Marat, was ist aus unserer Revolution geworden?

Mittwoch, Oktober 29, 2008
By Peter Panter

marat-photo-at-schaefer.jpgKUNSTSCHAU Hamburg – Jens Ullheimer | PT Schauspielhaus Hamburg |

Im Hamburger Schauspielhaus wird noch bis zum 11. Dezember 2008 das Theaterstück “Marat, was ist aus unserer Revolution geworden? von Volker Lösch, Beate Seidel und dem Ensemble frei nach »Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu Charenton unter Anleitung des Herrn de Sade« von Peter Weiss gezeigt. Die Inszenierung sorgt durch den Epilog für einige Aufregung im Establishment: Hier tritt noch einmal der Chor nach vorne, der schließlich, mit Wut in der Stimme, eine Liste der reichsten Hamburger samt ihrem Vermögen, wie es zuvor im Manager Magazin veröffentlicht wurde, verliest.

Im Revolutionslaboratorium des Peter Weiss debattieren der Schriftsteller Marquis de Sade und Jean Paul Marat, radikaler Führer der französischen Revolution, über die Möglichkeit einer gesellschaftlichen Umwälzung. Schauplatz ist die Heilanstalt Charenton im nachrevolutionären Frankreich.

In diesem Laboratorium testen auch 24 Hamburger Bürger im Alter von 21 bis 76 Jahren ihre Lust auf Revolution, weil sie durch ihre finanzielle und soziale Situation zu den »Ausgeschlossenen« in dieser Stadt gehören. Ausgehend von ihren Alltagserfahrungen in einer sich immer deutlicher in Arm und Reich differenzierenden Gesellschaft suchen sie nach einer eigenen Position und formulieren hartnäckig ihre Forderung nach sozialer Veränderung.

In seinem 1964 uraufgeführten »Ideendrama« diskutiert Peter Weiss angesichts einer in Ost und West geteilten Welt die Tragfähigkeit linker Visionen. Nun, im Jahr 2008, nehmen der Regisseur Volker Lösch und sein Ensemble dieses Stück zum Anlass, die Frage nach sozialer Gerechtigkeit in unserem Land zu stellen.

Marat, was ist aus unserer Revolution geworden?
nach Peter Weiss
| Schauspielhaus Hamburg
| 03.11.2008, 20:00 Uhr 
| 20.11.2008, 20:00 Uhr 
| 04.12.2008, 20:00 Uhr 
| 11.12.2008, 20:00 Uhr

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BUCH | Edition Suhrkamp, Nr.68, Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats: Drama in zwei Akten von Peter Weiss

| Sondereinband: 139 Seiten
| Sprache: Deutsch

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Brüder, zu Aldi, zur Freiheit!

FR online – Anke Dürr

Subtil ist diese Kunst nicht. Der eine Revolutionär, der längst nicht mehr an die Veränderbarkeit der Welt glaubt und nur noch für die individuelle Freiheit (also seine eigene Libertinage) kämpft, furzt dem anderen ins Gesicht und saugt sich selbst sein massig vorhandenes überflüssiges Körperfett ab. Der andere, der für seine Ideale über Leichen geht, tritt in unterschiedlicher Maskerade auf: Mal ist er Lenin, mal Fidel Castro, mal Rudi Dutschke und schließlich Lafontaine. Wenn diese zwei Typen miteinander diskutieren über Sinn und Unsinn der Revolution, ringen sie nicht nur um die besseren Argumente, sondern drücken sich dabei tatsächlich gegenseitig zu Boden.

Authentizität, Identifikation, Emotion. Das Volk rückt ins Zentrum, schon mit dem Prolog: Da steht dieses Hartz-IV-Volk, in wechselnden Kleingruppen, vor dem Vorhang und brüllt dem Publikum sein Schicksal ins Gesicht – mangelnde Ausbildung, zu alt, Alkohol, kaputt gearbeiteter Rücken – und erzählt von dem ernsten Problem, das sich ergibt, wenn bei Aldi die Nudelpreise um 25 Cent pro Packung steigen.

Schließlich öffnet sich der Vorhang, man blickt auf eine überdimensionierte blau ausgepolsterte Gummizelle, an der Rückwand leuchtet ein riesiges, an Aldi und Lidl erinnerndes Logo, als sei es die aufgehende Sonne. Hier rennen die uniform gekleideten Arbeitslosen gegen die Wände und rufen ihre Parolen. Wenn es zu wild wird, kommt der Anstaltsleiter und beruhigt sie mit modernen Therapie-Spielen und absurdem Motivations-Training.

Zum Epilog tritt noch einmal der Chor nach vorne und ruft ins Publikum: “Unser Land ist in Gefahr!” und “Geld ganz abschaffen!” Gegen Profitgier, Börsenheinis und Konsumsucht wettern die Hartz-IV-Opfer, und schließlich verlesen sie, Wut in der Stimme, eine Liste der reichsten Hamburger samt ihrem Vermögen, wie es zuvor im Manager Magazin veröffentlicht wurde.

Subtil ist das nicht, aber die Zahlen, die Lautstärke, der Kontrast zu dem, was diese Leute vorher aus ihrem Leben berichtet haben, entwickeln zusammen eine große Kraft, der man sich nur schwer entziehen kann: Das Publikum jubelt dem aufgebrachten Volk zu.

FR – Artikel lesen

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Einflussnahme durch Kultursenatorin?

Hamburger Abendblatt – Maike Schiller

Schauspielhaus: Karin von Welck protestiert gegen “Marat”-Epilog

Auch in einer Theaterrevolution kann politischer Zündstoff stecken. Die nach ihrer Premiere bejubelte und von einigen Hamburger Millionären kritisierte Inszenierung “Marat, was ist aus unserer Revolution geworden?” am Schauspielhaus (wir berichteten) sorgt für immer mehr Aufsehen.

Nun meldet sich auch die Kultursenatorin zu Wort – mit heftiger Kritik am Epilog des Stückes, in dem die Namen der reichsten Hamburger laut verlesen werden.

“Einzelpersonen an den Pranger zu stellen ist in meinen Augen eine billige, populistische Form, Kritik auszudrücken”, so von Welck in einem gestern Abend veröffentlichten Schreiben. “Zum Glück gibt es heute in unserem Land künstlerische Freiheit, weswegen ich als für Kultur zuständige Senatorin und selbst als Aufsichtsratsvorsitzende des Schauspielhauses nicht in einzelne Inszenierungen eingreifen will und darf”, aber “als Bürgerin” sei ihr “die Art und Weise, wie in dieser Inszenierung einzelne Menschen in Misskredit gebracht werden, zuwider”.

Regisseur Volker Lösch allerdings empfindet “auch dieses veröffentlichte Schreiben als Versuch einer Einflussnahme. Eine Senatorin greift immer als Senatorin und nicht als Bürgerin ein. So eine Erklärung ist ein subtiler Versuch der Einflussnahme und als solches ein kleiner Skandal.”

Chormitglied Meike Harms versteht die Aufregung nicht: “Wir sagen doch gar nicht, dass die Reichen schlecht sind. Es geht doch bloß darum, die Schere zwischen Arm und Reich zu verdeutlichen.”

Der eigentliche Skandal, findet Volker Lösch, sei, dass man zwar Hartz-IV-Empfänger auf die Bühne stellen, aber nicht über Reichtum sprechen dürfe: “Das Thema ist offensichtlich ein Tabu.” Der Regisseur zieht aus den Reaktionen nun seine eigenen Konsequenzen: “Ich kündige hiermit eine Inszenierung über das Thema Reichtum an.”

Abendblatt – Artikel lesen

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Millionäre protestieren gegen «Marat»-Premiere

Hamburger Morgenpost

Wirbel um die aktuelle Inszenierung des umstrittenen Regisseurs Volker Lösch am Hamburger Schauspielhaus. Stein des Anstoßes ist eine Namensliste.

Am Ende seiner Version von Peter Weiss’ Politdrama «Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats dargestellt durch die Schauspieltruppe des Hospizes zu Charenton unter Anleitung des Herrn de Sade» liest ein Chor von (echten) Arbeitslosen eine Liste der reichsten Hamburger vor. Dagegen hatten bereits einen Tag vor der Premiere am Freitagabend vier der 28 genannten Millionäre protestiert. «Die vier Personen drohten mit einer einstweiligen Verfügung, sollten ihre Namen auf der Bühne genannt werden», sagte Uwe Heinrichs, Sprecher des Schauspielhauses, am Montag.

Wenn die reichsten Hamburger 2,5 Prozent Vermögenssteuer zahlen würden, hätte der Hamburger Haushalt pro Jahr 1,234 Milliarden Euro mehr in der Kasse. Dann verliest der Chor die 28 Namen und Adressen von Hamburger Firmen und Familien, die laut einer Liste des “Manager Magazin Spezial 2008″ zu den 300 reichsten Deutschlands gehören. [Superreiche am Pranger]

Die betroffenen Namen wurden deshalb bei der Premiere nicht vorgelesen, stattdessen das anwaltliche Schreiben zitiert.

Lösch nutzt das Drama über die Französische Revolution, um auf aktuelle Missstände aufmerksam zu machen. Ein Thema ist dabei die immer größer werdende Kluft zwischen Arm und Reich. Am Ende der Inszenierung ruft der Chor der Arbeitslosen: «Bomben in Sexshops!», «Hamburg soll brennen!» und «Das Geld ganz abschaffen!» Das Premierenpublikum spendete am Freitagabend lang anhaltenden Beifall.

Morgenpost – Artikel lesen

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Kniefall vor dem Kapital

TAZ – Petra Schellen

Hamburgs Kultursenatorin wollte Teile einer Aufführung verbieten, weil die Namen einiger Millionäre vorkamen. Ein bizarres Stück über die Vermischung von Kultur und Politik.

Im vorliegenden Fall hat es die Senatorin vor allem an Image gekostet. Denn von Souveränität und Demokratieverständnis zeugt es nicht, wenn sich Politiker als Zensoren versuchen und Intendanten wie Schuljungen abmahnen.

“Sollen potenzielle Sponsoren bestimmen, was auf der Bühne gespielt wird und was nicht”?, fragt Intendant Schirmer dann auch irritiert. Und ob es denn verboten sei, ein Stück zu spielen, das auf die Tatsache verweise, dass sich unsere Gesellschaft “auf scharfe Weise in Arm und Reich scheidet”.

Nun, was Hamburg betrifft, muss man sagen: Ja, es ist anscheinend verboten – wobei fraglich ist, ob die verbliebenen 23 Millionäre das genauso verbissen sehen wie ihre Senatorin. Denn etliche von ihnen sponsern tatsächlich Kultur und dürften mit deren kritischem Diskurs vertraut sein. Das eigentlich Frappierende an dem Vorgang ist aber dessen Schizophrenie: Ausgerechnet Hamburg, ansonsten so stolz auf seine Millionäre, die Museums- und Universitätsanbauten sowie die Elbphilharmonie ermöglichen, will deren Namen plötzlich nicht hören. Jedenfalls nicht aus dem Mund “echter” Arbeitsloser.

Was will uns also diese Posse sagen? Erstens: Politiker sind machtbewusst und opportunistisch, aber das wussten wir schon. Zweitens: Das Theater ist nicht tot. Es kann hochpolitisch sein und einen brennenden Diskurs entfachen. All das haben Intendant und Regisseur sicher geahnt. Dass aber die Creme der Weltstadt Hamburg – beziehungsweise deren selbst ernannte Büttel – so dünnhäutig reagieren würde, das ist eine geradezu befreiende Erkenntnis. Volker Lösch hat mit seinem Probeaufstand der Armen offenbar den wunden Punkt getroffen. Und die Politik dazu gebracht, sich in einer Art zu entblößen, die niemand, der etwas bei Verstand ist, für möglich gehalten hätte.

TAZ – Artikel lesen

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Marat, was ist aus unserer Revolution geworden?
nach Peter Weiss
| Schauspielhaus Hamburg
| 03.11.2008, 20:00 Uhr
| 20.11.2008, 20:00 Uhr
| 04.12.2008, 20:00 Uhr
| 11.12.2008, 20:00 Uhr

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