Bad Painting – Good Art | MUMOK Wien

Martin Kippenberger, Ohne Titel, 1982, 
6-tlge Serie, Öl Acryl auf Leinwand, 100x120cm
Courtesy Sammlung Falckenberg, Hamburg
Foto: Jens Ullheimer

Bis zum 12. Oktober 2008 zeigt das Museum Moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien die Ausstellung „Bad Painting“. Interessante Maler des 20. Jahrhunderts wie Francis Picabia, RenéMagritte, Asger Jorn, Philip Guston, Neil Jenney, Georg Baselitz, Albert Oehlen, Martin Kippenberger oder Julian Schnabel griffen mit unterschiedlichen Strategien eines unkorrekten, schlechten, hässlichen oder bösen Malens ihr Medium radikal an, um ihm damit neue Möglichkeiten zu bieten.

———————–

Anhand markanter Werke von 20 Künstlern präsentiert die Ausstellung „Bad Painting“ ein Phänomen, das eine neue, differenzierte Sichtweise auf die Geschichte der Malerei seit der Moderne eröffnet und für den gegenwärtigen Diskurs mitbestimmend wirkt.

———————–

Pressetext MUMOK Wien

Malerei als Proteststrategie
Bad Painters bekennen sich eindeutig zur Malerei. Sie fordern dem Medium kritisches Potential ab, indem sie sich gegen bestehende Kanons der Traditionalisten ebenso wenden, wie sie dogmatische Konzepte und Vorschriften in den Avantgarden angreifen. Somit ist Bad Painting nicht zuletzt eine Kritik an den Utopien der Moderne, deren uneinlösbare Ansprüche und Versprechungen es aufdecken will. Als Gegenbewegung bestimmt die Strategie des Bad Painting bei keinem der Künstler das gesamte Schaffen, sondern kommt jeweils nur in bestimmten Phasen zum Einsatz.

Gegen die Dogmen der Klassischen Moderne
Schon in den 1920er Jahren propagierte Francis Picabia Stilpluralismus und Stilbruch als Alternativen zum linearen Innovations- und Fortschrittsglauben der Avantgarden. Er wird seit den 1980er Jahren als Vaterfigur des Bad Painting gefeiert. Aus Protest gegen den Dogmatismus seiner Surrealistenkollegen brach auch RenéMagritte aus seinem Signature Style aus – wenngleich nur für eine kurze Zeit. In den Bildern seiner „période vache“ (1948) wird das formale wie inhaltliche Repertoire der Malerei der Moderne in parodistischer Weise „durchgespielt“.

Ende der Fünfzigerjahre findet Asger Jorn in seinen „Modifications“ – Übermalungen auf Trödelmärkten gekaufter Bilder –zu einer positiven Einschätzung des Kitsch, den er als „Bad Painting“ bezeichnet. „Personally I like bad better than good.“

Malen gegen die Ächtung der Malerei
Ideologische Kämpfe zwischen Abstraktion und Figuration, ebenso wie die Ächtung der Malerei durch die Avantgarden zwangen die „Bad Painters“ in den 1960er und 1970er Jahren zu klaren Positionierungen: Georg Baselitz will „mit Mist, Schlamm und Unfarben […] wirklich schlechte Bilder malen“, um „mit Aggression und mit heftigem Widerspruch“ etwas „gegen die schönen Dinge zu setzen.“ Sigmar Polke formuliert seine Kritik an der ideologischen Befrachtung des Vokabulars der Moderne in Form von Malerei und setzt sich auch mit dem Phänomen des Kitsch auseinander.

„Pfeifen Sie auf Kuratoren und Kritiker-Gequassel und emanzipieren Sie sich!“ „Trottel, Schnellficker, Affenarsch, Arschkriecher, Speichellecker“ [ „Schimpftuch“ von Sigmar Polke ]

In Amerika wendet sich Philip Guston Ende der 1960er Jahre vom abstrakten Expressionismus zugunsten idiosynkratischer Bilder ab. Heute sind diese Bilder, mit denen er bis zu seinem Tod auf größtes Unverständnis stieß, wesentliche Positionen des Bad Painting. Um 1969/70 produziert Neil Jenney eine von ihm selbst als „Bad“ oder „Unconcerned Paintings“ benannte Serie, die er jedoch wieder beendete. Ihm wurde bewusst, dass selbst wenn er „die schlechtest möglichen Bilder produzierte, diese nicht gut genug wären“.

Katalog Bad Painting. Good Art

PUBLIKATION
zur Ausstellung in Wien

Bad Painting. Good Art

Susanne Neuburger,
Eva Badura-Triska (Hg.)

256 Seiten
| mit 129 farbigen
| und 13 s/w Abbildungen,
| deutsch/englisch
| H 28 x B 22 cm,
| broschiert

kaufen bei amazon

Diese Publikation setzt sich mit dem Phänomen des bewusst »schlechten« Malens auseinander, das sich in der Geschichte der Malerei des 20. Jahrhunderts immer wieder findet. Anerkannte Maler wie Francis Picabia, RenéMagritte, Asger Jorn, Philip Guston, Georg Baselitz, Sigmar Polke oder Julian Schnabel wandten »Bad Painting« an, um die Malerei herauszufordern, ihr Werk zu durchbrechen oder zu ironisieren und dem Medium letztendlich zu neuer Lebenskraft zu verhelfen.

Ohne programmatische Festlegung ist »Bad Painting« als Strategie eines schlechten, hässlichen, bösen — oder im Sinne des amerikanischen »bad« auch wieder obszönen — Malens zu verstehen. Eine Strategie, die die Malerei mit ihren ureigensten Mitteln kritisiert und meist in bestimmten künstlerischen Phasen eingesetzt wird, um dem Medium neue Möglichkeiten zu eröffnen.

Bad Painting im Malerei-Hype der 1980er Jahre

Dem dekonstruktiven Ansatz der Postmoderne entsprechend erlebte Bad Painting in den 1980er Jahren eine Hoch-Zeit. Künstler wie Albert Oehlen, Martin Kippenberger oder Werner Büttner betrieben eine radikale Befragung des Mediums und seiner Wirkunsmöglichkeiten. Mit ihrer schonungslos alles und jedes in Frage stellenden Herangehensweise zogen sie dabei nicht zuletzt gegen die oft nur als allzu einfache „gute Malerei“ zu Felde, die damals allerorts boomte. Auch die Weigerung des Amerikaners Julian Schnabel, sich auf einen Stil festzulegen, entspringt dem Geist der Ablehnung jeglicher Regeln und Verbindlichkeiten.

Die Ausstellung führt bis zu aktuellen Positionen des Bad Painting, darunter jenen von John Currin und Lisa Yuskavage. Diese greifen den amerikanischen Wertekanon von Anstand, Korrektheit, „gutem Geschmack“ und Schönheit in einer Weise an, die als schockierend, sensationalistisch, „politically incorrect“ und „reaktionär“ beschimpft wird. Unter anderem arbeiten sie dabei mit dem Rückgriff auf die von den Avantgarden verpönten Malweisen der alten Meister, um das Medium zu kritisieren und ihm neue Impulse zu verschaffen.

Ausgestellte Künstler:

Georg Baselitz, Werner Büttner, AndréButzer, John Currin, Giorgio De Chirico, Pinot Gallizio, Philip Guston, Neil Jenney, Asger Jorn, Martin Kippenberger, RenéMagritte, Albert Oehlen, Francis Picabia, Sigmar Polke, Heimrad Prem, Peter Saul, Julian Schnabel, Helmut Sturm, Lisa Yuskavage, HP Zimmer.

————-

SOCIAL MEDIA anonym durch Einsatz des c't-Projektes Shariff