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Gerhard Richter | das Kölner Domfenster
August 29, 2007 |
PT Museum Ludwig, Köln
Gerhard Richter - Zufall. “4900 Farben” und Entwürfe zum Kölner Domfenster
Parallel zur Weihe des neuen Fensters, das Gerhard Richter für den Kölner Dom entworfen hat, zeigt das Museum Ludwig Entwürfe für das Fenster sowie ein neues, großformatiges Farbtafelbild.
Die unterschiedlichen Entwurfsvarianten geben einen Einblick in das komplexe Zusammenspiel von Zufall und Kalkül, das dem auf 72 Farbtönen aufbauenden Glasmosaik im Dom zugrunde liegt, das sich zwischen dem Maßwerk auf etwa 113 Quadratmetern entfaltet. Richters Bild “4096 Farben” von 1974 bildet einen ebenso spannungsvollen wie aufschlussreichen Bezugspunkt, auf den die ersten Entwürfe zurückgehen; derzeit ist es im Kontext der permanenten Sammlung mit Werken Gerhard Richters im 2. Obergeschoss des Museum Ludwig zu sehen.
Mit „4900 Farben“ einer gerade fertiggestellten, etwa 6,5 m im Quadrat messenden Lacktafelarbeit wird der Bogen in die aktuellste Auseinandersetzung Richters mit dem Thema gespannt. Trotz vergleichbarer, vorrangig auf Zufallslosung basierender Farbwürfelung besitzt das Werk in seiner Materialität und Auswahl der 25 Farbtöne eine wiederum völlig andere Anmutung, die dem Domfenster einen weiteren Aspekt hinzugesellt.
Museum Ludwig, Köln
| bis 13. Januar 2008
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Ein Ozean aus Glas im Kölner Dom
FAZ - Werner Spies
Der Künstler komponierte das Fenster nicht, er fütterte einen Zufallsgenerator mit Daten. Dieser besorgte die Plazierung der Farbtöne auf dem riesigen Feld.
Einschränkend muss man sagen, nur die eine Hälfte des großen Glases im Dom wurde vom Rechner ausgelost. Die andere wurde einfach dupliziert, sie ist das Spiegelbild der ersten. An dem Ergebnis, das die Maschine vorschlug, nahm der Künstler so gut wie keine Veränderungen vor. Nur innerhalb der Stellen, in denen die Verästelungen des Maßwerks das Farbkontinuum unterbricht, gab es winzige Eingriffe. Hier schwächte er das Übergewicht von Gelb ab, das Löcher in die farbig gescheckte Wand schlug: „Ja, gut, ich glaube, es musste Korrekturen geben, weil in der Rose selbst, im Mittelpunkt der Rose, ungünstige Konstellationen von Farben auftauchen.“
Die Größe der einzelnen farbigen Flächen bleibt an ein durchgehendes Raster gebunden. Die Teile werden nicht mit Bleiruten zusammengehalten. Sie sind zu einem Formkontinuum verklebt. Da die Begrenzung ausfällt, kommt es zu endlosen Interaktionen der Farben. Das Auge bildet fortwährend neue Farballianzen. Jeder Ton kann und muss neben jeden anderen treten. Zunächst wollte man sagen, das Fenster reagiert gegen Vorlieben und gegen Ausschluss. Dies führt zur Ablehnung von Geschmack und Rechthaberei. Überzeugungen, Glauben schlagen in Selbstzweifel und Spiel mit Vermutungen um. Darin liegen die moralische Botschaft und die metaphysische List der Arbeit.
Die perzeptuelle Verwirrung, die das Domfenster zustande bringt, kann an den historischen Beitrag von Op-Art erinnern. Doch in der bewusst nichthierarchischen, antikompositionellen Verwendung der Farbareale liegt der Unterschied … Allein mit „weit geschlossenen“ Augen lässt sich die Botschaft der provokativen Wand erfassen. Wir spüren, daß uns das, was wir zu sehen bekommen, mit unserem labilsten Sinnesorgan konfrontiert: Wir sehen dem Sehen zu.
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Gottes Würfel
TAGESSPIEGEL online - Nicola Kuhn
Der Eindruck ist spektakulär. Ein riesiges abstraktes Bild, gehalten von den knapp 20 Meter langen Streben des gotischen Maßwerks, scheint zu schweben.
Eine bunte Pixelwand stellt nun die Verbindung zwischen Außenwelt und Kirchenraum her. Der mittelalterliche Gedanke von der Transzendenz des Lichts, der göttlichen Überhöhung durch die zunehmende Helligkeit, erweist sich als vereinbar mit Ideen des 21. Jahrhunderts, dem Computerzeitalter.
Es ist ein Überraschungsmoment, denn das von Gerhard Richter gestaltete Domfenster befindet sich räumlich und inhaltlich im Schwebezustand – zwischen religiöser Aufladung durch den Kontext und gleichzeitiger Beharrung auf der Autonomie eines modernen Kunstwerks, zwischen Vergangenheit und Gegenwart.
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Lieblingsort der Deutschen
ARTNET - Hubertus Butin
„Angriff gegen die Falschheit und die Gläubigkeit, wie Abstraktion zelebriert wurde, mit verlogener Ehrfurcht – Andachtskunst, diese Quadrate, Kirchenkunstgewerbe.“
Mit harten Worten beschrieb Gerhard Richter 1986 rückblickend die Beweggründe für seine 1966 einsetzende Produktion von abstrakten Farbtafelbildern. Der Geschichte geometrisch-konstruktiver Kunst mit ihren zum Teil universellen und spiritualistischen Geltungsansprüchen stand er damals äußerst skeptisch gegenüber.
Doch Ende der 1990er Jahre änderte er seine Haltung:
„Heute stehe ich dem ,Heiligen’, der spirituellen Erfahrung weniger ablehnend gegenüber. Sie ist Teil von uns und wir brauchen sie.“
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Zufall und Erleuchtung
NZZ - Petra Kipphoff
Richter, den hoch renommierten, ebenso hoch gehandelten und eigentlich nur im eigenen Auftrag arbeitenden Einzelgänger, für diese Arbeit gewonnen zu haben, ist das Verdienst der energischen Dombaumeisterin Barbara Schock-Werner.
Sie wusste nicht nur den Künstler hier und das Domkapitel da anhaltend zu überreden, sie ertrug auch mit kühler Fassung das Missfallen von Kardinal Meissner, der dem Festgottesdienst zur Weihung, dem Herrn sei Dank, demonstrativ fernblieb.
Die Domfenster … sind … durch den Wechsel des Lichteinfalls im Zustand der ständigen Veränderung.
Gerade in diesem wechselnden Licht und gerade an diesem Ort wird das Fenster dann allerdings doch zu einem paradigmatischen Kunstwerk des ausgehenden 20. Jahrhunderts. Anders als in den früheren Bilderzählungen, Figurendarstellungen oder Dekorationsmustern, die in den jeweiligen Rahmen hineingepasst wurden, ist Richters illuminierte Abstraktion nicht durch Lanzette und Rosette bestimmt. So, wie er sich der Erzählung verweigert hat, überspringt er mit seinem Entwurf auch den vorgegebenen Rahmen, hat, wo nötig, die Glasquadrate in Randlagen einfach beschnitten. Die Vorgaben des Kirchenfensters ignoriert Richter wie beiläufig. Und sprengt den Rahmen dann noch einmal, indem er ihn überstrahlt.
«Es werde Licht» (I. Buch Moses, 1, 3).

