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70 Jahre Georg Baselitz | Die Russenbilder
Dezember 28, 2007 | Comments Off
KUNSTSCHAU Hamburg - Jens Ullheimer | PT Deichtorhallen Hamburg |
Nach München, Wien ( REMIX ) und London ( RETROSPEKTIVE ) jetzt Hamburg: Anläßlich des 70. Geburtstags von Georg Baselitz, am 23. Januar 2008 zeigen die Deichtorhallen Hamburg bis zum 03. Februar 2008 die umfangreiche Serie der „RUSSENBILDER“, kuratiert von Robert Fleck.
Mit seinen Bildern, die ab 1969 meist wortwörtlich „auf dem Kopf stehen“, hat Georg Baselitz die internationale Kunstwelt erobert. In allen bedeutenden Museen weltweit werden seine neoexpressionistisch-figurativen Kunstwerke gezeigt. Für seine energievolle Malerei, die die internationale Kunstszene Jahrzehnte lang geprägt hat, wurde Georg Baselitz 2004 der “Nobelpreis der Künste”, der Praemium Imperiale der Japan Art Association, zuerkannt.
Zwischen 1998 und 2002 malte Georg Baselitz die Bilder des Sozialistischen Realismus in sehr freier Weise neu, die ihn als Jugendlichen in der DDR in Schulbüchern und Zeitschriften künstlerisch prägten. „Das Charakteristikum meiner Bilder“, so Baselitz, „war und ist immer der Gegenstand, und der hatte oft mit meiner Biografie zu tun - Personen, Landschaften, Ereignisse“.

Die erstmals in Deutschland gezeigte Serie großformatiger Bilder thematisiert Lenin, Stalin und dessen Propaganda, die russisch-deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert und die Frage des Realismus in der Malerei. Die Bejahung und Rückgewinnung der Malerei aus der unterkühlten Welt des Sozialistischen Realismus oder anderer neoakademischer Stile ist denn auch ein untergründiges Thema der Russenbilder, so Robert Fleck (Direktor der Deichtorhallen / Kurator der Ausstellung). Georg Baselitz schält in diesen eine allgemeine menschliche Dramatik heraus. Vor allem aber befreit er das Motiv von der Erinnerung an jene engen ästhetischen Normen, die im Namen des Sozialistischen Realismus auch ihm selbst in seiner Jugend auferlegt worden waren.
Die Ausstellung ist in Deutschland nur in den Hamburger Deichtorhallen zu sehen. Eine Kooperation mit Musée d’art moderne de Saint-Etienne und dem National Museum of Contemporary Art, Seoul.
Georg Baselitz | Die Russenbilder
| Deichtorhallen, Hamburg
| bis 03. Februar 2008
VIDEO
| Rundgang durch die Ausstellung mit Georg Baselitz und Robert Fleck
( flash-video )
| Produktion: form-art.tv
| Redaktion: Dirk Finger
| Kamera/Schnitt: Matthias Heuermann
Musée d’Art Moderne St-Etienne
| Dossier pédagogique Baselitz
| anlässlich der Ausstellung “Russenbilder”,
| Frühjahr 2007
| Dossier pdf-Datei (französisch) lesen
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Katalog | Georg Baselitz | REMIX zu den Ausstellungen: Pinakothek der Moderne, München 21.7.–29.10.2006 · Albertina, Wien 16.1.–22.4.2007 kaufen bei amazon
Hrsg.: Pinakothek der Moderne, München 2006.
Deutsch 296 Seiten, 174 Abb., davon 169 farbig
25,40 x 32,80 cm
gebunden mit Schutzumschlag
»Ich habe mich immer häufiger gefragt, ob es möglich ist, Fehler, die ich einmal gemacht habe, zu korrigieren.« Georg Baselitz
Ein ebenso ungewöhnliches wie spektakuläres Experiment: In einer umfangreichen Werkgruppe interpretierte Georg Baselitz (*1938) programmatische Werke seiner künstlerischen Entwicklung wie die Helden, Neuen Typen oder Orangenesser völlig neu. Entstanden sind großformatige Bilder, Zeichnungen und Aquarelle, die mit bestechender gestischer Leichtigkeit und malerischer Verve souverän den Dialog mit dem eigenen Werk aufnehmen.
Die Publikation zu einer Ausstellung in der Pinakothek der Moderne, die diese Werkgruppe farbig reproduziert und nach Themen interpretiert, enthält fundierte Essays von Carla Schulz-Hoffmann und Richard Shiff, die das Werk des Künstlers seit Jahren verfolgen. Sie analysieren den spannungsreichen Dialog des Künstlers mit sich selbst und damit auch seine grundlegenden Fragestellungen zu Möglichkeiten und Grenzen der Malerei.
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Braver kleiner Stalin
TAZ - Petra Schellen
Sie wirken gefällig, milde, müde: “Russenbilder” hat Georg Baselitz seine, derzeit in den Hamburger Deichtorhallen präsentierten, Gemälde genannt, die sich als Reflexion des Sozialistischen Realismus seiner DDR-Jugend verstehen. Doch genau das leisten die fast folkloristischen Gemälde nicht
Diese geradezu obsessive Schau zeugt von keinerlei Emanzipation von den alten Themen. Sie demonstriert im Gegenteil, dass da einer eben nicht loskommt von den optischen Eindrücken seiner Jugend, die inzwischen zum Trauma wurden.
Zur Aufarbeitung von Geschichte trägt Baselitz mit diesen nicht einmal karikaturesken Bildern nichts bei. Zur Auseinandersetzung mit der Prägung, die der Sozialistische Realismus für eine Künstlergeneration bot, trägt wiederum die Hamburger Ausstellung nichts bei. Denn hierfür hätte sie die russischen Originale zwecks Vergleichs daneben hängen müssen. Die sind aber nur winzig und vereinzelt im Katalog abgebildet. Diese Schau ist leider Stückwerk geblieben.
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Die Gesichter der Verrückten
FAZ - Werner Spies
Die „Russenbilder“ von Baselitz in den Hamburger Deichtorhallen sind eigentlich nur der Auftakt zu der gewaltigen, lang erwarteten Retrospektive, die in London zusammengetragen wurde. Wo in London ein grundlegender Überblick gelingt, widmet man sich in Hamburg einem deutlich abgehobeneren Aspekt des Werks, der Abrechnung mit sowjetischen Motiven. Lenin auf der Tribüne, Stalin, die Propaganda des Sozialistischen Realismus erscheinen hier, überpudert von neoimpressionistischen Pickeln und Pixeln, als harmlose Luftgeister.
Man versteht, was Baselitz mit den „Russenbildern“ und vor allem mit der jüngsten Serie der Remix-Bilder, die auf frühere Motive im eigenen Werk zurückgreifen, zum Ausdruck bringen möchte. Die Arbeiten betreiben eine heitere, souveräne Revision der Vergangenheit. Und die chronologische Abfolge, in der die Ausstellung die versuchte Rückkehr zu sich selbst ausbreitet, unterstreicht, dass ein phantasiereicher, neugieriger Mensch glücklicherweise nie zweimal in denselben Fluss hinabzusteigen vermag.
Der Künstler, der in wenigen Wochen seinen siebzigsten Geburtstag begehen wird, sorgt mit den beiden Ausstellungen dafür, dass man von der Vergangenheit des Werks und gleichzeitig von dem Neuen im Werk sprechen muss.
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Der Osten steht Kopf
DEUTSCHLANDRADIO Kultur - Carsten Probst
Anfang nächsten Jahres feiert einer der Großen der deutschen Nachkriegs-Malerei 70. Geburtstag: Georg Baselitz. Schon jetzt ehrt die Ausstellung “Die Russenbilder” in den Hamburger Deichtorhallen den Künstler.
Baselitz’ persönlicher Grund für diese Bilder liegt in seinen Stasi-Akten, wie er sagt. Als er diese Mitte der neunziger Jahre durchgeblättert und dabei gesehen habe, von wie vielen Menschen er schon damals, als Zwanzigjähriger bespitzelt wurde, darunter natürlich von Mitschülern und sogar Modellen, habe er gespürt, dass er sich mit dieser Vergangenheit beschäftigen müsse und dass er Schuldgefühle empfinde gegenüber jenen, die damals nicht, wie er, nach West-Berlin gegangen sind. So malt er, mehr oder weniger skizzenhaft, wie gewohnt kopfüber oder quer, die Motive der Propagandakunst, immer wieder Lenin, Politbüroporträts, Arbeiter- und Soldatenszenen, Porträts von jungen Mädchen aus sowjetischen Volksstämmen, denen er keck die Trachten vom blanken Busen zieht, weil eben damals nackte Haut verboten war.
Auch Stalin taucht auf, weil er nun mal dazugehört, obwohl Baselitz ihn anfangs gar nicht malen wollte. Und doch erzeugen diese Bilder nicht mehr als teilnahmslose Gefälligkeit. Viel zu sehr schwimmt der alte Meister im heutigen Mainstream mit, und das mag in der Tat das zweite sehr persönliche Motiv des in die Jahre gekommen Malers sein: die Sorge, als Künstler des 20. und nicht mehr den 21. Jahrhunderts zu gelten. Die Deichtorhallen unterstützen ihn in diesem Bemühen mit größtmöglicher Fürsorge. Die Ausstellung ist wunderbar luftig gehängt, ohne rechte Winkel, mit schräg zueinander gestellten schmalen Bildwänden, fast wie ein überdimensionales Stelenfeld. Soviel Freundlichkeit sollte dem alten Haudegen aber einmal zu denken geben.
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Unten nackt - oben ganz der Papa
SIEGEL online - Jenny Hoch
Aus alt mach neu: Für seine “Russenbilder” erstellte Georg Baselitz Cover-Versionen berühmter Werke des Sozialistischen Realismus. Eine große Hamburger Ausstellung zeigt: Mit der jungen wilden Malerkonkurrenz kann der einstige Kunstberserker noch immer locker mithalten.
In allen Neufassungen bleibt von dem heroischen Gestus der Vorlagen herzlich wenig übrig. Im Gegenteil, man sieht förmlich, mit welch diebischer Freude sich Baselitz über alle Konventionen der sozialistisch-realistischen Malweise, mit der er auch selbst in seiner Zeit auf der Ost-Berliner Hochschule für bildende und angewandte Kunst gegängelt wurde, hinwegsetzt. Statt dicker Farbschichten, wie bei früheren Werken, dominiert in allen “Russenbildern” ein luftiges, aquarellähnliches Verfahren. Baselitz hat sich vom Dunklen, Derben, Expressiven hin zum Hellen, Heiteren, Sanften gewandelt.
Provozieren wird Baselitz mit einem nackten Lenin oder einem kopfstehenden Stalin natürlich niemanden mehr. Überhaupt, die Kopfsteh-Masche, die der Maler 1969 einführte, um die Inhaltlichkeit seiner Werke zu tilgen: Jahrzehntelang war sie ein äußerst effektives Alleinstellungsmerkmal, doch inzwischen ist sie längst zum Markenzeichen erstarrt. Ob der geniale Selbstvermarkter Baselitz es jemals wieder wird abschütteln können, ist ungewiss. Anzeichen für eine schrittweise Rücknahme der Marketing-Maßnahme gibt es immerhin: Nicht wenige seiner “Russenbilder” sind nur noch um 90 Grad gekippt.
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KATALOG zur Ausstellung in London 2007
Georg Baselitz:
A Retrospective
| Gebundene Ausgabe
| 260 Seiten
| 250 Illustrationen
| Royal Academy of Arts (September 2007)
| Sprache: Englisch
| kaufen bei amazon
Bis zum 09. Dezember 2007 war in der Londoner RoyalAcademy eine von Norman Rosenthal kuratierte Retrospektive der Werke von Georg Baselitz aus den Jahren 1963 bis 2007 zu sehen, der ersten überhaupt, die das Museum für einen deutschen Maler je ausgerichtet hat.
London steht kopf
DEUTSCHLANDRADIO Kultur - Hans Pietsch
Georg Baselitz, bekannt dafür, dass er seine Motive gern auf den Kopf stellt, ist in London eine große Retrospektive gewidmet wird. Die Schau in London ist ein Doppel-Ereignis: politisch und künstlerisch.
Kurator Norman Rosenthal von der Royal Academy hat die Retrospektive seines alten Freundes, mit mehr als 60 Bildern, vielen Zeichnungen und Grafiken sowie einem Dutzend Holzplastiken, streng chronologisch gehängt - jeder Raum eine andere Werkgruppe: von den “Heldenbildern”, dem “Neuen Typ”, über die “Frakturbilder” und die “Motivumkehr” bis zu den jüngsten, als “Remix” bezeichneten Gemälden.
Vorbei geht es an klotzigen Waldarbeitern und heldenhaften Männern, an abstürzenden Adlern und nackten Selbstporträts. Düstere Farben, viel Braun, viel Rot. Und dann sein Markenzeichen, die auf dem Kopf stehenden Bilder, als eines der ersten “Der Mann am Baum” von 1969 - der Versuch, das Bild von seinem Inhalt zu befreien: Abstraktion ohne den Verzicht auf das Figürliche. Besonders verstörend der Raum mit den Frakturbildern - zerlegte Körper, abgehackte Gliedmaßen. Eine wüste, wilde Malerei, die kompromisslose Untersuchung dessen, was es heißt, ein Deutscher zu sein und in einer brutalen Welt zu leben.
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PORTRAIT | Georg Baselitz,
der 1938 in Deutschbaselitz, Sachsen geboren wurde, gilt als einer der produktivsten und bekanntesten Künstler Deutschlands. Baselitz erlangte wahrscheinlich die meiste Berühmtheit mit der Motivumkehr, die dazu dient, den Bildraum außer Kraft zu setzen. Sein frühes gegenständliches Werk befasst sich jedoch mit den existentiellen Problemen des Daseins in Deutschland in einer Zeit, in der die Abstraktion größtenteils die Vorherrschaft hat. Aggressiv und oft unbequem vereint das Werk von Baselitz halbabstrakte Figuren, Tiere und Landschaften auf einem Hintergrund voller Farben und freier Pinselführung. Sein Werk vermittelt auf einprägsame Weise ein Gefühl von Feindseligkeit und Isolierung.
Als Maler, technischer Zeichner, Drucker und Bildhauer nahm Baselitz im Jahr 1956 das Malstudium an der Hochschule für Bildende Künste in Ostberlin auf, wurde jedoch nach nur einem Semester wegen ’sozialer und politischer Unreife’ der Universität verwiesen. Nach seinem Umzug nach Westberlin im Jahr 1956 nahm Baselitz das Kunststudium 1957 wieder auf und brachte es 1962 zum Abschluss.
In seinen frühen Jahren stand er unter dem Einfluss der Kunst- und Schriftwerke einflussreicher Künstler und Theoretiker wie Kandinsky, Malevich, Nietzsche, Baudelaire, Samuel Beckett und des französischen Schriftstellers und Künstlers Antonin Artaud. Baselitz stand später in hohem Maße im Banne der Kunst von Geisteskranken und anderer, am Rande der Gesellschaft lebender Existenzen, eine Kunst, die auch eine bedeutende Quelle der Inspiration bildete. Sein Werk ist in gleichem Maße von der traditionellen afrikanischen Kunst, der manieristischen Malerei und dem Druck des 16. Jh. in Frankreich und Italien, aber auch einem tiefen Sinn für Schmuck und Verzierung inspiriert. ( Royal Academy Of Arts, London 2007 )
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Georg Baselitz | Die Russenbilder
| Deichtorhallen, Hamburg
| bis 03. Februar 2008


