Balthus – Aufgehobene Zeit

Samstag, August 25, 2007
By Peter Panter

cartier-bresson-balthus-portrait.jpgKUNSTSCHAU Hamburg – Jens Ullheimer | PT Museum Ludwig, Köln |

Im Herbst 2007 zeigt das Museum Ludwig, Köln die erste Einzelausstellung des französischen Malers Balthus (Balthasar Klossowski, 29.02.1908-18.02.2001) in Deutschland.

Mit herausragenden Gemälden und Zeichnungen präsentiert das Museum Ludwig das Werk des als Sonderling geltenden Künstlers, der mit altmeisterlichen Maltechniken arbeitete und zeitgenössischen Tendenzen distanziert gegenüber stand. Er selbst beschrieb seine Malerei als „zeitlosen Realismus“.

Seine erste Ausstellung 1934 in der Galerie Pierre in Paris löste einen Skandal aus. Denn die großformatigen Gemälde zeigten zwar traditionelle Motive wie etwa Straßenszenen, eine Musikstunde oder ein Mädchen am Fenster. Allerdings führte die provokante Erotik der Darstellungen in Grenzbereiche der Sexualität, was bei manchen Ausstellungsbesuchern Empörung hervorrief. Französische Kritiker bezeichneten Balthus auch als “Sigmund Freud der Malerei.”

Trotz der deutschen Herkunft des Künstlers sind seine Gemälde in Deutschland wenig bekannt und in keiner öffentlichen Sammlung. Nach Edward Hopper und Salvador Dalí führt das Museum Ludwig damit die Reihe monographischer Ausstellungen großer Maler des 20. Jahrhunderts fort.

Balthus – Aufgehobene Zeit.
Gemälde und Zeichnungen 1932 bis 1960
| Museum Ludwig, Köln
| bis 4. November 2007

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balthus-2007-katalog.jpgKATALOG | Begleitpublikation
zur ersten großen Balthus-Ausstellung in Deutschland

Aufgehobene Zeit | Balthus
| 168 Seiten, 76 Farbtafeln
| und 96 Abbildungen.
26 x 31.5 cm, gebunden

Als Balthazar Klossowski de Rola in Paris geboren, in Berlin, der Schweiz und wieder Paris aufgewachsen, später zwischen Frankreich, dem Fernen Osten und Rom pendelnd, blieb er zeit seines langen Lebens ein Grenzüberschreiter und als solcher ein Außenseiter. Seine Kunst, eine sinnlich-poetische Mischung aus Märchen, Eros und Traum, gegenständlich in Zeiten der Abstraktion und gemalt in der Technik der Fresken des italienischen Quattrocento, passte zu keinem Zeitpunkt in die gängigen Kategorien. Der bedeutendste Teil seines mit rund 350 Gemälden vergleichsweise schmalen Oeuvres entstand in den 1930er bis 1950er Jahren, darunter die zwei ersten Fassungen von “La Rue”, dieser surrealen, von Figuren aus der Kunstgeschichte und deutschen Kinderbüchern bevölkerten Pariser Straßenszene, die skandalisierte “Leçon de Guitare / Die Gitarrenstunde”, das verträumte Kinderzimmer-Interieur “Les Enfants Blanchard”, das Picasso kaufte, oder “Les beaux jours”, die literarischste von Balthus’ Reflexionen über die Adoleszenz. Den frühen Meisterwerken ist dieser opulent ausgestattete Band gewidmet, der als Begleitpublikation zur ersten großen Balthus-Ausstellung in Deutschland erscheint, die das Museum Ludwig in Köln ab August 2007 zeigt. Die begleitenden Texte schrieben Sabine Rewald, Kunsthistorikerin, Kuratorin am Metropolitan Museum, New York, und Autorin von Büchern, u.a. über Caspar David Friedrich, Paul Klee, Max Ernst und Balthus, sowie Virginie Monnier, die den Catalogue Raisonné von Balthus’ Gesamtwerk zusammenstellte.

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Der schuldige Blick

TAGESSPIEGEL online – Christina Tilmann

Der Schatten Proust’scher Mädchenblüte liegt über diesen Bildern, aber auch die Direktheit der Nabokov’schen Lolita, das Wilde, Ungezügelte, Unbotmäßige von Emily Brontës Catherine.

Doch nicht nur Heranwachsenden hat Balthus sich zugewandt, sondern auch Kindern. Und es sind vor allem diese Kinderbilder, die seinen Ruhm begründeten und seinen Ruf verdarben. Er malt die Nachbarkinder in seinem Pariser Atelier und die Bauernkinder in der Schweiz: ernste, verträumte, verschlossene Kindergesichter, einzigartige psychologische Zeugnisse. Vor allem in den Porträts der 10-jährigen Thérèse Blanchard, in der Langeweile ob der langen Malsitzung, die aus ihrem leeren, nach innen gekehrten Blick spricht, in ihrer unkindlichen Reife erkennt man Balthus’ außergewöhnliches Einfühlungsvermögen. Nie spielen diese Kinder oder lachen, das kahle Atelier, in dem er sie malt, ist kein Spielplatz.

Aber mindestens ebenso deutlich wird: Diese Kinder zu malen war kein unschuldiger Akt. Der Blick des Erwachsenen, zumal eines Erwachsenen wie Balthus, ist ein voyeuristischer, ein missbräuchlicher Blick. Die Faszination, mit der er runde, kräftige Kinderknie gemalt hat, duftendes Haar und schimmernde Haut, weiße Höschen und heruntergerutschte Hemdchen, ist nicht nur ästhetisch begründet. Und der Betrachter, der, hingerissen ob ihrer Raffinesse, vor den Bildern steht, wird gezwungen, diesen Blick zu teilen. Daher das Unbehagen, das Balthus heute noch hervorruft.

TAGESSPIEGEL – Artikel lesen

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cat-jeunesse-balthus-selbstportrait.jpgSeine Kinderstube

FAZ – Wilfried Wiegand

Seine Verächter werfen ihm vor, er sei altmodisch, male wie ein Dilettant, und vor allem: Er sei darauf fixiert, halbwüchsige Mädchen in zweideutigen Posen zu zeigen. Kurz gesagt: Balthus habe kunsthistorisch, handwerklich und moralisch versagt.

Seine Verehrer freilich stehen einer unbefangenen Betrachtung ebenso im Wege. Die Fraktion der ästhetisch Konservativen, die mit der ganzen Moderne noch nie etwas anfangen konnten, wird nicht müde, ihn zum Propheten einer neuen Kunstepoche zu verklären, wo endlich wieder „richtig“ gemalt werde.

Schließlich die psychoanalytische Fraktion der Balthus-Bewunderer, die mit einem Schwall von Begriffen auch die klarsten Bilder nachträglich in Bilderrätsel verwandelt. Wer Balthus unbefangen erleben will, muss viel vergessen können.

FAZ – Artikel lesen

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“Magische Werke”

DEUTSCHLANDRADIO Kultur – Carsten Probst

Man möchte das Werk des Franzosen mit schlesischer Mutter um seiner selbst Willen zeigen, in zeitloser Pracht, befreit von modischen Sichtweisen, und das betrifft nicht nur die Kritiker, sondern auch das andere Extrem, den Kultstatus, den seine Verehrer Balthus seit Jahrzehnten zubilligten und sein Schweizer Chalet bis zu seinem Tod 2001 zu einem Pilgerort für Selbstdarsteller machten und sich in seiner schillernden Ungreifbarkeit gerne selbst bespiegelten.

David Bowie war auch schon da. Zeitweilig erschien Balthus wie ein französischer Andy Warhol, eine Sicht, die er durch verschiedene Rollenspiele durchaus selbst beflügelte. Er lebte in alten Herrenhäusern, ließ sich von reichen Mäzenen aushalten, und allem Spott zum Trotz hielt er immer an der Behauptung fest, er sei adliger Abstammung, sei mit Rilke und Lord Byron verwandt, wovon natürlich nichts stimmte, und gab sich den noblen Namenszusatz “de Rola”.

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Balthus – Aufgehobene Zeit.
Gemälde und Zeichnungen 1932 bis 1960
| Museum Ludwig, Köln
| bis 4. November 2007

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