Mrz
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Traditionelle Ordnung und moderne Spontaneität
März 31, 2008 | Comments Off
Das klassische Konzert von heute ist gefordert
NZZ - Imelda Beer ( lic. phil., ist Musikwissenschafterin in Zürich )
Unter Musikern wie Veranstaltern herrscht seit längerem Unsicherheit, wenn es darum geht, ein jüngeres Publikum für das traditionelle klassische Konzert zu gewinnen. Das bürgerlich ordnungszentrierte Konzertritual vermag eine ichzentrierte Zuhörerschaft nicht zu überzeugen. …
Schon immer haben nicht nur ästhetische, sondern auch soziale Werte das Konzertleben geprägt. Das Bedürfnis nach gesellschaftlicher Distinktion verbreitete sich mit dem Zerfall der Aristokratie im 19. Jahrhundert besonders im Bildungsbürgertum. Im Konzertsaal lässt sich das Vornehmsein besonders zelebrieren. Konzentriertes Dasitzen bedeutet Zugehörigkeit zur Kennerschaft, obschon das Beherrschen der Verhaltensregeln oft nicht mit Kunstverständnis einhergeht. Der ritualisierte Konzertabend erlaubt dem Bürger, seinen Habitus zu manifestieren. Indem er rechtzeitig Karten reserviert, ein Abonnement eines angesehenen Konzerthauses besitzt, korrekte Kleidung trägt und sich während der Aufführung adäquat verhält, unterstreicht er die Zugehörigkeit zu seiner sozialen Schicht. Wer zwischen den einzelnen Sätzen Beifall klatscht, verrät sich dagegen als ungebildet. So mag ein Konzert weniger um der Musik willen als im Blick auf die Verankerung der eigenen sozialen Positionierung besucht werden.
Innovationen
An ( das ) modernere Publikum wenden sich inzwischen mehrere Konzertveranstalter. Die Tonhalle-Gesellschaft Zürich zum Beispiel veranstaltet ein- bis zweimal im Jahr die «Tonhalle Late». Ganz zielgerichtet wird hier das Selbstverwirklichungsmilieu angesprochen: Werbung im Flyerstil, Konzertbeginn um 22 Uhr, alle Karten unnummeriert und zu einem erschwinglichen Einheitspreis, vor dem Konzert ein paar Worte zu den Werken ans Publikum, unkomplizierte Atmosphäre und anschliessend eine Party im Foyer.
Der Saal ist voll, ein frischer Wind weht. Wach und äusserst konzentriert wirken die jüngeren Konzertbesucher. Das Orchester und sein Chefdirigent David Zinman erscheinen gut gelaunt. Und für einmal hetzen weder Zuhörer noch Interpreten gleich nach dem Konzert zur Garderobe. Man trifft sich im Foyer, tauscht sich aus oder tanzt zu der nach dem Konzert gebotenen elektronischen Musik. Spätestens jetzt wird dem Besucher bewusst, dass Künstler aus dem Bereich der klassischen Musik keine Halbgötter sind. Das Publikum fühlt sich vom Veranstalter ernst genommen und in seinen Werten angesprochen.
Mrz
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Kino wider die Tabus
März 27, 2008 | Comments Off
KUNSTSCHAU Hamburg - Jens Ullheimer | PT Filmmuseum Wien |
Das österreichische Filmmuseum, Wien betrachtet bis zum 06. April 2008 mit “Kino wider die Tabus” die Zeit um 1968 durch ein spezielles Prisma: die filmische Darstellung sexueller Handlungen. Der Titel ist eine Hommage an Amos Vogels berühmtes Buch Film as a Subversive Art (1974), dessen deutsche Erstausgabe Kino wider die Tabus hieß.
Das Originalcover war geschmückt mit einem Bild aus Dušan Makavejevs “Skandalfilm” über den Psychoanalytiker und Sexualforscher Wilhelm Reich: WR - Mysterien des Organismus (1971). Reichs sexualpolitische Arbeiten hatten (vor allem in Europa) theoretische Grundlagen für die “sexuelle Revolution” geliefert - ein Zusammenhang, der zur Zeit, zwischen Reichs 50. Todestag und dem 40. Jahrestag des Mai ’68 wieder öfter beschworen wird.
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BUCH | Kino wider die Tabus
Ein viel zitierter Klassiker der Filmliteratur, ein Kompendium der Filme, die durch ungeschönte Darstellung von Sex, Gewalt, Tod und Geburt, durch Blasphemie und politische Radikalität, durch künstlerische Innovation und Rebellion gegen hergebrachte Ästhetik das Medium erweitert haben.
Vogel beschreibt anhand zahlloser Beispielfilme die drei “Waffen der Subversion”: Form, Inhalt und Bruch mit gängigen Tabus. Szenen, wie der auf dem Buchtitel abgebildete Augenschnitt aus Bunuels Ein andalusischer Hund von 1928 zählen noch heute zu den “schockierendsten Momenten des Weltkinos”. Doch der Band hat noch mehr aufzubieten in Sachen Überschreitung der Grenzen, brachen Filmemacher des subversiven Kinos doch bei der Darstellung von Tod, Sex, Gewalt oder Religion die üblichen Regeln.
Ein viel gelobtes Buch mit mehr als 300 Filmfotos und einem unverständlich eng gesetzten, den Lesefluss hemmenden zweispaltigen Seitenaufbau. Es führt in eine oft verstörende Welt — die des andersartigen, ungewöhnlichen, erschreckenden Kinos, wie man es normalerweise nicht allzu oft zu sehen bekommt, das aber allemal sehenswert ist.
( Joachim Hohwieler )
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Der Österreicher Amos Vogel, der so wie Reich 1939 in die USA emigrierte, vertritt in seinem Buch einen sehr offenen Ansatz. Das weite Spektrum der filmischen Tabubrüche, die er beschreibt, erfasst auch sämtliche Gattungen - Underground-, Dokumentar- und Propagandafilm ebenso wie Kunstkino oder Pornografie. Die Schau nimmt sich daran ein Beispiel: In der Auswahl von rund 40 Werken sind alle “Schichten” des Kinos repräsentiert, von Klassikern der Avantgarde über den Autorenfilm - Bertolucci, Oshima, Pasolini, Makavejev, Ken Russell - bis zum Sexploitation-Kino aus Japan, Frankreich und den USA. Dahinter steht die Skepsis gegenüber allzu klaren - ideologischen, moralischen, “geschmacklichen” - Grenzziehungen: So wie der soziale Wandel im Umgang mit Sex ist auch die Explosion der betreffenden Filme in den 1960er und 70er Jahren eine überaus vieldeutige Angelegenheit.
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VIDEO | Russ Meyer | 1965/66
Faster, Pussycat! Kill! Kill! trailer | Die Satansweiber von Tittfield
Regie: Russ Meyer, Drehbuch: Russ Meyer, James Moran, Kamera: Walter Schenk, Musik: Paul Sawtell, Bert Shefter, Schnitt: Russ Meyer, Produktion: Eve Productions, Produzent: Russ Meyer, Eve Meyer
Tura Satana (Varla), Haji (Rosie), Lori Williams (Billie), Sue Bernard (Linda), Stuart Lancaster (der alte Mann), Paul Trinka (Kirk), Dennis Busch (zurückgebliebener Sohn), Ray Barlow (Tommy), Michael Finn (Tankwart)
Nach einem heißen Auftritt vor einer schwitzenden Männermenge begeben sich die drei verwegenen Gogo-Tänzerinnen Varla, Rosie und Billie auf eine wilde Spritztour und tun alles, was man nicht darf - bis hin zu Kidnapping und Mord.

DVD | Russ Meyer Collection: Die Satansweiber von Tittfield
| kaufen bei amazon
| Format: Dolby, HiFi Sound, PAL
| Sprache: Deutsch (Dolby Digital 2.0)
| Region: Region 2
| Bildseitenformat: 4:3
| FSK: Freigegeben ab 16 Jahren
| Spieldauer: 80 Minuten
Der wohl bekannteste und berüchtigste Film aus der frühen Phase von Russ Meyer ist ein überaus rabiates Roadmovie, mit dem Meyer seinerzeit sein wohl größtes Publikum erreichte - vor allem in Deutschland und Frankreich. Zum Kult wurde “Die Satansweiber von Tittfield” aber nicht nur wegen der Sex- und Gewaltszenen, sondern vor allem wegen der dargestellten Pop-Art-Fantasie der dominanten Frauen, dargestellt von der legendären Tura Satana, Meyer-Regular Haji und einem waschechten Penthouse-Model. ( VideoWoche )
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Die relativ rasche Durchsetzung expliziter Sexualität als Teil der Alltagskultur bzw. ganz allgemein als “diskursfähiger” Materie bis tief in die Mittelklasse hinein verdankt sich einer doppelten Umwertung, die lange vor 1968 beginnt: Sex wird zur Ware und Sex wird zum “Problem”. Vor dem Hintergrund der wirtschaftlichen Prosperität in der Nachkriegsära und der Modernisierung sozialer Kontrolltechniken stellt sich die vielbeschworene “Befreiung” somit eher als eine sukzessive “Vermarktung” und “Politisierung” der Sexualität dar. Sex wird sichtbar und besprechbar als eine Frage von Macht, Wissen, Lust und Konsum.
Kino wider die Tabus
| Österreichisches Filmmuseum, Wien
| bis 06. April 2008
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Porno-Reflexion im Wiener Filmmuseum | Schließlich ficken sie
TAZ - Diedrich Diederichsen
Sodomie, Subversion und Underground-Sexfilme. Die Reihe “Kino wider die Tabus” im Wiener Filmmuseum zeigt, dass die Kunst des Tabubruchs in der Form liegt.
Der Tabubruch ist heute nicht mehr das, was er einmal war. Er ist weitgehend zu einer rein technischen Verrichtung und einer ziemlich dumpfen Legitimationsstrategie heruntergekommen. Ersteres im Glauben, dass in einer richtigen Öffentlichkeit nichts unenthüllt bleiben darf, Letzteres meistens als Versuch Rechter und Konservativer, sich einer wohlbeleumundeten Strategie der Aufklärung zu bedienen, um ihr trübes Restaurations- und Diskriminierungsgeschäft zu betreiben. Die ehrgeizige Filmreihe “Kino wider die Tabus” im Wiener Filmmuseum verfolgt ganz andere Ziele und bezieht sich auf eine andere Zeit.
Dabei verbeugt sich das Unternehmen auch vor dem Lebenswerk eines großen Wiener Cineasten. Amos Vogel, Jahrgang 1921, floh vor den Nazis 1938 nach New York. Seit 1947 ist er als Kinobesitzer, Autor und Aktivist im Dienste des Experimental- und Undergroundfilm auffällig. Sein enzyklopädisches Standardwerk “Film As Subversive Art” von 1974 wurde zunächst unter dem Titel “Kino wider die Tabus” auf Deutsch veröffentlicht. An diesem Werk orientiert sich die Reihe, konzentriert sich aber auf die Filme, die in erster Linie sexuelle Tabus gebrochen haben, und unter diesen wiederum auf die Jahre 1963 bis 1976.
Meine große Konstante dieser Retro ist der unerwartete Zusammenhang zwischen Sexkino und psychedelischer Synthesizermusik. Bei mehr als der Hälfte der Filme schwelgen, schwirren und sirren die Töne großer analoger Monster durch die Chateaus, Beach-Häuser und City-Appartments, in denen hier gevögelt wird. Kein Porno-Funk, kein Schnauzbart-Disco, kein Ficker-Techno, sondern beatlose Kathedralen.
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Kino wider die Tabus
| Österreichisches Filmmuseum, Wien
| bis 06. April 2008
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Félix Vallotton. Idylle am Abgrund
März 14, 2008 | Comments Off
KUNSTSCHAU Hamburg - Jens Ullheimer | PT Kunsthalle Hamburg |
Bis zum 18. Mai 2008 zeigt die Hamburger Kunsthalle den kühlen Beobachter bürgerlicher Doppelmoral, dessen Werke bereits Elemente aus dem Surrealismus, der Neuen Sachlichkeit und der Metaphysischen Malerei vorwegnehmen.
Die Ausstellung Félix Vallotton. Idylle am Abgrund entstand in Kooperation mit dem Kunsthaus Zürich. Der Züricher Ausstellung der Malerei wurde in Hamburg eine Graphikauswahl hinzugefügt. Die Schau versammelt damit mehr als 70 Gemälde, über 50 Holzschnitte sowie Plakate, Bücher, Illustrationen und Vignetten dieses faszinierenden und in Deutschland zu unrecht wenig bekannten Künstlers.
Bizarre Posen, verschämte Umarmungen, schweigende Interieurs, beredte Schatten - Félix Vallottons Kunst ist von beißendem Sarkasmus und schwarzem Humor durchdrungen und machte ihn zu einem international beachteten Avantgardisten der Moderne. Vallottons Bilder verstören, entblößen, fesseln den Blick – heute wie schon 1909, als zu seiner ersten Einzelausstellung im Kunsthaus Zürich Jugendlichen der Zutritt verwehrt wurde, weil man die Akte als anstößig empfand.
Vallottons Akte und Interieurmotive handeln von Entblößungen und Ehebruch, hinter schweren Gardinen verborgen, umgeben von Nippes und Tand: Vallottons Figuren sind in ein engmaschiges Netz aus Betrug und Bedrängnis eingesponnen. Stilistisch irritieren Vallottons Arbeiten dabei durch ihre Künstlichkeit: Stillleben aus intensiven Farbfeldern, leere Landschaften mit markigen Hell-Dunkel-Kontrasten oder Portraits von eigenwilliger Härte.
Seine Aktdarstellungen sind in ihrer unterkühlten Erotik und sachlich-realistischen Malweise von überraschender Modernität. Der offenkundige Zwiespalt zwischen Trieb und Moral, das komplexe Stimmungsgeflecht aus Distanz und Nähe sprengte für Vallottons Zeitgenossen oftmals die Grenze des Erträglichen. Geradezu psychoanalytisch untersucht er seine Aktmodelle, ungeschönt, mit schielendem Blick, unterschiedlich geformten Brüsten und tiefem Haaransatz.
In Lausanne 1865 geboren, studierte Vallotton (1865-1925) in Paris im Kreis der Künstlergruppe Nabis, zu der auch Edouard Vuillard und Pierre Bonnard gehörten. Er arbeitete als Illustrator und Journalist, schrieb Theaterstücke, die – genau wie seine Bilder – provozierten und bürgerliche Konventionen hinterfragen. Der offenkundige Zwiespalt zwischen Trieb und Moral, das komplexe Stimmungsgeflecht aus Distanz und Nähe sprengte für Vallottons Zeitgenossen oftmals die Grenze des Erträglichen.
Félix Vallotton. Idylle am Abgrund
| Hamburger Kunsthalle
| bis 18. Mai 2008
Ambitioniertes Vallotton-Online-Special
des Kunsthauses Zürich
anlässlich der am 13.1.2008 beendeten Ausstellung
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Félix Vallotton. Idylle am Abgrund
| Leinenband
| mit Schutzumschlag
| 192 Seiten,
| 91 farbige und
| 10 sw Abbildungen
| 22 cm x 27 cm
Der Künstler Félix Vallotton (1865–1925) war ein intelligenter Beobachter seiner Zeit. In Lausanne geboren, studierte er ab 1882 in Paris im Kreis der Künstlergruppe «Nabis», schrieb Theaterstücke und arbeitete als Illustrator für avantgardistische Zeitschriften. Schamvoll und schamlos waren seine Entblössungen, die Maskerade der porträtierten Modelle nicht selten befremdlich.
Durch ironische und gesellschaftskritische Themen setzte sich Vallotton von seinen Zeitgenossen ab: Weder scheute er karikierende Anspielungen, noch wahrte er den Schein der bürgerlichen Idylle. Seine Kunst war indiskret und bisweilen von schwarzem Humor und beißendem Sarkasmus durchzogen. Die merkwürdigen Pointierungen machten Vallotton zu einem international beachteten Avantgardisten am Beginn der Moderne.
Der reich bebilderte Katalog fokussiert auf Vallottons malerisches Werk aus allen Schaffensphasen und Gattungen. Die Autoren spüren in Essays und detaillierten Bildbeschreibungen den eigenwilligen Bildfindungen des Künstlers nach und gehen der irritierenden Künstlichkeit auf den Grund, die seine Gemälde prägen.
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PRESSESPIEGEL
zu den Austellungen in Zürich und Hamburg
Dieses leidenschaftliche Beobachten
NZZ - Maria Becker
Die Ausstellung zu Vallottons Werk im Kunsthaus Zürich ist nicht als Retrospektive angelegt. Es wurde vielmehr eine Auswahl getroffen, die eine subjektive Sicht auf den Schweizer Künstler nahelegt. Einige der 90 ausgestellten Bilder provozierten vor hundert Jahren Kontroversen und werfen noch heute Fragen zur Persönlichkeit des Malers auf.
«Lebenslang bin ich der gewesen, der hinter einer Glasscheibe steht und zuschaut, wie draussen gelebt wird, und nicht mit dabei ist.»
Die Distanz zum Leben ist ein Grundmotiv in Vallottons Dasein und in allen Phasen seiner Kunst präsent. Zwei Selbstporträts in der Ausstellung, eines des Zwanzigjährigen, das andere ein Bild des etablierten Künstlers in reifen Jahren, zeigen dies: Beide blicken nur verhalten und von schräg von der Seite zum Betrachter, so, als könne der Maler das, was er sieht, nur scheu aus den Augenwinkeln betrachten. Doch es scheint, dass der scheue Blick nicht etwa ein weniger scharfer war – im Gegenteil. Das, was man nicht direkt anzuschauen wagt, wird umso schärfer beobachtet. Vallottons Selbstporträts offenbaren den Blick des Voyeurs.

Nur wer so aus der sicheren Distanz beobachtet, kann die Gegenstände des Begehrens kontrollieren. Es ist ein bisschen wie beim alten Degas, der das Treiben der Bordelle als unbeteiligter Aufzeichner wiedergibt und doch mittendrin ist. Vallottons Akte, die so ungeschönt die Verwerfungen des Fleisches und die kleinen Plumpheiten des weiblichen Körpers abbilden, scheinen kühl und eindringlich zugleich, präzise Studien von Farbe, Plastik und Taktilität. Manchmal sind sie losgelöst vom individuellen Modell; ein einzelnes Hinterteil, ein Arrangement von Rücken wird zum bildfüllenden Motiv. 
Andere Darstellungen sind so persönlich, dass man den Atem und den Duft der Haut zu spüren scheint, wie bei der blonden Dame, die eben gerade dabei ist, ihre Brüste zu entblössen, und ihren eleganten Hut noch nicht abgenommen hat («Le chapeau violet», 1907).
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Liebende Schonungslosigkeit
ZEIT online - Karin Geil
Kaum ein Maler changiert in seinem Werk so zwischen Anziehung und Abstoßung wie Félix Vallotton. Die Hamburger Kunsthalle würdigt den Schweizer Visionär und Wegbereiter der neuen Sachlichkeit nun in einer Ausstellung.
Vallotton hatte viele Gönner und Bewunderer, zu denen auch Frauen gehörten. Die Künstlerin und Schriftstellerin Louise Hervieu schwärmte 1919 in einem Aufsatz:
“Frauen, kleine und große, Ihr werdet ihn lieben können, denn er wird Euch alle geliebt haben in Eurer anrührenden Menschlichkeit, die Mageren, die Dicken, die Brünetten, die Blonden, die ‘Negerinnen’. Die Sorgfalt, die er aufwendet, um die Krümmungen Eurer Körper zu studieren, ohne die amüsanten Fehler zu vergessen: zu dürre Arme oder kleine aufgeblähte Bäuche, zu große Polster, dies macht ihn zu Eurem beflissensten Freund.”
Und an Vallotton selbst schrieb sie:
“Man wirft Ihnen bisweilen Kälte vor. Aber dieses leidenschaftliche Beobachten: Ist das nicht Liebe, Liebe, die sich verdichtet und sammelt, um besser umarmen zu können - und sich nie stillt?”
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Klinische Anmut
DEUTSCHLANDRADIO Kultur - Christian Gampert
Synthetisch, in ihrer Klarheit und Ungeschminktheit fast brutal, so erscheinen die Porträts und Landschaftsmalereien des Schweizer Künstlers Félix Vallotton. Als Vertreter der klassischen Moderne ist er in Deutschland weitgehend unbekannt. In der Schweiz - der Villa Flora in Winterthur und im Züricher Kunsthaus - sind eine Auswahl seiner Malereien und Grafiken zu sehen.
Félix Vallotton, am Genfer See geboren, 1882 als 17-Jähriger nach Paris ausgewandert, ist wahrscheinlich einer der unterschätztesten Künstler der klassischen Moderne. Daß man ihn in Deutschland nur unwillig rezipiert hat, liegt vor allem an dem 1915 erschienenen Holzschnitt-Zyklus “C’est la guerre”, der zwar den Weltkrieg geißelt, dabei aber vor allem die deutschen Barbaren im Auge hatte. Von der Druckgrafik kommt er her, den scharfen Linien und radikalen Flächen - sarkastische Stilmittel, die ab 1900 in seiner Malerei dann zu einer kalten Lakonie weiterentwickelt wurden.
Vallotton leiht sich, bei dogmatischer Ablehnung alles Impressionistischen, Elemente diverser Schulen aus oder nimmt sie vorweg, vom Jugendstil bis zum Hyperrealismus. Klassizismus, Fotografie, neue Sachlichkeit - alles kann man bei ihm sehen, das Verschwimmen zur Abstraktion wie beim späten Hodler in den Landschaften oder die nüchtern gehaltene Depression wie bei Edward Hopper.
DEUTSCHLANDRADIO - Beitrag lesen
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Es wird etwas passieren
FR online - Sylvia Staude
Das Unangenehme und Starke, die lebenspralle Düsternis, die Ahnung eines Geheimnisses, sie haben ihren Ursprung im Subtext, der allen Bildern gleichsam eingeschrieben ist, selbst wenn es sich “nur” um Stillleben oder Landschaften handelt. Irgendetwas ist bereits passiert oder wird gleich passieren.
Der Himmel über der Strandpromenade ist gewitterdunkel, der Wind bläst eine Staubfontäne hoch oder biegt die Bäume krumm, die über dem Meer untergehende Sonne findet keinen Widerschein im schwarzen Tang. Am unheimlichsten aber ist “Der Teich” (1909), eine fast schwarze, dicht von Algen eingefasste Fläche, auf der sich am rechten Bildrand das Wasser kräuselt. Die Stimmung ist so, dass man sich keinen unschuldigen Grund für dieses Kräuseln vorstellen kann: Hier kommt bestimmt gerade ein Ungeheuer hoch.
Zumindest zeitweise scheint Vallotton an Depressionen gelitten zu haben. “Der Schwierige” nennt ihn Werner Weber in seinem Nachwort zum Roman “Das mörderische Leben”. Félix Vallotton, der Vieltalentierte, hat sich auch als Schriftsteller betätigt, sein 1907/08 geschriebenes, aber erst postum erschienenes “mörderisches Leben” ist ein bestürzender Text. Mit eigentümlicher Lakonie und Ironie - die gibt es auch in seinen Bildern - erzählt ein junger Mann (ein Kunstkritiker!) darin, welche Ereignisse ihn zum Selbstmord getrieben haben. Freunde, Bekannte und zuletzt die Geliebte kommen durch etwas ums Leben, was er tut oder unterlässt, obwohl es ihm fern liegt, sie umbringen zu wollen. Als verfluchter Pechvogel sieht er sich - und bemitleidet sich selbst am meisten.
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ROMAN | Das mörderische Leben
Von Félix Vallotton
Aus dem Französischen neu übersetzt und mit einem Nachwort versehen
von Werner Weber
| 260 Seiten
| 7 sw Abbildungen
| 12.5 x 20.5 cm
| Leinen mit Schutzumschlag
«Das Modell stand auf einem ziemlich hohen Tisch. Um von da herunterzukommen, war eine Hilfe nötig. Ich bemerkte, dass sich das Mädchen danach umsah. Ich war in der Nähe. Einer doch wohl verständlichen Regung folgend, streckte ich ihr die Hand hin. Ihre schönen, sanften Augen dankten mir mit einem bezaubernden Zwinkern, aber aus Unachtsamkeit verfehlte sie die Hand. Ich versuchte, ihr beizuspringen, und verfehlte sie nun meinerseits – kurz, sie stürzte so scheußlich, daß ihr armer nackter Körper voll auf den rotglühenden Ofen aufschlug. Sie stieß einen fürchterlichen Schrei aus…»
Unter den Dichtungen, die der große Graphiker und Maler Félix Vallotton hinterlassen hat, ragt der Roman «Das mörderische Leben» – «La Vie meurtrière» – als ein tiefgründiges Lebensbild hervor; Schuld, Leiden und Liebe eines jungen Mannes zwischen zwei Frauen kommen darin unter schicksalsvollen Fügungen ans Licht. Glück heißt das Ziel, das alle suchen, und auf dieser Suche werden sie das Unglück nicht los - mörderisches Leben.
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Der Fremde der Moderne
NZZ - Gerhard Mack
Félix Vallotton fasziniert mit seinen Bildern ambivalenter Räume und Figuren bis heute. Ausstellungen in Zürich und Winterthur zeigen ein überraschendes Bild des Schweizer Malers.
Er beobachtet so unsentimental schonungslos, dass eine Gertude Stein sein Porträt von ihr nie fotografieren liess, Picassos bekanntes Werk hingegen stolz den Besuchern vorführte. Er malt bürgerliche Interieurs als Schauplätze verschwiegener Handlungen, und seine Stillleben sind bei aller Präzision so künstlich, dass sie nicht das Vergehen der Zeit, sondern ihren Stillstand zeigen. Vallotton ist trotz seiner Zugehörigkeit zur Künstlergruppe der Nabis in der Kunst der Moderne der Fremde schlechthin, der die Menschen und Dinge in der Farbe tiefgefriert, bis sie selbst da unberührbar sind, wo ein weibliches Gesäss bis zur Orangenhaut belebt ist.
Der Zwischenraum der Blicke ist leer und kalt. In ihm vereisen die Bilder, Gedanken und Gefühle, aus ihm können auch Figuren aufscheinen, welche die Grenze zu Kitsch und Peinlichkeit ohne jede Eleganz überschreiten. Sie stellen dadurch die Distanz her, die der Maler braucht, um die Welt so nah und unberührbar darzustellen, wie sie jenseits der Zeit nur erscheinen kann.
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Félix Vallotton in der Villa Flora, Schweiz
Die ab 1908 von Arthur und Hedy Hahnloser aufgebaute Vallotton-Sammlung umfasst alle von ihm behandelten Gattungen: Interieurs, die als Bühne für vieldeutige Rollenspiele dienen; Stillleben mit ihren Andeutungen von Vergänglichkeit; Parisbilder, die nicht nur die glänzende Entwicklung der modernen Großstadt, sondern auch ihre Kehrseite vor Augen führen; Landschaften, Porträts, Akte und mythologische Szenen, in denen Vallotton die Geschichten aus der Antike als modernen Geschlechterkampf interpretiert. Einen Höhepunkt bildet ‘La Blanche et la Noire’ – das vielschichtigste und in der spannungsvollen Konfrontation eines weißen Aktes mit einer schwarzen Frau auch das provozierendste Werk der Ausstellung.
Felix Vallotton
La Blanche et la Noire, 1913
Öl auf Leinwand, 114 x 147 cm
Hahnloser/ Jäggli Stiftung
Villa Flora Winterthur
Fotografie: Reto Pedrini, Zürich
Die Schwarze stellt Vallotton nicht mehr im hierarchischen Gefälle zur weißen Frau als Dienerin dar, wie dies im 19. Jahrhundert vor allem in der Orientmalerei üblich war, sondern als starke Frau, die durch das freche Attribut der brennenden Zigarette als emanzipierte, moderne Pariserin charakterisiert wird. Mit den für ihn charakteristischen ironischen Brechungen belässt Vallotton der Bildaussage bei allen kunsthistorischen und gesellschaftspolitischen Bezügen ihre Offenheit und Vieldeutigkeit.
Félix Vallotton in der Villa Flora, Schweiz
| bis 28. September 2008
KATALOG kaufen bei amazon
| 136 Seiten
| 55 farbige und
| 15 sw Abbildungen
| 23 x 28 cm
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Félix Vallotton. Idylle am Abgrund
| Hamburger Kunsthalle
| bis 18. Mai 2008
Ambitioniertes Vallotton-Online-Special
des Kunsthauses Zürich
anlässlich der am 13.1.2008 beendeten Ausstellung
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Maurizio Cattelan
März 7, 2008 | Comments Off
KUNSTSCHAU Hamburg - Jens Ullheimer | PT Kunsthaus Bregenz |
Der Tod ist das große Thema der Cattelan-Schau im Kunsthaus Bregenz. Bis zum 24. März 2008 lässt sich Maurizio Cattelan erstmalig auf die Inszenierung einer gesamten Architektur als Teil seiner Werke ein. Durch wenige räumliche Eingriffe und mit drei speziell für Bregenz geschaffenen neuen Werkgruppen transformiert er das Haus in eine Grabkammer, die das auratische Potenzial des Gebäudes zum Grenzgang zwischen Betroffenheit und ironischer Distanz transformiert.
Wie immer möchte Cattelan im Vorfeld nicht zu viel über seine Ausstellung verraten, sehr wohl möchte er sein Werk aber irgendwo zwischen »Sanftheit und Perversität« angesiedelt sehen.
»Die Ausstellung sollte zart, tröstlich und verführerisch sein, aber auch etwas Verdorbenes, Verqueres und Verbrauchtes haben.« Cattelan
Der wie von Gottes Hand durch einen Meteoriten zu Fall gebrachte Papst (»La Nona Ora«, 1999), eine hilflos an einer Garderobe hängende Miniaturausgabe des Künstlers im Beuys’schen Filzanzug (»La Rivoluzione Siamo Noi«, 2000) oder der durch den Fußboden eines Museums in den Kunsttempel eindringende Künstler (»Ohne Titel«, 2001) – immer treibt Maurizio Cattelan in einer Mischung aus Don Camillo, Pinocchio und Hofnarr seine bildlichen Formulierungen so auf die Spitze, dass der realistische Schein eingeübter Konventionen der Gesellschaft und des Kunstbetriebs ins Absurde und Lächerliche kippt.
Eher theatralisch und ephemer in den Handlungen, Objekten und räumlichen Inszenierungen, aber mit ironischer Raffinesse und unerwarteten Brechungen ist dem Künstler kein Tabu zu schade, um dessen Falschheit zu entlarven.
Maurizio Cattelan,
1960 in der norditalienischen Universitätsstadt Padua geboren, begann seine Karriere in den 1980er-Jahren mit dem Entwurf von antifunktionalen Designobjekten, bevor er sich entschied, in der Kunstwelt zu arbeiten, die er nach eigenem Bekunden »viel verlockender« fand. Seitdem ist Cattelan ein international gefragter Künstler geworden, obwohl er stets von sich behauptet hat, keiner zu sein. Aber ohne Widersprüche, Provokationen, ohne das Nebeneinander verschiedener Wahrheiten wäre sein Werk nicht das, was es ist. Diese Strategie, gepaart mit einer Bildmächtigkeit, die sich in unsere Erinnerung eingräbt, hat seinen Aktionen und Objekten den Weg in die wichtigsten internationalen Ausstellungshäuser geebnet und zu Beteiligungen an zahlreichen bedeutenden Gruppenausstellungen und Biennalen geführt.
Seit Maurizio Cattelan 1993 nach New York übersiedelt ist, lebt und arbeitet er wechselweise dort und in Mailand. Genauer gesagt arbeitet er,da er kein Studio besitzt, in situ, denn Ausstellungen bieten ihm genau die Herausforderung, neue Arbeiten zu »finden« und anschließend, ohne selbst Hand anzulegen, von anderen produzieren zu lassen. In diesem Sinn ist er ganz der Urenkel eines Marcel Duchamp. Anders als dieser jedoch bezieht er die Idee des Readymades nicht auf die Auswahl und Benutzung vorgefundener Objekte, die zu Kunstwerken erklärt werden, sondern sieht vielmehr die erlebte Realität in ihrer unversöhnlichen, oft absurden Widersprüchlichkeit als großes Readymade an, das er wie einen Steinbruch nutzt.
»Wir können täglich im Fernsehen auf eine philosophische Idee stoßen.« (Cattelan)
So greift er zum Beispiel auf seine eigene Biografie zurück und koppelt diese mit einem italienischen Lebensgefühl, das ständig zwischen Banalität, extremer Gläubigkeit und Heiligenverehrung schwankt. Und er findet seine Themen im überhitzten Gebaren und in den Ritualen des Kunstbetriebs sowie in den sozialen und politischen Brüchen der Gesellschaft.
Stil bedeutet für Cattelan nicht mehr als eine bestimmte künstlerische Haltung, die sich in verschiedene Medien, Sprachformen und visuelle Lösungen übersetzen lässt. Jemand, der wie er ironische Distanz zum Grundprinzip seines Handelns gemacht hat, muss auf Flexibilität, niemals auf ein vorherzusehendes Endresultat setzen. Sollte das einmal nicht reichen, stiehlt er auch schon mal die Ideen seiner Kollegen oder eine ganze Ausstellung.
Bei aller Vielfalt der Ideen und Werke gibt es zwei grundlegende Arbeitsprinzipien. Maurizio Cattelan unterscheidet zwischen Arbeiten, die als Idee oder Projekt funktionieren, wie zum Beispiel die Fußballerinnerungswand für London, auf der die Ergebnisse aller von der englischen Nationalmannschaft verlorenen Spiele eingraviert sind, oder die Figur mit Picasso-Maske, welche die Besucher vor dem Eingang des MoMA in New York begrüßte, und jenen Arbeiten, die in erinnerungsmächtige Bilder transformiert werden. Dazu gehören Werke wie »Novecento« von 1997, das ein von der Decke hängendes Pferd zeigt, oder »Him« (2001) mit Hitler als bußfertigem kniendem Knaben.
Es ist dieser tragisch komische Grundton in seinem Werk, in dem Humor und Demut gleichermaßen ihren Platz haben, der die starken, manchmal auch bedrückenden Gefühle in uns auslöst, besonders wenn Cattelan sich bei aller Vielfalt immer wieder einem zentralen Motiv widmet: dem Tod. Hier ist der Künstler seinen familiären und nationalen Wurzeln ganz nah. Denn im Tod findet sich laut Francesco Bonami »der allerletzte Augenblick pathetischer Vertrautheit, die radikalste Art, sich der öffentlichen Verantwortung zu entziehen«.
Maurizio Cattelan
| Kunsthaus Bregenz, Österreich
| bis 24. März 2008
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Ein Meister des Schlags mit der Handkante
TAGESANZEIGER - Barbara Basting
Sein von einem Meteoriten erschlagener Papst machte ihn berühmt. Nun überrascht Maurizio Cattelan im Kunsthaus Bregenz aufs Neue. Cattelan, der Unberechenbare, der mit dem Kunstbetrieb geschickt zeuselt und sogar als Kokurator der Berlin-Biennale 2006 sein subversives Image pflegte, Cattelan, der 1960 in Padua geborene Superstar, der sein Ziel, nämlich durch Kunst seiner Unterschichtherkunft zu entfliehen, übererfüllt hat, ist nun zu Gast im Kunsthaus Bregenz.
Dessen Direktor Eckhart Schneider konfrontiert gerne besonders erfolgreiche Künstler mit den Herausforderungen des Zumthor-Baus als eine Art letzten Härtetest. Das Motiv von Plakat und Einladungskarte, die von Cattelans Präsenz künden und ein quasi in den Raum ausserhalb des Museums verlängerter Teil seiner Ausstellung sind, wecken düstere Assoziationen an Nazi-Filmplakate.
Eine grosse Faust dräut über dem finsteren Himmel, der Daumen ist nach unten gedrückt, weist zugleich auf ein Feuerinferno. Man erkennt die Skyline einer Stadt, die teils an London, teils an Bregenz erinnert. Unter den Bauten, das will etwas heissen, das schon zum Teil zerstörte, an Stahlgerippe von Ground Zero erinnernde Kunsthaus. «Bregenz» steht in roter geschwungener Schrift auf dem Plakat. Ein Menetekel. Angeblich ohne zu wissen, dass Bregenz noch kurz vor Ende des 2. Weltkrieges irrtümlich massiv bombardiert wurde, setzt Cattelan hier einen ersten provokanten Kontrapunkt zur glatten ästhetischen Perfektion des Museums. Und zugleich hat er mit feinem Gespür die in Österreich noch immer, in manchmal nur sehr kleinen ästhetischen Details wie Schriftzügen sichtbaren faschistoiden Reste entdeckt und herausvergrössert.
Besonders perfid, dass das Motiv im Bregenzer Stadtraum an Plakatsäulen nun wie ein irritierender Zeitsprung wirkt.
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Die Lust an der List
ZEIT online - Petra Kipphoff
Im ersten Stock erwarten den Besucher zwei ausgestopfte Labrador-Hunde, zwischen denen ein Küken sitzt. Der eine Hund hat den gläsernen Blick auf den ankommenden Besucher gerichtet, der andere schaut in die Richtung des Durchgangs, der zum zweiten Stock führt.
Dort liegen neun Tote nebeneinander, alle eingehüllt in Tücher aus Marmor. Dachte man bei den Hunden an Zitate aus dem naturhistorischen Museum, so wird man hier an eine barocke Krypta erinnert, an den Faltenwurf von Bernini.
Der Gang in den dritten Stock gerät gleich auf der untersten Stufe ins Stocken. Denn oben ist der Durchgang versperrt mit einer weiß lackierten Wohnungstür. Im Türrahmen hängt eine Frau im weißen Hemd mit durchgestreckten Armen. Kreuzigung oder Morgengymnastik? Nur zögernd geht man die Stufen hinauf, das Treppengeländer hat Cattelan abmontieren lassen.
Mit der Bregenzer Ausstellung, die, auf einen Nenner gebracht, vom Tod handelt und das Haus zu einer Art von Mausoleum macht, hat sich Cattelan auf eine neue Ebene begeben. Statt eine verblüffende Solonummer zu liefern, wagt er eine minimalistische Inszenierung. Die Provokation liegt nicht in einer real grotesken Figur oder dem von Cattelan immer gern exekutierten Wanddurchbruch, sondern darin, dass er den Riesenraum kühn ignoriert. 500 Quadratmeter für zwei Hunde und ein Küken, so viel Platz war nie! Ein anderer Künstler hätte ihn rasch und begeistert voll gestellt.
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DVD | ART SAFARI:
Kunst als Abenteuer (2 DVDs)
43. Adolf-Grimme-Preis 2007:
Sonderpreis “Kultur des Landes NRW” für Buch und Regie
Regisseur: Ben Lewis
DVD-Ausstattung:
| Format: Dolby, HiFi Sound, PAL
| Anzahl Disks: 2
| DVD 5 PAL, codefree
| Länge : 6 x 26 Min.
| Bild : 16:9 | Ton : Stereo
| Sprache : deutsche Fassung und Originalfassung
| Extras : Biografien zu den Künstlern und deren Werk
ART SAFARI:
Der Name ist Programm. Mit Ben Lewis, Kunstfreak und preisgekröntem Regisseur und Autor, begibt sich diese Reihe auf Großwildjagd in den Dschungel der zeitgenössischen Kunst und entdeckt ungewöhnliche Seiten an ebenso herausragenden wie umstrittenen Künstlern aus aller Welt.
VIDEO | Ausschnitt aus Art Safari
Lehrreich, aber nicht belehrend, witzig, aber nicht seicht, spürt Lewis unter anderem dem italienischen Bildhauer Maurizio Cattelan nach, der französischen Foto- und Aktionskünstlerin Sophie Calle, »Cremaster« Matthew Barney, dem spanischen Polit-Art-Provokateur Santiago Sierra, dem deutschen Biennale-Star Gregor Schneider sowie einem der wohl wildesten Künstler, den die Welt je gesehen hat, dem Belgier Wim Delvoye mit seinen tätowierten Schweinen.
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Maurizio Cattelan
| Kunsthaus Bregenz, Österreich
| bis 24. März 2008
Mrz
7
Studentenbaby
März 7, 2008 | Comments Off
KUNSTSCHAU Hamburg - Jens Ullheimer | PT Studentenbaby, Hamburg |
Sie träumen von einem Kind - Wir haben die Lösung!
studentenbaby.de ist eine Gruppe von Studierenden aus Hamburg, die im Rahmen einer künstlerischen Aktion eine Plattform geschaffen haben, um studentische Leihmütter und Samenspender zu vermitteln. So soll eine Alternative zu den Studienkrediten und damit zu einer frühen Abhängigkeit der Studierenden von halbstaatlichen Finanzquellen geboten werden.
„Der Staat, in dem der Reichtum der Eltern über die Zukunft des Kindes entscheidet ist für uns menschenunwürdig!“ (www.studentenbaby.de)
Unter dem Leitgedanken „Kind gegen Studiengebühr“ stellen sich auf studentenbaby.de Studierende als Leihmütter und Samenspender zur Verfügung, um auf diesem Weg gegen die Einschränkung der Bildungsfreiheit in Deutschland zu protestieren und sich ihr Studium zu finanzieren. Kunden haben hier nicht nur die Möglichkeit, für 500 € ein Studentenbaby mit den Erbanlagen Ihres Lieblingsstudierenden zu erwerben, sondern sichern so zusätzlich einem jungen Menschen seine akademische Zukunft.
studentenbaby.de garantiert eine reibungslose Kontaktvermittlung, professionelle medizinische Betreuung von Kunden und Studierenden und eine verantwortungsvolle Begleitung des Studentenbabys bis zu seiner Geburt Wir schenken Leben. Schenken Sie Zukunft.
studentenbaby.de versteht sich als Protest gegen die Studiengebühren, die nicht zu einer Verbesserung der Lehre führen, sondern nur zu einer Umverteilung der Finanzen. Dies führt auf lange Sicht zu einer Verringerung staatlicher Bildungssubventionen, zur Herausbildung von Unternehmensstrukturen an Universitäten und Hochschulen und letztlich zu einer von wirtschaftlicher Seite geforderten Erhöhung der Gebühren, wie sie in anderen Ländern seit längerer Zeit Realität ist.
Der künstlerische Protest richtet sich gegen die Materialisierung von Bildung, der auf diesem Wege die Materialisierung von Körper und Erbgut entgegen gesetzt wird.
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Mit Absicht unter die Gürtellinie
TAZ - Florian Zinnecker
Geschmacklos, aber politisch: Eine Gruppe Hamburger Kunst- und Theaterstudierender bietet sich im Internet als Leihmütter und Samenspender an - im Tausch gegen einen Satz Semestergebühren. Das ist illegal und will als künstlerischer Protest gegen die “Materialisierung von Bildung” verstanden werden.
Andere gehen auf die Straße oder überweisen einfach nicht. Beides haben die Studierenden der Hamburger Kunsthochschule und der Hochschule für Musik und Theater längst hinter sich - erfolglos. Ihr Protest gegen Studiengebühren geht seit drei Wochen einen Schritt weiter - und überschreitet, so meinen viele, auch die Grenzen des guten Geschmacks: Mit Foto und Steckbrief auf der eigens gegründeten Online-Plattform studentenbaby.de bieten sich Studentinnen als Leihmütter an. Etwa Carla, 21: Umfangsmaße 84-67-88, Abischnitt 2,0, Sozialmilieu: Mittelstand. Ihre männlichen Kommilitonen verhökern währenddessen Sperma - darunter Daniel, 21: Blutgruppe A, IQ 142, soziales Umfeld stabil.
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Mrz
5
Impressionistinnen
März 5, 2008 | Comments Off
KUNSTSCHAU Hamburg - Jens Ullheimer | PT Schirn, Frankfurt |
Die Frankfurter Ausstellung wird bis zum 01. Juni 2008 mit 150 Werken aus vielen internationalen Museen und Privatsammlungen am Beispiel der vier Malerinnen Berthe Morisot, Mary Cassatt, Eva Gonzalès und Marie Bracquemond den weiblichen Anteil an der impressionistischen Bewegung präsentieren.
Berthe Morisot, erfolgreiche und geschätzte Kollegin, Freundin und Modell von Manet, wird von zeitgenössischen Kritikern wegen ihres lockeren Pinselstrichs als die „impressionistischste unter den Impressionisten“ hoch gelobt. Die Amerikanerin Mary Cassatt entwickelt in Paris und durch den engen Kontakt mit Degas ihren unverwechselbaren Stil. Eva Gonzalès hat als Schülerin von Manet ein qualitätvolles, durch ihren frühen Tod jedoch weniger umfangreiches OEuvre hinterlassen. Marie Bracquemond stellt mit den Impressionisten aus, gerät aber in Konkurrenz zu dem Werk ihres Mannes Félix Bracquemond und gibt die Malerei schließlich auf.
Die vier Namen stehen exemplarisch für die Tatsache, dass in jener sowohl künstlerisch als auch gesellschaftspolitisch bewegten Epoche (ca. 1865–1895) wesentlich mehr Künstlerinnen aktiv waren und auf höchstem Niveau malten, zeichneten, radierten und bildhauerten, als uns allgemein gegenwärtig ist. Der Impressionismus war mehr als andere Strömungen geeignet, auch Künstlerinnen in seinen Kreis aufzunehmen. So wurde von zeitgenössischen Kritikern die Malerei der Impressionisten – der männlichen und der weiblichen – als explizit „feminin“ betrachtet: in den Themen – Alltagsszenen, Frauenporträts, Mutter-Kind-Darstellungen, Gärten, Interieurs, Still-leben etc. – wie in den kleineren Formaten der Bilder, die für eine neue bürgerliche Käuferschicht bestimmt waren.
Auch der impressionistische Stil mit seiner Hervorhebung der Lichteffekte, seinen delikaten Oberflächen, der häufigen Verwendung von Weiß, dem offenen Pinselstrich und der Skizzenhaftigkeit der Ausführung wurde als weiblich angesehen, im Positiven wie im Negativen. 1896, als nach Morisots Tod posthum eine Retrospektive zu ihrem Werk stattfand, bezeichnete der Kritiker Camille Mauclair in einem Rückblick den Impressionismus insgesamt als „feminine Kunst“ und beschrieb Morisot sogar als die einzig wahre Protagonistin dieses Stils.
Angesichts der Schwierigkeiten, Vorurteile, Verbote und des limitierten Aktionsradius, mit denen Frauen des Bürgertums im 19. Jahrhundert konfrontiert waren, wird deutlich, mit wie viel Durchsetzungsvermögen und Selbstvertrauen in das eigene Talent sich die vier Malerinnen eine Stellung in der Geschichte der modernen Malerei erkämpft haben. Während sie zu Lebzeiten in den avanciertesten Pariser Künstlerkreisen verkehrten und von Kollegen und Kritikern durchaus respektiert wurden, gerieten sie später in Vergessenheit.
Ab ca. 1900 nämlich wurde die Geschichte der modernen Kunst und des Impressionismus von einer Generation von Kunst-historikern geprägt, die dem Impressionismus zwar zu Ruhm verhalfen, den weiblichen Anteil an der Bewegung jedoch weitgehend ausklammerten. Lediglich das Werk der Amerikanerin Cassatt erfuhr von Beginn an eine andere Rezeption, zu der auch der starke amerikanische Markt beitrug. Obwohl seit den 1970er-Jahren Genderforschung und Kunstgeschichte das Bild teilweise zurechtgerückt haben hat und die Werke von Morisot und Cassatt in den größten internationalen Sammlungen vertreten sind, ist der weibliche Anteil am Impressionismus dem breiten Publikum immer noch wenig bekannt.
Vom 21. Juni bis 21. September 2008 wird „Impressionistinnen“ in den Fine Arts Museums of San Francisco gezeigt.
IMPRESSIONISTINNEN
BERTHE MORISOT, MARY CASSATT, EVA GONZALÈS,
MARIE BRACQUEMOND
| Schirn Kunsthalle, Frankfurt
| bis 01. Juni 2008
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Impressionistinnen
Berthe Morisot, Mary Cassatt, Eva Gonzalès, Marie Bracquemond
| Deutsch 2008
| 320 Seiten,
| 305 Abb.,
| davon 274 farbig
| 24,60 x 29,50 cm
| gebunden mit Schutzumschlag
Die längst überfällige Wiederentdeckung des weiblichen Anteils an der impressionistischen Bewegung – überraschende und begeisternde Arbeiten wirklich bedeutender Malerinnen.
Ein großes Publikum begeistert sich für impressionistische Malerei und strömt in Ausstellungen zur Epoche. Aber warum werden dort neben Werken von Monet, Manet, Degas, Renoir oder Pissarro nur so wenige ihrer Malerkolleginnen gezeigt?
Auch in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gab es Berufskünstlerinnen, und die hochkarätigen und attraktiven Ölbilder, Pastelle, Aquarelle, Zeichnungen und Radierungen dieses Bandes stammen von vier der bedeutendsten unter ihnen: Berthe Morisot, eine zentrale Gestalt der impressionistischen Bewegung, Mary Cassatt, die als von Degas respektierte Kollegin eine sehr eigenständige Rolle spielte, Eva Gonzalès, eine begabte Manet-Schülerin, und Marie Bracquemond, deren schmales Œuvre höchste Qualität beweist: Die Arbeiten der Französinnen und der Amerikanerin spiegeln unterschiedliche Lebensläufe und weibliche Erfahrungswelten. Sie wurden bisher erst selten präsentiert, sodass in der Publikation viele »neue«, weithin noch unbekannte, überraschende Bilder auf ihre Entdeckung warten.
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Die Revolution kam im zugeknöpften Kleid
FAZ - Julia Voss
Warum uns heute die Bilder der Impressionistinnen so viel bedeuten, zeigt diese kleine Geschichte: Es war das Jahr 1892, und Mary Cassatt, Malerin, Amerikanerin, Frau, erhielt den Auftrag, für die Weltausstellung in Chicago ein Wandgemälde zu entwerfen. Das Thema lautete „die moderne Frau“. Das Wahlrecht war noch lange nicht in Sicht, zum Kunststudium ließ man Frauen in Frankreich, wo Mary Cassatt lebte, auch nicht zu.
Sie griff also zum Pinsel und malte, fast lebensgroß, Frauen in einer Landschaft, mit Hüten, Schleifen, Rüschenkleidern. „Junge Frauen pflücken die Früchte der Erkenntnis oder Wissenschaft“ nannte die fast Fünfzigjährige das Gemälde. Kunsthistorisch stellte sie damit ein altes Motiv vom Kopf auf die Füße. Denn Cassatts Frauen waren keine Allegorien, keine Symbole für Wissen, Forschung oder Wahrheit. Sie standen Männern zu. Eingedrungen in den Garten der Erkenntnis waren auf ihrem Bild plötzlich ganz normale Frauen, bekleidet und gelassen in der Anmutung. Nur auf den ersten Blick schien Cassatts Gemälde ein erfreuliches spätimpressionistisches Genrebild zu sein. Auf den zweiten Blick war es ein Manifest. Bei der Kritik fiel es durch.
Mary Cassatt’s Young Women Plucking the Fruits of Knowledge or Science | Central panel | World Fair, Chicago, 1893. Scan from Harper’s New Monthly Magazine, Vol. 86, Issue 516, May 1893 | Mary Cassatt’s Lost Mural
Von niemanden wurden die Impressionistinnen so schlecht behandelt wie von den Kunsthistorikern. Julius Meier-Graefe etwa, der im deutschsprachigen Raum Degas, Renoir und Manet zu Ruhm verhalf, tat verbissen so, als hätte es keine dieser Malerinnen gegeben. Wo ihre Namen auf Ausstellungsplakaten erschien, ließ er sie weg; wo sie von der Kritik gefeiert wurden, schwieg er. Seine Schriften lesen sich heute so, als habe er sich die heimliche Aufgabe gestellt, Slalom um große Frauen zu schreiben. Seine Kleinlichkeit, so albern sie rückblickend wirkt, führte immerhin dazu, dass deutsche Museen im frühen zwanzigsten Jahrundert fast keine Werke der Impressionistinnen ankauften.
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Nur Talent, kein Genie
TAZ - Gislind Nabakowski
Schade und peinlich in Hinblick auf die ernsthafte kunsthistorische Auseinandersetzung, die die Ausstellung leistet, ist die Art, in der die Schirn ihre Schau als Blockbuster annonciert. Nachdem die schönsten Franzosen aus New York kommen, wie wir inzwischen erfahren mussten, will Frankfurt Berlin in der Frage des Slogans offenbar nicht nachstehen und behauptet: “Impressionismus ist weiblich”. Obwohl die Ausstellung dieser Verkürzung explizit widerspricht.
Als die männlichen Impressionisten, der Kreis der freiheitlichen “Indépendants”, sich von 1870-86 in den “Salons des Réfusés” gegen den erstarrten Akademismus erhoben, wollten sie auf die qualitätsvollen Bilder ihrer Kolleginnen nicht verzichten und boten ihnen Mitwirkung an. Dies geschah sicher auch zur Stärkung der männlichen Gruppe: Mallarmé und Zola würdigten die Kunst von Eva Gonzalès, während Degas Mary Cassatt und Berthe Morisot unterstützte. Umgekehrt versuchte Morisot 1889 gemeinsam mit Monet, dem Louvre Manets von Debatten und Skandalen begleitete “Olympia” zu verkaufen.
Doch trotz dieses kollegialen Zusammenhalts unterhöhlten oft tief in den Kanon der Konventionen eingeschriebene Mythen schon im Keim die Idee der Gleichwertigkeit. Die Vorurteile gegen beinahe alle Gemälde der Impressionistinnen folgten meist der Hierarchie einer männlichen Genealogie. Zumal sich eine mit Kunstkritik nur liebäugelnde, unwissenschaftliche Schriftstellerei an “Genialität” hielt, die den Männern vorbehalten war. Frauen dagegen hatten bloß Talent. Fintenreich verbarg sich darin ein Konzept des Machterhalts. Dieser Paternalismus zeigte sich auch in der deutschen Literatur in der Zeit zwischen 1900 bis 1910, etwa in Julius Meier-Graefes Büchern zum Impressionismus, in denen er keine der vier Impressionistinnen erwähnte. Unbedeutendere Autoren setzten dies bis 1957 fort. 1955 bezog der Kunsthistoriker G. F. Hartlaub nur Berthe Morisot in seine Betrachtung ein.
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Das LESEBUCH zur Ausstellung
Meisterinnen des Lichts. Vier Erzählungen zu den Impressionistinnen Berthe Morisot, Mary Cassatt, Eva Gonzalès, Marie Bracquemond
Einführung von Ingrid Pfeiffer,
Text von Diane Broeckhoven, Noëlle Châtelet, Annette Pehnt, Alissa Walser
| Deutsch 2007
| 96 Seiten, 4 Abb.
| 12,20 x 19,20 cm
| Broschur
Kunst zum Lesen: einfühlsame Skizzen aus dem Leben der großen Künstlerinnen des Impressionismus aus der Feder von Diane Broeckhoven, Noëlle Châtelet, Annette Pehnt und Alissa Walser.
Aus heutiger Sicht erstaunt, wie viele Frauen im Paris des 19. Jahrhunderts bereits als professionelle Künstlerinnen arbeiteten und ausstellten. Dass nur so wenige ihrer Namen im Gedächtnis der Nachwelt präsent sind, liegt vor allem daran, dass auch die Geschichte des Impressionismus von Männern verfasst wurde, die Frauen zumeist nur eine Nebenrolle zuwiesen.
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Die weibliche Seite des Impressionismus
WELT online - Uta Baier
Eine tragische Geschichte ist zu erzählen. Es ist die Geschichte vom systematischen Vergessen von Künstlerinnen, ausgelöst durch krasse Fehleinschätzungen und Lügen. Es ist die Geschichte der vier bedeutendsten Malerinnen des Impressionismus: Berthe Morisot (1841-1895), Mary Cassatt (1844-1926), Eva Gonzalès (1847-1883) und Marie Bracquemont (1840-1916).
Sie alle lebten in Paris und stellten zusammen mit Monet und Manet, Signac, Renoir, Degas, Cézannes im offiziellen Salon und in den selbst organisierten Gegenausstellungen aus. Ihren Kollegen galten sie als ebenbürtig, der bedeutende Impressionisten-Galerist Durand-Ruel vertrat Morisot, man traf sich in ihrem Salon und war eng befreundet und verwandt: Berthe Morisot war die Schwägerin von Eduard Manet, Marie Bracquemont war mit dem Maler Felix Bracquemont verheiratet, Eva Gonzalès die einzige Schülerin, die Manet je hatte. Berühmt aber wurden nur die Männer.
Dabei sind die Unterschiede marginal, wie die kunsthistorische Forschung heute feststellt. Einst tat sie eben diese Künstlerinnen als begabte Dilettantinnen und Malerinnen typischer Frauenthemen ab. Wohl wissend, dass die Sujets der Männer nicht anders waren, dass die Malweise keineswegs in dilettantisch-weiblich und innovativ-männlich zu unterscheiden ist.
Doch die damals noch junge Kunstkritik wurde von einer Gruppe kleingeistiger, einflussreicher Machos angeführt, denen es gelang, bis heute den Kreis der Impressionisten auf die Männer zu beschränken. Zumindest in der breiten Wahrnehmung
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IMPRESSIONISTINNEN
BERTHE MORISOT, MARY CASSATT, EVA GONZALÈS,
MARIE BRACQUEMOND
| Schirn Kunsthalle, Frankfurt
| bis 01. Juni 2008




