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Kino wider die Tabus
März 27, 2008 | Comments Off
KUNSTSCHAU Hamburg - Jens Ullheimer | PT Filmmuseum Wien |
Das österreichische Filmmuseum, Wien betrachtet bis zum 06. April 2008 mit “Kino wider die Tabus” die Zeit um 1968 durch ein spezielles Prisma: die filmische Darstellung sexueller Handlungen. Der Titel ist eine Hommage an Amos Vogels berühmtes Buch Film as a Subversive Art (1974), dessen deutsche Erstausgabe Kino wider die Tabus hieß.
Das Originalcover war geschmückt mit einem Bild aus Dušan Makavejevs “Skandalfilm” über den Psychoanalytiker und Sexualforscher Wilhelm Reich: WR - Mysterien des Organismus (1971). Reichs sexualpolitische Arbeiten hatten (vor allem in Europa) theoretische Grundlagen für die “sexuelle Revolution” geliefert - ein Zusammenhang, der zur Zeit, zwischen Reichs 50. Todestag und dem 40. Jahrestag des Mai ’68 wieder öfter beschworen wird.
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BUCH | Kino wider die Tabus
Ein viel zitierter Klassiker der Filmliteratur, ein Kompendium der Filme, die durch ungeschönte Darstellung von Sex, Gewalt, Tod und Geburt, durch Blasphemie und politische Radikalität, durch künstlerische Innovation und Rebellion gegen hergebrachte Ästhetik das Medium erweitert haben.
Vogel beschreibt anhand zahlloser Beispielfilme die drei “Waffen der Subversion”: Form, Inhalt und Bruch mit gängigen Tabus. Szenen, wie der auf dem Buchtitel abgebildete Augenschnitt aus Bunuels Ein andalusischer Hund von 1928 zählen noch heute zu den “schockierendsten Momenten des Weltkinos”. Doch der Band hat noch mehr aufzubieten in Sachen Überschreitung der Grenzen, brachen Filmemacher des subversiven Kinos doch bei der Darstellung von Tod, Sex, Gewalt oder Religion die üblichen Regeln.
Ein viel gelobtes Buch mit mehr als 300 Filmfotos und einem unverständlich eng gesetzten, den Lesefluss hemmenden zweispaltigen Seitenaufbau. Es führt in eine oft verstörende Welt — die des andersartigen, ungewöhnlichen, erschreckenden Kinos, wie man es normalerweise nicht allzu oft zu sehen bekommt, das aber allemal sehenswert ist.
( Joachim Hohwieler )
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Der Österreicher Amos Vogel, der so wie Reich 1939 in die USA emigrierte, vertritt in seinem Buch einen sehr offenen Ansatz. Das weite Spektrum der filmischen Tabubrüche, die er beschreibt, erfasst auch sämtliche Gattungen - Underground-, Dokumentar- und Propagandafilm ebenso wie Kunstkino oder Pornografie. Die Schau nimmt sich daran ein Beispiel: In der Auswahl von rund 40 Werken sind alle “Schichten” des Kinos repräsentiert, von Klassikern der Avantgarde über den Autorenfilm - Bertolucci, Oshima, Pasolini, Makavejev, Ken Russell - bis zum Sexploitation-Kino aus Japan, Frankreich und den USA. Dahinter steht die Skepsis gegenüber allzu klaren - ideologischen, moralischen, “geschmacklichen” - Grenzziehungen: So wie der soziale Wandel im Umgang mit Sex ist auch die Explosion der betreffenden Filme in den 1960er und 70er Jahren eine überaus vieldeutige Angelegenheit.
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VIDEO | Russ Meyer | 1965/66
Faster, Pussycat! Kill! Kill! trailer | Die Satansweiber von Tittfield
Regie: Russ Meyer, Drehbuch: Russ Meyer, James Moran, Kamera: Walter Schenk, Musik: Paul Sawtell, Bert Shefter, Schnitt: Russ Meyer, Produktion: Eve Productions, Produzent: Russ Meyer, Eve Meyer
Tura Satana (Varla), Haji (Rosie), Lori Williams (Billie), Sue Bernard (Linda), Stuart Lancaster (der alte Mann), Paul Trinka (Kirk), Dennis Busch (zurückgebliebener Sohn), Ray Barlow (Tommy), Michael Finn (Tankwart)
Nach einem heißen Auftritt vor einer schwitzenden Männermenge begeben sich die drei verwegenen Gogo-Tänzerinnen Varla, Rosie und Billie auf eine wilde Spritztour und tun alles, was man nicht darf - bis hin zu Kidnapping und Mord.

DVD | Russ Meyer Collection: Die Satansweiber von Tittfield
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| Format: Dolby, HiFi Sound, PAL
| Sprache: Deutsch (Dolby Digital 2.0)
| Region: Region 2
| Bildseitenformat: 4:3
| FSK: Freigegeben ab 16 Jahren
| Spieldauer: 80 Minuten
Der wohl bekannteste und berüchtigste Film aus der frühen Phase von Russ Meyer ist ein überaus rabiates Roadmovie, mit dem Meyer seinerzeit sein wohl größtes Publikum erreichte - vor allem in Deutschland und Frankreich. Zum Kult wurde “Die Satansweiber von Tittfield” aber nicht nur wegen der Sex- und Gewaltszenen, sondern vor allem wegen der dargestellten Pop-Art-Fantasie der dominanten Frauen, dargestellt von der legendären Tura Satana, Meyer-Regular Haji und einem waschechten Penthouse-Model. ( VideoWoche )
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Die relativ rasche Durchsetzung expliziter Sexualität als Teil der Alltagskultur bzw. ganz allgemein als “diskursfähiger” Materie bis tief in die Mittelklasse hinein verdankt sich einer doppelten Umwertung, die lange vor 1968 beginnt: Sex wird zur Ware und Sex wird zum “Problem”. Vor dem Hintergrund der wirtschaftlichen Prosperität in der Nachkriegsära und der Modernisierung sozialer Kontrolltechniken stellt sich die vielbeschworene “Befreiung” somit eher als eine sukzessive “Vermarktung” und “Politisierung” der Sexualität dar. Sex wird sichtbar und besprechbar als eine Frage von Macht, Wissen, Lust und Konsum.
Kino wider die Tabus
| Österreichisches Filmmuseum, Wien
| bis 06. April 2008
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Porno-Reflexion im Wiener Filmmuseum | Schließlich ficken sie
TAZ - Diedrich Diederichsen
Sodomie, Subversion und Underground-Sexfilme. Die Reihe “Kino wider die Tabus” im Wiener Filmmuseum zeigt, dass die Kunst des Tabubruchs in der Form liegt.
Der Tabubruch ist heute nicht mehr das, was er einmal war. Er ist weitgehend zu einer rein technischen Verrichtung und einer ziemlich dumpfen Legitimationsstrategie heruntergekommen. Ersteres im Glauben, dass in einer richtigen Öffentlichkeit nichts unenthüllt bleiben darf, Letzteres meistens als Versuch Rechter und Konservativer, sich einer wohlbeleumundeten Strategie der Aufklärung zu bedienen, um ihr trübes Restaurations- und Diskriminierungsgeschäft zu betreiben. Die ehrgeizige Filmreihe “Kino wider die Tabus” im Wiener Filmmuseum verfolgt ganz andere Ziele und bezieht sich auf eine andere Zeit.
Dabei verbeugt sich das Unternehmen auch vor dem Lebenswerk eines großen Wiener Cineasten. Amos Vogel, Jahrgang 1921, floh vor den Nazis 1938 nach New York. Seit 1947 ist er als Kinobesitzer, Autor und Aktivist im Dienste des Experimental- und Undergroundfilm auffällig. Sein enzyklopädisches Standardwerk “Film As Subversive Art” von 1974 wurde zunächst unter dem Titel “Kino wider die Tabus” auf Deutsch veröffentlicht. An diesem Werk orientiert sich die Reihe, konzentriert sich aber auf die Filme, die in erster Linie sexuelle Tabus gebrochen haben, und unter diesen wiederum auf die Jahre 1963 bis 1976.
Meine große Konstante dieser Retro ist der unerwartete Zusammenhang zwischen Sexkino und psychedelischer Synthesizermusik. Bei mehr als der Hälfte der Filme schwelgen, schwirren und sirren die Töne großer analoger Monster durch die Chateaus, Beach-Häuser und City-Appartments, in denen hier gevögelt wird. Kein Porno-Funk, kein Schnauzbart-Disco, kein Ficker-Techno, sondern beatlose Kathedralen.
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Kino wider die Tabus
| Österreichisches Filmmuseum, Wien
| bis 06. April 2008

