Mai
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Klaus Kinski | Jesus Christus Erlöser | 1971
Mai 14, 2008 | Comments Off
KUNSTSCHAU Hamburg - Jens Ullheimer | PT Kinski Productions |
“Ich bin nicht der offizielle Kirchenjesus, der unter Polizisten, Bankiers, Richtern, Henkern, Offizieren, Kirchenbossen, Politikern und ähnlichen Vertretern der Macht geduldet wird. Ich bin nicht euer Superstar!”
So spricht Klaus Kinski im November 1971 in der Berliner Deutschlandhalle, die anlässlich der Olympischen Sommerspiele 1936 errichtet und 1935 im Beisein Adolf Hitlers eingeweiht wurde. Der Skandalabend mit dem 1926 als Nikolaus Nakszynski geborenen Kinski wurde von Nachlassverwalter Peter Geyer aus 135 Minuten Rohmaterial von vier Kameras zum 84-minütigen Zeitdokument montiert. Und zwar so hervorragend, dass sich dessen konkurrierende Protagonisten - Kinski vs. Publikum vs. Text - ein fast unentschiedenes Match liefern, dem man heute im Kino ungestört beiwohnen kann. ( intro.de - Birgit Binder )
Berlin, Deutschlandhalle, 20. November 1971. Auf einer leeren Bühne, einsam im Kegel der Scheinwerfer, tritt Kinski auf. Schulterlanges Haar, einfache Jeans, ein Hemd mit Blumen- und Punktmustern. Ohne Kulissen, ohne Bühneneffekte, ohne Kostüm.
Er rezitiert seinen eigenen Text JESUS CHRISTUS ERLÖSER und realisiert damit ein Projekt, mit dem er sich schon über zehn Jahre beschäftigt.
Es ist die Zeit der Hippiebewegung, das Musical JESUS CHRIST SUPERSTAR von Andrew Lloyd Webber feiert gerade auch in Deutschland einen sensationellen Erfolg. Vielen ist gerade nach gewaltlosem Widerstand. Doch der JESUS von Klaus Kinski ist kein Hippie-Happening. Es soll eine hochemotionale, ganz auf die Stimme des Schauspielers reduzierte Erzählung werden – ihr Inhalt die laut Kinski „erregendste Geschichte der Menschheit:
Das Leben von Jesus Christus“ als einem der „furchtlosesten, freiesten, modernsten aller Menschen, der sich lieber massakrieren lässt, als lebendig mit den anderen zu verfaulen. Um den Mann, der so wie wir alle sein will. Du und Ich.“
Klaus Kinskis Ruf in Deutschland ist der eines exzentrischen Provokateurs. Da er seit 1962 nicht mehr mit einem Bühnenprogramm zu sehen war, ist er den Meisten nur als verschrobener Filmstar bekannt, der seine beste Zeit schon hinter sich hat. Die Theaterleiter fürchten ein blasphemisches Programm und zögern mit Ihren Engagements. Viele glauben, Kinski identifiziere sich mit seiner Hauptfigur und möchte sich als neuer Jesus aufspielen, als Wortführer einer Jugendbewegung.
Der Film JESUS CHRISTUS ERLÖSER von Peter Geyer zeigt den abendlangen Versuch eines Schauspielers, seinen Text sprechen zu dürfen. Der Auftritt in der Berliner Deutschlandhalle sollte der Auftakt zu einer geplanten weltweiten Tournee sein. Man sieht als Intro die in der Stadt hängenden Plakate, das erwartungsvoll hereinströmende Publikum, die Polizisten, die den Einlass überwachen.
Es gibt Widerstand gegen die Kinski-Predigt, Zweifel an seiner Autorität der Jesusdarstellung. Vereinzelt sind aus dem Publikum höhnische Bemerkungen hörbar („Der hat ja schon seine Million vom Film“). Die wenigsten der 3000 bis 5000 Zuschauer sind gekommen, um ihm zuzuhören. Man möchte ihn provozieren, mit ihm diskutieren, den Straßenkampf in der Halle fortsetzen. Man erträgt nicht, dass da jemand von der Bühne herunter ‚ewige Wahrheiten’ verkündet. Man nimmt den vortragenden Künstler nur als einen selbsternannten Glaubensführer wahr. Kinski lässt sich ein paar Mal unterbrechen, dann tritt er ab, kommt wieder, wird wieder unterbrochen, bittet Zuhörer auf die Bühne, denen er wiederum ins Wort fällt, die er als „dumme Sau“ beschimpft, bis er nach einigen Anläufen die Veranstaltung mit dem Ausdruck tiefen Bedauerns abbricht. Zuvor war er mehr und mehr dazu übergegangen, die Sätze der Bibel gegen sein Publikum zu richten. So wie dieses kurzschließt, dass Kinski Jesus sein will, wird ihm das Publikum immer mehr zu den Pharisäern, gegen die sich Jesus verteidigt.
„Wer von euch nicht nur eine große Schnauze hat, sondern wirklich ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein“ oder „Wäret ihr doch heiß oder wenigstens kalt, aber ihr seid nur lauwarm, und ich spucke euch aus!“
sind nur zwei Kostproben eines atemberaubenden verbalen Amoklaufs.
Unter improvisierten „Halt’s Maul“-Befehlen, „Wehe euch…“- Androhungen mit ausgestrecktem Finger, Appellen an die Störenfriede, den Interessierten nicht den Abend kaputt zu machen, versucht Kinski, seinen Text zu sprechen, „30 Schreibmaschinen-seiten“, von mal zu mal emotionaler, aufgewühlter und unter immer größerer Anspannung. Der Saalsprecher bittet das Publikum: „Lassen Sie Herrn Kinski seinen Text sprechen, dann können Sie hinterher Ihren sprechen!“ Im Publikum hört man Provokationen wie „Phrasendrescher“, „Du streust Hass!“, „Arschloch“, in der Pause ergreift ein Zuhörer das Mikrophon und nennt Kinski „Faschist“, ein anderer predigt auf der Bühne: „An ihren Taten sollt ihr sie erkennen!“
Aber es gibt einen Epilog. Als die Deutschlandhalle sich bis auf eine Hundertschaft ausharrender Zuschauer geleert hat, tritt Kinski in ihre Mitte und spricht erschöpft, mit leiser, angerauter Stimme seinen ganzen Text von Anfang bis Ende. Eine andächtige Stimmung macht sich breit, einige, halb ins Dunkel getaucht, falten sogar die Hände.
Der Film von Peter Geyer ist ein einzigartiges Dokument. Nicht nur über eine Zeit, die mit ihren Autoritäten hadert, die ein schwieriges Verhältnis zur Kunst hat, die nicht mehr nur zuhören, sondern diskutieren will – sondern auch über einen Künstler im Moment seiner Arbeit. Kinskis Rezitation, sein immer neuer Zugang zu seinem Text, seine improvisierende Reaktion auf die Zwischenfälle, sein fast physisches Engagement, diesen Text zuende zu bringen, die sich verändernde Stimme, die Träne, die zweimal beim Sprechen zum Vorschein kommt – all das ist ein festgehaltener Live-Moment höchster Anspannung, Konzentration und Verdichtung.
Der Film zeichnet den Verlauf dieses Abends nach – als ein völlig geschlossenes, inhaltlich, dramaturgisch und emotional funktionierendes Dokument. Die Kunst des Textes vermittelt sich ebenso wie die Aufregung im Saal, die Atmosphäre wird genauso spürbar wie Kinskis Bühnenpräsenz und innerer Kampf. Wenige Auflockerungen unterbrechen den Live-Eindruck, schnell geschnittene Impressionen des Geschehens vor und in dem Saal, Texttafeln mit Zitaten aus Kinskis Autobiografie.
JESUS CHRISTUS ERLÖSER
| Regie: Peter Geyer,
| D 2008, 84 Min,
| ab 15. Mai 2008 im Kino
zeigt einen tumultartigen Abend gegenseitiger Beschimpfungen, das Ringen eines Schauspielers um seinen Text, ein Theater- Happening in einer autoritätskritischen Zeit und das grandiose Scheitern einer literarischen Weltverbesserungsmaßnahme.
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BUCH
Jesus Christus Erlöser und Fieber
| Tagebuch eines Aussätzigen
| 153 Seiten, Broschur
Zum 80. Geburtstag von Klaus Kinski am 18. Oktober 2006 wird Jesus Christus Erlöser erstmals veröffentlicht, gemeinsam mit den Gedichten Fieber – Tagebuch eines Aussätzigen, die Kinski in den fünfziger Jahren schrieb und die bei ihrem Erscheinen 2001 vom Focus als »literarische Entdeckung des Jahres« bezeichnet wurden.
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AUDIOBOOK | 2 CD´s
Jesus Christus Erlöser
“Die Radikalität seines persönlichen Evangeliums und die Vorwürfe des Publikums […] verleihen dem Hörbuch einen explosiven Charakter… Gerade diese Mischung, das Mit- und Gegeneinander des Sprechers und der Hörer, machen das Hörbuch zu einem einmaligen Erlebnis.”( Frankfurter Rundschau )
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Großartiges Debakel
TAZ - Detlef Kuhlbrodt
Der Jesus-Christus-Abend, der der Auftakt einer weltweiten Tournee sein sollte, wird zum Debakel. Linke Zuschauer provozieren den Schauspieler, Kinski beleidigt zurück, mehrmals verlässt er die Bühne, bevor er dann, nach Mitternacht, vor hundert Verbliebenen seinen Text glücklich zu Ende spricht.
Von seinem “wichtigsten Vortrag” (Kinski), der sich letztlich sechs Stunden hinzog, gibt es lediglich 134 Minuten Filmmaterial, die Peter Geyer hervorragend zu einem 84-Minuten-Film zusammengeschnitten hat. Ein großartiges Zeitdokument und seltsamerweise der einzige Bühnenauftritt von Kinski, der filmisch dokumentiert ist. Im Blümchenhemd mit schulterlangen Haaren präsentiert Kinski dabei nicht so sehr (oder erst am Ende) den sanften Versöhner, sondern den aufrührerischen, antiinstitutionellen Jesus, der sich mit denen verbündet, die als “Randgruppen” (Marcuse) oder “Patchwork der Minderheiten” (Lyotard) bei 68er-Theoretikern wie Marcuse und Lyotard die Rolle des Proletariats auf dem Weg zur Weltrevolution übernommen hatten. Also: Junkies, Kriegsdienstverweigerer, weinende Mütter in Vietnam, Huren, Trinker, Kriminelle.
Deshalb ist es umso befremdlicher, dass er immer wieder mit beleidigenden Zwischenrufen - “du hast doch selbst nie gearbeitet”, “der onaniert doch ständig in die Luft”, “der hat doch schon seine Million” - unterbrochen wird oder dass Zuschauer auf die Bühne wollen, um zu “diskutieren”. Die Zwischenrufe führen dazu, dass er seinen Vortrag gegen die Zuschauer richtet, die er mit biblischen Zitaten wie weiland der Erlöser als Schweine oder Säue, beschimpft; dass er sich immer besser in seine Rolle hineinsteigert.
“Jesus Christus Erlöser” dokumentiert nicht nur einen großartigen Auftritt Kinskis, sondern auch die Dummheit und selbstzufriedene Kulturfeindschaft eines Teils der 68er, die - nachdem Kinski zum x-ten Mal die Bühne verlassen hatte - im vielstimmigen Chor: “Kinski ist ein Faschist” skandieren.
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VIDEO
| Ausschnitt aus dem Film “Jesus Christus Erlöser” ( Klaus Kinski 1971 )
| Regie: Peter Geyer 2008
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Jesus Christ Superarsch
SPIEGEL online - Birgit Glombitza
Vielleicht war es die Rolle seines Lebens: Auf der Bühne wollte Klaus Kinski vom Leiden des Messias sprechen. Der Film “Jesus Christus Erlöser” dokumentiert das skandalöse Theater-Happening - und zeigt den genialischen Schauspieler als Heiland unter Ungläubigen.
So stellt er seine Bühnenfigur, seine Existenzform für die nächsten Stunden, aus denen eine ganze durchquälte Nacht werden soll, im Steckbrief vor. Er beginnt langsam, mit leiser, scharfkantiger Stimme. Dazu dieses Gesicht, in dem alles ein bisschen zu groß, zu angespannt, alles etwas unsymmetrisch ist. Allein dieser Anblick ist schon so intensiv, das es manchem den Atem verschlagen mag. Die ersten hüsteln. Die ersten Räusperer. “Du säst Hass!”
Kinskis Erlöser sieht sich als Jesus unter Ungläubigen. Unverstanden, bespuckt, gedemütigt. Scheiternd am Palaver- und Diskutierzwang der 68er, an einer Generation, die Kinskis Darbietung als autoritäre Anmaßung missverstehen musste. “Das ist ja wie vor 2000 Jahren. Dieses Gesindel ist noch beschissener als die Pharisäer. Die haben Jesus wenigstens ausreden lassen, bevor sie ihn angenagelt haben”, schimpft er später. Das Publikum begriff nichts von Kinskis live durchexerzierter Selbstauflösung, nichts von seinen symbiotischen Rollenspielen, seinem Authentizitätswahn und der missionarischen Wucht, mit der er seine Eschatologie von einem anarchischen, individualistischen Jesus in die Welt brüllte.
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Der du ein Maul hast
FAZ - Julia Encke
Rebellion und Wahn liegen hier offen zutage, in der ganzen Bandbreite der Stimmungen und Reflexe: das Aufbegehren gegen den völlig unzeitgemäßen autoritären Ton eines tyrannischen Exzentrikers; der ideologische Kurzschluss, der jeden über dreißig zum Nazi erklärt; die basisdemokratische Sehnsucht, die sich dem Diktat von oben nicht beugen will; die Diskrepanz zwischen friedensliebenden Diskutanten und gewaltbereiten Wortführern. All das entzündet sich an einer Figur, die widersprüchlicher nicht sein könnte, nicht aber in ihren Widersprüchen wahrgenommen, sondern sofort zur feindlichen Angriffsfläche wird. Kinski will eigentlich nur eins: in Ruhe seinen Text sprechen.
Peter Geyer lässt nach ungefähr sechzig Minuten den Abspann laufen. Man will schon seine Sachen packen, da geht der Film, wie damals der Abend, noch weiter: Es ist weit nach Mitternacht, hundert junge Menschen harren noch immer in der Halle aus, der Rest ist tumulthaft längst gegangen. Plötzlich kommt Kinski noch einmal hervor, diesmal müde und ernst. Er steigt von der Bühne herab, stellt sich in die Mitte der Verbliebenen, um, zunächst ohne Mikrofon, seinen „Erlöser“-Text von vorn zu sprechen: „Gesucht wird Jesus Christus. Angeklagt wegen Verführung anarchistischer Tendenzen Verschwörung gegen die Staatsgewalt. Besondere Kennzeichen: Narben an Händen und Füßen. Angeblicher Beruf: Arbeiter. Nationalität: Unbekannt. Decknamen: Menschensohn Friedensbringer Licht der Welt Erlöser . . .“ Gesicht und Stimme des Tyrannen hat er abgelegt. Er spricht bis zu Ende. Form und Inhalt - und, auf Augenhöhe, der Sprecher und sein Publikum kommen so zusammen. Es ist, als wäre Klaus Kinski, für diesen einen Moment, in der Zeit angekommen.
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JESUS CHRISTUS ERLÖSER
| Regie: Peter Geyer,
| D 2008, 84 Min,
| ab 15. Mai 2008 im Kino

