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Action Painting
April 4, 2008 |
Jackson Pollock bei der Arbeit an One: Number 31, 1950,
Lee Krasner im Hintergrund | Foto: Hans Namuth
© 2008, ProLitteris, Zürich
Kunstschau Hamburg - Jens Ullheimer | PT Fondation Beyeler |
Die Ausstellung Action Painting in der Fondation Beyeler, Basel-Riehen | Schweiz widmet sich bis zum 12. Mai 2008 dem Phänomen der abstrakten gestischen Malerei, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg in Europa und Amerika etablierte. Die Ausstellung präsentiert rund einhundert Werke von 27 Künstlern aus Europa, Süd- und Nordamerika sowie Asien.
Trotz aller Unterschiede - zwischen dem europäischen Informel und dem amerikanischen Abstrakten Expressionismus - überwiegen, von heute aus gesehen, die Übereinstimmungen. Die Künstler wagten einen geradezu revolutionären Neuanfang, indem sie traditionelle Grenzen der Kunst überschritten: In der radikalen Konzentration auf die spontane Malgeste sollte sich die Persönlichkeit des Künstlers unmittelbar auf dem Bild zeigen.
Jackson Pollock, wie er mit kreisenden, tänzerischen Bewegungen Farbe auf die am Boden liegende Leinwand tropfen lässt: Dieses Image vom „action painter“ hat nicht nur Pollock zum führenden Protagonisten einer der folgenreichsten Avantgarden des 20. Jahrhunderts werden lassen – es ist zum unverwechselbaren Signet der Moderne überhaupt geworden.
Auf der Reise durch einen Mythos der Moderne begegnen uns neben Pollock weitere berühmte Maler wie Willem de Kooning, Clyfford Still, Sam Francis, Roberto Matta und Pierre Soulages ebenso wie Künstler, die einst gefeiert wurden, dann in Vergessenheit geraten sind und heute wiederentdeckt werden.
Anhand der in der Ausstellung gezeigten Gemälde von Ernst Wilhelm Nay, Arshile Gorky, Wols, Morris Louis und Kazuo Shiraga werden die vielseitigen Bild-Möglichkeiten von Farbe und Malgeste offenkundig. Stellvertretend für die folgende Künstlergeneration stehen Arbeiten von Eva Hesse und Cy Twombly, die den Begriff des Action Painting erweitern.
Grundsätzlich werden in der Ausstellung zwei Ausdrucksformen abstrakter Malerei, die auf »action« beruhen, ins Blickfeld gerückt: einerseits die Malgeste, die gleichsam auf der Leinwand »protokolliert« wird, und andererseits die vom Maler einer Art von gelenktem Zufall überlassene Farbe. Oft werden beide Arbeitsprinzipien kombiniert, was vor allem bei Jackson Pollock unverkennbar ist. Eine grosse Gruppe wichtiger Bilder Pollocks, die zwischen 1946 und 1953 entstanden ist und alle Möglichkeiten seiner künstlerischen Ausdrucksformen zeigt, bildet das Zentrum der Ausstellung. Darunter sind so legendäre Werke wie Out of the web (1949) aus der Staatsgalerie Stuttgart, Number 7 (1950) aus dem MoMA in New York und Search von 1955, das letzte vom Künstler vollendete Bild (Courtesy Galerie Hauser & Wirth).
Deutlich wird, in welch hohem Masse die gestische Malerei für ein aktiv betrachtendes Publikum gemalt worden ist, wie sehr alle diese Bilder nach einem Betrachter verlangen, durch den sie erst vollendet werden. Kunst, die sich auf Künstlerpersönlichkeit, Geste und Material konzentriert, benötigt den teilhabenden, sich mit ihr auseinandersetzenden Betrachter: »Action Painting« lädt ein zu »Action Viewing«.
Die zur gleichen Zeit wie die Bilder produzierten Filme, die erstmals authentische Einblicke in den Arbeitsprozess der Künstlern gewähren, spielen in der Ausstellung eine wichtige Rolle. An erster Stelle sind hier die beiden 1950 entstandenen Filme von Hans Namuth zu nennen, die von unschätzbarem Wert sind, indem sie enorm viel über den Schöpfungsprozess der Bilder aussagen. In einer vom New Yorker Architekturbüro Diller Scofidio + Renfro gestalteten, spektakulären Rauminstallation werden neben diesen beiden Filmen noch weitere gezeigt, darunter auch Alain Resnais’ Fragment gebliebener Dokumentarfilm über Hans Hartung von 1947.
Es ist gelungen, Museen von höchstem Rang wie das MoMA und das Whitney Museum in New York, die National Gallery of Art und das Hirshhorn Museum in Washington, das Louisiana Museum for Moderne Kunst in Humlebæk ebenso wie das Kunstmuseum Basel, das Kunsthaus Zürich und die Kunsthalle in Bern als Leihgeber zu gewinnen. Zudem war es möglich, aus vielen bedeutenden Privatsammlungen Leihgaben zu erhalten.
Action Painting
| Fondation Beyeler, Basel-Riehen | Schweiz
| bis 12. Mai 2008
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Action Painting
Jackson Pollock
Hrsg. Fondation Beyeler, Text von Gottfried Boehm, Robert Fleck, Pepe Karmel, Jason Edward Kaufman, Ulf Küster
| Deutsch
| 2008. 204 Seiten,
| 218 Abb.,
| davon 170 farbig,
| 2 Klapptafeln
| 25,50 x 31,10 cm
| gebunden mit Schutzumschlag
Die Geschichte der modernen Malerei spiegelt die sich immer deutlicher darstellende Individualität des Künstlers in seinem Werk. Bilder wurden zunehmend zum Protokoll der sich in Malbewegungen ausdrückenden Persönlichkeit des Malers: Diese Entwicklung, die seit dem Realismus und Impressionismus relativ kontinuierlich verlief, fand ihren Höhepunkt in der gestischen Malerei der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg – vor allem in den Werken von Jackson Pollock (1912–1956), dessen bahnbrechende Drip-Technik den Begriff des Action-Painting geprägt hat. Die Leinwand war zum Aktionsfeld des Künstlers geworden.
Mit Werken von 27 Hauptvertretern widmet sich die Publikation den wesentlichen Aspekten gestisch-abstrakter Malerei zwischen 1945 und 1965 und beleuchtet dabei auch Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den Spielarten in Amerika und Europa. Textbeiträge ausgewiesener Fachautoren sowie Einführungen zu allen vorgestellten Künstlern machen den Band zu einer profunden Darstellung einer der wichtigsten Kunstbewegungen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
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Imposante Gebärden
NZZ - Hans-Joachim Müller
Die Schau erweist sich als prächtig ausgestattetes Bilderbuch. …
Ganz verwunden hat es ja die avantgardistische Moderne nie, dass den Bildern die lästige Mimesis nicht vollends auszutreiben war und die Gegenstände immer wieder triumphal zurückgekehrt sind. Dass der aufgeklärte Zeitgenosse polyglott zwischen den Kunstsprachen hin und her geschaltet hätte, zwischen Idee und Abbildung, Entfaltung und Darstellung, Erlösung von der Erzählung und Gebundenheit an die Form, es war immer nur eine freundliche Hoffnung.
Tatsächlich ging es um Parteinahme und Widerstand, um Bewahren und Überwinden, um Anwaltschaft für die verlorene und Einsatz für die zukünftige Sache. Und wenn es anders, als es die Fortschrittserzählung will, auch nie zum wirklichen Sieg über die vermaledeite Gegenstandsmalerei gekommen ist, so galt der späte Monet mit seinen ungesehenen Licht- und Farbpanoramen doch allemal mehr als der späte Renoir mit seinem starrsinnigen Festhalten am alten Nymphenthema.
So gesehen muss die derzeit in der Fondation Beyeler in Riehen bei Basel stattfindende Ausstellung «Action-Painting», die mitten im populären Aufmarsch figürlich gegenständlicher Malerei an die gestische Abstraktion der Fünfziger und Sechziger des vergangenen Jahrhunderts erinnert, wie ein Fanal wirken. Zumal wenn sie es mit so wohlsortierten Ensembles und der wählerischen Distinktion des historischen Abstands tut.
Ganz ausdrücklich will «Action-Painting» einem kunstgeschichtlichen Klischee widersprechen, das die europäischen Künstler gerne in der Defensive gegenüber ihren US-Kollegen sieht. Vergessen die imperiale Wucht, mit der die Amerikaner nach dem Zweiten Weltkrieg auftraten, vergessen die produktiven Schocks, die ihre Bilder in Paris, in Bern, im Rheinland auslösten. Nun sind die alten Streithähne zu friedlicher Koexistenz aufgefordert. Halten sie sich daran? Ihre Ruhe mutet so künstlich an wie das behauptete transatlantische Gleichgewicht. Ohne Tricks wäre es gar nicht möglich gewesen. Und der Trick ist eben, die grossen Amerikaner wo immer möglich klein zu halten. Am deutlichsten im zentralen Pollock-Kabinett, das in seiner willkürlichen Beschränkung auf die Kammerformate der Werkverfälschung ziemlich nahe kommt. So präsentiert, scheint es tatsächlich nicht mehr einsichtig, was diese Malerei, auf die der Begriff Action-Painting ja ursprünglich gemünzt gewesen ist, so überlegen sein lässt, was Pollock den kunstbetrieblichen Vorrang gegenüber einem Maler wie etwa Gerhard Hoehme verschafft haben könnte.
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VIDEO | Jackson Pollock 51, 1951 (excerpt)
Hans Namuth and Paul Falkenberg (directors)
Morton Feldman (composer)
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Das Malen als Thema der Malerei
FR online - Peter Iden
Ist es wichtig, von einem Ergebnis zu wissen oder daran zu erkennen, wie es dazu gekommen ist? Um die Frage zu verengen in Hinsicht auf künstlerische Lösungen: Wie entscheidend ist der Prozess der Entstehung zum Beispiel eines gemalten Bildes für dessen Wirkung, für die Ausstrahlung, die Kraft des Resultats, seinen Betrachter nachhaltig zu beschäftigen, vielleicht ihn zu berühren? Zählt nicht einzig, was wir schließlich vor Augen haben?
Das sind Fragen, die sich, nimmt man etwa die Entdeckung der perspektivischen Erfassung der Realität in der Malerei der italienischen Renaissance, schon an die alte Kunst stellen lassen. Aber viel mehr noch, spätestens seit Breton für den Surrealismus die Praxis der écriture automatique propagierte, an künstlerische Entwicklungen der jüngeren Moderne des 20. Jahrhunderts. Es hat hier - und das gilt für die aktuellsten bildnerischen Ausdrucksformen in besonderem Maß - der Prozess, der dem Ergebnis vorausgeht, zunehmend an Bedeutung gewonnen. So sehr, dass oft der Vorgang der Entstehung selber Stoff und Thema der Werke ist.
Die Ausstellung dokumentiert ein frühes Beispiel für den neuen Stil (”Composition with Pouring I”, aus einer amerikanischen Privatsammlung) und lässt dann sichtbar werden, wie die Farbverläufe sich mehr und mehr überlagern und die Bildflächen immer dichter überziehen (”Number 5″, von 1948, aus dem Besitz der Basler Galerie Beyeler). Im folgenden Jahr entsteht das Großformat “Out of the Web” (”Aus dem Gewebe heraus”, Stuttgarter Staatsgalerie), in dem scharf eingegrenzte Segmente der Leinwand von der Ausschüttung der Farben nicht erfasst sind und wie Tänzer durch das Bild zu schweben scheinen. Mit “Search” (”Suche”, aus Privatbesitz) enthält die Ausstellung auch das letzte Bild Pollocks in der neuen Technik. Er hatte, sich körperlich einbringend in den Malprozess, Grenzen durchstoßen, wie ein Jahrzehnt nach ihm auf andere Weise Mark Rothko. Solche Transgressionen, Überschreitungen des Bekannten in ein Unbekanntes können existentielle Belastungen bedeuten, die schließlich unerträglich werden: Wie nach ihm Mark Rothko nahm Pollock sich 1956 durch einen wahrscheinlich absichtlich verursachten Autounfall das Leben.
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Der strukturierte Zufall
DEUTSCHLANDRADIO Kultur - Christian Gampert
Action Painting steht für jene Kunst aus den 40er Jahren, die eigentlich eine Technik des Abstrakten Expressionismus ist: Da wird die Farbe getröpfelt, geschüttet und auf die Leinwand geschmettert. Dripping, Pouring, Smashing heißt das beim prominentesten Vertreter Jackson Pollock. Seine Werke und die vieler anderer hat die Fondation Beyeler in der Sonderausstellung Action Painting zusammengefasst.
Die Revolution kam nicht über Nacht, sie wurde lange vorbereitet. Es war nicht so, dass 1947 plötzlich ein glatzköpfiger Herr namens Jackson Pollock in einem Bauernhaus bei New York aufstand und tranceartig tänzelnd Farbe auf eine am Boden liegende Leinwand spritzte. Der Deutsche Hans Hofmann mit seinen leuchtenden Farbwirbeln hatte vorher schon ähnlich gearbeitet. Vor allem aber gab es eine lange Tradition wilden, gestischen Malens aus der Bewegung, aus dem Körper heraus.
Diese Vorgeschichte, die eher unbekannten Bilder etwa von Jean Fautrier zu präsentieren, ist die eigentliche Stärke dieser Ausstellung, die historische Linien zeigen will. Fautrier hatte schon in den 1930iger Jahren in seine düsteren Seelenlandschaften gestanzt, gekritzelt, mit Farbe gespachtelt. Der eher dem Informel zugehörige Wols hatte in den 40igern in seine existentialistischen Farbexplosionen wütend hineingekratzt und gedrippt. Kraftvolles, vegetatives verzweifeltes Malen war das, kurz nach Hiroshima und Holocaust. Der dem türkischen Völkermord an den Armeniern entkommene Arshile Gorky hatte in Amerika mit verflüssigten Pigmenten lyrische Farbklänge gemalt.
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Action Painting
| Fondation Beyeler, Basel-Riehen | Schweiz
| bis 12. Mai 2008


