mittel. Musik und Atmo­sphäre geben das Thema vor, ein auswegloses Kreisen in Wieder-holungen, mit winzigs­ten Variationen,mit seltenen Ausbrüchen von intensiver Heftigkeit. In Sprache und Musik sind sehr sorgfältig Kontraste montiert, die sich gegenseitig mattsetzen. Er arbei­tet mit Groteske und Komik - aber wenn man lacht, ist man zugleich tief entsetzt.

Dieses irritierende Stück Gesellschaftskritik überzeugte in der Radikalität der Aussage und dem souveränen Gebrauch des Mediums Radio.

______________________________________________________________

Das - für den WDR produzierte - Hörspiel gibt es hier auch zum .

AUDIO | anhören
| Ein Menschenbild, das in seiner Summe null ergibt | Schorsch Kamerun

Schorsch Kamerun

wurde 1963 in Timmendorf geboren. Er ist Sänger und Gründungs­mitglied der Hamburger Punkband “Die Goldenen Zitronen“. Seit einigen Jahren ist er auch als Theaterregisseur und -autor tätig. So inszenierte er unter anderem seine Stü­cke “Macht fressen Würde” am Schauspielhaus Zürich und “Spezialmensch” am Ham­burger Schauspielhaus. Anfang 2006 hatte seine Orientierungsoperette “Der Chinese im Kinderbett” am Niedersächsischen Staatstheater Hannover ihre Uraufführung. In der Spielzeit 06/07 hat Schorsch Kamerun das Stück “Macht und Rebel”, nach dem Roman des norwegischen Autors Matias Faldbakken, an den Münchner Kammerspielen urauf­geführt. Am 18. April 2007 wird sein eigenes Stück “Der kleine Muck ganz unten” an der Berliner Volksbühne zur Uraufführung kommen. Darin wird es um den so genann­ten “positiven Patriotismus” in Deutschland gehen.

Auf der Grundlage der Theaterstücke verfasste Schorsch Kamerun die Hörspiele “Hollywood Elegien” und “Eisstadt” für den WDR, wie auch “Ein Menschenbild, das in seiner Summe null ergibt”.

  •  

  • Lesezeichen hinzufügen bei ...

  • Kunst | Presseschau

    Auswahl aktueller Veröffentlichungen zum Themenschwerpunkt Kunst in der deutschsprachigen Internet - Medienlandschaft. Die Artikel werden hier kurz angerissen, teilweise thematisch gebündelt - mit Video/Audio, Katalog- & Medien - Informationen ergänzt - und sind direkt mit den Online-Medien verlinkt.

  • RSS - FEED

  •  

     

  • Recent Posts

  •  

  • Ausstellungen | Hamburg

    Kunstverein Harburger Bahnhof
    Hamburg-Harburg
    SONJA VORDERMAIER
    GEELKE GAYCKEN

    Reihe Ordnung sagt | MACHT
    04.09. - 02. November 2008

    Die Installation vereint exzessiven Gestaltungswillen mit wortwörtlich zur Schau gestellter Gestaltungsmacht. Formen, Strukturen und Materialien werden nach ihren Möglichkeiten befragt und in ein sinnliches Erlebnis für die Ausstellungsbesucher überführt.

    Mit dieser Ausstellung setzt der Harburger Kunstverein den im Jahr 2007 begonnenen und bis 2009 geplanten Ausstellungszyklus Reihe:Ordnung sagt fort, der unter verschiedenen Schlagworten (Arbeit, Liebe, Geld, Sex, Macht, Freiheit, Zukunft) zeitgenössische KünstlerInnen, -gruppen und Ausstellungsmodelle vorstellt und ihren ästhetischen Zugriff auf das jeweilige Thema verhandelt. MACHT ist der fünfte Teil der Reihe und wird von Vordermaier und Gaycken mit einer für das Publikum begehbaren Installation realisiert. Macht wird hierbei definiert als das Vermögen, das Mögliche wirklich werden zu lassen.

    Die Hamburger Künstlerinnen Sonja Vordermaier und Geelke Gaycken verfolgen das Konzept, neue Dimensionen von Wahrnehmungen zu schaffen. Dabei berücksichtigen sie gleichermaßen die vorgegebenen formalen Kriterien wie Größe und Aufbaustruktur des über 100 Jahre alten, ehemaligen Wartesaals der 1. Klasse des Fernbahnhofs Harburg, als auch die besondere Beschaffenheit des Arbeitsmaterials selbst. Symmetrien der prunkvollen Architektur werden in der Installation aufgenommen, durch „Antiraster“ konterkariert und teilweise aufgelöst.

    Kunstverein Harburger Bahnhof
    ( Archiv )