Traditionelle Ordnung und moderne Spontaneität

März 31, 2008 | Comments Off

Das klassische Konzert von heute ist gefordert

NZZ - Imelda Beer ( lic. phil., ist Musikwissenschafterin in Zürich )

Unter Musikern wie Veranstaltern herrscht seit längerem Unsicherheit, wenn es darum geht, ein jüngeres Publikum für das traditionelle klassische Konzert zu gewinnen. Das bürgerlich ordnungszentrierte Konzertritual vermag eine ichzentrierte Zuhörerschaft nicht zu überzeugen. …

Schon immer haben nicht nur ästhetische, sondern auch soziale Werte das Konzertleben geprägt. Das Bedürfnis nach gesellschaftlicher Distinktion verbreitete sich mit dem Zerfall der Aristokratie im 19. Jahrhundert besonders im Bildungsbürgertum. Im Konzertsaal lässt sich das Vornehmsein besonders zelebrieren. Konzentriertes Dasitzen bedeutet Zugehörigkeit zur Kennerschaft, obschon das Beherrschen der Verhaltensregeln oft nicht mit Kunstverständnis einhergeht. Der ritualisierte Konzertabend erlaubt dem Bürger, seinen Habitus zu manifestieren. Indem er rechtzeitig Karten reserviert, ein Abonnement eines angesehenen Konzerthauses besitzt, korrekte Kleidung trägt und sich während der Aufführung adäquat verhält, unterstreicht er die Zugehörigkeit zu seiner sozialen Schicht. Wer zwischen den einzelnen Sätzen Beifall klatscht, verrät sich dagegen als ungebildet. So mag ein Konzert weniger um der Musik willen als im Blick auf die Verankerung der eigenen sozialen Positionierung besucht werden.

Innovationen

An ( das ) modernere Publikum wenden sich inzwischen mehrere Konzertveranstalter. Die Tonhalle-Gesellschaft Zürich zum Beispiel veranstaltet ein- bis zweimal im Jahr die «Tonhalle Late». Ganz zielgerichtet wird hier das Selbstverwirklichungsmilieu angesprochen: Werbung im Flyerstil, Konzertbeginn um 22 Uhr, alle Karten unnummeriert und zu einem erschwinglichen Einheitspreis, vor dem Konzert ein paar Worte zu den Werken ans Publikum, unkomplizierte Atmosphäre und anschliessend eine Party im Foyer.

Der Saal ist voll, ein frischer Wind weht. Wach und äusserst konzentriert wirken die jüngeren Konzertbesucher. Das Orchester und sein Chefdirigent David Zinman erscheinen gut gelaunt. Und für einmal hetzen weder Zuhörer noch Interpreten gleich nach dem Konzert zur Garderobe. Man trifft sich im Foyer, tauscht sich aus oder tanzt zu der nach dem Konzert gebotenen elektronischen Musik. Spätestens jetzt wird dem Besucher bewusst, dass Künstler aus dem Bereich der klassischen Musik keine Halbgötter sind. Das Publikum fühlt sich vom Veranstalter ernst genommen und in seinen Werten angesprochen.

NZZ - Artikel lesen

  •  

  • Lesezeichen hinzufügen bei ...

  • Kunst | Presseschau

    Auswahl aktueller Veröffentlichungen zum Themenschwerpunkt Kunst in der deutschsprachigen Internet - Medienlandschaft. Die Artikel werden hier kurz angerissen, teilweise thematisch gebündelt - mit Video/Audio, Katalog- & Medien - Informationen ergänzt - und sind direkt mit den Online-Medien verlinkt.

  • RSS - FEED

  •  

     

  • Recent Posts

  •  

  • Ausstellungen | Hamburg

    Kunstverein Harburger Bahnhof
    Hamburg-Harburg
    SONJA VORDERMAIER
    GEELKE GAYCKEN

    Reihe Ordnung sagt | MACHT
    04.09. - 02. November 2008

    Die Installation vereint exzessiven Gestaltungswillen mit wortwörtlich zur Schau gestellter Gestaltungsmacht. Formen, Strukturen und Materialien werden nach ihren Möglichkeiten befragt und in ein sinnliches Erlebnis für die Ausstellungsbesucher überführt.

    Mit dieser Ausstellung setzt der Harburger Kunstverein den im Jahr 2007 begonnenen und bis 2009 geplanten Ausstellungszyklus Reihe:Ordnung sagt fort, der unter verschiedenen Schlagworten (Arbeit, Liebe, Geld, Sex, Macht, Freiheit, Zukunft) zeitgenössische KünstlerInnen, -gruppen und Ausstellungsmodelle vorstellt und ihren ästhetischen Zugriff auf das jeweilige Thema verhandelt. MACHT ist der fünfte Teil der Reihe und wird von Vordermaier und Gaycken mit einer für das Publikum begehbaren Installation realisiert. Macht wird hierbei definiert als das Vermögen, das Mögliche wirklich werden zu lassen.

    Die Hamburger Künstlerinnen Sonja Vordermaier und Geelke Gaycken verfolgen das Konzept, neue Dimensionen von Wahrnehmungen zu schaffen. Dabei berücksichtigen sie gleichermaßen die vorgegebenen formalen Kriterien wie Größe und Aufbaustruktur des über 100 Jahre alten, ehemaligen Wartesaals der 1. Klasse des Fernbahnhofs Harburg, als auch die besondere Beschaffenheit des Arbeitsmaterials selbst. Symmetrien der prunkvollen Architektur werden in der Installation aufgenommen, durch „Antiraster“ konterkariert und teilweise aufgelöst.

    Kunstverein Harburger Bahnhof
    ( Archiv )