Mai
13
Sarah Morris - 1972
Mai 13, 2008 | Leave a Comment
KUNSTSCHAU Hamburg - Jens Ullheimer | PT Lenbachhaus, München |
Das Lenbachhaus zeigt bis zum 03. August 2008 als Premiere den siebten Film von Sarah Morris. Es ist der zweite Film (nach /Robert Towne/, 2005), bei dem Morris nicht mehr das panoramatische Bild einer Stadt, sondern das Porträt eines Bürgers in den Mittelpunkt stellt.
Der Bürger Georg Sieber war 1972 der leitende Psychologe des Ordnungsdienstes bei der Olympiade und der Münchner Polizei. Am Morgen des 5. September 1972, als Mitglieder der Terrorgruppe Schwarzer September die israelische Mannschaft angriffen und als Geiseln nahmen, war Georg Sieber in der Conollystraße anwesend. Seine Position gab er später an diesem Morgen auf.
Georg Sieber
war vom Internationalen Olympischen Komitee und der Münchner Polizei angestellt worden, um Szenarien zu entwerfen, wie die Olympischen Spiele gefährdet werden könnten, und die Sicherheitsdienste entsprechend vorzubereiten. Eines der von ihm erstellten Szenarien, dasjenige mit der Nummer 26, war eine nahezu exakte Vorhersage dessen, was sich dann tragischer Weise ereignete. Georg Sieber entwirft eine differenzierte Analyse der Ereignisse dieses Tages.
In der Montage von /1972/ verknüpft Sarah Morris das Interview mit Georg Sieber mit Bildern polizeilicher Überwachung von Demonstranten und archivierter Fotografien der Olympischen Sommerspiele von 1972 sowie mit Ansichten des eindrucksvollen Olympiaparks in München. Der Film, auf 35 mm gedreht, verhandelt das Verhältnis von Projektion und Planung und dessen möglichem Fehlen an einem konkreten historischen Beispiel. Er zeigt eine subjektive Sicht auf die Ereignisse von 1972, die sich ästhetisch wie inhaltlich von den gängigen Darstellungen unterscheidet.
Die Münchner Spiele der XX. Sommer Olympiade 1972
sollten der Welt ein neues, demokratisches und optimistisches Bild von Deutschland zeigen, wie es sowohl im offiziellen Motto der „heiteren Spiele“ als auch im visionären und farbenprächtigen Design von Behnisch und Aicher zum Ausdruck kam. Die Berichterstattung über das Scheitern von 1972 verhalf dem Terrorismus auf die Weltbühne und veränderte sichtbar dessen Rolle in den Medien.
Sarah Morris
ist seit Mitte der 1990er Jahre international für ihre komplexen abstrakten Gemälde und ihre Filme bekannt, die aus der genauen Beobachtung von Architektur und Psychologie der städtischen Umgebung entstehen. In den Gemälden verwendet sie Farben und Geometrien, die sie sowohl mit dem spezifischen ästhetischen Vokabular und der Farbpalette einer Stadt, als auch mit deren Charakter und Geschichte verbindet. Die Filme von Sarah Morris sind gleichzeitig als Dokumentation und Biographie einer Stadt aber auch als nicht-narrative Fiktion zu verstehen. Sie verhandeln kritisch die Bedeutung von Architektur, politischer Herrschaft und die ästhetische Spannung zwischen Ökonomie und Politik.
Kurator: Matthias Mühling
SARAH MORRIS - 1972
| Lenbachhaus, München
| bis 03. August 2008
______________________________________________________________
| mit einem Essay von Diedrich Diederichsen,
| hrsg. von Matthias Mühling. München 2008.
| 80 Seiten
| 32 farbige ganz- bzw. doppelseit. Abb.,
| brosch. - Text in dt. & engl. Sprache.
______________________________________________________________
Von verschwundenen Akten und wiedergekehrten Erinnerungen
TELEPOLIS - Susanne Härpfer
Der Film “1972″ enthüllt neue Informationen über das Olympia-Attentat in München.Die Sensation ist für jedermann zu sehen; doch niemand hat es bislang bemerkt. Der jetzt gedrehte Film “1972″ der international renommierten Künstlerin und Filmerin Sarah Morris konterkariert alles, was bislang veröffentlicht wurde über den gescheiterten Versuch, die israelischen Geiseln während der Olympischen Spiele zu befreien. Erstmals benennt nämlich der damalige Polizeipsychologe Georg Sieber, wer die wahren Verantwortlichen für das Scheitern und damit für den Tod der neun Geiseln und eines Polizisten gewesen seien: Sicherheitskräfte in Israel.
Auf Anfrage von Telepolis meint Sieber zur Frage, warum all die Jahre deutsche Politiker und Beamte geschwiegen und sich als Deppen vom Dienst hätten darstellen lassen: “Ich gehe davon aus, dass diese Verschwiegenheit zu diesbezüglichen diplomatischen Vereinbarungen mit der israelischen Regierung gehörte und noch immer gehört.”
Dann aber handelt es sich um ein Staatsgeheimnis, wer wirklich für das Debakel der missglückten Geiselbefreiung bei den Olympischen Spielen von 1972 verantwortlich war. Warum erhielt Sarah Morris die Chance, das Geheimnis ein klein wenig zu lüften? Offiziell tritt sie nicht als Filmemacherin auf, sondern als Künstlerin. Damit erscheint sie unverdächtig, nicht politisch und kommt so an Aussagen, Sichtweisen, Dinge, die politischen Magazinen manchmal versagt werden, weil bei Gesprächspartnern und Presseverhinderern aller Art die Angst zu groß ist. Sie hingegen überwindet Barrieren, weil für sie gar keine aufgestellt werden. Künstler haben Narrenfreiheit – und so darf sie zur Zeit auch in Peking drehen, wie die Olympischen Spiele vorbereitet werden.
Das Museum of Modern Art (MOMA) in New York habe um die Filmrechte mitgeboten, erzählt der Kurator des Münchner Lenbachhauses Matthias Mühling, aber er habe den Zuschlag erhalten.
______________________________________________________________
Zeitgeschichte aus filmkünstlerischer Perspektive
DEUTSCHLANDRADIO Kultur - Wilhelm Warning
Die Künstlerin Sarah Morris setzt sich in ihrem neuen Film mit den Ereignissen aus dem Jahr 1972 auseinander. Zu sehen ist der Mix aus filmischem Essay, Doku und Kunstwerk im Lenbachhaus in München.
Ein Film als Kunstwerk? Ein Kunstwerk als Film? Natürlich, diesen Medienmix gibt es in der Kunst schon lange. Aber hier? Das Porträt eines Mannes und doch keines. Ein Dokumentarfilm und doch keiner. Ein filmischer Essay und doch keiner. Zeitgeschichte und doch nicht. Ein politisches Werk und ein Kunstwerk. Eines mit vielen Ebenen hat Sarah Morris geschaffen, das auf den ersten Blick wirkt, als solle da ein schreckliches Ereignis umgeschrieben werden. Aber, sagt Kurator Matthias Mühling, dieser Film habe mit Kunst zu tun …
“Weil Kunst sich immer schon die Frage stellt, wie etwas abgebildet werden kann, wie etwas repräsentiert werden kann, wie bestimmte Sachverhalte dargestellt werden können. Und das ist die Frage unserer Zeit.”
DEUTSCHLANDRADIO Kultur - Beitrag lesen
______________________________________________________________
Tragödie ja, Scheitern nein
FOCUS Kultur - Gabi Czöppan
Warum US-Künstlerin Sarah Morris in ihrem Film „1972“ den tödlichen Ausgang der Geiselnahme bei den Olympischen Spielen in München noch einmal hinterfragt.
In ihrer 38-minütigen Montage aus Interview, Archivfotos sowie Bildern von polizeilicher Überwachung und Original-Schauplätzen hinterfragt die Künstlerin den blutigen Ausgang der Geiselnahme, ohne jemanden für das Scheitern verantwortlich zu machen. Ihr dokumentarisch anmutender, aber rein künstlerisch-subjektiver Film stößt 36 Jahre nach der Katastrophe erneut eine Debatte um Terrorismus, Macht und Ohnmacht, Kontrollverlust und Scheitern von Politikern und Medien an. Im Interview mit FOCUS Online verrät Sarah Morris, was sie an dem Münchner Attentat fasziniert hat.
FOCUS Online: Wie sind Sie auf den Psychologen Georg Sieber gekommen?
Sarah Morris: In sehr vielen Zeitungsartikeln taucht sein Name auf. Ich war von diesem Charakter fasziniert – man hätte ihn nicht erfinden können. Er ist fast wie ein Romanheld aus einem Thomas-Pynchon-Buch. Er war eine vergleichsweise liberale Figur, die gleichzeitig dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund angehörte und für die Polizei arbeitete. Sieber studierte ursprünglich Ballett und Choreografie, wechselte dann zur Psychologie, dann schlug er dem Bürgermeister von München vor, wie man mit den Demonstrationen der späten 60er umgehen sollte, und er wurde tatsächlich von der Polizei engagiert, 1972 sogar als leitender Psychologe des Ordnungsdienstes bei der Olympiade. Sieber hatte sehr viele Szenarien entworfen, in denen die Olympischen Spiele gefährdet werden könnten – jenes Szenarium Nr. 26 war eine nahezu exakte Vorhersage dessen, was dann tatsächlich passiert ist. Als die Verantwortlichen am Tag der Geiselnahme seinen Plan zum weiteren Vorgehen ablehnten, stand er auf und ging. Er schmiss seinen Job einfach hin. Ich kenne nicht viele Menschen, die in so einer Situation gegangen wären.
FOCUS Kultur - Interview lesen
______________________________________________________________
SARAH MORRIS - 1972
| Lenbachhaus, München
| bis 03. August 2008


