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Pflanzendialoge und andere Merkwürdigkeiten in Dortmund
Oktober 17, 2007 | Comments Off
KUNSTSCHAU Hamburg - Jens Ullheimer | PT Künstlerhaus Dortmund |
Die Ausstellung “Alles im grünen Bereich” im Künstlerhaus Dortmund befasst sich bis 11. November 2007 mit künstlerischen Positionen die einen Bezug zu “Natur” im weitesten Sinne haben.
Der Begriff “Natur” (lat.: natura, von nasci “entstehen, geboren werden”) wird in verschiedenen Gesellschaften und oft auch innerhalb einer Gesellschaft unterschiedlich und teilweise widersprüchlich verwendet.
Unter Natur wird heute im westlichen Kulturkreis im allgemeinen das verstanden, was nicht vom Menschen geschaffen wurde. Hier unterscheidet man zwischen belebter Natur (z.B. Pflanzen und Tiere) und unbelebter Natur (z.B. Steine, Flüssigkeiten, Gase). “Natur” wird als Gegenbegriff zu “Kultur” verstanden.
Im Rahmen der Ausstellung wird mittels bildnerischer Medien thematisiert, dass die Natur sich seit dem 19. Jahrhundert langsam zum “Produkt” entwickelt hat, vom Menschen soweit manipuliert und beeinflusst, dass sie ihrer “eigentlichen Natur” völlig verlustig gegangen ist. Es wird heute als absolut normal betrachtet, dass man etwas “natürliches” künstlich generieren kann und dass etwas “künstliches” natürlich erscheint.
Die Verwischung der Grenzen zwischen Natur und Kultur ist längst eine allgemein akzeptierte Tatsache.
Die ausgewählten KünstlerInnen
- Harald Finke, Hamburg
- Jennifer Halfpap, Hamburg
- Karin Hilmar, Gelsenkirchen
- Astrid Korntheuer, Offenbach
- Katerina Kuznetcowa, Münster
- Ilka Meyer, Berlin
- Stephan Reusse, Köln
- Stephanie Senge, München
- Sandra Voets, Düsseldorf
untersuchen aus verschiedensten Blickwinkeln das Verhältnis Mensch - Natur. Sie analysieren die Verschmelzungspunkte von Natur und Kultur, vom Natürlichen und Künstlichen.
Alles im grünen Bereich
| Künstlerhaus Dortmund
| bis 11. November 2007
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Geschwätzige Pflanzen
WESTROPOLIS - Nadine Albach
Alles im grünen Bereich. Das heißt ja gemeinhin, das alles in Ordnung ist. Ob das auch für das Verhältnis von Mensch und Natur gilt, wie Künstler unsere Umwelt sehen und ob es noch so etwas wie die unberührte, unbeeinflusste Natur gibt - das Künstlerhaus bietet ungewöhnliche Antworten. Oder neue Fragen.
Sie stehen da, grün, stumm, schön - Pflanzen. Harald Finke aber sucht die Kommunikation mit ihnen: Elektroden greifen die Spannungsschwankungen der Blätter ab, setzen sie in digitale Impulse um - und zeichnen in „Pflanzenschrift” am Computermonitor auf, was im grünen Inneren vorgeht. „Für die Wissenschaft ist das unbrauchbares Zeugs, für mich ist das fantastisch. Die Pflanzen geben wirklich Antwort; sie reagieren auf mich”, sagt Finke. Fasst ein Blatt an - und zeigt den drastischen Ausschlag am Monitor. Unsichtbares erkennbar gemacht.
Eigene Welten wie diese offeriert die vielseitige und spielerische Schau „Alles im grünen Bereich” mit neun Künstlern aus ganz Deutschland. Ilka Meyer etwa hat unzählige Flechten, Symbiosen aus Pilzen und Algen, in ein Waschbecken gesetzt. Eine eigentümliche Schönheit geht von ihnen aus, emotionale Assoziationen treffen auf kantig-kalte Keramik. Zugleich werden die Flechten wachsen, sich verändern. „Alles ist flüchtig”, sagt Meyer.
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Kommunikation & Pflanze
Portrait HARALD FINKE, Hamburg
Harald Finke hat einen Anspruch, der nicht lieb bei der Kunst stehen bleiben will, er hat einen Anspruch, der sich auf Technik und Wissenschaft erweitert und eine Haltung, die sich, ohne dazu im Widerspruch zu stehen, auf eine fast mystische Naturreligion hin öffnet. Manchmal scheint es, er wäre unter anderen Umständen auch bereit, als Druide, oder merlin-gleicher Naturzauberer zu fungieren.”
2005 Hajo Schiff, Hamburg
photo: harald finke | ELF-FELD Installation | Kunstverein Harburger Bahnhof | Hamburg 2006
“Die Philosophie einer Pflanzenschrift, wie sie Harald Finke vorschwebt, will nicht einfach die Schrift neu erfinden. Vielmehr geht es darum, die Differenzierungskraft der Schrift mit der neuen Methode des Subdialogs herzustellen, indem der Künstler auf die verborgene Schrift der Natur, auf etwas Abwesendes verweist. Im Verweisgefüge seiner “PflanzenSchrift” wird der Mensch zum Teil eines Textes, über den er nicht urteilen kann, insofern diese subjektlos generierte Urschrift ein die Welt erschließendes Denken ermöglicht.
“PflanzenSchrift” behandelt ebenfalls das Verhältnis von Kunst, Natur und Mensch. Dabei kommt nicht ein Anthropozentrismus zum Zug, der sich den Menschen als “Krone der Schöpfung” und damit als “Besitzer” der Erde vorstellt, sondern, im Gegenteil, eine Anthropopoiesis, die eine gedoppelte Figur vorschlägt:
Der Mensch ist Mensch für sich, indem er sich in einem langen, kulturellen Prozess selbst zu erschaffen sucht; Er ist aber ebenso ein Geschaffener, der im Reich des Lebens und des Lebendigen einen eigenen Platz eingeräumt erhält. Dieser Sonderstellung des Menschen als Geschaffenem und sich selbst Schaffendem widmet sich das Projekt “PflanzenSchrift”.
Diese konzeptuelle künstlerische Praxis zwischen Eremit, Forscher und Sozialarbeiter versucht hinter den Schleier des Nichtwissens zu blicken. Als Künstler sucht Finke nach Geheimnissen, die er lüften kann, um dahinter wieder neue Geheimnisse zu entdecken - eine Entdeckungsreise ohne Ende.”
“Dass Finke kein Mystiker, sondern ein Morphologe, ein Bilder und Umbilder organischer Natur ist, zeigt sich daran, dass er mit seiner Kunst nicht ein Scheinwissen vermitteln will, sondern es auf subtile Art darauf angelegt hat, nach und nach immer mehr Geheimnisse aufzuspüren. “Indem ich mich kontemplativ und meditativ auf das fokussiere, was an inneren pflanzlichen Informationen in mir vorhanden ist, nähere ich mich dem Sein der Pflanze”. Der Blick nach innen spiegelt sich als Welt im Draußen: Das Wurzelwerk wächst oben, wo sonst der Kopf steht, das Blattwerk treibt im Geschlechtsbereich seltsame Blüten.”
“Sowohl die Pflanzenschrift als auch die Pflanzenzeichnungen können als Reaktion gegen die Naturlyrik der Romantiker verstanden werden, in der die Gefühle des Dichters auf die Natur projiziert werden. Wenn Finke als Künstler mit der Natur arbeitet, dann interessiert er sich viel mehr für das Wesen der Dinge, so wie es Goethe darum ging, “die Genesen der Dinge aufzuspüren”. Es beschäftigen ihn die Phänomene selbst, nicht die Gefühle, die sie in ihm auslösen. Seine Kunst steht für Phänomene, die sich subversiv verhalten gegenüber der reinen Verstandesebene. Als Künstler bleibt er zugleich wissend und unschuldig. Er hört niemals auf zu staunen. Ginge die Fähigkeit zum Staunen verloren, gäbe es keine Kunst mehr.”
© Paolo Bianchi
Zitate aus dem Vorwort zu “Harald Finke - PflanzenSchrift”, Kulturstiftung Schloss Agathenburg, 1999
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Alles im grünen Bereich
| Künstlerhaus Dortmund
| bis 11. November 2007

