MAN SON 1969

Pressetext Kunsthalle Hamburg
Die Ausstellung verfolgt keine explizite Aufklärungsthese, keinen eindeutigen wissenschaftlichen oder sozialgeschichtlichen Ansatz, sondern sie vertraut auf die Sprache der „Künste” und macht eine höchst umstrittene Figur zum Stichwortgeber: Charles Manson, ein dunkler Fixstern der amerikanischen Hippie-Kultur.
Rückblickend auf das Jahr 1969 wurden 35 internationale Künstler und Künstlerinnen eingeladen, die Frage der Ambivalenz der Extreme dieser Zeit weit reichender gesellschaftlicher Reformprozesse mit neuen Arbeiten aufzugreifen. Die zeitgenössischen Positionen werden mit drei Gemälden aus verschiedenen Epochen, darunter Meister Franckes Christus als Schmerzensmann und John, der Frauenmörder von George Grosz, in Beziehung gesetzt. Hier wird der Schrecken der Situation unterschiedlich beantwortet. Im mittelalterlichen Bild verbindet er sich mit der religiösen Hoffnung des Einzelnen auf Erlösung. Zur Zeit des ersten Weltkriegs gilt der künstlerische Einsatz bei Grosz dem diesseitigen gesellschaftlichen Wandel.

Joe Coleman - Portrait of Charles Manson, 1988 ( Ausschnitt ) Acryl auf Leinwand, ca. 80 x 60 cm Courtesy HR Giger Collection
Joe Coleman zeigt seine Kritik in altmeisterlicher Feinmalerei durch die Groteske und mit einem Lachen. Die gemeinsame Präsentation von historischen und zeitgenössischen Positionen lässt sich überkreuzende Logiken, Parallelen und Widersprüche zwischen Geschehnissen in Europa und den USA erkennen. Ein erneuter Blick auf die Zeit der 1960er Jahre und ihre Auswirkungen erscheint viel versprechend.
Die eingeladenen Künstler und Künstlerinnen verhandeln das Thema der Ausstellung, die Ambivalenz der Extreme um 1969, aus ihrer aktuellen Warte und streifen sowohl die Person als auch die Geschehnisse um Charles Manson nur am Rande. Sie entwickeln Perspektiven, die beispielsweise Gruppenbildung als ein Geschehnis zwischen Freiheit und Zwang ansprechen, die Manipulation, Erziehung und Anpassung zum Thema machen, die den musikalischen Hintergrund der Zeit und das Phänomen einer nahezu religiösen Legendenbildung aufgreifen.
Mit: Mario Asef, Max Beckmann, Joseph Beuys, Achim Bitter, Günter Brus, Joe Coleman, Lutz Dammbeck, Dellbrügge & de Moll, Bogomir Ecker, Martin Eder, Bob Flanagan/Sheree Rose, Meister Francke, Peter Friedl, Till Gerhard, Douglas Gordon, Dan Graham, George Grosz, Rudolf Herz, Elmar Hess, Jenny Holzer, Andreas Hofer, Laura Honse, Franka Hörnschemeyer, Stephan Huber, Stefan Hunstein, Ilya Kabakov, Edward Kienholz, Susanne Klein, Elena Kovylina, Thomas Kunzmann, Sigalit Landau, Almut Linde, Teresa Margolles, Josephine Meckseper, Stefan Micheel, Aurelia Mihai, M + M, Ronald Nameth, Bruce Nauman, Rotraut Pape, Karin Missy Paule, Susi Pop, Astrid Proll, Chris Reinecke, Annamaria und Marzio Sala, Gregor Schneider, Dennis Scholl, Andreas Seltzer, Richard Serra, Cindy Sherman, Die Tödliche Doris, Susanne Weirich, Günter Zint.
Charles Manson, geboren 1934, ist eine zentrale Figur der amerikanischen Hippie-Kultur. Er gilt als Anstifter der Morde an dem prominenten Filmstar Sharon Tate und sechs weiteren Personen im August 1969. Der Name und das Image von Manson dienen aufgrund seiner höchst umstrittenen Medien-Popularität als Stichwortgeber der Ausstellung – sein Konterfei landete im Dezember 1969, nach der Ausgabe über die Mondlandung, auf dem Titelblatt des Life-Magazins. Die Schreibweise Man Son (frei übersetzt als „Menschensohn”) ist eine von Manson gelegentlich eingesetzte Bedeutungsverschiebung seines Namens.

the moon, the love & the terror cult | LIFE Magazine 1969
Die brisante Mischung der Manson-Family aus anarchisch-krimineller Hippie-Sekte, Rock-Musik, exzessivem Drogengenuss, gescheiterter Utopie und jugendlichem Freiheitsstreben bildet bis heute einen Kristallisationspunkt auch für kultische Verehrung im so genannten Underground und mittlerweile auch offen zugänglich im Internet.
Die Ideologie des Manson-Clans speist sich aus Schriften der Scientology Church, Kontakten zur Church of Satan, mystischen Erweckungslehren und eigenwilligen Auslegungen der Bibel. Die Beatles beispielsweise sind für Manson eine Verkörperung von vier göttlichen Engeln. Ihr Song „Helter Skelter” wird von ihm als Motto eines Rassenaufstands fehl interpretiert und trägt später wie ein Branding zu seinem Bekanntheitsgrad bei.
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VIDEO | Satire Mashup | Charles Manson & The Beatles “Helter Skelter” – Studio Take 2, 1968
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Am besten lässt sich die Konzeption der Ausstellung wie ein Essay begreifen, der auf den roten Faden eines gemeinsamen historischen Fluchtpunkts mit Tiefenwirkung verzichtet und sich stattdessen aus 53 einzelnen Perspektiven zusammensetzt, ähnlich dem Facettenauge einer Fliege.
Die Ausstellung arrangiert räumliche Situationen der Betrachtung, die sich visuell wie akustisch überlagern können und zu direkten Vergleichen quer durch die historischen Zeiten auffordern. Die künstlerischen Beiträge bieten in Form von Gemälden, Plastiken, Installationen, Videoinstallationen und Geräuschkulissen ein eigenständiges Schauen und Verstehen an.
Kuratoren der Ausstellung: Frank Barth und Dirck Möllmann.
MAN SON 1969. Vom Schrecken der Situation
| Hamburger Kunsthalle | Galerie der Gegenwart
| bis 26. April 2009
| MAN SON – onlineSpecial | zur Hamburger Ausstellung
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Die Mitte des letzten Jahrhunderts ist gekennzeichnet durch weltweite Kolonialkämpfe und tabubrechende Liberalisierungen. Der seinerzeit beispiellose Krieg in Vietnam rief große Protestbewegungen in Europa und Amerika hervor, die neben dem politischen Einfluss neue freiheitliche Lebensformen suchten. Insbesondere das Jahr 1969 markiert einen Zeitraum, der starke gegensätzliche Strebungen, sowohl innerhalb der Gesellschaft als auch innerhalb ihrer Protestkultur, erkennen lässt. Es war nicht nur das Datum der ersten Mondlandung am 20. Juli zu verzeichnen, sondern zugleich auch der Umschwung der öffentlichen Meinung gegen Vietnam.
Parallel zu diesen Ereignissen radikalisierten sich die westlichen Studentenbewegungen. Zukünftige Terroristen der RAF flohen im November 1969 aus Deutschland nach Paris. Ihre Gewalt gegen Sachen eskalierte später im Mord. Unter diesen Gesichtspunkten vollzog sich im Jahr 1969 in Amerika und Deutschland eine Gratwanderung, auf deren Weg manch alternativer Lebensentwurf und gesellschaftliche Utopie in ihr gewalttätiges Gegenteil verkehrt wurde – andere scheiterten oder passten sich den Gegebenheiten an. Heute sind Selbstverwirklichung, Kreativität und Flexibilität, die damaligen Leitmotive für eine individuelle Lebenskunst, Schlagworte geworden, um einen viel zitierten „neuen Geist des Kapitalismus” durchzusetzen.
BUCH | Bommi Baumann, Rausch und Terror.
Ein politischer Erlebnisbericht| Broschiert | 256 Seiten | Sprache: Deutsch | 20,8 x 12,4 x 2,2 cm
Die Geschichte der Revolte von 1968 als Kampf gegen die Nüchternheit, erlebt von Bommi Baumann, als Revolutionär 30 Jahre opiatabhängig. Er war einer der Ersten auf dem Hippie-Treck nach Nepal. Heute verteidigt die Bundeswehr die Betäubungsmittel am Hindukusch. Ein Buch über die Architektur des Drogenkapitalismus und die Zerstörung der radikalen Linken durch Heroin. Ein politischer wie persönlicher Erlebnisbericht.
Autoren:
Bommi Baumann, geboren 1948, Ex-Terrorist, gehörte in den 1970er-Jahren zu den Gründern der »Bewegung 2. Juni«. Heute trinkt er nur noch Kräutertee und raucht Mentholzigaretten. Christof Meueler, Jahrgang 1968, lebt als Journalist in Berlin und leitet das Ressort Feuilleton & Sport bei der Tageszeitung »junge Welt«.
Auszug:
Gelpke kam aus einer begüterten Schweizer Familie. Eigentlich ein kulturkonservativer Mensch. Er hatte an den ersten LSD-Testreihen von Albert Hofmann teilgenommen und mit Ernst Jünger korrespondiert. Für uns war das ein alter Mann. Er hatte als Orientalist jahrelang in Persien gelebt, um besser Opium rauchen zu können. Dort war er auch zum schiitischen Glauben übergetreten. Ende ’68 tauchte er in Berlin auf und verteilte Drogen aus einem kleinen Vertreterköfferchen. Er hat jeden vollgetextet, alles zu konsumieren. »Jetzt nimm mal. Die Dämonen müssen sich von der Kette reißen!« Verklausuliert ist das auch die Botschaft seines Buchs Vom Rausch im Orient und Okzident, einem Standardwerk von 1966, das damals alle begeistert gelesen haben.
Für Gelpke waren wir die Assassinen des 20. Jahrhunderts, die Kämpfer eines mythologisch stilisierten Geheimbunds im Orient, die das Paradies auf Erden errichten sollen – und zwar auf Grundlage von Drogen. Das hat er uns gepredigt, und das hat uns imponiert. Und wir hatten ja schon die ersten Anschläge gemacht. Das Utopieproblem besteht auch darin, dass sowohl in der christlichen wie in der sozialistischen Mythologie das Paradies ein unpräziser Begriff bleibt. Man kann sich nichts darunter vorstellen. Dagegen meinte man, das Paradies der Assassinen konkret greifen zu können: Du liegst auf seidenen Kissen unter Bananenbäumen, und vor dir erscheint ein Fluss aus Milch und Seen von Lavendel, und märchenhafte Wesen schön wie der Jüngste Tag kredenzen dir Wein aus goldenen Kelchen, und dazu erklingt zauberhafte Musik, und dahinten steht noch ein Rosenstrauch und, und, und. Das ist der Paradiesgarten – nur war unser Garten die Straße. Gelpke sagte uns: »Geht los, und fangt an zu bomben. Tötet! Tötet! Tötet! Die Zeit ist gekommen, denn diese westliche Gesellschaft ist so kaputt, dass sie mit einem letzten Gewaltstreich niedergerissen werden muss!«
| umfangreicheren Auszug aus dem Buch von Bommi Baumann lesen
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Anspielungsknäuel, nicht roter Faden
TAZ – Petra Schellen Artikel lesen
Die zentrale Frage: Wie konnte aus Flower-Power Gewalt werden, und was ist da eigentlich schiefgelaufen?
Diese Ausstellung wird eine Provokation. Eine Reise in den Diskurs. Ein Weg, auf den sich zwei Kuratoren gemacht haben, um Zusammenhänge zu finden, die das zunächst unspektakuläre Jahr 1969 erhellen. Um lose Enden probeweise zusammen zu bringen und scheinbar disparate Ereignisse zu verknüpfen. Diese Schau wird mutig und scheu zugleich. Sie formuliert eine These, um sie gleich darauf zu negieren.
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BUCH | The Family. Die Geschichte von Charles Manson. von Ed Sanders
| Broschiert | 535 Seiten | Sprache: Deutsch
Cover: US-Originalausgabe
Die amerikanische Literatur hat seit der Beat Generation immer wieder gern mit Außenseiter-Philosophien kokettiert. Für Charles Manson diente solche Auffassung zur Rechtfertigung der Mordanschläge auf die Schauspielerin Sharon Täte und auf andere, seine «Wildnis» ist des Literarischen entkleidet, ihn, dessen Schule das Gefängnis war, trennen keine Skrupel von der Tat. So liest sich die Geschichte seines blutigen Aufbruchs in ein phantastisches Schlaraffenland, genannt «Heiter Skelter», als die böse, die satanische Version des amerikanischen Traums, der der Traum von der größtmöglichen, grenzenlosen Selbstentfaltung des einzelnen ist.
Ed Sanders, insbesondere in Amerika bekannt als Lyriker und Mitbegründer der Rockmusik-Gruppe «THE FUGS» hat in akribischen Recherchen über Jahre alles verfügbare Material zum Fall Manson zusammengetragen. Er dokumentiert die zugleich monströse und faszinierende Geschichte der Family, in der sich die Flower-Power-Hippie-Stimmung eines kalifornischen Sommers im psychedelischen Alptraum aus Gewalt und satanischen Blutritualen auflöste. Aus dem Amerikanischen übersetzt ins Deutsche von Edwin Ortmann und Hella Knappertsbusch.
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Jeder Tropfen ein Mord
FR online – Sandra Danicke Artikel lesen
Ein bisschen Grusel hier, ein wenig Flower-Power dort, natürlich kommt auch die RAF vor, doch vieles hat weder mit 1969, noch mit Manson zu tun. Zum Beispiel der Fettfleck auf dem Boden, der aussieht, als habe hier jemand seinen Milchkaffee verschüttet. Man erfährt, dass es sich um menschliches Fett aus einem Leichenschauhaus in Mexiko handelt, dass nun als Arbeit von Teresa Margolles minütlich aus einem Kanister tropft. Jeder Tropfen symbolisiere einen ungesühnten Mord.
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VIDEO | Rock My Religion von Dan Graham 1982-1984 | Ausschnitt
Der Videoessay von Dan Graham entwickelt in einer komplexen Collage aus Text, Film, Video-Footage und Konzertperformances einen Zusammenhang zwischen Religion und Rockmusik für die Jugendkulturen im Amerika der Nachkriegszeit.
Musik: Glenn Branca, Sonic Youth Schnitt: Matt Danowski, Derek Graham, Ian Murray, Tony Oursler
Ausgehend von den Shaker-Gemeinden in den USA interpretiert Graham die gemeinschaftlichen Tanzformen von Rock ‘n’ Roll bis Punk und Pogo als kathartische Rituale mit formalen Rückbezügen auf Trancepraktiken bei den Rundtänzen der Shaker, einer religiösen Sekte aus England, die ab 1774 in den USA Fuß fasste.
Graham stellt einen Zusammenhang zwischen der Enttabuisierung von Sex und Musik mit der Kommerzialisierung von Jugendkultur in den 1950er bis 1970er Jahren her und zeigt die religiösen Wurzeln im Musikbusiness auf, die von einer Sehnsucht nach Transzendenz in der Rockmusik beantwortet wird.
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Zwischen Utopie und Gewalt
DEUTSCHLANDRADIO Kultur – Anette Schneider Beitrag lesen
(Kurator) Dirck Möllmann: “Für mich ist es eine Ausstellung, die sich mit den Utopien, die in den 60ern eine Rolle gespielt haben, auseinandersetzt. Diese Kombination, sich mit einem Schwerverbrechen, einer technischen Großleistung und einer sich verändernden Popkultur auseinanderzusetzen, ist der Reiz für mich gewesen. Und natürlich die Frage: Warum heute?”
Natürlich, weil viele der damals aufgeworfenen Fragen heute noch immer nicht gelöst sind. So geht es in der Ausstellung um angepasstes und unangepasstes Verhalten, um herrschende Ordnung und Gewalt, um das, was Freiheit ist – damals wie heute.
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MAN SON 1969. Vom Schrecken der Situation
Hamburger Kunsthalle | Galerie der Gegenwart
| bis 26. April 2009
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