1937 | Perfektion und Zerstörung

Oktober 16, 2007 | Comments Off

richard-oelze-erwartung-1935-36.jpgKUNSTSCHAU Hamburg – Jens Ullheimer | PT Kunsthalle Bielefeld |

Mit Gemälden und Skulpturen, Zeichnungen, Grafiken und Fotografien von 200 Künstlerinnen und Künstlern führt die Kunsthalle Bielefeld in einer Ausstellung in die Zeit vor 70 Jahren zurück – in das Jahr 1937. Es ist das Jahr, in dem in München die Wanderausstellung „Entartete Kunst“ mit über hundert aus öffentlichen Sammlungen verbannten Künstlern eröffnet wurde. Ein spektakuärer Überblick - eine “Weltausstellung” der Kunst des Jahres 1937.

Es geht um die vielfältigen Reaktionen auf die Wanderausstellung „Entartete Kunst“ in München, um den nationalsozialistischen Feldzug gegen die Moderne und den internationalen Schock durch die Bombardierung Guernicas. Die Ausstellung zeigt Leihgaben aus über 120 Museen und Privatsammlungen. Sie enthält Gemälde, Skulpturen, Zeichnungen, Grafiken und Fotografien aus Italien und Spanien, von der Sowjetunion, Polen und der Tschechoslowakei über Deutschland, Frankreich und England bis in die USA und nach Mexiko. Siebzig Jahre nach 1937 kann der faschistische Versuch, die moderne Kunst zu vernichten, relativ authentisch nacherlebt werden.

Am Anfang der Ausstellung stehen mit Arno Breker, Leni Riefenstahl und faschistischen Malern, die Hitler unterstützte, einige der trügerischen Perfektionsideale des Nationalsozialismus. Im krassen Gegensatz dazu stellen mehr als zwanzig namhafte deutsche Künstlerpersönlichkeiten, darunter Max Beckmann und Richard Oelze, das „böse Erwachen“ dar. Der Blick fällt von hier aus auf Werke, die die Kunstszene Italiens, Spaniens und der Sowjetunion in ganzen Räumen repräsentieren.

Mit einem Szenenwechsel in die USA werden zwanzig weitere Maler gezeigt, die Sozialkritik üben oder kontemplativ resignieren, darunter Jackson Pollock und Mark Rothko. Nach dem Blick auf die Länder gibt es Stilvergleiche, um das international klassizistisch orientierte Skulpturenideal vorzustellen.

Parallel dazu erscheinen die großen Fotokünstler der Epoche, ob Walker Evans oder Dorothea Lange, die die Menschen nicht heroisch, sondern verlassen in ihrem materiellen und kulturellen Elend zeigen.

Einen Höhepunkt der Bielefelder Ausstellung bildet der internationale Surrealismus. Salvador Dalí und Max Ernst, Man Ray und Joan Miró agieren wie viele andere politisch. Sie drücken neben Pablo Picasso, der mit der „Femme qui pleure“ sowie „Guernica“-Studien und Werkfotos von Dora Maar vertreten ist, ihr Entsetzen über das Weltgeschehen aus.

Zum Schluss stimmt eine Übersicht der konstruktivistischen Hauptwerke darauf ein, dass Demokratie und Frieden ohne Balance kaum möglich sind.

1937. Perfektion und Zerstörung
| Kunsthalle Bielefeld
| bis 13. Januar 2008

______________________________________________________________

1937-perfektion-zerstoerung-bielefeld-2007-katalog | kaufen bei amazonKATALOG
1937. Perfektion und Zerstörung
Das Begleitbuch zur gleichnamigen Ausstellung
in der Kunsthalle Bielefeld
30. September 2007
bis 13. Januar 2008

| 528 Seiten
| 391 meist farbige Abbildungen
| Format 17 x 24 cm. Hardcover

In der Kunstgeschichte steht 1937 für den Beginn eines Alptraums der Plünderung und Zerstörung. Die Kunst wird aufgrund der erzwungenen Migration nahezu schlagartig international. Viele Künstler überdenken vor dem heraufziehenden Weltkrieg die Wirkung ihrer Formen.

______________________________________________________________

Als der Surrealismus Feuer fing

DEUTSCHLANDFUNK Kultur - Jochen Stöckmann

Bielefelder Ausstellung zur “Entarteten Kunst”

Die Kunsthalle Bielefeld beschäftigt sich in ihrer Ausstellung “1937 - Perfektion und Zerstörung” mit dem nationalsozialistischen Feldzug gegen die Moderne und den internationalen Schock durch die Bombardierung Guernicas.

… in München wird die “entartete Kunst” eröffnet. Und damit ist der Weg für den Zweiten Weltkrieg frei.

Thomas Kellein, Direktor der Kunsthalle Bielefeld, illustriert seine These mit einer Masse von Bildern, darunter exquisite Arbeiten der damaligen Avantgarde. Also durchaus kein Schreckenskabinett:

“Man sieht den klassizistischen Figurengeschmack in der Skulptur, man sieht die internationale Fotografie, die Ausstellung schließt mit wunderbaren Räumen zum Thema Surrealismus und Konstruktivismus. Man hat also eine Weltausstellung der Kunst des Jahres 1937 vor Augen.”

max-ernst-the-angel-of-hearth-and-home-1937.jpgDie zeigt zwar Bekanntes, in zahlreichen Büchern reproduzierte Kunst, aber eben alles im Original. Und da ergeben sich neue, auch überraschende Einsichten. Max Ernst zum Beispiel, der eben noch in einem Aufsatz eine Position “Jenseits der Malerei” bezog, kehrt zurück zum Ölgemälde: Auf die Niederlage der Republikaner in Spanien reagiert der Surrealist entschieden politisch mit dem “Hausengel”, so sein ironischer Titel für ein groteskes Trampeltier, das in diktatorischem Furor alles vernichtet, was sich ihm in den Weg stellt.

DEUTSCHLANDRADIO - Beitrag lesen

______________________________________________________________

raederscheidt-apollon-und-daphne-1937.jpg

Von Mai bis Juni 1937 stellte Pierre Vorms noch feuchte Gemälde der Serie „Les Monstres“ von Anton Räderscheidt aus, insgesamt etwa vierzig Bilder, die nahezu sämtlich verschollen sind. Die Ausstellung eröffnete der bekannte Kunstkritiker Louis Chéronnet mit einer auf der Einladung abgedruckten Einführungsrede:

 

 

Man muss gefährlich malen.
Räderscheidt der aus Köln über Berlin zu uns kommt und dessen erste Ausstellung in Paris diese hier ist, malt weiterhin gefährlich. Noch nichts von den alten eruptiven Kräften des germanischen Expressionismus hat sich in ihm beruhigt. Noch immer ist er besessen von einem dunklen inneren Feuer, und aus einem noch bewegten, unruhigen Lind widerspenstigen Stoff schafft er gekonnt seine heftigen Gestaltungen. Nicht die leiseste Absicht einer Verführung. Nicht einmal durch die Farbe. Räderscheidt malt in gewaltigen, reinen Tönen, doch fast ohne äußeres Licht, und gerade durch die organische Schwierigkeit des Ganzen nimmt uns ein solches Bild gefangen. Es enthält das volle Pathos des Ursprünglichen. Und in seinen Massen nackter Körper, die sich den ungestümen Arabesken des Meeres widersetzen, sehe ich die synthetische Erscheinung des Menschen, der als Beherrscher immer noch sich auflehnen muss. Auf halbem Wege zwischen Abstraktion und Realismus und angetrieben von einem bestimmten metaphysischen Willen ergreift uns die Kunst Räderscheidts an unserer empfindlichsten Stelle: in den Regionen unseres Selbst, in denen das Sein zu denken, ein tauber Schmerz ist.“

raederscheidt.com

______________________________________________________________

seite-00.jpg

FACHGRUPPE KUNST 
| GYMNASIUM SALZGITTER-BAD
Kunst und Kultur im Nationalsozialismus

Faksimile
Ausstellungsführer
Entartete Kunst
” 1937
ansehen
Originalformat 14,8 x 21,0 cm

______________________________________________________________

Die Apokalypse bereits vor Augen

MINDENER TAGEBLATT - Ursula Koch

Im Erdgeschoss bilden Werke, die dem nationalsozialistischen Kunstideal entsprachen sozusagen den Vorspann. Da reckt sich pathetisch die Bronzeskulptur “Prometheus” von Hitlers Lieblingsbildhauer Arno Breker vor Gemälden von Ivo Saliger, Otto Hamel oder Rudolf G. Werner. Auf einem Monitor ist Leni Riefenstahls Film “Olympia” zu sehen. Riefenstahl gegenüber, quasi in Opposition, drei Gemälde, darunter eines von Emil Nolde, die von den Nationalsozialisten als “entartet” gebrandmarkt wurden. Nazi-Kunst zu zeigen, begründet Kellein mit dem Wunsch, “die Ursache für die Emigration der Künstler zu zeigen”.

In der großen Halle im ersten Stock tritt dem Besucher das Grauen entgegen. “Alle Künstler sehen den Untergang kommen”, kommentiert Kellein diese Ansammlung von Gewalt, Ungeheuern und Vernichtung. “So riecht die Niederlage” betitelte George Grosz, der bereits 1933 in die USA ging weil ihm die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt worden war, 1937 ein Gemälde, das einen Geier zeigt, der blutiges Aas an seine Jungen verfüttert.

MINDENER TAGEBLATT - Artikel lesen

______________________________________________________________

1937. Perfektion und Zerstörung
| Kunsthalle Bielefeld
| bis 13. Januar 2008

  •  

  • Lesezeichen hinzufügen bei ...

  • Kunst | Presseschau

    Auswahl aktueller Veröffentlichungen zum Themenschwerpunkt Kunst in der deutschsprachigen Internet - Medienlandschaft. Die Artikel werden hier kurz angerissen, teilweise thematisch gebündelt - mit Video/Audio, Katalog- & Medien - Informationen ergänzt - und sind direkt mit den Online-Medien verlinkt.

  • RSS - FEED

  •  

     

  • Recent Posts

  •  

  • Ausstellungen | Hamburg

    Kunstverein Harburger Bahnhof
    Hamburg-Harburg
    SONJA VORDERMAIER
    GEELKE GAYCKEN

    Reihe Ordnung sagt | MACHT
    04.09. - 02. November 2008

    Die Installation vereint exzessiven Gestaltungswillen mit wortwörtlich zur Schau gestellter Gestaltungsmacht. Formen, Strukturen und Materialien werden nach ihren Möglichkeiten befragt und in ein sinnliches Erlebnis für die Ausstellungsbesucher überführt.

    Mit dieser Ausstellung setzt der Harburger Kunstverein den im Jahr 2007 begonnenen und bis 2009 geplanten Ausstellungszyklus Reihe:Ordnung sagt fort, der unter verschiedenen Schlagworten (Arbeit, Liebe, Geld, Sex, Macht, Freiheit, Zukunft) zeitgenössische KünstlerInnen, -gruppen und Ausstellungsmodelle vorstellt und ihren ästhetischen Zugriff auf das jeweilige Thema verhandelt. MACHT ist der fünfte Teil der Reihe und wird von Vordermaier und Gaycken mit einer für das Publikum begehbaren Installation realisiert. Macht wird hierbei definiert als das Vermögen, das Mögliche wirklich werden zu lassen.

    Die Hamburger Künstlerinnen Sonja Vordermaier und Geelke Gaycken verfolgen das Konzept, neue Dimensionen von Wahrnehmungen zu schaffen. Dabei berücksichtigen sie gleichermaßen die vorgegebenen formalen Kriterien wie Größe und Aufbaustruktur des über 100 Jahre alten, ehemaligen Wartesaals der 1. Klasse des Fernbahnhofs Harburg, als auch die besondere Beschaffenheit des Arbeitsmaterials selbst. Symmetrien der prunkvollen Architektur werden in der Installation aufgenommen, durch „Antiraster“ konterkariert und teilweise aufgelöst.

    Kunstverein Harburger Bahnhof
    ( Archiv )