BEUYS. Die Revolution sind wir

Dienstag, Oktober 21, 2008
By Peter Panter

staeck-beuys-dillinger-1974.jpg

KUNSTSCHAU Hamburg – Jens Ullheimer | PT Hamburger Bahnhof, Berlin

Die Ausstellung untersucht bis zum 25. Januar 2009 in 15 Kapiteln die utopische Dimension des Gesamtwerkes von Joseph Beuys. Im Zentrum steht die seinem Erweiterten Kunstbegriff zugrunde liegende Vorstellung, einer Revolutionierung aller gesellschaftlichen Verhältnisse. Beuys hat seinen Revolutionsbegriff wiederholt auf diese für Europa folgenreiche politische Umwälzung des späten 18. Jahrhunderts bezogen, aber jede Form der Gewalt abgelehnt.

Zwanzig Jahre nach der letzten umfassenden Ausstellung in Deutschland wird erstmals der gesamte Kontext anhand von Dokumenten, Schriften, Filmen und Fotografien erläutert. Die Präsentation setzt auf das offene Werk und vor allem auf Beuys selbst: als Künstler, als Denker, als Mensch. Kapitale Beuys-Werke der Sammlung Erich Marx sowie die Fülle der audiovisuellen Materialien aus dem Bestand des Joseph Beuys-Medien-Archivs werden in vitaler, dialogischer Gegenüberstellung mit selten geliehenen Schlüsselwerken aus ganz Europa gezeigt.

Eine Ausstellung im Rahmen von: “Kult des Künstlers”

Der Künstler ist die zentrale mythische Figur des Abendlandes. Seit Jahrtausenden wird er in immer neuer Gestalt verehrt: als Prometheus, Prophet, Genie oder Übermensch. Dieser Künstlerkult wird 2008 zum großen Thema der Staatlichen Museen zu Berlin.

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wird der Kunst in Joseph Beuys (1921-1986) eine Gestalt geboren, die in ihrem universellen Anspruch und ihrer genialen Bildlichkeit weit in die europäische Geistesgeschichte ausgreift. Kein Künstler des 20. Jahrhunderts hat sein Denken über die Beziehungen zwischen Kunst und Gesellschaft so komplex angelegt wie Joseph Beuys.

Beuys versuchte aus einem totalen Kunstbegriff heraus alle Bedingungen des menschlichen Lebens zu hinterfragen und sie gleichsam auf einen zukünftigen Menschen zu projizieren. So sind in seinem Motto „ Jeder Mensch ist ein Künstler“ die kreativen Kräfte des Menschen angesprochen, die in allen Tätigkeitsfeldern Umgestaltungsprozesse in Gang setzen, die die uneingelösten Forderungen der Französischen Revolution nach Gleichheit, Brüderlichkeit und Freiheit verwirklichen sollten.

Beuys hat nicht nur als Lehrer an der Düsseldorfer Kunstakademie und später an der von ihm gegründeten Freien Internationalen Universität gewirkt, sondern Parteien und Organisationen gegründet, die sich praktisch für diese Ziele einsetzten. Die Ausstellung zeigt alle diese für einen Künstler ungewöhnlichen Arbeitsgebiete, seine Auseinandersetzung mit den Begriffen Arbeit, Denken, Plastik, Demokratie, Pädagogik, Wirtschaft, Geld, Recht, Christentum. Darüber hinaus werden alle Formen seiner reichen Kunstproduktion von der Zeichnung, Skulptur, Objekt, Environment, Film bis zur Spracharbeit ausgebreitet, die sich immer wieder auf seine Grundgedanken einer revolutionären Veränderung der Gesellschaft beziehen.

Kurator: Prof. Dr. Eugen Blume

BEUYS. Die Revolution sind wir
| Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart – Berlin
| bis zum 25. Januar 2009

______________________________________________________________

beuys-die-revolution-sind-wir-berlin-2008-katalog | kaufen bei amazon

 

KATALOG | Beuys
Die Revolution sind wir

Mit zahlreichen Essays

| Gebundene Ausgabe
| 300 Seiten
| Sprache: Deutsch
| 30,4 x 24,8 x 4,2 cm

| kaufen bei amazon

 

„Die Revolution sind wir“ – Beuys’ programmatische Behauptung erscheint heute genauso zeitgemäß, brisant, ja wegweisend wie zu seinen Lebzeiten. Joseph Beuys: Das ist das im 20. Jahrhundert einmalige Phänomen einer von der Kunst her gedachten Umgestaltung aller gesellschaftlichen Verhältnisse. In jüngster Zeit ist besonders in der jüngeren Generation von Künstlern und Kunsthistorikern international ein großes Interesse an dem Werk und der Gestalt von Joseph Beuys zu beobachten. Dieser Band befragt Beuys’ Werk nach seinen historischen, philosophischen, theologischen, politischen, wissenschaftlichen und künstlerischen Wurzeln. Reich an Bildern, Dokumenten und Schriften, versucht er Beuys als einmaliges Phänomen einer künstlerischen Biographie zu fassen. In zahlreichen Essays werden Beuys und seine Behauptung aus heutiger Sicht kritisch befragt: Welche Revolution? Wer sind wir? Und was hat Beuys, was hat die Kunst damit zu tun? /-/ In Zusammenarbeit mit der Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof, Museum für Gegenwart – Berlin.

______________________________________________________________

Mit heiligem Ernst oder mit Ironie ertropft

FR online – Elke Buhr

In unzähligen WG-Küchen hing dieses Bild, und wer weiß, vielleicht hängt es noch: Joseph Beuys 1971 in Neapel, mit Hut und Military-Weste, in schweren Stiefeln in Richtung des Betrachters ausschreitend. “La rivoluzione siamo noi”, die Revolution sind wir, so hat er in seinen geschwungenen Buchstaben darunter geschrieben, dazu die Signatur. Joseph Beuys der Revolutions-Künstler, der Meister der Teach-ins, der Prediger und Schamane: Er erscheint auf dem Plakat zum Klischee geronnen wie ein Che Guevara auf der Unterhose, von eigener Hand zum Mythos gestaltet, zwecks multipler Verbreitung an revolutionär gestimmten Küchenwänden der westlichen Welt.

Natürlich, Beuys selbst hat mit seinem Konzept der sozialen Plastik die gesamte Gesellschaft zur Kunst erklären wollen, und wollte eben das: Revolution sein. Aber die Gesellschaft hat ihn im Gegenzug ins Museum gesteckt.

Der Kunsthistoriker Beat Wyss hat kürzlich in der Zeitschrift Monopol am Mythos Beuys zu kratzen versucht, indem er darauf hinwies, dass Beuys als “ewiger Hitlerjunge” mit seinen anthroposophisch inspirierten Gesellschafts-Phantasien das völkische Gedankengut der dreißiger Jahre mit der Revolutionsrhetorik der 68er verschmolz – das würde bedeuten, dass der kultisch verehrte Schamane Beuys von dem, was er angeblich bannen wollte, selbst nicht los kam.

Und auch wenn die Berliner Ausstellung alles tut, um Beuys als über alle Zweifel erhabenen Humanisten und Utopisten in Gold und Honig zu tunken, so kann man dort einige Belege für Wyss’ These finden: Wer das Prinzip der politischen Repräsentation abschaffen will, ist sicher kein guter Demokrat im konventionellen Sinne, und nicht jeder möchte als Biene im Bienenkorb summend sein Glück finden, wie Beuys’ berühmte Honigpumpe zur Documenta 6 nahe legt.

FR online – Artikel lesen

______________________________________________________________

Das Genie, das aus der Kälte kam

FAZ – Niklas Maak

Eine bestimmte Generation von Beuys-Interpreten feierte ihn als schamanisch-depressiven Mythensucher, der im Materiallager einer dunklen Vorzeit die conditio humana suchte. Von dieser Entpolitisierung des Werks war es nicht mehr weit zu einem defätistischen Gesellschaftsbild, das dem Betrachter die Rolle eines erschrocken staunenden Wurms im unabänderlichen Kosmos zuweist: Der Isis-Kult glänzt golden, der Mensch ist dem Menschen ein Kojote; Wälder und Eisen, Blut und Schnee, keine Hoffnung, keine Veränderung, Wiederkehr des Immergleichen.

Was bedeutet uns Beuys heute? Die Berliner Ausstellung ist eine der besten, die es seit langem gab – weil sie nicht Verehrung der Objekte erzwingt, sondern Unverständnis, Fragen, eine Neubewertung zulässt. In der Mitte der großen Halle des Hamburger Bahnhofs sind zahlreiche Arbeiten versammelt, man steigt ein paar Stufen zu ihnen hinab wie in eine soeben geöffnete Ausgrabungsstätte. Diese Ausgrabungsstätte ist umstellt von vierzig Bildschirmen, Videorecordern, Plakaten, Fotografien, die den anderen Beuys, seine Ideen, sein Auftreten zeigen: Man sieht Beuys, liest Beuys, entdeckt einen valentinesken Konsumkritiker und mitreißenden Performancekünstler – und begreift, dass die sogenannten aus Bronze, Metall und Filz zusammengestellte „Werke“, die man heute in den Museen findet, sich zum Künstler Beuys eventuell so verhalten wie Asche zu einem Feuerwerk.

Mit der Wiederentdeckung von Beuys wächst die Kritik: Nach der kritischen Biographie „Flieger, Filz und Vaterland“ hat auch der Kunsthistoriker Beat Wyss nachgelegt mit der These, Beuys habe nur „Ideen und Symbole verinnerlicht, die er als Hitlerjunge eingeimpft bekommen hatte.

FAZ – Artikel lesen

______________________________________________________________

Vom Kampfpilot zum Streetfighter

TAZ – Wolfgang Müller
[ Gründungsmitglied der Musikgruppe Die Tödliche Doris. Zuletzt erschien von ihm "Neues von der Elfenfront. Die Wahrheit über Island" (edition suhrkamp, 2007) ]

Joseph Beuys blieb im Herzen ein Hitlerjunge und passte so ganz gut zur Revolte der 68er, in der die Saat von 1933 aufging, meint der Schweizer Kunstprofessor Beat Wyss.

Beat Wyss versucht die Kunst von Beuys in entwaffnender Eindeutigkeit zu lesen. So erscheint der Künstler in Wyss Artikel als Wiedergänger der Dreißigerjahre, als “Autonomer” mit Hang zum Totalitären: vom Nazi-Kampfpilot zum 68er-Streetfighter. Die Naziuniform wandelt sich zur “Fantasieuniform”: Anglerweste, Filzhut Marke Stetson und Blue Jeans. Es stellt sich die Frage, warum Wyss eigentlich nicht auf den Gedanken kommt, Beuys habe so den American Way of Life propagiert?

Wohl weil er eigentlich vermitteln möchte, dass die revoltierenden 68er im Grunde braunes Gesocks sind: “Denn siehe, die Saat von damals ging jetzt auf in der Generation von Studenten.” Und so liest der Kunstprofessor Beuys Kunstbiografie als Beweis von Unaufrichtigkeit und Nazizeitverdrängung. Ist dort die Rede von “Tartaren”, die ihn, den abgestürzten deutschen Piloten, gefunden hatten, in Filz wickelten und gesund pflegten, enthüllt Wyss: Alles Lüge! In Wahrheit sei Beuys nämlich gar nicht von Tartaren, sondern von deutschen Sanitätern gerettet worden. Von Deutschen! Hurra! Dass die Erzählung vom helfenden Tartaren Teil einer bewusst kunstvoll “gesponnenen” Biografie ist, die mit der deutschen Russenparanoia spielt, müsste eigentlich jedem klar sein, der Beuys Biografie liest: Da debütiert er 1921 mit der Ausstellung einer mit Heftpflaster zusammengeklebten Wunde. 1921? War das nicht sein Geburtsjahr?

Wo Wyss dagegen recht hat: Der Arbeit von Beuys haftet durchaus ein gewisser Muff an. Während andere westdeutsche Künstler nach 1945 große Formate mit frischen Farben füllen, den “Neuanfang” in großen, abstrakten Skulpturen und frischer Malerei feierten und die DDR an die Vorkriegstradition des politischen Realismus anknüpfte, sehen Beuys Zeichnungen und Skulpturen im Vergleich hutzelig, traurig, ärmlich, unförmig, rostig, völlig “unmodern” aus – eben so wie die Stimmung der repressiven Nachkriegsjahre in der BRD, wo der Wiederaufbau mit frischen Farben alte hässliche Fassaden und Wunden zuschminkte.

Dass Beuys seine körperlichen und seelischen Verletzungen, auch seine Anpassung in der Nazizeit wie kaum ein anderer seiner Generation thematisiert hat, macht ihn zur hiesigen Ausnahmegestalt. Der junge Mann, der, wie Wyss betont “wie ein Fisch im Wasser des braunen Zeitgeistes schwamm” und anschließend seine Erfahrungen in unverwechselbarer Form verarbeitete, wirkt sehr viel sympathischer als die Wendehälse, die sich nach 1945 zu Opfern und Widerstandskämpfern stilisierten.

TAZ – Artikel lesen

______________________________________________________________

beuys-kult-banner.jpg

Joseph Beuys: “Die Revolution sind wir”

TAGESSPIEGEL online – Nicola Kuhn

Der Hamburger Bahnhof entdeckt den Künstler Joseph Beuys als Philosophen neu.

Was ist geblieben vom Aufbruch, dem Ideengebäude, den Impulsen, die der 1986 mit 64 Jahren verstorbene Künstler unermüdlich verbreitete? Die von Eugen Blume kuratierte Schau – eine der insgesamt zehn Ausstellungen zum Abschied von Peter Klaus Schuster, dem Generaldirektor der Berliner Museen – verbeugt sich nicht nur vor dem bedeutenden Bildhauer und subtilen Zeichner. Sie erweckt den Philosophen, Gesellschaftskritiker, Weltverbesserer mit zahllosen O-Tönen zum Leben.

Was der vor zwanzig Jahren von Beuys’ Sekretär Heiner Bastian im Martin-Gropius-Bau eingerichteten Schau fehlte, der ideologische Überbau, ist hier zu viel. Im Sinne des Künstlers interpretiert Blume die Beuyssche Rede, sein schier endloses Räsonieren, zur plastischen Form. Das leuchtet ein, nicht nur im Sinne des erweiterten Kunstbegriffs und des Diktums „Jeder Mensch ist ein Künstler“. Gerade Beuys’ Werk fehlte ohne das gesprochene Wort ein elementarer Teil. In der fast das ganze Haus ausfüllenden Retrospektive aber wird es zur Kakophonie. Der Redner Beuys gerät zur plappernden Puppe mit Hut. Der revolutionäre Anspruch, der appellative Charakter, der sich auch in den vielen Wandzitaten wiederholt, verpufft. Die Frage, was uns Beuys heute bedeutet, wird zugeredet.

Wie kaum ein anderer Protagonist passt Beuys in den Ausstellungsreigen „Der Kult des Künstlers“. Er selbst hat um sich einen Mythos generiert, der es bis heute erschwert, sich seiner Kunst ohne ihn als Überfigur anzunähern. Die Ausstellung im Hamburger Bahnhof versucht diese beiden Seiten von Beuys wieder zu versöhnen, indem sie sein Weltbild, seine Bezugsquellen bei Karl Marx, Rudolf Steiner und Carl Weber, sein Bemühen um Wiedergutmachung wie beim Monument für Auschwitz dokumentiert.

TAGESSPIEGEL – Artikel lesen

______________________________________________________________

Wer nicht denken will, fliegt raus

Berliner Zeitung – Ingeborg Ruthe

Wie geht das? 5 000 Museumsquadratmeter Beuys. Und keine Ermüdung. Womöglich wirkt der Beuys-Satz an der Wand: “Ich ernähre mich durch Kraftvergeudung”. Da hat man wegen der eigenen Bequemlichkeit gleich ein schlechtes Gewissen. Und wenn Deutschlands auch postum noch utopischster Gegenwartskünstler gleich darauf wissen lässt, jeder Mensch sei ein Künstler, dann wird man sich doch nicht schon nach zehn Sälen im Hamburger Bahnhof hängen lassen.

Ändern wollte Beuys das Verhältnis der Menschen zu ihren eigenen Fähigkeiten. Die Kunst sollte aktivieren, was nach der Kindheit oft nur verschüttet oder verkümmert war. Er wollte in jedem Menschen einen Götterfunken glimmen sehen, der zum selbstbestimmten Handeln befähigen sollte. Zeitlebens hat er gekämpft. Gegen Ächter, Nörgler, Besserwisser, Erzkonservative. Seine Asche war noch nicht im Nordseewasser verstreut, wie es sein letzter Wille war, und schon wurde er konserviert, katalogisiert, archiviert, zerredet und heroisiert. Oder, in zwei Fällen, im Museum von der Putzfrau irrtümlicherweise als Müll entsorgt. Von seinen 7 000 Kasseler Documenta-Eichen sind viele ausgegraben und versetzt.

Was die Berliner Beuys-Großschau vor allem leisten kann, ist die Erkenntnis, dass uns die Form seiner einstigen Vision bleibt. Eine, die er in so lakonische wie tiefsinnige Satzkonstrukte zu kleiden wusste wie: “Die Mysterien finden im Hauptbahnhof statt”, womit er sagen wollte, die wirklichen Ereignisse und Erleuchtungen passierten keineswegs in den Heiligen Hallen der Religionen, der Geistesgeschichte, der Kunst, sondern im banalen Alltag.

Berliner Zeitung – Artikel lesen

______________________________________________________________ 

die-inzenierung-des-kuenstlers-2008 | kaufen bei amazon

 

PUBLIKATION 
Die Inszenierung des Künstlers

| Anne Marie Freybourg
| 112 Seiten
| 20 s/w Abbildungen
| Sprache: Deutsch
| Broschur
| 14 x 20 cm
  

| kaufen bei amazon
 

Der Kunstmarkt fordert es: Längst müssen zeitgenössische Künstler und Künstlerinnen für sich passgenaue Rollen zwischen Selbstinszenierung und Selbstverwirklichung, zwischen Kunst und Kommerzialisierung finden. Sie erfüllen die Rollenerwartungen, sei es als Genie, Außenseiter oder Star, die die heutige Gesellschaft auf sie projiziert, adäquat und zeitgemäß, ob sie dabei ironisiert oder idealisiert, vom Markt getragen oder eben fallen gelassen werden.

Die Texte in diesem Buch stellen anschaulich und gut verständlich künstlerische Strategien und Rollenmodelle in der zeitgenössischen Kunst vor. An Beispielen von Andy Warhol und Sigmar Polke bis zu Neo Rauch und Sophie Calle wird deutlich, wie sich die Inszenierung der Künstler von den 1970er Jahren bis heute gesteigert, verändert und neu definiert hat: ein Buch für ein breites kunst- und kulturinteressiertes Publikum.

Texte zu:
Andy Warhol, Neo Rauch, Rebecca Horn, Sigmar Polke, Jonathan Meese, Martin Kippenberger, Bruce Nauman, Martin Liebscher, Sophie Calle, Anselm Kiefer, Monica Bonvicini, Christoph Schlingensief, Gerhard Richter

______________________________________________________________

Die seltsamen Heiligen der Kunst

ZEIT online – Petra Kipphoff

Gekürzte Fassung des Aufsatzes, der im Katalog zur Ausstellung »Unsterblich! Der Kult des Künstlers« erscheint, mit der die Staatlichen Museen zu Berlin den Abschied des Generaldirektors Peter-Klaus Schuster begleiten.

Joseph Beuys hat von Anfang an seine Funktion als Künstler mit der Rolle des Heilsbringers und Erlösers gleichgesetzt und dafür sowohl in seiner frühen Selbstbiographie mit Erlebnissen, die zwischen Dichtung und Wahrheit schillern, wie auch mit signifikanten Anfangsarbeiten wie dem Wurfkreuz mit Kniescheibe und Hasenschädel (hier kommt zum christlichen das für ihn ebenso wichtige archaische Instrumentarium hinzu) erste Spuren ausgelegt. Und dann wie selbstverständlich die Position des Künstlers, der Symbole des Glaubens gestaltet, zu der des Propheten und Glaubensstifters erweitert. Für diesen Anspruch waren seine Auftritte und Aktionen in der immergleichen Ausstattung mit Hut und Fliegerweste wichtiger als das einzelne Kunstobjekt, große Installationen wie Das Ende des 20. Jahrhunderts nicht ausgenommen. Was von diesem »Leidensmonument« jenseits der Basaltsteine übrig bleiben wird, das ist die Frage. Die katholische Kirche hat ihre Reliquien, die Kunst ihre Relikte.

Beuys’ Aktionen hatten immer den Charakter von Ritualen: das Hantieren mit einem kupfernen Hirten- oder Bischofsstab in Eurasienstab genauso wie die Fußwaschung bei Celtic+~. Am spektakulärsten war vielleicht I like America and America likes me, als Beuys eine Woche in einem New Yorker Galerieraum mit einem Kojoten verbrachte. Beuys agierte als Schamane, Heilsbringer, Erlöser, nutzte und benutzte beim Auftritt alles, was Kult und Religion ihm an Gesten, Requisiten und Materialien zur Verfügung stellten. Die Wirkung auf das Publikum war wie bei einer Séance. Niemand wäre auf den Gedanken kommen, bei Beuys’ Aktionen von einem Happening zu sprechen.

ZEIT – Artikel lesen

______________________________________________________________

BEUYS. Die Revolution sind wir
Eine Ausstellung im Rahmen von:
Kult des Künstlers
| Hamburger Bahnhof
| Museum für Gegenwart – Berlin
| bis zum 25. Januar 2009

Related posts:

  1. Mythos – Joseph Beuys und der Tod
  2. Marat, was ist aus unserer Revolution geworden?
  3. Nouveau Réalisme | Revolution des Alltäglichen
  4. Jamie Shovlin & Schneider TM | LUSTFAUST

Tags:

This website uses IntenseDebate comments, but they are not currently loaded because either your browser doesn't support JavaScript, or they didn't load fast enough.

Leave a Reply

TWITTER Art News

Initializing...

KunstPresseschau

Auswahl aktueller Veröffentlichungen zum Themenschwerpunkt Kunst in der deutschsprachigen InternetMedienlandschaft. Die Artikel werden hier kurz angerissen, teilweise thematisch gebündelt - mit Video/Audio, Katalog- & Medieninfos ergänzt - und sind direkt mit den Online-Medien verlinkt.

Termine

  • DOCKVILLE 2010 sucht Künstler
    9. Februar 2010 | 00:41

    Hamburg | Call for Participation: Das Hamburger Kunst- und Musikfestival Dockville sucht Künstler: "Kunstcamp + 10 Tage Open Air Ausstellung + 3 Tage Festival: Im Vorfeld des 3-tägigen Festes wird in diesem Jahr unter dem Motto RECREATION ein in der Festivallandschaft einzigartiger Raum für Kunst geschaffen. Ab sofort läuft die Ausschreibung für künstlerische Beiträge aus allen Disziplinen.

  • Not In Our Name, Marke Hamburg
    9. November 2009 | 14:30

    MI 11 NOV 09 um 18 Uhr | WIR BLEIBEN ALLE | Kundgebung am Ex Burgerking Starbucks Elbphilharmonie Kulturcafé [ wo Stadtkultur erlebbar wird ] Am Mönckebergbrunnen | Zahlreiche Künstler warnen in einem Manifest vor einer Totalkommerzialisierung der Stadt und ihrer kulturellen und quartiersbezogenen Vielfalt. Der Vorwurf lautet: Der Senat missbrauche die Künstler als Standortfaktoren. Er vermarkte die Kreativität der Szene in der Stadt und verringere zugleich den Raum für die Arbeit von Künstlern und Initiativen | Video-Statements von Rocko Schamoni & Richard Florida via ZDF Aspekte

  • RSSArchiv von Termine »

*