Der Gute Ton Zum Wochenende | | | | | | | | | David Sylvian – Manafon

Der britische Komponist, Sänger und Fotograf David Sylvian veröffentlicht im September 2009 den Tonträger MANAFON. Presented as ever in a beautiful digipak featuring exquisite artwork from Ruud Van Empel and designed by Chris Bigg. | www.manafon.com
AUDIO | The Rabbit Skinner ( Ausschnitt )
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Das scheue Reh auf dem Cover lugt aus der Ferne durch den Forst. Es nimmt nicht teil – es beobachtet. Sylvian hat endgültig die Pfade der Popmusik verlassen. Atonale Improvisationen von Freigeistern wie Christian Fennesz oder Evan Parker – über Jahre in London, Wien und Tokio aufgenommen – bilden die Grundlage für Davids samtenes Stimmvibrato, das weniger dem Gesang als vielmehr dem Rezitaiv verpflichtet zu sein scheint. Fragil. Einsam. Traumhaft schön … Alltagsuntauglich. [ Jürgen König, radioeins ]
Das Gute: man muss aber auch kein Musikseminar besucht haben über Zeitgenössische Musik, um von diesen Klängen gefangen genommen zu werden. Man muss einfach nur ein wenig Zeit mitbringen, und dann gibt es jenen berühmten “switch”, das Umschalten unserer Empfangsorgane – und aus widerspenstigen, scheinbar abstrakten Klängen wird ein meditativer archaischer Rausch! [ Betriebsgeheimnisse eines Meisterwerkes, 25. Juli 2009 - song x ]
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Ein Dutzend experimenteller Improvisatoren, darunter der Pianist John Tilbury, der Elektroniker Christian Fennesz, der japanische Turntable-Spieler Yoshihide Otomo und der Trompeter Franz Hautzinger, bilden ein variables avantgardistisches Kammerensemble, das weitflächige Klanglandschaften entwirft, die so zerklüftet wie bizarr klingen, aber genug Raum bieten, um Sylvians tiefdunkle Vokal-Linien unterzubringen. Der Gesang macht deutlich: Hier offenbart sich eine geplagte Seele. Ästhetisch hat sich Sylvian aus den Fesseln der traditionellen Liedform befreit und sie durch Melodien-Linien ersetzt, die eher an gesungene Poesie als an Pop-Songs erinnern. [ Die Anti-Karriere | NZZ - Christoph Wagner ]
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Der furchtlose Wanderer
TAZ – Tim Caspar Boehme
Innovation durch Improvisation: Auf “Manafon” treibt der englische Musiker David Sylvian elektronischen Pop über seine Grenzen hinaus und findet eine neue Form jenseits von Song und Harmonie
Am Anfang gab es wenig mehr als die vage Idee einer “modernen Kammermusik”.
“Als ich die erste Aufnahmesession 2004 in Wien plante, hatte ich lediglich die Vorstellung: Wenn ich es höre, weiß ich, was es ist.”
Am wichtigsten war daher für Sylvian, die richtigen Musiker zu finden. Christian Fennesz, österreichischer Gitarrenexperimentator und ebenfalls auf “Blemish” vertreten, stellte den Kontakt zum Wiener Ensemble Polwechsel her. Mit anderen Musikern wie dem britischen Gitarristen Keith Rowe, einem Gründungsmitglied der Experimentalpioniere AMM, hatte Sylvian schon vorher gesprochen. Als weitere prominente Mitstreiter kamen der Saxofonist Evan Parker, der Pianist John Tilbury und der Gitarrist und Elektroniker Otomo Yoshihide hinzu.
Seine Rolle bei den Aufnahmen beschreibt Sylvian als die eines Produzenten. Anfangs war er noch unsicher, ob es überhaupt möglich sein würde, den Musikern völlige Freiheit beim Spielen zu lassen, sie zugleich aber dazu zu bringen, sich innerhalb der von ihm gesetzten Parameter zu bewegen. Schließlich wollte er die Musiker nicht nur in eine bestimmte Richtung dirigieren, sie sollten ihm überdies die entstandenen Aufnahmen überlassen, damit er das Material nach Belieben verwenden konnte. Zu seiner großen Überraschung waren alle einverstanden, kein Musiker sagte ab. “Ich hätte alles damit tun können, ich hätte darin herumschneiden und es radikal bearbeiten können.”
Stattdessen entschied sich Sylvian dafür, die Improvisationen in ihrem Kern unberührt zu lassen und allenfalls Einleitungs- und Schlussteile zu ergänzen. Hin und wieder legte er die Instrumente der verschiedenen Sessions in Wien, London und Tokio übereinander und ließ aus dem freien Zusammenspiel eine Art minimal-invasiver Komposition entstehen. Seinen Gesang fügte er nachträglich hinzu.
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Im ersten Stück des 2009 Tonträgers MANOFON, “Small Metal Gods”, verabschiedet Sylvian all die Götter, denen er für einige Zeit gefolgt ist.
VIDEO | David Sylvian - Small Metal Gods [ Manafon, 2009 ]
music: dafeldecker/fennesz/moser/stangl/sylvian ; lyrics: sylvian; guitar: burkard stangl; acoustic bass: werner dafeldecker; cello: michael moser; laptop, guitar: christian fennesz; no-input mixer: toshimaru nakamura; turntables: otomo yoshihide; vocals: david sylvian
Video directed by Hiraki Sawa.
Hiraki Sawa was born in Ishikawa, Japan. He currently lives and works in London. Sawa is best known for films suffused with subtle smatterings of lyrical fabrication, commonly set in his own home. He takes us on fantastic journeys “through domestic interiors that come alive with animated features, oddities of scale, and logical impossibilities: toy airplanes that fly above spotters standing on a kitchen counter; camels that traverse the tattered bindings of an Encyclopedia Britannica.” With Small Metals Gods he revisits the interior air traffic congestion of his first film ‘Dwelling’ which, whilst somewhat soothing to watch, is not without an underlying sense of unease or anxiety.
Since 2002, Sawa has had solo exhibitions at institutions and museums the world over including Chisenhale Gallery, London, UK, the National Gallery of Victoria, Melbourne, Australia, and the Hirshhorn Museum and Sculpture Garden, Washington D.C. He has taken part in numerous group shows and international art festivals including the Lyon Biennial 2003, France, the Yokohama Triennial 2005, Japan, Ars Electronica 2007 in Linz, Austria and Busan Biennial 2008, Korea. He is represented by James Cohan Gallery, New York and Ota Fine Arts, Tokyo
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Interview mit David Sylvian von SONG X
[ Betriebsgeheimnisse eines Meisterwerkes, 25. Juli 2009 ]
Das folgende Interview mit David Sylvian fand in Hamburg statt, im Flur des sechsten Stocks eines Hamburger Luxushotels. Sylvian behielt die ganze Zeit eine Sonnenbrille auf; er lachte, als ich ihn darauf hinwies, diese Szenerie, mit langem Flur und Nierentisch, würde irgendwie aussehen wie ein altes Bild von Edward Hopper, “Two People on a Floor, Lost”.
David Sylvian, Wie sind Sie an das Schreiben der Texte herangegangen, die ja so eigenartig und asketisch sind wie die Musik!
Die Zuhörer werden nicht so wild darauf sein, den Inhalt eines Songtextes mit meiner Person in Verbindung zu bringen, jedenfalls hoffe ich das; sie werden einen echten Kontakt zum Text herstellen, in dem sie ihn mit eigenen Assoziationen füllen. Grundfragen dichterischer Imagination tauchen als Thema genauso auf wie Gefühle der Desillusionierung. Das Schreiben ging wie von selbst vonstatten, nach dem Prinzip Erster Gedanke, bester Gedanke” a la Alan Ginsberg. Die Texte sind wohl enthüllender als ich es mir vorgestellt habe – ich habe mich weitgehend dem automatischen Schreiben überlassen. Wenn ich mir jetzt rückblickend die Texte anschaue, kann ich erkennen, aus welchem seelischen Zustand heraus sie enstanden sind – ich schreibe in den letzten Jahren weniger aus der Distanz, mehr aus dem Zentrum von Erfahrungen. Hier gibt es kein kein Gespür für Auflösungen, eher einen Prozess des Befragens.
In dem Song “Emily Dickinson” bringen Sie eine berühmte Dichterin ins Spiel, die ein sehr einsames Leben führte…
Der Song selbst bezieht sich nicht direkt auf Emily Dickinson; er handelt von einem jungen Teenager, einer Jugendlichen, die eine Suchtkrankheit überwindet und sich dann völlig zurückzieht. Sie hat die fixe Idee, dass ihr Leben dem der Dichterin sehr ähnelt. Eine romantische Vorstellung, die aber Gefahr läuft, sie noch mehr in die Isolation zu treiben – bis zum Punkt der Selbstzerstörung! Das Thema des Liedes ist wohl die Unfähigkeit vieler junger natürlich auch älterer Menschen, reale soziale Kontake herzustellen. Das Internet und andere Technologien machen sie glauben, sie würden ein weitaus sozialeres Leben führen als es tatsächlich der Fall ist; in Wahrheit fühlen sie einen Mangel an körperlicher und emotionaler Zärtlichkeit.
Viele sehen einen Bruch zwischen ihren klassischen Songalben und solchen Werken wie Blemish” und Manafon”. Ihre Stimme ist allerdings eine Konstante. Und sie haben doch auch schon früher öfter mit freien Improvisationen gearbeitet?!
Das stimmt, und ich würde sogar zu meinem ersten Soloalbum zurückgehen, Brilliant Trees; damals arbeitete ich bei einem Stück namens Weathered Wall” mit Holger Czukay zusammen, der das Diktaphon als Sampler benutzte. Einige der subtilen Sounds, die wir aus dieser kleinen Maschine herausholten und im Song unterbrachten, schienen eine besondere emotionale Wirkung zu entfalten, stärker als ein kleiner Trommelwirbel oder ein kraftvoller Gitarrensound. Diese Samples waren winzig, subtil, aber sie sagten genug, sie sagten mehr als genug. Ich habe also mit solchen ästhetischen Möglichkeiten seit vielen Jahren gearbeitet. Bei dem neuen Album wird das nun durchweg deutlich, bei jeder einzelnen Note und Geste. Genauso ist jeder Aspekt der Stimme so in den Vordergrund gestellt, das alles enthüllt wird – es gibt nichts mehr, hinter dem man sich verstecken kann. Ich begann diese Arbeit als etwas zu sehen, was man mit modernem Kammertheater vergleichen kann. Da tritt manchmal ein Erzähler auf, im Zentrum der Bühne – und jede Aktion der Bühnenregie, etwa das Changieren des Lichts von grün zu blau, verwandelt die Wahrnehmung gesprochenen Worte. Und so etwas passiert auch auf MANAFON: Da gibt es die zentrale Stimme, und die Mitspieler, die Musiker verändern mit jeder kleinen Geste der Klänge die Nuancen des Erzählten, fügen ihm etwas hinzu, verleihen ihm ein besonderes emotionales Gewicht.
Sehr visuell klingt das, wie Sie Ihre Musik beschrieben. Spielen Visualisierungen welcher Art auch immer eine besondere Rolle in die Entstehung dieser Songs?
Innere Bilder halfen mir bei früheren Arbeiten dabei, eine Kontinuität zu wahren innerhalb eines Projekts. Wenn die Idee für ein Album durch die Phase des Aussortierens geht, wenn es kaum möglich ist, bestimmte Ideen in Worte zu fassen, dann haben mir innere Bilder durchaus geholfen. Oft war es eine Landschaft ohne Menschen. Und diese Landschaft steckte das emotionale Terrain ab, in dem sich die Musik bewegen sollte. Ich benutzte solche Bilder, um zu unterscheiden, was für die Musik angemessen, was fehl am Platze war. Fragen sie mich nicht, wie das funktioniert! Ob da ein elektrisches Piano auftauchen soll oder nur ein akustisches, solche Dinge liessen sich mit inneren Bildern abgleichen. Aber bei diesen neuen Songs hat sich diese Methode geändert. Es gibt immer noch die Empfindung vor dem Gang ins Studio, das etwas Gestalt annehmen wird. Aber ich habe dafür keine bewussten Bilder mehr, nur Empfindungen. Das genügt, um Entscheidungen zu treffen. Wenn ich mich hinsetze und die ersten zwei oder drei Zeilen schreibe, dann öffnet sich auf einmal alles vor mir, die Welt dieser Lyrik, und, das wird dann auf einmal wieder sehr visuell und beschwörend. Und fast gleichzeitig mit den Texten entstanden hier ja auch die Melodien! Trotzdem hat das Schreiben für mich nicht mehr so viel Romantisches an sich wie früher. Es spielt etwas Rohes hinein, ein leichter Zynismus kommt dazu, aber auch dunkler Humor, und etwas Ironie. Christian Fennesz, Evan Parker und die andern hatten die Musik so transparent gespielt, weil sie wussten, dass da später noch eine Stimme hinzukommen würde! Und faszinierend war: ich konnte hier mit der Alltagssprache genauso arbeiten wie mit einer poetischen Sprache, ohne dass es flach oder hochgestochen klang. Im Körper dieses musikalischen Materials konnte die Sprache alles umfassen.
Diese rein instrumentalen Improvisationen haben Sie zu also zu all diesen Texten und Melodien inspiriert. Wenn diese Klänge nur kühl und kopflastig wären, wie manche behaupten, wie könnten sie dann soviel in Bewegung bringen?
All diese Einflüsse, die man verarbeitet im Laufe der Jahre, begannen hier wohl aufzutauchen und seltsame Beziehungen miteinander einzugehen. Plötzlich können Anklänge von Folkmelodien auftauchen, wo man sie nun wirklich nicht erwartet. Jemand sagte mir, man könne an einer Stelle Spuren von Bluegrass erkennen. Oder man hört eine fernen Anklang an etwas aus der Klassischen Musik. Schon interessant, dass so minimale Klangfiguren soviel suggerieren können! Im Umfeld dieser frei improvisierten Musik kann man so viele Regeln brechen und dabei Elemente zusammenbringen, die in einer anderen Form gar nicht nebenenander existieren könnten!
Es ist sicher nicht einfach, die Gesänge über diese Instrumentaltracks zu singen. Es gibt da ja keine klar definierten Einsätze.
Im Prozess des Schreibens folge ich einem eindeutigen Weg. ich schreibe und schreibe, bis alles seine gültige Form gefunden hat. Und die Melodie hat einen bestimmten Ort einzunehmen im Körper der improvisierten Töne. Den idealen Ton für die Stücke konnte ich nicht beim ersten Versuch finden. Leicht verfällst du da mal in die Überbetonung einzener Wörter, oder du spielst bestimmte Passagen allzusehr runter, so dass du fast einen gesprochenen Text durch die Musik trägst. Da handelt es sich um eine sehr delikate Balance. Ich nehme also den Gesang oft zehn oder fünfzehn Mal auf, bevor ich den hoffentlich richtigen Weg finde, um mich der Musik mit der Stimme zu nähern.”
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DAVID SYLVIAN | http://www.davidsylvian.com/
David Sylvian war zu Beginn der 1980er ein glamouröser, exaltierter und theatralischer Popstar, durchaus im Begriff mit seiner Band Japan zu einem Superstar zu werden. Der Synthie-Pop-Sound der Band war beeindruckend, intelligent, magisch, kühl und typisch für das Lebensgefühl der New Wave-Generation der frühen 80er. Doch auf dem Höhepunkt hatte Sylvian genug vom Starrummel, löste die Band kurzerhand auf und begann eine viel gerühmte Solokarriere.
Neben Arbeiten mit Holger Czuckay von Can oder Ryuichie Sakamoto waren es vor allem seine drei Soloalben “Brilliant Trees”, “Gone to Earth” und eben “Secrets of the Beehive”, die ihm viel Beachtung und einen Ehrenplatz in den weltweiten Feuilletons einbrachte.
VIDEO | David Sylvian – Orpheus (Secrets Of The Beehive album)
Video sourced from the Weatherbox promo
Audio CD | DAVID SYLVIAN – Secrets of the Beehive
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Stille, introvertierte, künstlerische und enigmatische Musik eines beindruckenden Künstlers. “Secret of the Beehive” bildet dabei den Höhepunkt Sylvianschen Schaffens. Kammerpop in höchster Vollendung. Gefühlvolle Songs voller emotionaler Tiefe und Düsternes. Texte über die Abgründe der Seele, über Empfindungen, Sehnsüchte und Enttäuschungen. Die Geheimnisse des Bienenkorbes eben. Das Internet bietet mittlerweile fast Promotions-gleiche Abhandlungen über dieses Album, weil, es zu entschlüsseln fast ein Ding der Unmöglichkeit ist. ( D “d” Hamburg )
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