Lovis Corinth und die Geburt der Moderne | Retrospektive
KUNSTSCHAU Hamburg | Jens Ullheimer | PT MdbK Leipzig | KF Regensburg
Bis zum 19. Oktober 2008 zeigt das Museum der bildenden Künste, Leipzig nahezu 100 Gemälde aus allen Schaffensphasen – darunter zahlreiche Leihgaben aus nationalen und internationalen, öffentlichen und privaten Sammlungen. Danach wandert die Ausstellung bis 15.02.2009 in das Kunstforum Ostdeutsche Galerie in Regensburg.
Erstmals werden die Gemälde Corinths mit einer konzentrierten Auswahl von Werken nachgeborener Künstler konfrontiert. Georg Baselitz, Rainer Fetting, Gotthard Graubner und Dieter Krieg, setzen in ihrer Arbeit bewusst oder unbewusst den Weg fort, den Corinth beschritten hat.
Innerhalb der DDR-Kunst fungierte er für Hartwig Ebersbach, Sighard Gille, Bernhard Heisig Willi Sitte und Norbert Tadeusz als »Leitfigur und Pate«. Diese Verortung wird der Leipziger Station einen besonderen Schwerpunkt verleihen, während Regensburg die Verbindung zu Anselm Kiefer, Markus Lüpertz, Sigmar Polke und der expressiven Figuration in der eigenen Sammlung sucht.
Die Ausstellung im Museum der bildenden Künste findet anlässlich des 150. Geburtstages des Leipziger Museums statt, das schon 1926 die umfassende Corinth-Gedächtnis-Ausstellung präsentierte.
Für das Kunstforum Ostdeutsche Galerie in Regensburg, als bundesweit einzigartiger Spezialsammlung ostdeutscher Kunst von der Romantik bis zur Gegenwart, ist Corinth die zentrale Identifikationsfigur. Seit 1974 wird hier der Corinth-Preis verliehen.
Malerei als Abenteuer – dies trieb Lovis Corinth bis an den Rand zum Formlosen und mitten in die Moderne hinein. Dabei blieb er den ewigen Existenzfragen des Menschen um Eros und Tod, Gewalt und Leidenschaft zeitlebens treu. Akademiker, Naturalist, Impressionist, Expressionist – wie kaum ein zweiter Künstler verlieh Corinth dem Medium Malerei neue Ausdruckskraft jenseits der Stile. Er entwickelte ein spannungsvolles Themenspektrum zwischen dionysischer Antike und christlicher Leidensgeschichte, vom intimen Genrebild bis zur subjektiven Landschaftsimpression. 1858 im ostpreußischen Tapiau geboren, gilt er heute als ein Begründer der Moderne in der Malerei. Sein Geburtstag jährt sich 2008 zum 150sten Mal.
Lovis Corinth ging in seiner Kunst bis an Grenzen und wurde neben Oskar Kokoschka und Max Beckmann zum großen Einzelgänger der figurativen Moderne im frühen 20. Jahrhundert. Sein Werk beeinflusste und bestärkte Generationen deutscher Künstler in Ost wie West. Die Retrospektive in Paris, Leipzig und Regensburg ermöglicht nicht nur einen umfassenden Zugang zum explosiven Werk Lovis Corinths im Kontext der Moderne, sondern klärt auch erstmals eine wesentliche kunsthistorische Bezugsgröße der „Renaissance“ figurativer Malerei der Gegenwart.
Museum der bildenden Künste, Leipzig
Lovis Corinth | Internet-Special
| bis 19. Oktober 2008
Kunstforum
Ostdeutsche Galerie, Regensburg
| 9.11.2008 – 15.2.2009
Lovis Corinth
>> umfangreiche Bildergalerie
| auf wikipedia
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KATALOG
Lovis Corinth und die Geburt der Moderne
| Format 24 × 32,5 cm,
| 384 Seiten
| 228 farbige,
| 29 Duplex
| und 11 s/w Abbildungen,
| Hardcover, gebunden
| deutsch
Der Katalog erlaubt einen hochkarätigen Überblick über das Œuvre Lovis Corinths. Ausgangspunkt ist das thematisch differenzierte Frühwerk, in dem vielfältige Anregungen verschmelzen. In mythologischen und biblischen Darstellungen, Porträts, Landschaften oder Stillleben entwickelte sich Corinth zum vitalen Impressionisten und führenden Vertreter der Berliner Sezession. Im expressiven Spätwerk triumphiert die Ausdruckskraft der Farbe und des Malduktus über die gegenständliche Formensprache.
Der Katalog versammelt rund 100 Gemälde sowie Zeichnungen und Grafiken, die mit Zeitgenossen der deutschen und internationalen Moderne sowie einer konzentrierten Auswahl an Werken nachgeborener Künstler in Dialog treten und Corinth als Solitär zwischen Tradition und Avantgarde begreifbar werden lassen.
Mit Textbeiträgen von Bernhard Heisig, Anselm Kiefer, Serge Lemoine, Ulrike Lorenz, Mario-Andreas von Lüttichau, Marie-Amélie zu Salm-Salm, Klaus Theweleit, Beat Wyss und Michael F. Zimmermann
Die Publikation erschien anlässlich der Ausstellungen „Lovis Corinth und die Geburt der Moderne“, die vom 11. Juli bis 19. Oktober 2008 im Museum der bildenden Künste Leipzig und vom 9. November 2008 bis 15. Februar 2009 im Kunstforum Ostdeutsche Galerie Regensburg zu sehen sind.
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Zwischen Tradition und Moderne ( zur Ausstellung in Paris )
DEUTSCHLANDRADIO Kultur – Kathrin Hondl
Lovis Corinth entwickelt sich zu einem “Maler des Fleisches” zwischen Tradition und Moderne. Nah beieinander hängen in der thematisch geordneten Ausstellung im Musée d’Orsay Genre-Gemälde wie “Das große Martyrium” – eine schonungslos drastisch gemalte Kreuzigungsszene – , Schlachthausbilder, auf denen das Fleisch eines toten Ochsen in kräftigen Rottönen Leben eingehaucht bekommt, Frauenakte, auf denen die nackte Haut Formen und Farben annimmt, die die radikale Malerei eines Lucian Freud vorweg zunehmen scheinen.
Marie-Amélie zu Salm-Salm: “Also immer wieder schafft er es, auch so Grenzen aufzubrechen zwischen den unterschiedlichen Gattungen, uns immer wieder zu überraschen, auch mit seiner Malweise, wenn Sie sich zum Beispiel vorne die Violinistin anschauen, von 1900. Ein Gesicht in der alten Malweise, ganz detailliert ist das Gesicht ausgearbeitet. Und dann hat sie ein Kleid an, man würde sagen: informelle Malerei der 50er Jahre vorgegriffen. Komplett aufgelöste Struktur. Und da schafft einfach Corinth es, uns immer wieder zu überraschen. Und ich denke, das ist ganz gut zusammengefasst mit den Begriffen zwischen Tradition und Moderne.”
Die Pariser Ausstellung geht sogar noch einen Schritt weiter – bis zur Gegenwartskunst, so die These, reicht der Einfluss von Lovis Corinth. Der Beleg: Ein großes Tryptichon von Anselm Kiefer mit dem Titel – in Anlehnung an Corinths berühmtes “Selbstbildnis mit Skelett”, das in der Pariser Ausstellung leider fehlt – “Für Lovis Corinth. Selbstbildnis mit Skelett”.
Anselm Kiefer: “Es ist nicht nur eine Hommage. Es ist ein Bild, das ich gemalt hab’ quasi neben Corinth. Also ich wusste vom Serge Lemoine, dass er die Ausstellung macht, er hat mich gefragt, ob ich etwas da beitragen will. Und dann hab’ ich eigentlich ein Jahr an Corinth gedacht – während ich gearbeitet habe. Ich hab’ nicht speziell ein Bild gemacht für Corinth – eigentlich war’s wie eine Parallelaktion.”
DEUTSCHLANDRADIO – Beitrag lesen
Anselm Kiefers “Für Lovis Corinth. Selbstporträt mit Skelett (2007)”
ist ein Triptychon, auf dem die verwelkte Sonnenblume, Symbol der Eitelkeit, den Hintergrund des Gemäldes bildet. Die weißen Blätter mit den Nummern und Buchstaben erinnern an die Nomenklatur der Sterne, die von der NASA aufgestellt wurde. Anselm Kiefer ging es darum, eine Verbindung zwischen den dargestellten Elementen und dem Kosmos herzustellen. Der Schaukasten ist mit Stacheln gespickt, die auf das Leiden Christi hinweisen. Auf dem Mittelteil ist eine Wirbelsäule zu sehen, die an Corinths Selbstporträt mit Skelett im Lenbachhaus in München erinnert. Mit diesem Bild wird der Einfluss des Künstlers auf die Gegenwartskunst deutlich.
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VIDEO | Ausstellung zum 150. Geburtstag Corinths
| Regensburg 2008/2009
| Aus: Kulturzeit für 3sat
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Wegbereiter der Abstraktion ( zur Ausstellung in Leipzig )
DEUTSCHLANDRADIO Kultur – Tobias Barth
Als “Maler für Maler” ist Corinth gern apostrophiert worden, weiß Ulrike Lorenz, Direktorin Ostdeutsche Galerie Regensburg, zu berichten:
“Das Verrückte ist ja, das Corinth immer unabhängig von der Wahrnehmung des breiten Publikums wo ja Corinth jahrzehntelang keine Rolle gespielt hat, Corinth immer ein Künstler für Künstler gewesen ist, einer der von den Machern als Macher erkannt wurde, als Vorbild. Und da ist das Interessante, das sowohl in der Ost- wie in der Westkunst einzelne Figuren immer wieder auf Corinth zurückgegriffen haben.”
Diesen Faden nimmt das Museum der bildenden Künste in Leipzig auf und zeigt in einer parallelen Schau die Werke von Künstlern, die sich explizit auf Lovis Corinth beziehen und berufen. Willi Sitte ist dabei und Bernhard Heisig, Anselm Kiefer, Sieghard Gille und Hartwig Ebersbach, für den bis heute Corinth ein Impulsgeber ist:
“Man kann die Bilder riechen, man kann den Duft der Frauen den Bildern abnehmen, und diese Kraft der Natur hat mich sehr beeindruckt.”
DEUTSCHLANDRADIO – Beitrag lesen
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Was alles in einem Vulkan steckt
FR online – Judith von Sternburg
Hier ist ein Maler, der zwanghaft provoziert. Seinen Arbeiten jedoch ist keine Anstrengung anzumerken. Im Gegenteil: Davon hätte mancher Rekonstrukteur paradiesähnlicher Zustände um 1900 wohl geträumt, so viel Entspannung ins Bild zu setzen, wie es Corinth mit seinen Frauenakten gelingt.
Bilder wie die Hinrichtung auf “Das große Martyrium” (1907) oder die Verbindung von Sexualität und Gewalt auf “Die Lebensalter I” (1904) werden dem Betrachter in seine Albträume folgen. Mancher wird sich bei dem Gedanken ertappen, dass er nicht wollte, dass seine Kinder das sehen (viele springen im Museum herum, was ja an sich schön ist). Der Grund liegt nicht in bürgerlicher Abscheu, sondern schrecklicher Erkenntnis: Corinth übertreibt keineswegs. Er malt es, wie es ist.
Besucher nehmen ferner in Kauf, dass ihnen danach vieles andere unwichtig vorkommen wird. Das fängt schon im Obergeschoss an, wo unter dem Motto “Ein Maler für Maler” spätere Künstler präsentiert werden, die gleichfalls Akte und Schweinehälften malten.
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Urviech der Kunst
ZEIT – Hanno Rauterberg
Öfters ist Corinth, der Gerbersohn, zum Malen in die Schlachthäuser gezogen, häufig zeigt er das Verfallen und Sterben, den Tod. Mal blutig-rau, dann wieder heiter-harmlos, so ist seine Bilderwelt. Und doch fällt sie nicht auseinander, im Gegenteil: Ernst und Unernst brauchen einander. Denn wie leicht würde das Theatralische umkippen in Schwulst, wäre nicht Corinths Begabung im Beschwipsten. Und umgekehrt, wie belanglos komödiantisch wirkten manche Bilder, hätten sie nicht ein Widerlager im Dramatischen.
Nur wenigen Künstlern seiner Generation gelingt diese Balance. Viele meinen, sie müssten sich entscheiden, die einen malen duftig-impressionistische Landschaften, die anderen ätherischen Mystizismus. Corinth aber bleibt vielgesichtig, auf den Festochsen ebenso neugierig wie aufs Schlachtvieh. Wohl deshalb haben sich viele schwer getan mit seiner Kunst, sie war nicht eindeutig genug.
Erst in den letzten Jahren wird er häufiger gewürdigt, auch die Leipziger Ausstellung, die zunächst in Paris gezeigt wurde, zeugt von dieser neuen Zuneigung. Wie es scheint, vermag man Corinth heute eher zu schätzen, die Gier, mit der er sich die unterschiedlichsten Themen und Stile einverleibt, Rembrandt ebenso wie Frans Hals oder Goya.
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Corinth und die Lust am Fleische
Thüringer Allgemeine – Peter Arlt
Die Bedeutung der Leipziger Ausstellung liegt natürlich darin, Corinths großartige Malerei in den Blickpunkt zu stellen und mit ihr auf die Anfänge der Moderne zurückzublicken. Zugleich ruft sie in Erinnerung, was ihr als Bestandteil der Moderne nachfolgte: Max Beckmann, Oskar Kokoschka, Otto Dix und weitere Nachfolger: Bernhard Heisig, Anselm Kiefer oder Willi Sitte, dessen Hommage das von ihm zitierte letzte Selbstporträt Corinths aus Zürich als Gegenüber die Ehre gibt.
Die großartige Bilderschau besitzt also nicht nur eine retrospektive Bedeutung, sondern erklärt vielmehr Corinth als den Maler für Maler “für dringend notwendig” (Heisig), weil in seiner zupackenden, sinnbildlich verdichteten Malerei die sinnliche Erscheinung des Menschen regiert. Vielleicht hieße die Ausstellung deshalb besser “Corinth und die Lust am Fleische”. Denn was sagte der Leipziger Max Klinger über Corinth? Der Museumsdirektor Hans-Werner Schmidt zitierte dies in seiner Eröffnungsrede genüsslich auf Sächsisch: “Flesch. Viel Flesch!”
Thüringer Allgemeine – Artikel lesen
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Museum der bildenden Künste, Leipzig
Lovis Corinth | Retrospektive
| bis 19. Oktober 2008
Kunstforum
Ostdeutsche Galerie, Regensburg
| 9.11.2008 – 15.2.2009
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