Omer Fast

KUNSTSCHAU Hamburg – Jens Ullheimer | PT KV Hannover
Der Kunstverein Hannover zeigt bis zum 18. Januar 2009 die erste umfassende Einzelausstellung des israelischen Künstlers Omer Fast (*1972) in Deutschland. Der in Berlin lebende Künstler ist ein markanter Film- und Videokünstler der jüngeren Generation. Anhand von sechs zentralen Arbeiten bietet die Ausstellung einen facettenreichen Einblick in sein bisheriges Schaffen. Ein Großteil der Arbeiten wird erstmals in Deutschland gezeigt.
Fast war bereits in wichtigen internationalen Ausstellungen vertreten, darunter in 2008 auf der Whitney Biennale, der Liverpool Biennale und der Manifesta 7 in Trentino sowie 2007 im Museum moderner Kunst, MUMOK in Wien. Der vom MUMOK in Auftrag gegebene und 2007 in der MUMOK Factory erstmals museal präsentierte Film „The Casting“ von Omer Fast wurde mit einem der höchstdotierten internationalen Kunstpreise ausgezeichnet: Im Rahmen der renommierten Whitney Biennale 2008 des New Yorker Whitney Museum of American Art konnte der junge in Berlin lebende Künstler Omer Fast den mit $100.000 dotierten Preis unter 81 auf der Biennale teilnehmenden Künstlern für seine Arbeit entscheiden.
VIDEO
| 2008 Whitney Bienniale: Omer Fast – Whitney Museum
| mit Ausschnitten aus “The Casting” (2007), 4-Kanal-Video
The Casting (2007)
Mit der 14-minütigen 4 Kanal Videoinstallation geht Fast der Verwandlung von Erfahrungen in Erinnerungen nach und analysiert, wie daraus Geschichten entstehen. Grundlage für die Arbeit ist ein Interview mit einem jungen US Army Sergeant, die Geschichte einer Verabredung mit einem deutschen Mädchen während seiner Stationierung in Bayern und jene eines irrtümlichen Anschlags auf Zivilisten während seines Irak-Einsatzes erzählt.
Fast stellte die Erinnerungen filmisch als „eingefrorene“ Bilder nach, um sie in einem Spiel mit der Vorstellung von Vergangenheit und Gegenwart, dem authentischen Ereignis und der nachträglichen Inszenierung, ineinander verschwimmen zu lassen (MUMOK). Die Vermischung der zwei zu unterschiedlichen Zeitpunkten stattgefundenen Gespräche des Künstlers mit dem Soldaten wird durch eine grobe Schnittfolge offensichtlich und entzieht dem Gezeigten jegliche Grundlage von Authentizität und Wahrheit. Die Arbeit schafft mühelos ein verwirrendes Geflecht aus Dokumentation und Narration, Erinnerung und Phantasie oder Realität und Fiktion.
In seinen Doppel- und Mehrfachprojektionen untersucht Fast, wie Erfahrung in Erinnerung transformiert und dann vermittelt, gespeichert oder ausgeblendet wird. Dabei interessiert ihn gleichermaßen die persönliche Wahrnehmung und die öffentliche Darstellung von Ereignissen. Die Überzeugungskraft von Omer Fasts Arbeiten liegt vor allem in der Verweigerung, Erfahrungen gemäß den Konventionen historischer Rekonstruktion in eine konsumierbare Erzählung zu verwandeln. Dabei dekonstruiert er die Darstellungskonventionen der Film- und Fernsehindustrie und vermeidet es, Erinnerung und Erfahrung als lineare Erzählung wiederzugeben.
Ausgangspunkt seiner Arbeiten sind häufig präzise Ereignisse, die Fast anhand von Recherchen, Interviews oder vorgefundenem Material rekonstruiert. Sein Interesse gilt der Formbarkeit von Bedeutung: Aufgezeichnetes Ton- und Bildmaterial unterschiedlicher Herkunft wird fragmentiert, rekombiniert und das Geschehen in eine Vielzahl von Bedeutungsebenen aufgesplittet.
Für das Video CNN Concatenated (2002) zerlegte Omer Fast unzählige CNN-Nachrichtensendungen in einzelne Worte und setzte daraus eine neue Sendung Wort für Wort zusammen. Die Konstruktion des neu entstandenen Textes bleibt auf der visuellen Ebene sichtbar, indem mit jedem Wort auch der Sprecher wechselt. Aus unzähligen Sprechern formt sich eine neue anonyme Stimme, die die Notwendigkeit des Sehens und Erlebens gegenüber dem Wissen und Verstehen betont.
VIDEO | CNN Concatenated (2002) Ausschnitt | ansehen
Stehen bei den bisherigen Filmen Omer Fasts die Montage, Produktion und Konstruktion von Fiktion und Narration im Vordergrund, so wird bei Looking Pretty for God (2008) die Form der Dokumentation auf eine fiktiv-metaphorische Ebene gehoben. Ohne jemals tatsächlich einen Leichnam zu zeigen, berichten Bestatter aus dem Off von ihrer Arbeit, Verstorbene für ihre letzte Präsentation vorzubereiten. Neben Innenaufnahmen von US-amerikanischen Bestattungsunternehmen sind aber im Wesentlichen Kinder bei einem Fotoshooting zu sehen. Den dokumentarischen, scheinbar neutralen Blick verlässt Fast endgültig, wenn die Kinder den Off-Text der Interviewten zu sprechen scheinen. Tod und Leben, Schein und Sein fließen ineinander über und werden austauschbar.
Teile der Ausstellung werden im Anschluss im Kunsthaus Baselland, Schweiz vom 15.01.- 22.03.2009 zu sehen sein.
Omer Fast
| Kunstverein Hannover
| bis 18. Januar 2009
Sonntag ist Freitag!
Ab sofort ist jeden Sonntag der Eintritt frei
im Kunstverein Hannover.
Begleitveranstaltung: Video(s)kills
16.01.2009, 19 Uhr | Julia Stoschek & René Zechlin
Julia Stoschek lebt in Düsseldorf und ist Sammlerin zeitgenössischer Kunst mit dem Schwerpunkt Medienkunst. Sie diskutiert mit René Zechlin die aktuellen Fragestellungen und Strategien im Medium Video und in ihrer Sammlungstätigkeit.
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| Festeinband
| 24,5 x 32,8 cm
| 112 Seiten
| 80 Farbabb.
| Deutsch/Englisch
| ab Februar 2009
Diese Publikation stellt deutschlandweit die erste Übersichtspräsentation von Omer Fast dar und versammelt Arbeiten von 2002 bis 2008.
Herausgegeben anlässlich der Ausstellungen im Kunstverein Hannover und im Kunsthaus Baselland 2008/2009.
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Ein virtuoser Künstler
DEUTSCHLANDRADIO Kultur – Carsten Probst
Fast inszeniert mit der Technik, die an die früheren “tableaux vivantes” angelehnt ist. Das heißt: Seine Filme bestehen oft nicht auf laufenden Bildern, sondern die Schauspieler erstarren für Sekunden in bestimmten Posen, die für die Erinnerung besonders relevant sind. So werden lauter starre kleinen Szenen wie Schnappschüsse aneinandergeschnitten, bei denen man freilich immer sie, wie sich hier ein Augenlid oder dort der Rauch einer Zigarette weiterbewegt. So funktioniert die Erinnerung: In einzelnen, schlaglichtartigen Szenen, und sie vermischt die Geschichten miteinander. Zugleich aber ist Omer Fasts Montagetechnik dadurch besonders distanziert. Denn in vielen seiner Filme spielen eigene biografische Geschichten eine Rolle.
Fast: “Diesen biografischen Faktoren sind leider nicht zu entkommen. Insofern versuchen die Arbeiten, eine gewisse Flexibilität zu zeigen, wie man etwas spielerisch mit der eigenen Vergangenheit so umgehen kann. Weil sonst ist Geschichte, groß geschrieben für mich: History, eine Falle.”
Das sieht man deutlich auch in einer Arbeit aus diesem Jahr, dem Film “Take a Deep Breath”, in der es um den Augenzeugen eines Selbstmordattentats in Jerusalem geht. Die Szenen unmittelbar nach dem Attentat werden in dem Film wieder in der Technik der “tableaux vivants” nachgestellt – doch plötzlich werden die Arbeiten von der israelischen Polizei unterbrochen, das ganze Filmteam muss sich rechtfertigen, was es hier tue, denn über all liegen präparierte Leichteile und Trümmer herum. Da beginnt eine zweite Erzählung, in der offenbar ein Schauspieler, der vom Set gefeuert wurde, sich rächen wollte, indem er das Filmteam als Terroristen anzeigte. Geschichte ist eine Falle.
Fast: “Um dieser Falle zu entkommen, versuche ich einen gewissen Spielraum zu schaffen, indem ich zum Beispiel die Zusammenstellung von unterschiedlichen Perspektiven oder das ganze Umschreiben von Ereignissen oder sogar Humor, Beschäftigung mit Genre und schließlich auch das zu zeigen, wie eine Arbeit entsteht, wie die Produktion der Arbeit, wie das Erzählen eigentlich eine Rolle spielt, so dass ich nicht nur die Geschichte vermittle, sondern auch das Entstehen einer Arbeit.”
DEUTSCHLANDRADIO – Beitrag lesen
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KATALOG | Omer Fast: The Casting
WIEN, MUMOK – 2007
| 174 Seiten | 90 farb. Abb.
| Taschenbuch
| Deutsch / Englisch
Erfahrung und Geschichte werden in einer Mediengesellschaft durch Medien geprägt. Die Grundlage der Videoinstallation “The Casting” bilden Interviews, die Fast mit einem Sergeant der US Army vor dessen erneutem Einsatz im Irak führte:
Über mehrere Tage erzählte er mir zwei Geschichten, die ich miteinander verflochten habe. Diese beiden Geschichten wurden zu einem Drehbuch verarbeitet, das von Schauspielern als eine Reihe von Tableaux Silent interpretiert wurde.
Der Katalog dokumentiert diese Tableaux mit zahlreichen Farbphotos.
“The Casting” gewann den mit 100.000,- Dollar dotierten Kunstpreis auf der Whitney Biennale 2008 des New Yorker Whitney Museum of American Art.
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Wortentzug
TAGESSPIEGEL – Kolja Reichert
Hilfe, der Fernseher spricht. Er hält eine persönliche Anrede an den Zuschauer: „Du liebst es, dich in der Öffentlichkeit über mich zu beschweren“, motzt das Gerät, „aber an wen wendest du dich beim ersten Anzeichen von Unruhe? Du machst mich krank.“
Der Videokünstler Omer Fast versteht es spitzbübisch, den Illusionsmaschinerien die Masken abzunehmen. Er tut das eher in freundschaftlicher Umarmung als in ostentativer Anklage, etwa wenn er die gesamte Geräuschkulisse eines amerikanischen Vororts mit dem Mund synchronisiert. Ein maliziöser Witz zieht sich durch Fasts bemerkenswerte Ausstellung im Kunstverein Hannover.
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Omer Fast
| Kunstverein Hannover
| bis 18. Januar 2009
Begleitveranstaltung: Video(s)kills
| Julia Stoschek & René Zechlin
| 16.01.2009, 19 Uhr
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