Im Video zu ihrem Stück “Stress” zeigt das Elektronik-Duo Justice eine Bande marodierender Einwandererkids. Das extrem realistische Video wird kontrovers diskutiert.

VIDEO | Stress | 2008 - Regie: Romain Gavras

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Die Banlieu läuft Amok

TAZ - Oliver Pohlisch

MTV überlegt noch, wie spät der Sendeplatz sein muss, auf den es gesetzt werden kann. Die französischen Fernsehsender weigern sich ohnehin, es zu zeigen: Zu rassistisch. Seit das “Stress”-Video des Elektronikduos Justice Anfang Mai ins Netz gestellt wurde, sorgt es für Aufregung in Frankreich. Auf YouTube wurde es bisher 430.000 Mal angeklickt, auf DailyMotion sogar über 540.000 Mal. Im Netz wird heftig über Inhalt und Form des Clips diskutiert. 

Die Ästhetik des Videos ist pseudo-dokumentarisch. Die Bilder verlieren manchmal an Schärfe, die Kamera wackelt, schwenkt hektisch hin und her. Die rasante Montage der Szenen von Demütigung und Zerstörung passt zum Track von Justice – ein unruhiges, ausfaserndes Technostück, durchzogen von grell sägenden Geräuschfetzen und flirrenden Streichorchestersounds, die Anleihen bei der Filmmusik von Horror-Thrillern nehmen. 

Regisseur Romain Gavras ist einer, den solche Grenzziehungen nicht kümmern. Er hat Constantin Costas-Gavras zum Vater, den wohl berühmtesten Vertreter des politisch engagierten Kinos. Von der Wiege an mit dem Medium Film groß geworden, gründete er 1995 noch als Gymnasiast zusammen mit Kim Chapiron und Toumani Sangaré unter dem Namen Kourtrajmé ein lockeres Kollektiv, das mittlerweile gut 130 Filmschaffende und Musiker umfasst. Aus Begeisterung für die sich damals zur vollen Blüte entfaltenden HipHop-Szene Frankreichs und inspiriert durch Filme wie “La Haine” von Mathieu Kassovitz, drehten die Mitglieder von Kourtrajmé zunächst kurze, comichafte Dokufiktionen mit wilden Verfolgungsjagden, viel Blut und provokanter Sprache. Oft ist die Banlieue, Heimat von nicht wenigen der Koutrajmé-Mitglieder, Schauplatz des Geschehens. Graffiti und Breakdance spielen darin eine Rolle und Rap ist der Soundtrack.

Trotz Low-Budget-Produktion und fehlendem Vertrieb machte sich Kourtrajmé mit seinem erfrischenden Trash schnell einen Namen, nicht zuletzt auch, weil das Kollektiv durch Mathieu Kassovitz und andere bekannte Größen des französischen Kinos wie Vincent Cassel Unterstützung bekamen. So bezeichnete Regisseur Chris Marker Kourtrajmé als Vertreter einer neuen Nouvelle Vague. 

Die konsequent subjektive Kameraführung bringt das “Stress”-Video logischerweise selbst in das Dilemma, das Stereotyp des delinquenten jugendlichen Migranten zu reproduzieren, um überhaupt Aufmerksamkeit für die mediale Missrepräsentation der Banlieue herzustellen. Da seine Macher sich nicht erklären, riskieren sie aber, dass die Diskussion über ihr Video an der Gewaltdebatte hängenbleibt. 

TAZ - Artikel lesen

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Das Video von Romain Gavras wird gern mit dem düster satirischen und sozialkritischen Roman von Anthony Burgess “Clockwork Orange” in Verbindung gebracht. Der Roman aus dem Jahr 1962 wurde von Stanley Kubrick eindrucksvoll verfilmt.

Beethoven, Shelley, Hooligan

NZZ - Manfred Schneider

Sein Roman dementiert auf konsequente Weise den humanistischen Traum, die Menschen durch Kultur zu höheren Wesen zu machen. Seine Botschaft lautet: Die anthropoide Substanz ist abscheulich; weder Konditionierung noch Gewalt noch Kunst noch Masken können daran etwas ändern.

NZZ - Artikel lesen  Hooligan und Spießer

| BUCH - A Clockwork Orange
| DVD - Uhrwerk Orange

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Interessant in diesem Zusammenhang auch Chris Cunningham´s
Video “Come To Daddy”

| DVD | The Work Of Director Chris Cunningham
| Enthält ein 52-seitiges Buch mit Fotos, Storyboards uvm.

| VIDEO | Chris Cunningham: Come To Daddy | AUDIO: Aphex Twin (UK)

Gemeinsam mit Aphex Twin erhielt Chris Cunningham 1999 den Prix Ars Electronica. In 2004 wurden die Arbeiten von Cunningham erstmals in Deutschland mit der Einzelausstellung „Chris Cunningham. Come To Daddy“ in der Kestnergesellschaft Hannover gezeigt.

 

Klaus Kinski | Jesus Christus Erlöser | 1971

Mai 14, 2008 | Comments Off

kin(s)ki-jesus-2008KUNSTSCHAU Hamburg - Jens Ullheimer | PT Kinski Productions |

“Ich bin nicht der offizielle Kirchenjesus, der unter Polizisten, Bankiers, Richtern, Henkern, Offizieren, Kirchenbossen, Politikern und ähnlichen Vertretern der Macht geduldet wird. Ich bin nicht euer Superstar!”

So spricht Klaus Kinski im November 1971 in der Berliner Deutschlandhalle, die anlässlich der Olympischen Sommerspiele 1936 errichtet und 1935 im Beisein Adolf Hitlers eingeweiht wurde. Der Skandalabend mit dem 1926 als Nikolaus Nakszynski geborenen Kinski wurde von Nachlassverwalter Peter Geyer aus 135 Minuten Rohmaterial von vier Kameras zum 84-minütigen Zeitdokument montiert. Und zwar so hervorragend, dass sich dessen konkurrierende Protagonisten - Kinski vs. Publikum vs. Text - ein fast unentschiedenes Match liefern, dem man heute im Kino ungestört beiwohnen kann. ( intro.de - Birgit Binder )

Berlin, Deutschlandhalle, 20. November 1971. Auf einer leeren Bühne, einsam im Kegel der Scheinwerfer, tritt Kinski auf. Schulterlanges Haar, einfache Jeans, ein Hemd mit Blumen- und Punktmustern. Ohne Kulissen, ohne Bühneneffekte, ohne Kostüm.
Er rezitiert seinen eigenen Text JESUS CHRISTUS ERLÖSER und realisiert damit ein Projekt, mit dem er sich schon über zehn Jahre beschäftigt.

Es ist die Zeit der Hippiebewegung, das Musical JESUS CHRIST SUPERSTAR von Andrew Lloyd Webber feiert gerade auch in Deutschland einen sensationellen Erfolg. Vielen ist gerade nach gewaltlosem Widerstand. Doch der JESUS von Klaus Kinski ist kein Hippie-Happening. Es soll eine hochemotionale, ganz auf die Stimme des Schauspielers reduzierte Erzählung werden – ihr Inhalt die laut Kinski „erregendste Geschichte der Menschheit:

Das Leben von Jesus Christus“ als einem der „furchtlosesten, freiesten, modernsten aller Menschen, der sich lieber massakrieren lässt, als lebendig mit den anderen zu verfaulen. Um den Mann, der so wie wir alle sein will. Du und Ich.“

Klaus Kinskis Ruf in Deutschland ist der eines exzentrischen Provokateurs. Da er seit 1962 nicht mehr mit einem Bühnenprogramm zu sehen war, ist er den Meisten nur als verschrobener Filmstar bekannt, der seine beste Zeit schon hinter sich hat. Die Theaterleiter fürchten ein blasphemisches Programm und zögern mit Ihren Engagements. Viele glauben, Kinski identifiziere sich mit seiner Hauptfigur und möchte sich als neuer Jesus aufspielen, als Wortführer einer Jugendbewegung.

Der Film JESUS CHRISTUS ERLÖSER von Peter Geyer zeigt den abendlangen Versuch eines Schauspielers, seinen Text sprechen zu dürfen. Der Auftritt in der Berliner Deutschlandhalle sollte der Auftakt zu einer geplanten weltweiten Tournee sein. Man sieht als Intro die in der Stadt hängenden Plakate, das erwartungsvoll hereinströmende Publikum, die Polizisten, die den Einlass überwachen.

Es gibt Widerstand gegen die Kinski-Predigt, Zweifel an seiner Autorität der Jesusdarstellung. Vereinzelt sind aus dem Publikum höhnische Bemerkungen hörbar („Der hat ja schon seine Million vom Film“). Die wenigsten der 3000 bis 5000 Zuschauer sind gekommen, um ihm zuzuhören. Man möchte ihn provozieren, mit ihm diskutieren, den Straßenkampf in der Halle fortsetzen. Man erträgt nicht, dass da jemand von der Bühne herunter ‚ewige Wahrheiten’ verkündet. Man nimmt den vortragenden Künstler nur als einen selbsternannten Glaubensführer wahr. Kinski lässt sich ein paar Mal unterbrechen, dann tritt er ab, kommt wieder, wird wieder unterbrochen, bittet Zuhörer auf die Bühne, denen er wiederum ins Wort fällt, die er als „dumme Sau“ beschimpft, bis er nach einigen Anläufen die Veranstaltung mit dem Ausdruck tiefen Bedauerns abbricht. Zuvor war er mehr und mehr dazu übergegangen, die Sätze der Bibel gegen sein Publikum zu richten. So wie dieses kurzschließt, dass Kinski Jesus sein will, wird ihm das Publikum immer mehr zu den Pharisäern, gegen die sich Jesus verteidigt.

„Wer von euch nicht nur eine große Schnauze hat, sondern wirklich ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein“ oder „Wäret ihr doch heiß oder wenigstens kalt, aber ihr seid nur lauwarm, und ich spucke euch aus!“

sind nur zwei Kostproben eines atemberaubenden verbalen Amoklaufs.

Unter improvisierten „Halt’s Maul“-Befehlen, „Wehe euch…“- Androhungen mit ausgestrecktem Finger, Appellen an die Störenfriede, den Interessierten nicht den Abend kaputt zu machen, versucht Kinski, seinen Text zu sprechen, „30 Schreibmaschinen-seiten“, von mal zu mal emotionaler, aufgewühlter und unter immer größerer Anspannung. Der Saalsprecher bittet das Publikum: „Lassen Sie Herrn Kinski seinen Text sprechen, dann können Sie hinterher Ihren sprechen!“ Im Publikum hört man Provokationen wie „Phrasendrescher“, „Du streust Hass!“, „Arschloch“, in der Pause ergreift ein Zuhörer das Mikrophon und nennt Kinski „Faschist“, ein anderer predigt auf der Bühne: „An ihren Taten sollt ihr sie erkennen!“

Aber es gibt einen Epilog. Als die Deutschlandhalle sich bis auf eine Hundertschaft ausharrender Zuschauer geleert hat, tritt Kinski in ihre Mitte und spricht erschöpft, mit leiser, angerauter Stimme seinen ganzen Text von Anfang bis Ende. Eine andächtige Stimmung macht sich breit, einige, halb ins Dunkel getaucht, falten sogar die Hände.

Der Film von Peter Geyer ist ein einzigartiges Dokument. Nicht nur über eine Zeit, die mit ihren Autoritäten hadert, die ein schwieriges Verhältnis zur Kunst hat, die nicht mehr nur zuhören, sondern diskutieren will – sondern auch über einen Künstler im Moment seiner Arbeit. Kinskis Rezitation, sein immer neuer Zugang zu seinem Text, seine improvisierende Reaktion auf die Zwischenfälle, sein fast physisches Engagement, diesen Text zuende zu bringen, die sich verändernde Stimme, die Träne, die zweimal beim Sprechen zum Vorschein kommt – all das ist ein festgehaltener Live-Moment höchster Anspannung, Konzentration und Verdichtung.

Der Film zeichnet den Verlauf dieses Abends nach – als ein völlig geschlossenes, inhaltlich, dramaturgisch und emotional funktionierendes Dokument. Die Kunst des Textes vermittelt sich ebenso wie die Aufregung im Saal, die Atmosphäre wird genauso spürbar wie Kinskis Bühnenpräsenz und innerer Kampf. Wenige Auflockerungen unterbrechen den Live-Eindruck, schnell geschnittene Impressionen des Geschehens vor und in dem Saal, Texttafeln mit Zitaten aus Kinskis Autobiografie.

JESUS CHRISTUS ERLÖSER
| Regie: Peter Geyer,
| D 2008, 84 Min,
| ab 15. Mai 2008 im Kino

zeigt einen tumultartigen Abend gegenseitiger Beschimpfungen, das Ringen eines Schauspielers um seinen Text, ein Theater- Happening in einer autoritätskritischen Zeit und das grandiose Scheitern einer literarischen Weltverbesserungsmaßnahme.

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kinski-jesus-buch | kaufen bei amazonBUCH
Jesus Christus Erlöser und Fieber
| Tagebuch eines Aussätzigen
| 153 Seiten, Broschur

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Zum 80. Geburtstag von Klaus Kinski am 18. Oktober 2006 wird Jesus Christus Erlöser erstmals veröffentlicht, gemeinsam mit den Gedichten Fieber – Tagebuch eines Aussätzigen, die Kinski in den fünfziger Jahren schrieb und die bei ihrem Erscheinen 2001 vom Focus als »literarische Entdeckung des Jahres« bezeichnet wurden. 

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AUDIOBOOK | 2 CD´s 
Jesus Christus Erlöser

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Die Radikalität seines persönlichen Evangeliums und die Vorwürfe des Publikums […] verleihen dem Hörbuch einen explosiven Charakter… Gerade diese Mischung, das Mit- und Gegeneinander des Sprechers und der Hörer, machen das Hörbuch zu einem einmaligen Erlebnis.”( Frankfurter Rundschau )

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Großartiges Debakel

TAZ - Detlef Kuhlbrodt

Der Jesus-Christus-Abend, der der Auftakt einer weltweiten Tournee sein sollte, wird zum Debakel. Linke Zuschauer provozieren den Schauspieler, Kinski beleidigt zurück, mehrmals verlässt er die Bühne, bevor er dann, nach Mitternacht, vor hundert Verbliebenen seinen Text glücklich zu Ende spricht.

Von seinem “wichtigsten Vortrag” (Kinski), der sich letztlich sechs Stunden hinzog, gibt es lediglich 134 Minuten Filmmaterial, die Peter Geyer hervorragend zu einem 84-Minuten-Film zusammengeschnitten hat. Ein großartiges Zeitdokument und seltsamerweise der einzige Bühnenauftritt von Kinski, der filmisch dokumentiert ist. Im Blümchenhemd mit schulterlangen Haaren präsentiert Kinski dabei nicht so sehr (oder erst am Ende) den sanften Versöhner, sondern den aufrührerischen, antiinstitutionellen Jesus, der sich mit denen verbündet, die als “Randgruppen” (Marcuse) oder “Patchwork der Minderheiten” (Lyotard) bei 68er-Theoretikern wie Marcuse und Lyotard die Rolle des Proletariats auf dem Weg zur Weltrevolution übernommen hatten. Also: Junkies, Kriegsdienstverweigerer, weinende Mütter in Vietnam, Huren, Trinker, Kriminelle.

Deshalb ist es umso befremdlicher, dass er immer wieder mit beleidigenden Zwischenrufen - “du hast doch selbst nie gearbeitet”, “der onaniert doch ständig in die Luft”, “der hat doch schon seine Million” - unterbrochen wird oder dass Zuschauer auf die Bühne wollen, um zu “diskutieren”. Die Zwischenrufe führen dazu, dass er seinen Vortrag gegen die Zuschauer richtet, die er mit biblischen Zitaten wie weiland der Erlöser als Schweine oder Säue, beschimpft; dass er sich immer besser in seine Rolle hineinsteigert.

“Jesus Christus Erlöser” dokumentiert nicht nur einen großartigen Auftritt Kinskis, sondern auch die Dummheit und selbstzufriedene Kulturfeindschaft eines Teils der 68er, die - nachdem Kinski zum x-ten Mal die Bühne verlassen hatte - im vielstimmigen Chor: “Kinski ist ein Faschist” skandieren.

TAZ _ Artikel lesen

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VIDEO
| Ausschnitt aus dem Film “Jesus Christus Erlöser” ( Klaus Kinski 1971 )
| Regie: Peter Geyer 2008

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Jesus Christ Superarsch

SPIEGEL online - Birgit Glombitza

Vielleicht war es die Rolle seines Lebens: Auf der Bühne wollte Klaus Kinski vom Leiden des Messias sprechen. Der Film “Jesus Christus Erlöser” dokumentiert das skandalöse Theater-Happening - und zeigt den genialischen Schauspieler als Heiland unter Ungläubigen.

So stellt er seine Bühnenfigur, seine Existenzform für die nächsten Stunden, aus denen eine ganze durchquälte Nacht werden soll, im Steckbrief vor. Er beginnt langsam, mit leiser, scharfkantiger Stimme. Dazu dieses Gesicht, in dem alles ein bisschen zu groß, zu angespannt, alles etwas unsymmetrisch ist. Allein dieser Anblick ist schon so intensiv, das es manchem den Atem verschlagen mag. Die ersten hüsteln. Die ersten Räusperer. “Du säst Hass!”

Kinskis Erlöser sieht sich als Jesus unter Ungläubigen. Unverstanden, bespuckt, gedemütigt. Scheiternd am Palaver- und Diskutierzwang der 68er, an einer Generation, die Kinskis Darbietung als autoritäre Anmaßung missverstehen musste. “Das ist ja wie vor 2000 Jahren. Dieses Gesindel ist noch beschissener als die Pharisäer. Die haben Jesus wenigstens ausreden lassen, bevor sie ihn angenagelt haben”, schimpft er später. Das Publikum begriff nichts von Kinskis live durchexerzierter Selbstauflösung, nichts von seinen symbiotischen Rollenspielen, seinem Authentizitätswahn und der missionarischen Wucht, mit der er seine Eschatologie von einem anarchischen, individualistischen Jesus in die Welt brüllte.

SPIEGEL - Artikel lesen

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kinski - deutschlandhalle berlin 1971 - polizeieinsatzDer du ein Maul hast

FAZ - Julia Encke

Rebellion und Wahn liegen hier offen zutage, in der ganzen Bandbreite der Stimmungen und Reflexe: das Aufbegehren gegen den völlig unzeitgemäßen autoritären Ton eines tyrannischen Exzentrikers; der ideologische Kurzschluss, der jeden über dreißig zum Nazi erklärt; die basisdemokratische Sehnsucht, die sich dem Diktat von oben nicht beugen will; die Diskrepanz zwischen friedensliebenden Diskutanten und gewaltbereiten Wortführern. All das entzündet sich an einer Figur, die widersprüchlicher nicht sein könnte, nicht aber in ihren Widersprüchen wahrgenommen, sondern sofort zur feindlichen Angriffsfläche wird. Kinski will eigentlich nur eins: in Ruhe seinen Text sprechen.

Peter Geyer lässt nach ungefähr sechzig Minuten den Abspann laufen. Man will schon seine Sachen packen, da geht der Film, wie damals der Abend, noch weiter: Es ist weit nach Mitternacht, hundert junge Menschen harren noch immer in der Halle aus, der Rest ist tumulthaft längst gegangen. Plötzlich kommt Kinski noch einmal hervor, diesmal müde und ernst. Er steigt von der Bühne herab, stellt sich in die Mitte der Verbliebenen, um, zunächst ohne Mikrofon, seinen „Erlöser“-Text von vorn zu sprechen: „Gesucht wird Jesus Christus. Angeklagt wegen Verführung anarchistischer Tendenzen Verschwörung gegen die Staatsgewalt. Besondere Kennzeichen: Narben an Händen und Füßen. Angeblicher Beruf: Arbeiter. Nationalität: Unbekannt. Decknamen: Menschensohn Friedensbringer Licht der Welt Erlöser . . .“ Gesicht und Stimme des Tyrannen hat er abgelegt. Er spricht bis zu Ende. Form und Inhalt - und, auf Augenhöhe, der Sprecher und sein Publikum kommen so zusammen. Es ist, als wäre Klaus Kinski, für diesen einen Moment, in der Zeit angekommen.

FAZ - Artikel lesen

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JESUS CHRISTUS ERLÖSER
| Regie: Peter Geyer,
| D 2008, 84 Min,
| ab 15. Mai 2008 im Kino

attentaeter-gruppe-schwarzer-september-1972-muenchen.jpgKUNSTSCHAU Hamburg - Jens Ullheimer | PT Lenbachhaus, München |

Das Lenbachhaus zeigt bis zum 03. August 2008 als Premiere den siebten Film von Sarah Morris. Es ist der zweite Film (nach /Robert Towne/, 2005), bei dem Morris nicht mehr das panoramatische Bild einer Stadt, sondern das Porträt eines Bürgers in den Mittelpunkt stellt.

Der Bürger Georg Sieber war 1972 der leitende Psychologe des Ordnungsdienstes bei der Olympiade und der Münchner Polizei. Am Morgen des 5. September 1972, als Mitglieder der Terrorgruppe Schwarzer September die israelische Mannschaft angriffen und als Geiseln nahmen, war Georg Sieber in der Conollystraße anwesend. Seine Position gab er später an diesem Morgen auf.

Georg Sieber
war vom Internationalen Olympischen Komitee und der Münchner Polizei angestellt worden, um Szenarien zu entwerfen, wie die Olympischen Spiele gefährdet werden könnten, und die Sicherheitsdienste entsprechend vorzubereiten. Eines der von ihm erstellten Szenarien, dasjenige mit der Nummer 26, war eine nahezu exakte Vorhersage dessen, was sich dann tragischer Weise ereignete. Georg Sieber entwirft eine differenzierte Analyse der Ereignisse dieses Tages.

In der Montage von /1972/ verknüpft Sarah Morris das Interview mit Georg Sieber mit Bildern polizeilicher Überwachung von Demonstranten und archivierter Fotografien der Olympischen Sommerspiele von 1972 sowie mit Ansichten des eindrucksvollen Olympiaparks in München. Der Film, auf 35 mm gedreht, verhandelt das Verhältnis von Projektion und Planung und dessen möglichem Fehlen an einem konkreten historischen Beispiel. Er zeigt eine subjektive Sicht auf die Ereignisse von 1972, die sich ästhetisch wie inhaltlich von den gängigen Darstellungen unterscheidet.

Die Münchner Spiele der XX. Sommer Olympiade 1972
sollten der Welt ein neues, demokratisches und optimistisches Bild von Deutschland zeigen, wie es sowohl im offiziellen Motto der „heiteren Spiele“ als auch im visionären und farbenprächtigen Design von Behnisch und Aicher zum Ausdruck kam. Die Berichterstattung über das Scheitern von 1972 verhalf dem Terrorismus auf die Weltbühne und veränderte sichtbar dessen Rolle in den Medien.

Sarah Morris
ist seit Mitte der 1990er Jahre international für ihre komplexen abstrakten Gemälde und ihre Filme bekannt, die aus der genauen Beobachtung von Architektur und Psychologie der städtischen Umgebung entstehen. In den Gemälden verwendet sie Farben und Geometrien, die sie sowohl mit dem spezifischen ästhetischen Vokabular und der Farbpalette einer Stadt, als auch mit deren Charakter und Geschichte verbindet. Die Filme von Sarah Morris sind gleichzeitig als Dokumentation und Biographie einer Stadt aber auch als nicht-narrative Fiktion zu verstehen. Sie verhandeln kritisch die Bedeutung von Architektur, politischer Herrschaft und die ästhetische Spannung zwischen Ökonomie und Politik.

Kurator: Matthias Mühling

SARAH MORRIS - 1972
| Lenbachhaus, München
| bis 03. August 2008

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morris-1972-muenchen-katalog | kaufen bei amazonKATALOG
| SARAH MORRIS - 1972

| mit einem Essay von Diedrich Diederichsen,
| hrsg. von Matthias Mühling. München 2008.
| 80 Seiten
| 32 farbige ganz- bzw. doppelseit. Abb.,
| brosch. - Text in dt. & engl. Sprache.

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Von verschwundenen Akten und wiedergekehrten Erinnerungen

TELEPOLIS - Susanne Härpfer

Der Film “1972″ enthüllt neue Informationen über das Olympia-Attentat in München.Die Sensation ist für jedermann zu sehen; doch niemand hat es bislang bemerkt. Der jetzt gedrehte Film “1972″ der international renommierten Künstlerin und Filmerin Sarah Morris konterkariert alles, was bislang veröffentlicht wurde über den gescheiterten Versuch, die israelischen Geiseln während der Olympischen Spiele zu befreien. Erstmals benennt nämlich der damalige Polizeipsychologe Georg Sieber, wer die wahren Verantwortlichen für das Scheitern und damit für den Tod der neun Geiseln und eines Polizisten gewesen seien: Sicherheitskräfte in Israel.

Auf Anfrage von Telepolis meint Sieber zur Frage, warum all die Jahre deutsche Politiker und Beamte geschwiegen und sich als Deppen vom Dienst hätten darstellen lassen: “Ich gehe davon aus, dass diese Verschwiegenheit zu diesbezüglichen diplomatischen Vereinbarungen mit der israelischen Regierung gehörte und noch immer gehört.”

Dann aber handelt es sich um ein Staatsgeheimnis, wer wirklich für das Debakel der missglückten Geiselbefreiung bei den Olympischen Spielen von 1972 verantwortlich war. Warum erhielt Sarah Morris die Chance, das Geheimnis ein klein wenig zu lüften? Offiziell tritt sie nicht als Filmemacherin auf, sondern als Künstlerin. Damit erscheint sie unverdächtig, nicht politisch und kommt so an Aussagen, Sichtweisen, Dinge, die politischen Magazinen manchmal versagt werden, weil bei Gesprächspartnern und Presseverhinderern aller Art die Angst zu groß ist. Sie hingegen überwindet Barrieren, weil für sie gar keine aufgestellt werden. Künstler haben Narrenfreiheit – und so darf sie zur Zeit auch in Peking drehen, wie die Olympischen Spiele vorbereitet werden.

Das Museum of Modern Art (MOMA) in New York habe um die Filmrechte mitgeboten, erzählt der Kurator des Münchner Lenbachhauses Matthias Mühling, aber er habe den Zuschlag erhalten.

TELEPOLIS - Artikel lesen

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Zeitgeschichte aus filmkünstlerischer Perspektive

DEUTSCHLANDRADIO Kultur - Wilhelm Warning

Die Künstlerin Sarah Morris setzt sich in ihrem neuen Film mit den Ereignissen aus dem Jahr 1972 auseinander. Zu sehen ist der Mix aus filmischem Essay, Doku und Kunstwerk im Lenbachhaus in München.

Ein Film als Kunstwerk? Ein Kunstwerk als Film? Natürlich, diesen Medienmix gibt es in der Kunst schon lange. Aber hier? Das Porträt eines Mannes und doch keines. Ein Dokumentarfilm und doch keiner. Ein filmischer Essay und doch keiner. Zeitgeschichte und doch nicht. Ein politisches Werk und ein Kunstwerk. Eines mit vielen Ebenen hat Sarah Morris geschaffen, das auf den ersten Blick wirkt, als solle da ein schreckliches Ereignis umgeschrieben werden. Aber, sagt Kurator Matthias Mühling, dieser Film habe mit Kunst zu tun …

“Weil Kunst sich immer schon die Frage stellt, wie etwas abgebildet werden kann, wie etwas repräsentiert werden kann, wie bestimmte Sachverhalte dargestellt werden können. Und das ist die Frage unserer Zeit.”

DEUTSCHLANDRADIO Kultur - Beitrag lesen

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sarah-morris-photo-by-ezra-petronio.jpgTragödie ja, Scheitern nein

FOCUS Kultur - Gabi Czöppan

Warum US-Künstlerin Sarah Morris in ihrem Film „1972“ den tödlichen Ausgang der Geiselnahme bei den Olympischen Spielen in München noch einmal hinterfragt.

In ihrer 38-minütigen Montage aus Interview, Archivfotos sowie Bildern von polizeilicher Überwachung und Original-Schauplätzen hinterfragt die Künstlerin den blutigen Ausgang der Geiselnahme, ohne jemanden für das Scheitern verantwortlich zu machen. Ihr dokumentarisch anmutender, aber rein künstlerisch-subjektiver Film stößt 36 Jahre nach der Katastrophe erneut eine Debatte um Terrorismus, Macht und Ohnmacht, Kontrollverlust und Scheitern von Politikern und Medien an. Im Interview mit FOCUS Online verrät Sarah Morris, was sie an dem Münchner Attentat fasziniert hat.

FOCUS Online: Wie sind Sie auf den Psychologen Georg Sieber gekommen?

Sarah Morris: In sehr vielen Zeitungsartikeln taucht sein Name auf. Ich war von diesem Charakter fasziniert – man hätte ihn nicht erfinden können. Er ist fast wie ein Romanheld aus einem Thomas-Pynchon-Buch. Er war eine vergleichsweise liberale Figur, die gleichzeitig dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund angehörte und für die Polizei arbeitete. Sieber studierte ursprünglich Ballett und Choreografie, wechselte dann zur Psychologie, dann schlug er dem Bürgermeister von München vor, wie man mit den Demonstrationen der späten 60er umgehen sollte, und er wurde tatsächlich von der Polizei engagiert, 1972 sogar als leitender Psychologe des Ordnungsdienstes bei der Olympiade. Sieber hatte sehr viele Szenarien entworfen, in denen die Olympischen Spiele gefährdet werden könnten – jenes Szenarium Nr. 26 war eine nahezu exakte Vorhersage dessen, was dann tatsächlich passiert ist. Als die Verantwortlichen am Tag der Geiselnahme seinen Plan zum weiteren Vorgehen ablehnten, stand er auf und ging. Er schmiss seinen Job einfach hin. Ich kenne nicht viele Menschen, die in so einer Situation gegangen wären.

FOCUS Kultur - Interview lesen

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SARAH MORRIS - 1972
| Lenbachhaus, München
| bis 03. August 2008

der-rechte-weg-videostill.jpgKUNSTSCHAU Hamburg - Jens Ullheimer | PT Deichtorhallen, Hamburg |

Die Ausstellung ist bis zum 31. August 2008 für Deutschland exklusiv in den Deichtorhallen Hamburg zu sehen und wird danach aufgelöst. Somit ergibt sich die letzte Gelegenheit für viele Jahre, das Werk der beiden Künstler im Überblick zu sehen. Die in Kooperation mit der Tate Modern, London, und dem Kunsthaus Zürich entwickelte Ausstellung bietet den ersten umfassendsten Überblick über das vielfältige und hintergründige Werk der beiden Künstler, die seit 1979 zusammen arbeiten.

Peter Fischli (* 1952) und David Weiss (* 1946)

sind die international bekanntesten Schweizer Künstler ihrer Generation. Ihr Werk zählt zu den einflussreichsten Positionen der Gegenwartskunst. Es verbindet die Medien Fotografie, Bildhauerei und Film in eigenwilliger und überraschender Weise, wobei das Ab- und Hintergründige des Banalen und Einfachen das durchgehende Thema ihrer künstlerischen Arbeit bildet.

Die Ausstellung präsentiert in der Raumgestaltung durch Peter Fischli und David Weiss 25 Ensembles, die jeweils einem Thema und einer anderen medialen Möglichkeit der Kunst in unserer  Zeit gewidmet sind. Darunter befinden sich auch ganz neue Werkreihen, die bei den ersten Stationen der Ausstellung in  London, Paris und Zürich noch nicht zu sehen waren, wie beispielsweise die “Tonskulpturen” aus ungebranntem Ton von 2007. Aber auch die Ensembles, die bereits in den ersten Stationen der Ausstellung zu sehen waren, werden dank des umfassenden Raumangebots der großen Deichtorhalle in Hamburg nun erstmals vollständig gezeigt.

Speziell für die große Deichtorhalle haben Peter Fischli und David Weiss in den letzten Monaten eine Raumgestaltung entwickelt, mit der die Architektur der Halle in neuer Weise erlebbar wird. In der Reihe der monographischen Ausstellungen, die seit 2005 in der Halle stattfinden, tritt diesmal das Spiel mit Helligkeit und Dunkelheit im Dialog mit der Industriearchitektur der Halle hinzu. Die großzügig angelegten Räume der Ausstellung versetzen den Betrachter in jeweils unterschiedliche Welten, vom Exotismus der großen Farbfotos von Flughäfen und Blumenensembles bis zur Reflexion über Bildhauerei in den “grauen Skulpturen” und neuen, von der digitalen Technologie inspirierten Arbeiten wie “Surrli” und “Fotografias”.

Peter Fischli / David Weiss: Fragen & Blumen
| Deichtorhallen Hamburg
| bis 31. August 2008

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KATALOG | Fragen & Blumen -
Eine Retrospektive

| 352 Seiten
| Deutsche Ausgabe
| Ill., z. T. farbig
| 22,5 cm

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Frechheiten

Das Wetter ist meist schlecht

FR online - Sandra Danicke

Die “Airports” sind eine Frechheit. So wie zuvor schon die Blumenfotos und eine in ihrer Scheußlichkeit kaum zu überbietende Polyurethan-Skulptur eine Frechheit gewesen waren. Die einen hübsch und damit scheinbar belanglos, die andere ein zugespitzter Brachialkitsch, wie man ihn in dieser Potenz nicht einmal auf Deutschlands Einkaufsstraßen findet.

Jetzt also steht man im zweiten Raum der Retrospektive von Peter Fischli und David Weiss in den Hamburger Deichtorhallen, sieht Flughafen-Fotos und fragt sich: Was soll das? Und merkt lange nicht, dass es genau diese Frage ist, die man sich im Zusammenhang mit zeitgenössischer Kunst schon viel zu lange nicht mehr ernsthaft gestellt hat.

Egal, ob da ein Putzlappen im White Cube gelegen hatte, der Ausstellungsraum demonstrativ verschlossen oder leer war, ob man kitschige Katzenbilder zu sehen bekommen hatte oder Filme, in denen gar nichts passiert - stets hatte man als Kunstkenner einen Referenzrahmen parat, konnte ein- oder zuordnen, verwerfen oder grandios finden. Bei Fischli/Weiss macht sich die lang vermisste Ratlosigkeit breit.

FR - Artikel lesen

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Catwalk der Würstchen

TAGESSPIEGEL - Nicola Kuhn

Seit das Schweizer Künstlerduo Künstlerduo Fischli/Weiss vor knapp dreißig Jahren mit seiner Zusammenarbeit begann, hat der Humor in die sonst so strenge zeitgenössische Kunst Einzug gehalten.  
 
Ein Riesentopf steht in der Mitte des Saals, rund und hoch, wie in den Afrikakarikaturen, in denen der unter die Wilden gefallene Forscher auf sein letztes Stündlein harrt und noch einen lakonischen Kommentar zum Besten gibt. Im Kochgefäß des Schweizer Künstlerduos Peter Fischli und David Weiss hockt zum Glück kein Safari-Delinquent. Stattdessen stehen auf der Innenwand Fragen über Fragen: „Bin ich ein Schwamm?“ – „Wandern die Seelen?“ – „Ist alles vorbestimmt?“

Oder: „Ist das Essen fertig?“– „Fährt noch ein Bus?“ Oder: „Quäle ich mich unnötig?“ – „Muss ich fröhlich sein?“ Auf den ersten Blick mag man auch Fischli/Weiss für Karikaturisten halten, die ihren Scherz nur dreidimensional betreiben. Doch wer länger seine Nase in ihren „Fragentopf“ hält, kommt aus dem Schmunzeln plötzlich ins Grübeln: Ist hier das Lachen wirklich erlaubt? Darf Kunst überhaupt witzig sein?

TAGESSPIEGEL - Artikel lesen

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Verdrehte Wirklichkeit

DEUTSCHLANDRADIO Kultur - Anette Schneider

Für ihre umfangreiche Retrospektive haben Fischli und Weiss die Deichtorhalle umbauen, Wände einziehen und so neue Räume schaffen lassen. Anders als in London und Zürich sind in Hamburg alle Werkgruppen vollständig versammelt. Auch sind noch zusätzliche Arbeiten zu sehen.

Allerdings irritiert die Konzeption: die Künstler zeigen hier Fotografien, Filme und Skulpturen streng voneinander getrennt, was der Ausstellung einen merkwürdigen Ernst verleiht. Auch verhindert diese Präsentation das Vergnügen, die drei Kunstgattungen in einem Raum zu erleben und damit unmittelbar zu sehen, wie sich Fotografie, Skulptur und Film aufeinander beziehen.

Im Mittelpunkt der Ausstellung: der Film “Lauf der Dinge”. 1987 machten sich Fischli und Weiss an dieses 30-minütige Feuerwerk aus irrwitzigen Kettenreaktionen, die ein Autoreifen auslöst, der - vorsichtig angetippt - langsam eine Schräge hinabrollt.

VIDEO | Der Lauf Der Dinge 1986 | Ausschnitt “Feuerteil”

DVD | Der Lauf der Dinge / The Way Things Go [UK IMPORT]
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Auch andere Filme gibt es zu entdecken. Etwa “Ratte und Bär”, in denen die beiden in absurden Ratte- und Bärkostümen mit sehr denkerischem Gestus durch Wälder und Gebirge streifen und einsam-genialische Künstler mimen.

“Und für diese Filme ‘Ratte und Bär’ haben sie als Erklärung dann ein Heft mit veröffentlicht mit lauter Diagrammen. Und das war eine wirkliche Parodie auf Josef Beuys und auf die Ernsthaftigkeit, in der Beuys und überhaupt die Kunst damals aufgetreten ist.” ( Deichtorhallenleiter Robert Fleck )

Mit diesem Humor stellen die beiden immer wieder vermeintlich Selbstverständliches in Frage, führen die Absurdität im Banalen vor, und spielen mit unserer Wahrnehmung …

DEUTSCHLANDRADIO - Beitrag lesen

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Meuterei der Mode-Würstchen

SPIEGEL online - Jenny Hoch

Verkleidete Würstchen, flammenschlagende Kettenreaktionen: Das legendäre Künstlerduo Fischli/Weiss brachte den Humor in die Kunst. Jetzt offenbaren die Kindsköpfe ihre dunklen Seiten - mit Zivilisationsschrott und Höllenskulpturen.

Die beiden balancieren sicher auf dem schmalen Grad zwischen Trivialem und Intellektuellen, und geht doch mal ein Schritt daneben, wie zum Beispiel die eher austauschbare Bilderansammlung “Sichtbare Welt”, verzeiht man ihnen das gerne. Und schmunzelt über ihre wunderbar skurrilen Arbeiten, die niemals mit großer Geste daherkommen, sondern stets leise und mit hintergründigem Humor.

Doch unversehens wechselt Launiges mit Ernsthaftem, und spätestens, wenn man vor der düsteren, höllenartigen Skulptur “Boite de Nuit (Fieber)”, der tristen Fotoserie “Agglomeration” oder dem mit Zivilisationsschrott beladenen “Floss” steht, das von Krokodilen und Flusspferden umkreist wird, ist die lustige Diskostimmung verflogen. Denn Fischli und Weiss haben, das übersieht man leicht anhand der Fülle an witzigen Arbeiten, durchaus eine dunkle Seite.

Die Ausstellungsarchitektur nimmt diese bisher oft vernachlässigte Ernsthaftigkeit von Fischli und Weiss geschickt auf. Sie veranstaltet kein Kasperletheater, sondern ordnet die Werkgruppen in mal hellen, mal dunklen, doch stets formal streng gegliederten Räumen.

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Peter Fischli und David Weiss sind zu ihrer großen Retrospektive nach Hamburg gekommen. Einer Ausstellung, die sich nicht in ausufernden Theorien verstricken soll. Die Lust am Banalen ist das Leitmotiv ihrer Kunst. Sie adaptieren Gegenstände und Situationen des Alltags und stellen sie mit Humor in einen künstlerischen Kontext. Immer wieder wird in diesen Arbeiten die Vorstellung von Wirklichkeit in Frage gestellt.

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Zur Ausstellungsstation Kunsthaus Zürich in 2007:
Die Kohlköpfe Arkadiens

NZZ - Urs Steiner

Fischli/Weiss sind dann richtig gut, wenn Uneingeweihte gar nicht merken, dass hier jemand Kunst gemacht hat. Dann kommen ihre Subversivität, ihr Changieren zwischen heiligem Ernst und abgründigem Witz am besten zum Ausdruck. Wie selbstverständlich nehmen die Dinge dann ihren Lauf.

Dichotomien sind ein grundlegendes Arbeitsinstrument von Fischli/Weiss. Immer wieder werden Sinnlichkeit und Rationalität auseinanderdividiert und neu miteinander in Beziehung gebracht - ein Vorgang, der sich im Ausstellungstitel «Fragen & Blumen» widerspiegelt. Die unter dringendem Kitschverdacht stehenden Blumenbilder etwa sind Resultat von Doppelbelichtungen und somit Kompositionen des Zufalls. Anderseits arrangieren die Künstler ihre an Max Frisch gemahnenden, streng rationalen Fragenkataloge zu luftigen Projektionen.

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Die Fischli/Weiss-Schau war vorher bis 14.01.2007 in der Tate Modern, London zu sehen.
The Flowering Of A New Unreality

Hier der Link zu einem bebilderten Artikel des New Yorker Kunstkritikers Jan Avgikos im TATE ETC. Magazine — Issue 8 / Autumn 2006 anlässlich der Tate Modern Schau.

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Peter Fischli / David Weiss: Fragen & Blumen
| Deichtorhallen Hamburg
| bis 31. August 2008

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  • Kunst | Presseschau

    Auswahl aktueller Veröffentlichungen zum Themenschwerpunkt Kunst in der deutschsprachigen Internet - Medienlandschaft. Die Artikel werden hier kurz angerissen, teilweise thematisch gebündelt - mit Video/Audio, Katalog- & Medien - Informationen ergänzt - und sind direkt mit den Online-Medien verlinkt.

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  • Ausstellungen | Hamburg

    Kunstverein Harburger Bahnhof
    Hamburg-Harburg
    SONJA VORDERMAIER
    GEELKE GAYCKEN

    Reihe Ordnung sagt | MACHT
    04.09. - 02. November 2008

    Die Installation vereint exzessiven Gestaltungswillen mit wortwörtlich zur Schau gestellter Gestaltungsmacht. Formen, Strukturen und Materialien werden nach ihren Möglichkeiten befragt und in ein sinnliches Erlebnis für die Ausstellungsbesucher überführt.

    Mit dieser Ausstellung setzt der Harburger Kunstverein den im Jahr 2007 begonnenen und bis 2009 geplanten Ausstellungszyklus Reihe:Ordnung sagt fort, der unter verschiedenen Schlagworten (Arbeit, Liebe, Geld, Sex, Macht, Freiheit, Zukunft) zeitgenössische KünstlerInnen, -gruppen und Ausstellungsmodelle vorstellt und ihren ästhetischen Zugriff auf das jeweilige Thema verhandelt. MACHT ist der fünfte Teil der Reihe und wird von Vordermaier und Gaycken mit einer für das Publikum begehbaren Installation realisiert. Macht wird hierbei definiert als das Vermögen, das Mögliche wirklich werden zu lassen.

    Die Hamburger Künstlerinnen Sonja Vordermaier und Geelke Gaycken verfolgen das Konzept, neue Dimensionen von Wahrnehmungen zu schaffen. Dabei berücksichtigen sie gleichermaßen die vorgegebenen formalen Kriterien wie Größe und Aufbaustruktur des über 100 Jahre alten, ehemaligen Wartesaals der 1. Klasse des Fernbahnhofs Harburg, als auch die besondere Beschaffenheit des Arbeitsmaterials selbst. Symmetrien der prunkvollen Architektur werden in der Installation aufgenommen, durch „Antiraster“ konterkariert und teilweise aufgelöst.

    Kunstverein Harburger Bahnhof
    ( Archiv )