Feb
29
SURREND | Subversive Praxis im öffentlichen Raum
Februar 29, 2008 | Comments Off
KUNSTSCHAU Hamburg - Jens Ullheimer -
PT | Galerie Nord - Kunstverein Tiergarten |
Bis zum 29. März 2008 wird Surrend in einer Einzelausstellung mit neuen Arbeiten im Kunstverein Tiergarten in Berlin zu sehen sein. Die aktuellen Aktionen und Projekte von Surrend sind von der absurden neonazistischen Verschwörungstheorie ZOG angeregt, die auch in Teilen der arabischen Welt und im links-autonomen Milieu immer mehr Anhänger findet.
Mit den neuen Produktionen attackiert Surrend sowohl die neonazistische Propaganda und die Theorie des ZOG (Zionist Occupied Government), zielt gleichermaßen aber auch auf die israelische Politik und radikale jüdische Gruppierungen, die mit ihrer negativen und rassistischen Haltung gegenüber der arabischen Welt häufig für jene allerorten vermutete Verschwörung Anlass bieten.
Surrends neues Projekt besteht aus 22 politischen Plakaten, die von der deutschen Plakat- und Karikaturtradition beispielsweise eines John Heartfield aber auch von Vorbildern der jüngeren Zeit, wie z.B. dem Plakatkünstler Klaus Staeck beeinflusst sind, der die Surrend-Ausstellung im Kunstverein Tiergarten am 22.02.08 eröffnet hat.
Doch während sich Klaus Staeck und andere deutsche Plakatkünstler eher auf nationale bzw. regionale Themen beschränken, arbeitet Surrend in einem globalen Kontext und ist an jenen brisanten Schauplätzen in aller Welt unterwegs, an denen es für Künstler mit provokanten Aktionen gefährlich werden kann.
Surrend sieht sich selbst in der Tradition der 1970er Jahre in Dänemark, wo sich politischer Aktivismus und künstlerische Praxis in solchen Avantgarde-Strömungen wie Fluxus und Situationismus verbanden. Surrend tritt weltweit sowohl mit provokanten Kunstaktionen im öffentlichen Raum in Erscheinung, als die Gruppe auch im Kunstkontext von Galerien und Museen präsent ist. Neben klassischen Plakaten arbeitet Surrend ebenso mit subversiven Anzeigenschaltungen und eigens erstellten Webseiten, in denen politische Skandale satirisch kommentiert werden.
So machte sich Surrend jüngst über den iranischen Präsidenten und den burmesischen Juntachef lustig, einige der Aktionen führten darüber hinaus bereits zu heftigen politischen Konfrontationen - wie z.B. ein Putin-kritisches Plakat, das in Österreich verboten wurde - und zu einer Flut sowohl positiver als auch negativer Reaktionen. Nur selten vermag aktuelle politische Kunst das Publikum so direkt anzusprechen und unmittelbare Reaktionen hervorzurufen. Deshalb wird die Ausstellung im Kunstverein Tiergarten nicht nur die neuesten Projekte von Surrend vorstellen, sondern in Projektvideos und gemailten Kommentaren die internationalen Publikumsreaktionen dokumentieren.
Surrend gründete sich im März 2006 in Belgrad. Im Sommer 2007 nahm die Gruppe an der Austellung Backjumps im Künstlerhaus Bethanien teil und war u.a. mit einer Einzelausstellung bei der Caricatura in Kassel vertreten.
Surrend besteht aus den beiden Kernmitgliedern Jan Egesborg und Pia Bertelsen, die im Rahmen der ZOG-Ausstellung im Kunstverein Tiergarten von den GastkünstlerInnen Martin Nielsen und Stine Skoett-Olsen unterstützt werden.
SURREND | Subversive Praxis im öffentlichen Raum
| Galerie Nord | Kunstverein Tiergarten, Berlin
| bis 29. März 2008
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VIDEO | Bilderstreit in Berlin | Moslems bedrohen Galerie
| Spiegel . TV - Video ansehen
“Meine Solidarität gilt allen Künstlern und in den Medien Tätigen, deren Arbeit durch gewalttätige Andersdenkende bedroht wird”,
erklärte Akademiepräsident Klaus Staeck am Freitag in Berlin, der die Drohungen als “völlig unakzeptabel” bezeichnet hatte.
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“Sonst fliegen Steine!”
SPIEGEL online - Michael Sontheimer
Eine deutsche Premiere im Kampf der Kulturen: Muslime sorgten mit Drohungen dafür, dass eine satirische Plakat-Ausstellung geschlossen wurde. Die Behörden verfallen in Schockstarre - dabei geht es um nichts weniger als die Kunstfreiheit.
Künstler versuchen oft verzweifelt das, was seit dem Dadaismus die Pflicht eines modernen Künstlers ist – zu provozieren. Einer Gruppe dänischer Künstler ist das in Berlin mit politischen Plakaten gelungen. Allerdings hat es sich die Künstlergruppe “Surrend” ziemlich einfach gemacht. Sie stellte in einer kommunalen Berliner Galerie ein Plakat aus, auf das strenge Muslime nichts anderes reagieren können, als sich aufzuregen.
Stein des Anstoßes ist buchstäblich ein Stein - nämlich die Kaaba in Mekka, das zentrale Heiligtum aller Muslime. Auf einem der Plakate sind die Kaaba und sie umrundende Pilger abgebildet, dazu der große Schriftzug “Dummer Stein”. Daneben hängt das Plakat eine orthodoxen Juden mit schwarzem Hut, der Kommentar “Dummer Hut”: Eher plumpe Provokationen, die der Plakatkünstler Klaus Staeck gleichwohl bei der Eröffnung der Ausstellung am 22. Februar feierte.
Die Wirkung dieser Schmähung der Kaaba konnte eigentlich nicht sonderlich überraschen: Am Dienstag entdeckten zwei junge Musliminnen das Plakat. Sie erklärten Galeriemitarbeitern, dass es ihre Religion beleidige und dass es abgehängt werden sollte. Dann fotografierte sie es mit ihren Handys. Mit diesen digitalen Beweismitteln fiel es ihnen nicht schwer, an der benachbarten Döner-Bude Verstärkung zu mobilisieren. Schließlich forderte ein eine Handvoll aufgebrachter muslimischer Männer das sofortige Abhängen des Plakats: “Sonst fliegen Steine!”
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SURREND | Subversive Praxis im öffentlichen Raum
| Galerie Nord | Kunstverein Tiergarten, Berlin
| bis 29. März 2008
Feb
24
Mark Rothko | Retrospektive
Februar 24, 2008 | Comments Off
KUNSTSCHAU Hamburg - Jens Ullheimer
| PT Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung |
Die Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung, München zeigt bis zum 27. April 2008 eine großangelegte Retrospektive von Mark Rothko, einem der bedeutendsten amerikanischen Künstler des 20. Jahrhunderts. Sein Gesamtwerk wird mit ( vielen bisher nicht öffentlich gezeigten Bildern ) über 100 Gemälden und Papierarbeiten dem deutschen Publikum umfassend präsentiert.
Danach ist die Ausstellung in veränderter Form vom 16. Mai bis zum 14. September 2008 in der Hamburger Kunsthalle zu sehen.
Bekannt sind seine meist großformatigen Gemälde mit horizontal geschichteten Farbflächen. Solche meditativen Abstraktionen gelten heute als Synonyme für den Abstrakten Expressionismus. Rothko hat sich jedoch zeitlebens dagegen gewehrt, als Maler abstrakter Bilder vereinnahmt zu werden.
Marcus Rothkowitz | Mark Rothko
1903 als Marcus Rothkowitz in Russland geboren, kommt er als Zehnjähriger mit seiner Familie in die Vereinigten Staaten. Nach Studien in Yale und an der New School of Design in New York, beginnt er ab 1930 als Künstler zu arbeiten. Ganz allmählich tastet er sich von figurativen Anfängen über den Surrealismus zu reinen Farbkonstellationen heran. Man erkennt in seinen frühen städtischen Szenen bereits Experimente mit formalen Reduktionen und es wird deutlich, wie sich seine surreal-biomorphen Formen zu immer kompakteren Farbwolken, so genannten „multiforms“ bündeln. Diese markieren Ende der 1940er Jahre den Übergang zu seinem genuinen Bildschema, den sich überlagernden Farbschleiern, die durch das Durchscheinen der Schichten zu räumlicher Wirkung gebracht werden. Wenn auch von allem Abbildlichen befreit, verbindet der Künstler seine Bilder weiter mit inhaltlichen Vorstellungen.
Auch vollkommen ungegenständliche Gemälde will er daher stets als etwas Konkretes verstanden wissen. Seine aus dem Rechteck entwickelten Formgefüge sorgen durch ihre Proportionen zueinander und die Zusammenstellungen ihrer Farben für einen von jedem Betrachter individuell erfahrenen Bildausdruck, den der Künstler als Bedeutungsgehalt versteht.
Die als harmonisch oder spannungsgeladen, leuchtend oder düster, dominant oder gleichgewichtig empfundenen Farbensembles von Mark Rothko sind gleichzeitig Auslöser und künstlerischer Reflex psychischer Stimmungswerte. Das Schwarz in seiner Farbskala steht für die Leere und das Nichts. Die in seinem letzten Lebensjahrzehnt entstehenden „Blackform“- und „Black on Gray“-Paintings setzen eine radikale Zäsur und stehen auch für Verweigerung. Eine zu offensichtliche Schönheit wird zugunsten ikonischer Strenge zurückgenommen. Schwärze steht deshalb weniger für Depression und Krankheit, als für eine maximale Leistung des Betrachters, der so unausweichlich mit der elementaren Tragik dieser letzten Werke konfrontiert wird. Es ist deshalb wohl nicht falsch, diese in ihrer unausweichlichen Konsequenz als letzte geschlossene Bildserie zu verstehen und sie als eine Art Vermächtnis vor dem Freitod von 1970 zu lesen.
Mark Rothko | Retrospektive
| Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung, München
| bis 27. April 2008
Danach ist die Ausstellung in veränderter Form
vom 16. Mai bis zum 14. September 2008 in der Hamburger Kunsthalle zu sehen.
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| 220 Seiten,
| 88 Tafeln in Farbe
| 16 in s-w,
| 35 Abb. in Farbe
| 28 in s-w.
| 28 x 28 cm.
| Gebunden.
Das Katalogbuch zu der großangelegten Retrospektive macht diese Gefühlsskala mit Farbtafeln von subtiler und aufwendig produzierter Qualität erfahrbar und ermöglicht, durch Beiträge spezialisierter Autoren, den Maler Rothko neu verstehen.
Mark Rothko (1903–1970) gilt als ein Meister des abstrakten Expressionismus. Die in München und Hamburg gezeigte Retrospektive stellt sein Gesamtœuvre vor und lässt so die Entwicklung zu den Schlüsselwerken der Moderne in höchster Intensität und mit vielen bisher nicht öffentlich gezeigten Bildern erfahrbar werden.
Mark Rothko hat sich zeitlebens dagegen gewehrt, als Maler abstrakter Bilder vereinnahmt zu werden. Tatsächlich hat der aus Russland stammende Künstler einen Werdegang gehabt, der das allmähliche Herantasten an die verschiedenen Konzepte seiner Farbkonstellationen stets mit inhaltlichen Vorstellungen verband.
Sein figürlich angelegtes Frühwerk experimentierte schon mit formalen Reduktionen, und seine Bilder befreiten sich in den 1930er Jahren immer mehr von der Abbildhaftigkeit. Dennoch wollte Rothko selbst vollkommen ungegenständliche Gemälde als etwas Konkretes im Sinne der Lebenswirklichkeit verstanden wissen. Gegen Ende der 1940er Jahre entstand dann das Bildschema der sich überlagernden Farbschleier, die durch das Durchscheinen der Schichten zu räumlicher Wirkung gebracht sind. Innerhalb des aus dem Rechteck entwickelten Formgefüges sorgen die Proportionen der Einzelflächen zueinander und die Zusammenstellungen der Farben für den jeweils vom Betrachter erfahrenen Bildausdruck, den Rothko als Bedeutungsgehalt verstanden wissen wollte. Die als harmonisch oder spannungsgeladen, leuchtend oder düster, dominant oder gleichgewichtig empfundenen Farbensembles sind Auslöser und künstlerischer Reflex psychischer Stimmungswerte.
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Mark Rothko – Bilder aus der Gewalt geboren
WELT online - Alexander Kluy
In einem seiner Skizzenbücher notierte er, der auf vielen Fotografien grimmig in die Kamera sah und eisern jedes Lächeln verweigerte: “Die Wiege meiner Gemälde ist Gewalt - die einzig zulässige Balance ist das prekäre Gleichgewicht, kurz vor dem Moment des Zusammenbruchs … Deshalb bin ich immer wieder überrascht zu hören, dass meine Bilder friedlich wirken: Sie sind ein einziges Zerreißen, aus der Gewalt heraus geboren.”
Rothko rang lange mit dem Gegensatz von öffentlich und privat, von Einsamkeit, Eigenständigkeit und Isoliertheit. Auch von Ausstellen und Einzelbetrachtung. Später schwebte Rothko als Ideal für seine murals, Bilderzyklen, die für öffentliche Räume entstanden, “ein umschlossener Raum, nur mir gehörig” vor. Anders gesagt: das exakte Gegenteil einer auf Massenandrang programmierten Ausstellung.
“In der Malerei”, so Rothko, “entsteht eine plastische Wirkung durch den Eindruck einer Bewegung, die in den Bildraum der Leinwand hinein- oder aus diesem herausführt… Der Betrachter muss sich innerhalb dieser vom Künstler gestalteten Formen nach innen und außen, oben und unten sowie diagonal und horizontal durch das Bild bewegen. Diese Reise bildet das Gerippe, das Gerüst der Bildidee.”
Doch was tun, wenn man auf dieser Reise wie in München allein gelassen wird, teils, weil die Vorbildung, die seine Bilder benötigen, gewaltig, dafür der didaktische Erläuterungswille defizitär ist? Zum anderen, weil es schlechterdings unsinnig ist, seine Bilder in Gemeinschaft anzusehen. Dann mutieren sie zu netten bunten Farbkumuli. Das war auch der Grund, weshalb Rothko wütend und verletzt seinen Zyklus für das von Mies van der Rohe entworfene Seagram Building in New Yorks fashionabler Park Avenue zurückzog. Dort sollten sie im Restaurant aufgehängt werden.
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Der verborgene Gott
SUEDDEUTSCHE online - Willibald Sauerländer
“Die Kunst von allem schmückenden Beiwerk zu befreien”, war die Mission von Mark Rothko. Er ist einer der bedeutensten amerikanischen Künstler des 20. Jahrhunderts. Eine Retrospektive in der Hypo-Kunsthalle in München zeigt nun seine Werke.
Die Bilder, die damals in den Ateliers der “Zornigen” wie Rothko, Newman und Pollock entstanden, haben auch nach einem halben Jahrhundert ihre Leuchtkraft unvermindert behalten. Kein Warhol, keine Pop Art, erst recht keine Postmoderne und kein Neorealismus haben sie verdunkelt. Ihre Leuchtkraft ist ungebrochen.
Heute, da fast auf religiöse Weise über die Grenzen zwischen bildlicher Information und dem Bild als Kunst gerungen wird, stellt diese Retrospektive eine ästhetische und spirituelle Gewissensfrage.
Schon in Rothkos Tagen war das Spiel der Malerei mit dem Mystischen und Transzendenten ein ambivalentes Unterfangen, die Epiphanie immer vom Absturz in die Theatralik bedroht. Gerhard Richter, eigentlich ein Bewunderer seines Kollegen, erzählte von einer Rothko-Schau: “Ich erwartete viel, aber dann war es bizarr wie in einer Kirche. Man war einem Mysterium näher als der Malerei.”
In optisch hastiger Zeit bieten Rothkos “Epiphanien” die schwierige Chance zum langsamen Sehen.
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Der amerikanische Raum
FAZ - Niklas Maak
Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass diese Ausstellung das Bild ändert, das wir von Rothko und der amerikanischen Moderne haben. In Rothkos frühen Bildern werden die technischen (Kratztechnik von Matisse) und inhaltlichen Einflüsse seiner europäischen und amerikanischen Vorbilder sichtbar - nach den mattfarbigen Untergrundbildern, in denen noch Hoppers Großstadtmalerei durchscheint, malt Rothko surreale Bilder, die sich an Räumen von de Chirico und Max Ernsts „Loplop“ entlangbewegen.
… was Rothko ganz offensichtlich interessiert, sind Figuren und Räume, die querstehen zu klassischen Vorstellungen, die Grenzziehungen wie „Mann oder Frau“, „vorn oder hinten im Raum“ als falsche Frage zurückweisen.
Ein solcher Raum deutet sich um 1947 mit den sogenannten „Multiforms“ an. Die Figuration löst sich in einem glühenden, erhitzten Farbennebel auf, was dann passiert, wirkt wie ein Zoom. Rothko scheint aus den Multiformbildern Übergangszonen, in denen sich zwei Farben begegnen, herauszuvergrößern. Es entstehen die berühmten Farbfeldbilder, deren Raumwirkung einem Flug durch psychedelische Welten gleicht: Farben wie luftige Watte überlagern dichte, leuchtendrote Farbbretter, Abgründe tun sich auf, Zonen dampfen ineinander, ein schrilles Rosa glüht unter einem grellen Orange hervor, ein Matisseblau diffundiert in ein Monetsches Seerosengrün und sinkt in ein mattes Schwarz. In der opulenten, aus Dutzenden von Gemälden inszenierten Farbfeldlandschaft dieser Ausstellung sieht man auch, dass Rothkos Bilder viel weniger mit den desinfiziert wirkenden Abstraktionen eines Josef Albers zu tun haben als mit der Tradition der großen amerikanischen Landschaftsgemälde.
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Brennendes Schwarz in dunklen Sonnen
FR online - Oliver Herwig
Vergessen wir dieses Bild, die bequeme Vorstellung, wofür Mark Rothko steht: Der vermeintliche Maler leuchtender Farbfelder war vielschichtiger und dunkler, als wir es lange wahrhaben wollten. Rothkos grandiose Retrospektive in der Hypo-Kulturstiftung gibt den Blick auf ein Werk frei, das aus Krisen und Brüchen wächst und doch das Geistige in der Kunst bereits in Figurinen und Szenerien des Anfangs probt.
“Mich interessieren nur grundlegende Emotionen: Tragödie, Ekstase, Schicksal”, sagte Rothko einmal. “Leute, die vor meinen Bildern weinen, haben die gleiche religiöse Erfahrung wie ich, als ich sie gemalt habe.”
Von der Größe des Menschen sprechen diese Bilder, von seinen Möglichkeiten, seiner Verzweiflung und Transzendenz. Es geht um “Size”, Größe - Maßstab in Zentimetern wie um den moralischen Maßstab. Nicht Konstruktion steht bei Rothko im Vordergrund, sondern psychische Untiefen. Nicht das Machen und die Macht, Farbe zu flirrenden Wolkenschichten zu verdichten oder zu verdünnen, sondern Emotionen Raum zu geben. Rothko erfindet dafür ein Kunstwort, “Breathingness”, das Kurator Wick mit dem raunenden Neologismus “Durchatmetheit” übersetzt, jenen Schwebezustand, der über die Farbräume auch in die seelischen Tiefen, ja Abgründe blicken lässt.
Welcher Kampf hinter den treibenden Farbwolken steckte, machte Rothko an mehr als einer Stelle deutlich. Gewalt sei die “Wiege seiner Gemälde”, sagte er, “die einzige zulässige Balance das prekäre Gleichgewicht, kurz vor dem Moment des Zusammenbruchs”. Ein “einziges Zerreißen” konstatiert der Maler und liefert eine Steilvorlage für alle Psychologen, die seinen Zusammenbruch und Suizid ergründen wollen.
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Unter Halunken
TAZ - Brigitte Werneburg
“Das Vermächtnis des Mark Rothko”, ein Buch von Lee Seldes, beschreibt das Verhältnis des Malers zum Kunsthändler.
Dabei hatte sich Mark Rothko immer gewünscht, seine Arbeiten als Werkkomplexe in Museen und anderen öffentlichen Kunst- und Kulturinstitutionen zu zeigen. Noch 1960 kaufte er neun Wandgemälde zurück, eine Auftragsarbeit für das Four-Seasons-Restaurant in Mies van der Rohes Seagrams Building, “einem Schuppen”, wie er sagte, “in dem die größten Scheißkerle von New York essen gehen und angeben”. Dass seine Bilder ihnen die Laune verderben könnten, wie von ihm beabsichtigt, glaubte er zu dem Zeitpunkt nicht mehr. Er vermachte die Gemälde der Londoner Tate, die dem Ensemble einen eigenen Raum widmete. Damit diese ideale Öffentlichkeit für seine Kunst kein Einzelfall blieb, brauchte es einen langen Kampf.
Denn die Frage, die das Auftreten mancher großer Galeristen hin und wieder aufwirft, nämlich, was, um Gottes willen, sie ihren berühmten Künstlern eigentlich zu bieten haben außer einem Nummernkonto in der Schweiz, spielt im Fall Mark Rothkos und seiner künstlerischen Hinterlassenschaft eine wichtige, ungeklärte Rolle. Nur dieses Schweizer Nummernkonto, mit dem Mark Rothko immer wieder prahlte, kann die ausbeuterischen Verträge erklären, die er mit Francis Kenneth Lloyd, einem der mächtigsten Männer des damaligen Kunstmarkts, eben einem der Scheißkerle aus dem Four Seasons, abschloss. Das ist die These der Journalistin Lee Seldes, die den sechs Jahre dauernden Prozess mitverfolgte, den Mark Rothkos Tochter Kate nach dessen Selbstmord am 25. Februar 1970 gegen die Nachlassverwalter ihres Vaters und gegen Lloyd, den Betreiber der weltweit operierenden Marlborough Gallery mit Geschäftssitz in Lichtenstein, anstrengte.
Sie gewann, unter hohen Kosten.
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BUCH
Lee Seldes
| Das Vermächtnis Mark Rothkos
Gebundene Ausgabe
523 Seiten
Auflage: 1 (Februar 2008)
Sprache: Deutsch
20,6 x 13 x 4 cm
Als Mark Rothko sich am 25. Februar 1970 das Leben nahm, war er längst ein international gefeierter Superstar der zeitgenössischen Kunst. Der zeitweilige Weggefährte von Robert Motherwell, Willem de Kooning, Barnett Newman, Jackson Pollock und anderen, hatte bereits 1960 im MoMA eine große Retrospektive, seine Arbeiten waren gefragt und die Preise kletterten stetig nach oben. Wie Hyänen scharten sich der boomende Kunstmarkt und falsche Freunde um den zunehmend verzweifelten Künstler, der sein Werk einerseits behüten wollte und andererseits Ruhm für sich und Geld für die finanzielle Absicherung seiner Familie suchte.
Heute wissen wir, dass der kommerzielle Erfolg den Künstler in einen unauflösbaren Konflikt stürzte und Menschen, die ihm nahe standen, dazu brachte zu Verbrechern zu werden. Denn was am Tag seines Todes beginnt ist beispiellos: Korrumpierte Nachlassverwalter lassen zu, dass zahlreiche Gemälde außer Landes gebracht und unter Preis veräußert werden, Galerien organisieren Ringverkäufe und Insidergeschäfte, um die Preise hochzutreiben und Museen der öffentlichen Hand beteiligen sich an Geldwäsche. Dem Treiben wird erst ein Ende gesetzt, als Rothkos minderjährige Tochter eine Klage gegen die Stiftung ihres Vaters einreicht.
Über die Autorin:
Lee Seldes schrieb für Newsweek, Barron’s, The Village Voice und Esquire.
Sie war die einzige offizielle Journalistin, die den Rothko-Prozess beobachte.
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Nicht Bilder, sondern Orte
DEUTSCHLANDRADIO Kultur - Johannes Halder
Es war wohl nicht zu verhindern, dass Mark Rothkos berühmte Farbfelder mittlerweile auch im Postershop eines skandinavischen Möbelhauses gelandet sind - die Meditationsikonen als dekorative Drucksachen für den Massenmarkt. Auch wir haben uns längst daran gewöhnt, dass sich mit Rothko-Kunstpostkarten ebenso gut gratulieren wie kondolieren lässt: die farbigen Motive für Feste und Feiern, die dunklen für den Trauerfall.
Doch Kurator Oliver Wick kann sich vorstellen, wie der Maler selbst darauf reagiert hätte:
“Ich glaube, da hätte er sich sehr dagegen gestemmt. Rothko ist einer der meist abgebildeten Künstler, wenn es um Postkarten geht vor allem. Er ist auch, obwohl es ein abstrakter Maler ist, in einem großen Bevölkerungskreis bekannt wegen der schönen Farben, und das ist vielleicht auch etwas, worunter er als Künstler selbst auch immer wieder gelitten hat, weil seine Kunst nicht dekorativ war, und es ging eigentlich auch nicht um die schönen Farben. Aber die Farbe war natürlich ein Mittel, um diese Direktheit mit dem Betrachter zu erreichen.”
Natürlich kommt man auch in München der Schönheit wegen zu Rothkos Bildern. Es ist keine Sünde, die schwebende Balance seiner Farbflächen bloß im Vorübergehen zu bestaunen, den wolkigen Nebel der gestisch kolorierten Zonen einfach zu genießen, das leise Pulsieren der Farben nur zu ahnen. Zuvor werden wir ohnehin durch das Fegefeuer seines figürlichen Frühwerks aus den 30er Jahren geschickt. Das sind urbane Szenen, die oft Menschen in U-Bahn-Schächten zeigen, auf Treppen und in schlichten Räumen, in matten Farben kreidig und trocken gemalt, Zeugnisse einer kargen Zeit.
Das Bild als Ort, diese geistige Versenkung und körperliche Verschmelzung, die sich Rothko vorgestellt hatte, gelingt freilich nicht immer - dazu müsste man mit den Bildern wohl alleine sein. Doch wenn man Glück hat, kann man auch in München erleben, dass einen die Farben regelrecht durchfluten.
DEUTSCHLANDRADIO - Beitrag lesen
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Mark Rothko | Retrospektive
| Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung, München
| bis 27. April 2008
Danach ist die Ausstellung in veränderter Form
vom 16. Mai bis zum 14. September 2008 in der Hamburger Kunsthalle zu sehen.
Feb
20
Schrecken und Lust | Die Versuchung des heiligen Antonius
Februar 20, 2008 | Comments Off
KUNSTSCHAU Hamburg - Jens Ullheimer | PT Bucerius Kunst Forum |
Mit Schrecken und Lust. Die Versuchung des heiligen Antonius von Hieronymus Bosch bis Max Ernst zeigt das Bucerius Kunst Forum in Hamburg eine neue Ausstellungsreihe. Eine lose Folge von Themenausstellungen wird in den kommenden Jahren die Bildgewalt der alten Meister auf den Prüfstand stellen. Die aktuelle Ausstellung ist bis zum 18. Mai 2008 zu sehen.
Die Legende vom verführten, bedrängten und gequälten Eremiten Antonius bot Künstlern seit dem späten Mittelalter reichen Stoff für phantastische Bildwelten: Hässliche Dämonen treffen auf laszive Schönheiten, kuriose Mischwesen bevölkern bizarre Landschaften, die Grenzen zwischen Schein und Sein, Wunsch- und Alptraum verschwimmen.
Die von Athanasius überlieferte Legende des von Reichtum und Schönheit versuchten, von Dämonen verfolgten heiligen Antonius ist von Lucas Cranach bis zu Henri Fantin-Latour, von Hieronymus Bosch bis zu Max Ernst in einer Weise aktuell geblieben, die überrascht. Die Ängste des Antonius beschäftigen uns heute ebenso, wie sie namhafte Künstler der letzten 500 Jahre zu einem Surrealismus vor der Zeit stimulierten.
Die Ausstellung bietet den ersten repräsentativen Überblick über die Geschichte der Identifikation der Künstler mit diesem Thema. Sie versammelt 70 Gemälde, Zeichnungen, Radierungen und illustrierte Bücher vom Beginn des 14. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts, von den frühen Kodices über die Bildwelten des Hieronymus Bosch bis zu ihrer Persiflage bei David Teniers und Felicien Rops, darunter Werke von Paolo Veronese, Jan Bruegel d.J., Salvator Rosa, Lovis Corinth und James Ensor.
Schrecken und Lust | Die Versuchung des heiligen Antonius
| Bucerius Kunst Forum, Hamburg
| bis 18. Mai 2008
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Die Legende vom verführten, bedrängten und gequälten Eremiten Antonius nutzten seit dem späten Mittelalter zahlreiche Künstler zur Darstellung phantastischer Bildwelten. Vorgestellt werden zu diesem leidenschaftlichen Thema rund 80 Gemälde, Zeichnungen und Radierungen vom Beginn des 15. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts.
KATALOG | Schrecken und Lust
Die Versuchung des heiligen Antonius
Von Hieronymus Bosch bis Max Ernst
| 216 Seiten,
| 46 Farbtafeln,
| 154 Abbildungen in Farbe
| und 12 in schwarz-weiß.
| 22,5 x 28 cm.
| Gebunden, Schutzumschlag
Bis heute faszinieren Antonius-Bilder als Spiegel menschlicher Begierden und Ängste. Im Lauf der Jahrhunderte ändern sich allerdings die geschilderten Details, die intendierten Aussagen und die künstlerische Formensprache. Dabei weist das christliche Motiv schon bald nach 1500 über den religiösen Bereich hinaus: Aus den frühen statuarischen Heiligendarstellungen werden belebte Weltuntergangspanoramen, die endzeitlichen Erwartungen des ausklingenden Mittelalters finden ihren Niederschlag. Hieronymus Bosch und seine Nachfolger schildern mit erfindungsreicher Detailliertheit die Drangsalierungen des Antonius durch Dämonen, Teufel und grässliche Wesen – und offenbaren dabei eine Freude am Grausamen und Entsetzlichen, am Lustvoll-Schrecklichen. Wunsch- und Alptraum werden eins.
In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts, etwa bei Tintoretto, ringt die Figur des Heiligen heftig mit den Mächten der Verführung. Hier, wie bei Bosch, wird Antonius auch als Paradigma des von seinen Intuitionen bestürmten Künstlers gedeutet. Das 17. Jahrhundert dagegen ordnet Antonius mit derb-unterhaltsamen Zügen der Genremalerei zu, von der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts an dominiert das Erotische. In der Mitte des 20. Jahrhunderts werden, so bei Otto Dix und Salvator Dalí, peinigende Monster, die Versuchung durch Frauen und die Kreuzsymbolik vereinigt. Mit Max Ernst wird ein abschließender Höhepunkt der Antonius-Gestaltung erreicht: Der Heilige erscheint unrettbar in den Klauen einer zerrissenen Welt.
Ausstellung: bis 18.5.2008, Bucerius Kunst Forum Hamburg
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Knapp vorbei am Höllenschlund
NZZ - Ursula Seibold-Bultmann
Bald prügelnde Dämonen, bald barbusige Verführerinnen: Der heilige Antonius, Vater des christlichen Mönchtums, hatte es nicht leicht als Einsiedler in der Wüste. Eine Ausstellung in Hamburg zeigt ihn als kühnen Bezwinger einer aus allen Fugen geratenen phantasmagorischen Welt.
Der Dämonenglaube, der zu Zeiten des Antonius ebenso wie im christlichen Mittelalter anstelle tiefenpsychologischer Theorien herrschte, machte es Künstlern leicht, die Qualen des leidenswilligen Gottesmannes ins Bild zu setzen. Mit unterschiedlichstem Personal und abgefeimten Tricks soll Satan versucht haben, ihn vom Glauben abzubringen; als erotische und materielle Reize nichts nutzten, setzte es derbe Prügel durch gemeine Spukgestalten.
In Hamburg sehen wir ihn bedrängt von krallenfüssigen Schönheiten, knüppelschwingenden Stachelmonstren, fliegenden Fischen, verlotterten Musikanten, den sieben Todsünden sowie einem grinsenden Fesselballon; während der Heilige gekratzt, geschlagen und am Bart gezerrt wird, meint man Höllenlärm zu vernehmen und pestilenzialischen Gestank in die Nase zu bekommen. Im Hintergrund zahlreicher Antonius-Darstellungen brennen Kirche und Welt, während vorn der Rachen der Unterwelt sperrangelweit offen steht.
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BUCH
Die Versuchung
des heiligen Antonius
von Gustave Flaubert
| Taschenbuch
| 250 Seiten
Der Weg des heiligen Antonius zu völliger Askese und Einsamkeit, seine Versuchung durch Luxus, Sinnlichkeit und Macht - ein Thema, das Flaubert sein Leben lang beschäftigte.
Zwischen den ersten Entwürfen, die der 13jährige Flaubert niederschrieb, und der endgültigen Fassung, liegen beinahe vierzig Jahre. Flauberts wahrscheinlich geheimnisvollstes Werk.
Gustave Flaubert,
1821 in Rouen als Sohn eines Chirurgen geboren, besuchte zuerst die Schulen in seiner (durch “Madame Bovary” berühmt gewordenen) Vaterstadt, studierte eher lust- und erfolglos die Rechte in Paris und mußte sich dann aufgrund eines rätselhaften Nervenleidens aus jeder Berufstätigkeit zurückziehen. Er lebte in strenger schriftstellerischer Askese in Rouen, unternahm immer wieder Reisen in Europa, nach Nordafrika und dem Nahen Osten und starb 1880 im Alter von 59 Jahren. Flaubert war unerbittliche Präzision in der Kunst wichtiger als überhitzte Inspiration und das Suchen nach bisher unbeschriebenen Aspekten derWirklichkeit wesentlicher als romantische Gefühlsdarstellung. Diese strenge Forderung setzte er in “Madame Bovary” in revolutionärer Weise um - doch vorher hatte es in seinem Leben eine Epoche gegeben, die in ihrer anarchischen Heftigkeit ihresgleichen sucht.
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Kröten und erhängte Schweinchen
TAZ - Petra Schellen
Künstler aller Ären liebten das Thema, weil sich damit so schön Phantastisches darstellen ließ: Den Versuchungen des Heiligen Antonius ist eine Ausstellung im Hamburger Bucerius Kunst Forum gewidmet. Sie ist bunt, wuselig - und präsentiert natürlich massenweise Frauen als Verführerinnen.
“Schrecken und Lust - die Versuchung des heiligen Antonius” heißt sie und hat allerlei Phantastisches im Repertoire: Vom fabulierfreudigen Hieronymus Bosch über niederländische und italienische Maler des 16. bis 18. Jahrhunderts bis zu den Surrealisten reicht das Spektrum der präsentierten Werke. Und auch wenn die motivische Wiederholung auf Dauer ermüdet, kann das Studium der Details doch sehr vergnüglich werden: Monster, Kröten, Kopffüßler und Zwitter zu Land und zu Wasser, Saurier-Mutanten und Feuer speiende Fische wandern da über den Globus.
Paul Cézanne 1867–1869,
Slg. Emil Georg Bührle, Zürich, Öl, Leinwand, 52 X 73 cm
… trotz aller auch sonstigen Lustigkeiten und Brechungen bedient diese Ausstellung - ausgerechnet, aber zufällig in der Fastenzeit platziert - einen recht schlichten Voyeurismus. Sie transportiert außerdem exakt jenes Frauenbild, das immer noch fast jedes Werbeplakat übermittelt: das der Frau als nur noch fertig auszupackendes Geschenk, deren Ziel die Verführung des Mannes und ganz allgemein die Verangenehmung seines Daseins ist.
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Schrecken und Lust | Die Versuchung des heiligen Antonius
| Bucerius Kunst Forum, Hamburg
| bis 18. Mai 2008
Feb
6
Beate Gütschow – ganz woanders
Februar 6, 2008 | Comments Off
KUNSTSCHAU Hamburg - Jens Ullheimer | PT Haus am Waldsee |
Das Haus am Waldsee stellt bis zum 24. März 2008 die in Berlin lebende Fotografin Beate Gütschow (1970) mit mehr als 20 großformatigen Fotografien und Videos aus ihrem bisherigen Schaffen vor.
Idylle und Utopie sind die zentralen Begriffe der von 1993 bis 2000 in Hamburg bei Bernhard Blume und Wolfgang Tillmans ausgebildeten Künstlerin. In ihren digitalen Natur- und Stadtlandschaften reflektiert Gütschow Denk- und Kompositionsschemata, wie sie die Landschaftsmalerei des 17. und 18. Jahrhunderts entwickelte: Natur wurde als höchst artifizielles Ereignis konstruiert.
In Analogie baut die Künstlerin ihre Bilder aus eigenen Fotografien, die sie digital collagiert. In ihren jüngeren Arbeiten entwickelt Gütschow menschenleere und pflanzenlose Stadtlandschaften. Den Wildwuchs seelenlos auswechselbarer Metropolenwüsten treibt sie soweit, dass der Betrachter den Ort nicht mehr orten kann. Die Ausstellung „ganz woanders“ schafft daher ein Bild der Zukunft, das die Hybris des Menschen als Schauer-Vision aus der Sicht einer präzise beobachtenden und überaus sorgfältig arbeitenden Fotokünstleringeradezu beschwörend vor Augen führt.
Gütschow setzte sich zunächst mit der Schnittstelle von Fotografie und Malerei in der Zeit vor der Fotografie und vor Caspar David Friedrich auseinander. Als Bilder noch ausschließlich im Atelier entstanden, bestand die Utopie von Landschaft in der Konstruktion und der Idealisierung, wie sie große Landschaftsmaler wie Claude Lorrain, John Constable, Nicolas Poussin, Jacob van Ruisdael, Claude Vernet oder Thomas Gainsborough formulierten. Erst nach Erfindung der Fotografie sowie der Einführung der Plein-Air-Malerei sollte sich dies im Laufe des 19. Jahrhunderts ändern.
Die Arbeiten der Ausstellung waren zuvor im Museum of Contemporary Photography in Chicago zu sehen und werden ab Ende April 2008 in der Kunsthalle Nürnberg gezeigt.
Beate Gütschow – ganz woanders
| Haus am Waldsee, Berlin – Ort internationaler Gegenwartskunst
| bis 24. März 2008
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Bottrop liegt bei Miami
TAGESSPIEGEL online - Jens Hinrichsen
Die Fotokünstlerin Beate Gütschow ist eine Meisterin der Illusionen. Ihre aktuellen Arbeiten greifen die gescheiterten Architektur-Utopien der 50er Jahre auf und lassen neue geklonte Welten entstehen.
Noch markanter inszeniert die Künstlerin absichtsvolle Brüche und Diskontinuitäten in der aktuellen schwarzweißen Städte-Serie. So ragt im Hintergrund des Beton-Tableaus „S#25“ (2008) zweimal dasselbe Minarett auf, was sich als hintersinniger Kommentar auf islamophobe Tendenzen lesen lässt. Gütschow klont hier, löscht oder glättet da, begeht erschreckend plausible Bausünden und zielt damit vor allem auf die gescheiterten Architektur-Utopien der Fünfziger- und Sechzigerjahre, die sie in düsteres, geradezu apokalyptisches Licht taucht.
Ob Kriegsgebiet oder Shoppingcenter, stets werden weit auseinander liegende Orte und Bauten miteinander verknüpft und dann die verräterischsten Spuren ihrer Provenienz getilgt. Bottrop liegt bei Miami. Zwischen Wüste und Suburbia liegt ein Streifen Meer mit Badegästen, Touristen schlendern ungerührt an Autowracks und ausgebrannten Bussen vorbei. Vorm Provinzparkhaus ist ein Hubschrauber abgestürzt. Einsam ragt ein seltsames Haus, halb Wohn-, halb Wachturm auf dem Asphalt empor, fast fensterlos, die Außentreppen laufen ins Leere. Stilistisch erinnert das Bild an den dokumentarischen Stil von Bernd und Hilla Becher. Dabei zielt Beate Gütschow exakt aufs Gegenteil, indem sie neue, problematisch zugespitzte Wirklichkeiten baut.
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VIDEO | Wir bauen eine neue Stadt 1981
PALAIS SCHAUMBURG
Holger Hiller, Guitar, Vocals | Thomas Fehlmann, Synthesizer, Trumpet
Timo Blunck, Bass | Ralf Hertwig, Drums
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Die Zukunft, ein Traum
TAZ - Julia Gwendolyn Schneider
Ganz einfach sieht es aus, wie Beate Gütschow städtische Wirklichkeit in Bilder gescheiterter Utopien verwandelt. Aber sie sind aufwendig aus Fotos zusammengesampelt. Das Haus am Waldsee zeigt mit der Ausstellung “Ganz woanders” zwei ihrer Serien.
Gütschow unternahm den Schritt zur digitalen Fotografie noch als Studentin Mitte der Neunzigerjahre in offener Opposition zur damals alles überragenden Dokumentarfotografie der Düsseldorfer “Becher-Schule”. Ihre Form der Realitätsbefragung galt der Brüchigkeit und stand damit im Gegensatz zu der Vorgängergeneration von Andreas Gursky, Thomas Ruff und Thomas Struth. Mithilfe digitaler Montagetechniken setzt die Künstlerin vor das Authentische und Dokumentarische der schwarz-weißen Fotografie selbstbewusst ihre eigenen Interpretationen und Bilderfindungen, die scheinbar genauso real wirken. Überwiegend ertappt man sich aber selbst dabei, wie man zunehmend in die Stadtlandschaften hineinrutscht. Ihre Sogwirkung erlangen Gütschows Fotografien zuletzt auch durch die Wahl übergroßer Formate.
In ihrer Eigenschaft, sich unseren Fixierungsversuchen zu entziehen, beeinflussen Gütschows Fotografien das gewohnte Verständnis von Raum und Zeit. Sie untergraben unser inneres Orientierungssystem und verwischen die Grenze zwischen Realität und Fiktion. Ihre Bilder, für die es kein Original mehr gibt, obwohl wir doch ständig versuchen, sie auf ein solches zurückzuführen, machen deutlich, dass wir uns zwar bereits im digitalen Zeitalter befinden, aber immer noch analog denken und somit “ganz woanders” sind.
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Ein Ort, nirgends
Artnet - Eric Aichinger
Wie baue ich mir eine Stadt? Und zweitens: Wie reiße ich sie wieder ein? Ihre Antwort liegt im Detail. Sie schält konkrete Architekturversatzstücke aus ihrem eigentlichen Kontext heraus und verschachtelt sie zu einer neuen Einheit, so dass deren gegenständliche Unwirklichkeit das Ende unserer Wirklichkeit anzeigt. Die Bauten bergen nichts Eigenes in sich. Draußen, wenn überhaupt, verlieren sich Stadtstreicher – Touristen und anders Verlorene – in einer vegetationslosen Zone.
Gütschow verhandelt Stadt als Waschbeton gewordene urbane Utopie der 1960er und 1970er, die unter Becher-grauem Streulicht vor sich hin bröckelt. Auch ihr geht es um den typologischen Vergleich. Allerdings mehr um die ans Tageslicht kommenden Haltungen, die Skelette, als um den Überbau. Ihre Konstruktionen erlauben nicht nur, sie fordern geradezu das Wiedererkennen (ist das nicht Sarajewo…?) der sachlichen Fiktion heraus, wie sie uns in den journalistischen Dokumentationen überall geboten wird. Was also hinterlässt erkennbare Spuren in der Organisation des Bildes? In LS herrscht die Stille vor dem gedanklichen Beschuss, über S hat sich das Schweigen danach gelegt. Und dann kommt der Friedhof.
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Beate Gütschow – ganz woanders
| Haus am Waldsee, Berlin |
| Ort internationaler Gegenwartskunst
| bis 24. März 2008




