DREI. Das Triptychon in der Moderne

Sonntag, April 12, 2009
By Peter Panter

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KUNSTSCHAU Hamburg – Jens Ullheimer | PT Kunstmuseum Stuttgart

Mit einer großen Sonderausstellung widmet das Kunstmuseum Stuttgart bis zum 14. Juni 2009 diesem Bildtypus des dreigeteilten Gemäldes eine umfassende Werkschau. Gezeigt werden 60 Triptychen, darunter internationale Leihgaben aus Tokio, New York, Washington, Barcelona, Zürich, Rom, Paris und London.

Seit dem Mittelalter als Altar- und Andachtsbild in der abendländischen Kunst von zentraler Bedeutung, erfährt das Triptychon Ende des 19. Jahrhunderts als Bildformat eine erstaunliche Wiederbelebung: einige Künstler knüpfen an das christliche Leidensmotiv an, andere laden säkularisierte Themen mit der ›Pathosformel‹ auf.

“Die bereits in der Trinitas der christlichen Religion oder auch der Kabbala enthaltene Idee von der universalen Idee der Zahl Drei findet in dem Triptychon ihren sinnlichen Ausdruck. Es ist ein Format, das nach wie vor Respekt gebietet und eine gewisse Demut abverlangt. Nicht das Schlechteste nach einem Jahrhundert der individuellen Überheblichkeiten.” [ Birgit Sonna - Gebannte Dämonen und Mirakel | Goethe-Institut 2009  ]

Unter dem Eindruck der beiden Weltkriege und des damit verbundenen menschlichen Leids haben sich vor allem Otto Dix, Max Beckmann und Francis Bacon mit dieser Bildgattung auseinandergesetzt.

„Immer wieder haben Künstler auf dieses Bildformat zurückgegriffen, wenn es um große politische oder private Erschütterungen geht, um Ausnahmezustände, um existentielle Grenzsituationen.“ [ Kuratorin Marion Ackermann ]

Auch viele zeitgenössische Künstler, darunter Gerhard Richter, Jonathan Meese, Damien Hirst oder Isa Genzken, wählen das Triptychon als traditionsgeladenes und dennoch höchst reizvolles Format, das Offenheit und Geschlossenheit zulässt. Ist dies Zeichen einer neu erwachten Sehnsucht nach Spiritualität oder nach einer Vollkommenheit, die letztlich im Streben nach dem – lange verpönten – ›Meisterwerk‹ ihren Ausdruck findet?

Beteiligte Künstler: u.a. Francis Bacon, Max Beckmann, Otto Dix, Isa Genzken, Yves Klein, Jannis Kounellis, Damien Hirst, Markus Lüpertz, Jonathan Meese, Gerhard Richter, Bill Viola

Kuratorin: Marion Ackermann

DREI. Das Triptychon in der Moderne
| Kunstmuseum Stuttgart
| bis 14. JUNI 2009

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KATALOG | Drei: Das Triptychon in der Moderne

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| Sprache: Deutsch
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Die durchgehend farbig bebilderte Publikation zeigt exemplarisch Wandel und Aktualität dieses wirkungsmächtigen Bildtypus. (Ausstellung: Kunstmuseum Stuttgart 7.2. – 14.6.2009)

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Von der religiösen Schau zum weltlichen Schauen

NZZ – Gerhard Mack

Wenn der frühneuzeitliche Mensch wieder einmal von Zweifeln gepackt wurde, ob er die Nase zu weit in die Welt gestreckt habe, um weiterhin die Fürsorge seines Gottes zu geniessen, fand er in der Kirche Trost. Auf den Flügelaltären versicherten ihm Maler und Figurenschnitzer, dass der Erlöser auch für ihn gelitten habe. Auf der Haupttafel in der Mitte zeigten sie den Gläubigen die Verkündigung, die Geburt oder den Tod Jesu, auf den Seitenflügeln waren Joseph, Engel, Heilige oder allerlei weiteres begleitendes Personal zu sehen.

Irgendwann liessen sich auch die zahlenden Stifter darstellen, die aus derselben Welt stammten wie der fromme Zweifler selbst. An Feiertagen wurde die heilsgeschichtliche Erzählung geöffnet, werktags blieben die Seitenflügel oft geschlossen. Das diente nicht nur dem Schutz der Bilder, es erinnerte auch daran, dass die Offenbarung einem nicht immer offensteht.

Triptychen sind, wie der Kunsthistoriker Klaus Lankheit 1959 schrieb, «Pathosformeln» der Bildkunst, und dies gilt auch in einem Jahrhundert, dem alles Pathetische verdächtig und die Reduktion, die Coolness der sparsamen Geste, die Schwundstufe der Kunst weithin zum Selbstverständnis geworden ist. Erzählerisch vielfältig laden sie mit ihren drei Bildfeldern gleichzeitig in verschiedene Räume und Zeiten ein, die bald hierarchisch, bald locker assoziativ aufeinander bezogen sind, oder sie zersplittern ein einheitliches Sujet in drei Teile. Der Comic, die Reihung oder die Serie liegen dabei als Spielvarianten stets nebenan.

NZZ – Artikel lesen

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Das Herz schlägt für die Kunst

DEUTSCHLANDRADIO Kultur – Johannes Halder

Höhepunkt der Stuttgarter Schau ist zweifellos der zentrale Saal mit dem hauseigenen Großstadt-Triptychon von Otto Dix, ein Spiegel der maroden Gesellschaft zwischen den beiden Weltkriegen, 1927/28 gemalt und flankiert von zwei grandiosen Beckmann-Triptychen – “Die Argonauten” und “Beginning”, beide aus den USA geliehen – drei absolute Meisterwerke also in einem Raum, die man gewissermaßen zu einem Riesen-Triptychon von visionärer Wucht arrangiert hat.

Triptychen, das zeigt sich hier, sind autoritäre Einzelgänger. Sie brauchen meist viel Platz für den Betrachter, der sich vor ihnen sammelt und – meint Marion Ackermann, sich von ihnen überwältigen lässt.

“Es gibt wirklich so etwas wie eine Art pathetische Aufladung und eine Intensivierung und durch das meist sehr große Format wird der Betrachter quasi überwältigt und selber in die subordinierte Position gebracht.” [ Kuratorin Marion Ackermann ]

Immerhin 60 Dreiteiler hat man im Museum auf fünf Etagen verteilt, wunderbare Werke von Francis Bacon und Gerhard Richter, engagierte Kommentare von Käthe Kollwitz und Willi Sitte, die von Kriegen und sozialen Katastrophen künden, Malereien zwischen pathetischem Mahnmal und politischem Manifest, aber auch puristische Meditationstafeln als ästhetische Idee.

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Pablo Wendel / Cardiac Cathedral
| Nassauischer Kunstverein Wiesbaden
10. Mai bis 21. Juni 2009

Der Stuttgarter Künstler Pablo Wendel ( Cardiac Cathedral ) hat das Herz eines frisch geschlachteten Schweins im Labor an Infusionsschläuche angeschlossen, die das Organ mit Adrenalin versorgen. Das arme Schwein ist tot, doch der separierte Muskel pumpt und pocht und reduziert das sinnlos verlängerte Leben auf einen bloßen technischen Reflex. Der Künstler zelebriert das emotional aufgeladene Drama als dreifach gespiegelte Videoprojektion in einer kapellenartigen Dunkelkammer. Das Tier ist tot, sein Herz schlägt für die Kunst – ein bisschen Andacht und Besinnung tut da wohl ganz gut.

DEUTSCHLANDRADIO – Beitrag lesen

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VIDEO Triptychon  | Bjørn Melhus | Deadly Storms
3 channel video, 7′00, loop, 2008 (excerpt, 1′13)

YouTube Preview Image

Der Videokünstler Björn Melhus deckt in seiner Arbeit »Deadly Storms« die manipulative Kriegsberichterstattung des Fernsehens auf.

Der Nachrichtensender Fox News ist einer der einflussreichsten Kanäle in den Vereinigten Staaten. Die Installation beschäftigt sich mit dieser republikanischen Propaganda-Maschine, die eine Atmosphäre von höchster Dringlichkeit und ständigem Alarm als Teil des ›War on Terror‹ und einer Politik der Angst formt.

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Die Monumentalisierung des Tumultuarischen

FAZ – Peter Richter

Man hat das Triptychon in der Moderne als einen Altar ohne Gott bezeichnet und es als Warburgsche Pathosformel gedeutet. Man könnte sie sogar Pathos-Pumpen nennen: Die Dreiteilung hebt selbst Triviales auf die Ebenen höherer Bedeutsamkeit. Wenn es aber am Willen zum Erhabenen ohnehin schon nicht mangelt, dann kommen eben Dinge dabei heraus wie Bill Violas „Nantes Triptych“ (links Neugeborenes, rechts Sterbende, in der Mitte ein Leib im Wasser): Kathedralen einer bebenden Kunstreligiosität.

Aber selbst, wo es im Triptychon um ein bisschen weniger gehen darf als um Leben und Tod, geht es erstaunlich oft um alles, und selbst, wo es nicht als Spiritualitätszentrifuge herhalten muss wie bei Yves Klein oder zur blasphemischen Politpolemik wie bei Niki de Saint Phalle, selbst wenn die Aura des Religiösen eigentlich gar keine Rolle spielt, wirkt sie unweigerlich weiter, wo immer aus einem Bild drei gemacht werden.

Am Ende steht jedes Triptychon vor dem Betrachter wie ein Tormann beim Elfmeter. Oder, wie Wolfgang Ullrich das ausdrücken würde: Es behauptet, universell zu sein. Ein Triptychon suggeriert nicht nur einen Raum, sondern eine ganze Welt. In dieser Hybris liegt aber immer auch noch eine andere Information: dass das Bild jederzeit zugeklappt werden kann und dass die Außenseite dieser Welt grau ist, wenn überhaupt.

FAZ – Artikel lesen

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Niki de Saint Phalle | Autel O.A.S 1962 - 1992
2008, NIKI CHARITABLE ART FOUNDATION, All rights reserved.

Für die großen Dinge

FR online – Judith von Sternburg

Die Abteilungen, in denen also die erste große Ansammlung von Triptychen der Moderne über mehrere Stockwerke verteilt anzuschauen ist, drehen sich zwar um Krieg, um Vergänglichkeit, um Politik. Die Auswahl ist aber üppig genug, um als repräsentativ zu gelten. Gegenständliches ist wie Abstraktes vertreten, das Ernste wie die Verhohnepiepelung, die ja einschließt, dass der Künstler um die ernste Seite des Gegenstandes gewusst hat.

Auf Willi Sittes “Höllensturz in Vietnam” (1966/67) sind zwischen fallenden Leibern und einem modernen Waffenarsenal Politiker erkennbar: Adenauer, Erhardt, Strauß, Hitler, Goebbels, Lyndon B. Johnson. Ellsworth Kelly, schon als Student intensiv mit Matthias Grünewald befasst, lässt mit “Black, Two Whites” (1953) formal in ein schockierendes Nichts blicken. Bill Viola zeigt in der Videoinstallation “Nantes Triptych” (1992) auf den Seitentafeln unverblümt Geburt und Tod (und zwar den Tod seiner Mutter), in der Mitte treibt ein Mensch unendlich allein unter Wasser. Niki de Saint Phalle arrangiert auf “O.A.S.” (1962/91) in gotischem Altar-Ambiente eine Fledermaus und weiteres Hexenzeug, dazu christliche Symbole und eine Auswahl Schusswaffen, über und über mit Gold bedeckt.

Alle vier Arbeiten, die einmal die Spannbreite der Schau umkreisen, liefern in ihrer Dreiteiligkeit den Kommentar mit: Hier geht es um etwas und zwar eigentlich um alles. Violas “Nantes Triptych” ist aus Gründen der Beleuchtung und damit Kinder nicht ohne ihre Eltern versehentlich hier hingeraten, in einem dunklen Nebenraum ausgestellt. So will ein Triptychon zu sehen sein: Als wäre es das einzige auf der Welt.

FR online – Artikel lesen

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DREI. Das Triptychon in der Moderne
| Kunstmuseum Stuttgart
| bis 14. JUNI 2009

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