Peter Doig | Retrospektive

KUNSTSCHAU Hamburg – Jens Ullheimer – PT Kunsthalle Schirn Frankfurt
Die Frankfurter Kunsthalle Schirn zeigt bis zum 4. Januar 2009 eine Retrospektive des Malers Peter Doig.
Peter Doig gilt als einer der maßgeblichen und international einflussreichsten Maler der Gegenwart. Anhand von rund 50 Gemälden, einer Gruppe von Arbeiten auf Papier und rund 130 gemalten Filmpostern zeigt die Schirn einen umfassenden Überblick über sein Schaffen der letzten zwanzig Jahre. Viele der ausgestellten Werke waren bisher nie in Deutschland zu sehen.
Einen Schwerpunkt der Schau bilden Gemälde, die Doig in den vergangenen fünf Jahren in Trinidad geschaffen hat, sowie gemalte Poster, die für sein Kinoprojekt, den STUDIOFILMCLUB in Port of Spain auf Trinidad, entstanden sind.
Peter Doigs Gemälde beziehen sich einerseits auf die Geschichte der Malerei und sind andererseits fest im heutigen Leben verankert. Ausgangspunkt für seine Bilder sind oft Reiseprospekte, Zeitungsfotos, Filmstills oder private Schnappschüsse. Gleichzeitig spiegeln sich in ihnen auch die wechselnden Umgebungen und Gesellschaften, in denen der Künstler gelebt hat: die gefrorenen Seen seiner Kindheit in Kanada, die schillernde Metropole London oder die karibischen Landschaften und urbanen Szenerien Trinidads. In visionären Landschaften, deren Ruhe jeden Moment zu kippen scheint, gerinnen Erinnerung, Biografisches, populäre Bilder und erzählte Handlungen zu traumartigen Sequenzen.
Vielen von Doigs Gemälden eignet etwas Unbestimmtes, Ambivalentes, widersprüchliches. Immer wieder leugnet beispielsweise der Aufbau des Bildes den Raum des dargestellten Motivs. Der Künstler lässt Farbflächen flimmern, legt blass schimmernde Flecken wie einen Schleier über das Bild oder rastert die Oberfläche in fast abstrakt wirkenden Motivüberschneidungen.

Abb.: Peter Doig | Concrete Cabin | 1994, Öl auf Leinwand | 198 x 275cm
Sammlung Saatchi, London
Peter Doigs Bilder von Le Corbusiers klassisch-modernistischem Wohnblock bieten dem Betrachter ein geheimnisvolles Utopia: kosmopolitische Traumarchitektur eingebettet in (oder gefangen von) wuchernder Wildnis.
VIDEO
Anlässlich der Ausstellung „Peter Doig“ produziert die Schirn für Publikum und Presse wie bereits für vergangene Ausstellungen einen Webfilm. In dem ca. 5 Minuten langen Film spricht Peter Doig anhand von Gemälden in der Ausstellung über sein Werk und wird von der Kamera durch den Aufbau der Ausstellung begleitet.
http://www.schirn-kunsthalle.de/data//movies/1223428645_schirn_final_f8_636k_400x300.flv
STUDIOFILMCLUB
| bis 26. November 2008, jeden Mittwoch 19–22 Uhr
Anlässlich der Ausstellung richtet Doig einen eigenen Frankfurter STUDIOFILMCLUB ein, in dem ein vom Künstler ausgewähltes Filmprogramm gezeigt wird.
Als Peter Doig im Frühjahr 2003 zusammen mit dem Künstler Che Lovelace den STUDIOFILMCLUB in Port of Spain auf Trinidad gründete, hatten bereits große Multiplexsäle die dortige Kinoszene verändert und die Programmkinos verdrängt. In Doigs Atelier, einer ehemaligen Rumfabrik, werden seitdem einmal wöchentlich Filme gezeigt, zu deren Vorführungen der Künstler jedes Mal ein Plakat entwirft.
Die Schirn präsentiert über 130 Poster Doigs und lässt jeden Mittwochabend im Ausstellungsraum samt Bar den STUDIOFILMCLUB erstehen. Wie in Trinidad ist auch in Frankfurt der Eintritt frei, die Filme werden kurz angekündigt, im Mittelpunkt stehen das gemeinschaftliche Erleben von Filmen und die soziale Interaktion. Gestaltung und Programm des STUDIOFILMCLUBS wurden in enger Zusammenarbeit mit Peter Doig und seinen Studenten der Kunstakademie Düsseldorf und der Schirn Kunsthalle Frankfurt konzipiert.
Die Ausstellung wurde organisiert von der Tate Britain in Zusammenarbeit mit der Schirn Kunsthalle Frankfurt und dem Musée d’Art moderne de la Ville de Paris.
PETER DOIG
| Schirn Kunsthalle Frankfurt
| bis 4. Januar 2009
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KATALOG
| 168 Seiten
| 100 farbige Abb.
| 40 einfarbigen Abb.
| H 26,5 x B 21,5 cm
| gebunden
Dieser Band stellt einen Werk-Überblick aus den letzten 20 Jahren zusammen, der mit Archivmaterial sowie Zeichnungen abgerundet wird. Mit dem ausführlichen Gespräch zwischen Doig und seinem Künstlerfreund Chris Ofili, einem Essay der Kuratorin Judith Nesbitt sowie dem Aufsatz des amerikanischen Kunstautors Richard Shiff bietet dieses Buch einen informativen und guten Gesamtüberblick.
Der in England geborene Künstler wuchs in Kanada und Trinidad auf, wo er heute wieder mit seiner Familie lebt. An der Staatlichen Kunstakademie in Düsseldorf hat er seit 2005 eine Professur für Malerei inne. Seine Bilder bewegen sich in einem völlig eigenen Raum zwischen Figuration, intensiven Chiffren erinnerter Bilder und malerisch durchgearbeiteten Farbflächen. »Du kannst mich fragen, worum es in den Bildern geht, aber ich kann es dir wirklich nicht sagen, sie sind einfach Chiffren für deine eigenen Vorstellungen«, so beschreibt Doig selbst seine Malerei. Erster deutschsprachiger Überblick zum Werk des international bedeutenden Malers.
Ausstellung Peter Doig
Schirn Kunsthalle Frankfurt, 9. Oktober 2008 bis 4. Januar 2009
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Die Fledermaus-Männer | Gemälde und Filmplakate in der Schirn
FR online – Sandra Danicke
Anlässlich der großen Peter-Doig-Ausstellung mit circa 50 Gemälden und diversen Papierarbeiten hat man dort jetzt einen Ableger des originalen Studiofilmclubs eingerichtet.
Jede Woche seit fünf Jahren zeigt der Künstler, der 1959 im schottischen Edinburgh geboren wurde und seit 2002 mit seiner Familie in Port of Spain lebt, dort zusammen mit seinem Kollegen Che Lovelace ausgewählte Programmkino-Filme. Darunter George Lucas’ “THX 1138″ oder den senegalesische Kultstreifen “Touki Bouki”. Hierfür malt Peter Doig jedes Mal ein Plakat, 140 davon sind nun in der Frankfurter Ausstellung zu sehen – ein Anlass, der auch Doig-Anhänger in die Stadt locken dürfte, die die von der Tate Britain organisierte Ausstellung bereits in London (FR vom 23. Februar) oder im Musée d’Art moderne de la Ville de Paris gesehen haben.
Es handelt sich um spontane Entwürfe voller Witz und Originalität, die mit den Originalplakaten nichts zu tun haben. “Belle de Jour”, in Luis Buñuels Film gespielt von Catherine Deneuve, hat in der Doig-Version eine schwarze Maske vorm Gesicht, während Paul Verhoevens Drama “Spetters”, in dem drei junge Motorradfans mit derselben Frau schlafen, sinnfällig mit drei unterschiedlich langen Penissen neben einem Lineal illustriert ist. Das “Carnival Roots”-Plakat wiederum, das einen Dokumentarfilm über den Karneval in Trinidad und Tobago ankündigt, zeigt einen spinnenbeinigen Mann, der als Fledermaus verkleidet ist.
Das gleiche Motiv bildet auch das zentrale, letzte Bild der Doig-Ausstellung und illustriert somit sehr anschaulich den Unterschied zwischen den bedächtig gestalteten Leinwänden und der Unmittelbarkeit der Pinselzeichnungen. Wirkt der Fledermausmann auf dem gelb grundierten Filmposter eher illustrativ und lustig, so mutet das gleiche graue Wesen als Gemälde eher unheimlich und verstörend an.
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Ein Schwamm im Exil
TAZ – Ulf Erdmann Ziegler
Eine große Retrospektive, die jetzt in der Frankfurter Schirn zu sehen ist, zeigt den Maler Peter Doig als Meister des Heimlichen: Er schraffiert sich seine Landschaft.
Er ist der ideale Künstler für eine frühe Retrospektive: Das Werk ist überschaubar, die zentralen Bilder sind wohlbekannt, und er macht nicht das, was alle machen. Er lebt auch nicht dort, wo alle leben, sondern auf einer fernen Insel. Peter Doig, vor neunundvierzigundeinhalb Jahren unter diesem bündigen Namen in Edinburgh zur Welt gekommen, ist ein Exot im Kunstbetrieb, und mit seinen kleinen, flinken Augen in einem breiten Gesicht zugleich ein Archetyp, aus festem Holz geschnitzt.
Doigs Hang zum Domestischen, seine Gleichbehandlung des Gewöhnlichen (handbemalte Mauer) und des Todschicken (Le Corbusiers Primärfarben) ist sein kreativer Schlüssel. Sein Stichwort der “homeliness” bezieht Judith Nesbitt im Katalog, der aus dem Britischen komplett übernommen und sehr präzise übersetzt wurde, auf Freuds Ausführungen zum Begriffspaar “heimlich/unheimlich”, das im englischen Text auf Deutsch eingeführt wird. Der deutsche Katalog greift direkt zurück auf Freuds Text, in dem es heißt: “Wir werden überhaupt daran gemahnt, dass dieses Wort heimlich nicht eindeutig ist, sondern zwei Vorstellungskreisen zugehört, die, ohne gegensätzlich zu sein, einander doch recht fremd sind, dem des Vertrauten, Behaglichen und dem des Versteckten, Verborgengehaltenen”, wobei Freud seine Etymologie ins Paradoxe führt: “Also heimlich ist das Wort, das seine Bedeutung nach einer Ambivalenz hin entwickelt, bis es endlich mit seinem Gegensatz unheimlich zusammenfällt”. Treffend zitiert, denn es stimmt, dass Doigs Bilder so viel zeigen, wie sie verbergen; was sie verbergen, ist aber nicht der Fetisch der Moderne, die Leere, sondern ein gewisses Etwas, das Sehnsuchtsgefühle weckt.
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Der Künstler und sein Kanu
SPIEGEL online – Karin Schulze
Seine Kunst ist weder hip noch cool, dafür aber so geheimnisvoll, dass Sammler für seine Gemälde Millionen bezahlen. Welchen verstörenden Sog Peter Doigs Werke entwickeln, zeigt eine Retrospektive in der Frankfurter Schirn.
Doig malt nicht reale, sondern erinnerte, ja verlorene Landschaften. “Ich habe diese ‘Landschaftsidee’ in London zu malen begonnen, unter Rückgriff auf die Erfahrungen, die ich in Kanada gemacht hatte.” So nannte er diese Produktionsweise einmal “eine Form von Flucht, denn das, was hinter der Tür lag, war tatsächlich so völlig anders. Das Werk wurde zu einer anderen Welt.”
In diesen Werkwelten steht oft eine einsame Figur herum, in Gedanken versunken, traumverloren. Wie ein Stellvertreter des Betrachters vermittelt sie das spezifische Doig-Erlebnis: dass man hinein gesogen wird in einen Gefühlsraum, den man schon einmal genau so durchlebt zu haben meint. Dieser Atmosphäre einer dunklen Ahnung arbeitet seine Malweise zu. Reflexe, Blitze, Spiegelungen, Doppelungen, Zonen der Unschärfe und pulsierenden Lichts – all das erinnert an das Flirren, in dem die Umwelt versinkt, wenn Zeit vergeht, aber sich nichts ereignet und alles Wesentliche innen geschieht.
Doig malt Erinnerungen, die auftauchen, kurz bevor sie verglühen. Er fixiert sie und deutet gleichzeitig ihre Auslöschung an. Seine Landschaften, so meinte einmal ein Kritiker, seien “psychedelische Versionen des ‘National Geographic’”. Wenn sich diese Bildwelten als Cover von Romanen oder CDs oder für Filmplakate förmlich aufdrängen, so tun sie das, weil sie eher auf bereits ästhetisch empfundene Momente, auf Gegenwelten und Orte des Abseits verweisen als auf Brennpunkte der Gegenwart oder der Geschichte.
SPIEGEL online – Artikel lesen
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Zur Schwesterausstellung in der Tate Britain
Finsteres Womöglich, drohendes Vielleicht
ZEIT – Hanno Rauterberg | 21.2.08
Als alles Schock war, Ekel und Gewalt, als die Künstler damit anfingen, Kühe in Scheiben zu schneiden und in Formaldehyd einzulegen, Büsten aus menschlichem Blut zu formen, zerwühlte Betten als Kunstwerke zu verkaufen, da griff Peter Doig zur Malerpalette, drückte ein wenig Grün und ein wenig Blau aus der Tube und malte große Verschwiegenheit. Sollten die Kollegen ruhig brüllen, sollten sie gieren nach Sensation, Doig zog es ins Unbestimmte, hinaus in dahindämmernde Landschaften, er malte Feld, Wald und Wiese, gern mondüberglänzt, ab und an auch ein Menschlein in weiter Flur oder ein Kanu auf dunklem See, ansonsten tiefe Stille. Doch eine Stille mit gewaltigem Echo, wie sich zeigen sollte.
… wirken viele Bilder so, als habe Doig wie ein durchgedrehter Laborant lauter explosive Essenzen auf seiner Leinwand verteilt, als brauchte es nur einen Funken, und schon würde alles hochgehen. Doch der Knall bleibt aus, vergeblich wartet man auf die große Reaktion. Und so beginnt spätestens nach dem dritten, vierten Bild die Neugier nachzulassen. Zu oft lässt Doig es mulmen und raunen, zu spannungslos ist die Komposition, zu treuherzig sind die Motive. Einmal stellt er einen Schimmel auf eine Flusssandbank im Sternenlicht, umgeben von lauter Krähen ein Motiv, bestens geeignet für selbst bemalte Kühlerhauben im Esoteriklook. Gelegentlich hat man auch den Eindruck, Doigs Bilder seien vielleicht nur deshalb so verhangen, weil er sich schwer tut mit den Details.
Nicht selten wirken seine Menschen wie ausgestopft, die Gesichter bleiben blasse Andeutung. Für ein nuanciertes Spiel der Ausdrücke, für komplexe Körperstudien, gar für vertrackte Handlungen fehlt es Doig ganz offenkundig an technischer Finesse. Gleichwohl gelingen ihm einige spannungsreiche Bilder, und zwar immer dann, wenn er harte Kontraste nicht scheut, sich sogar vorwagt ins Absurde.
TATE SHOTS | VIDEO-Special
| Peter Doig führt durch seine Ausstellung
| Tate Britain, bis 27 April 2008
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PETER DOIG
| Schirn Kunsthalle Frankfurt
| bis 4. Januar 2009
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