David Schnell – Stunde

David Schnell - Moment, 2010 | Öl auf Leinwand 240 x 460 cm
Courtesy Galerie EIGEN + ART Leipzig/Berlin | Foto: Uwe Walter, Berlin

Bis zum 30. Mai 2010 zeigt der Kunstverein Hannover eine Werkschau des Malers David Schnell. Die farbintensiven und energiegeladenen Landschaftsbilder von unaufhörlicher Geschwindigkeit und Destabilisierung hinterfragen die eigene Zeitwahrnehmung.

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Die farbintensiven und energiegeladenen Landschaftsbilder des 1971 geborenen Malers David Schnell lassen Verschränkungen aus Natur und Architektur förmlich in den Raum explodieren. In der Ausstellung „Stunde” zeigt der Kunstverein Hannover mit rund 30 groß- und mittelformatigen Gemälden mit Dimensionen von bis zu 3 x 4,6 Metern sowie einer Serie von Linolschnitten seine bislang umfangreichste Ausstellung, die sich auf die unterschiedlichen Werkgruppen innerhalb seiner Arbeit konzentriert.

David Schnell studierte an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig, an der er 2002 bei Prof. Arno Rink den Meisterschülerabschluss machte.

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Pressetext Kunstverein Hannover 2010

David Schnell – Stunde

10. April – 30. Mai 2010

Traditionell wird das Motiv der Landschaft entweder in einem romantisch-kontemplativen Kontext oder als Kontrast zu Zivilisation und Technologie eingesetzt. David Schnell dagegen verwendet Landschaft als reines Bildmaterial. In unterschiedlichen malerischen Techniken und anhand immer wiederkehrender Motive – einzelne Bretter, Häuser, Treppen, Verschläge, Baumstämme und Blattwerk – setzt er sich mit den grundlegenden Fragestellungen der Malerei auseinander: Komposition, Farbgebung und Perspektive verdichten seine Bilder zu markanten Versuchen über die Behandlung von Raum, dessen Darstellung und seiner Brechung. Schnell arbeitet mit konstruiertem Raum, dessen Horizonte sich überlagern und widersprechen und der in verschiedene Fluchtpunkte auseinander drängt. Schnell nimmt in seinen Szenen Landschaft und Architektur auseinander und setzt sie in irrealen Perspektiven neu zusammen, so dass die Fragmente seiner eigenwilligen Konstruktionen wie Relikte einer virtuellen Realität erscheinen.

Ein Ausgangspunkt für die Auseinandersetzung mit David Schnells Arbeiten findet sich im Gemälde „Gelbe Scheune” (2005), das als eine der frühesten in der Ausstellung vertretenen Arbeiten deren Auftakt bildet: Schnell zieht den Blick durch einen angedeuteten Bretterverschlag auf eine nicht weiter definierte Szenerie hinter der fragmentarisch angelegten Konstruktion, durch deren Zwischenräume sich die umgebende Vegetation drängt. Jeder Versuch, die architektonische Struktur der Bretter genauer zu bestimmen, schlägt fehl: Obwohl die Arbeit eine unleugbare Tiefe besitzt und die Bleistiftstriche des dem Bild zu Grunde liegenden perspektivischen Rasters deutlich sichtbar sind, löst sich der Verschlag bei der Suche nach seiner Struktur mehr und mehr in einzelne Farbflächen auf. Der extreme Fluchtpunkt, den das Bild inne zu haben scheint und aus dem es seine Sogwirkung zieht, bleibt unbestimmbar: Der Fokus springt zwischen mehreren perspektivischen Ebenen hin und her und wehrt jeden Versuch ab, die architektonische Struktur der Bretter zu bestimmen.

David Schnell - Glockenspiel 2007 links | Schnitt 2010 rechts
Courtesy Galerie EIGEN + ART Leipzig/Berlin | Fotos: Uwe Walter, Berlin

Dominiert in „Gelbe Scheune” ein quasiarchitektonischer Innenraum, verschränken sich Innen- und Außenraum in Arbeiten wie „Ecke” (2008) oder „Wind” (2006) immer weiter ineinander, bis die architektonischen Formen nur noch angedeutet sind und als unverankerte Treppenstufen („Glockenspiel”, 2007) oder frei schwebende Seitenwände („Mikado”, 2007) ohne abgebildeten Halt im Raum fliegen: Die Raumwahrnehmung wird gebrochen und in Einzelteile zerlegt, die das Auge desorientieren und den Betrachter förmlich ins Wanken bringen.

David Schnell: Depot, 2008 Öl auf Leinwand | Diptychon, 290 x 460 cm
Courtesy EIGEN + ART Leipzig/Berlin | Foto: Uwe Walter, Berlin

Eine andere Art der Auflösung, die das Wechselverhältnis zwischen Motiv und Fläche behandelt, liegt den beiden Arbeiten „Code” (2008) und „Depot” (2008) zugrunde, deren Titel bereits den Hinweis auf den Zwiespalt zwischen Abbildung und Wirkung geben. Die Waldstücke aus glatten Baumstämmen zerfallen, je mehr man sich auf das Gesamtbild konzentriert, wie eine Fata Morgana in einzelne Farbstreifen. Durch die unterschiedlichen Fluchtpunkte scheinen die Bilder sich über die Bildfläche hinaus als Allover-Effekt in den tatsächlichen Raum auszudehnen.

In den neuesten Arbeiten wie etwa „Moment” (2010) oder „Prinzip” (2010) bringt Schnell die Auflösung des Motivs mit der des Raums zusammen: Organische und architektonische Elemente sind so sehr auf angedeutete Formen reduziert, dass sie nur noch durch die unterschiedliche perspektivische Anordnung als Baumstämme oder Bretterwände identifizieren lassen. Die Fokussierung auf einzelne Bestandteile lässt die Gemälde zwischen konkreter Szenerie und abstrakten Farbstreifen changieren.

Die Serie der Alleen („Grün”, „Pink”, „Blau”, „Orange”) greift den extremen Fluchtpunkt, der etwa in „Gelbe Scheune” angelegt ist, wieder auf und kombiniert ihn mit einem ganz anderen malerischen Problem: anhand der großformatigen und streng zentralperspektivisch angelegten Tableaux untersucht er, wie sich Motiv und Farbe zueinander verhalten. Sattes Grün, poppiges Pink, tiefes Blau und ein feuriges Orange lassen das Motiv in verschiedenen Graden von Aggressivität und Abstraktion erscheinen. In „Schein” (2008), dessen schwarz-blauer Grundton mit roten Farbsprenkeln akzentuiert ist, treten die unnatürliche Farbigkeit und der Farbkontrast so stark in den Vordergrund, dass das Motiv kaum noch als solches zu erkennen ist und sich im Farbwirbel auflöst.

In seinen Linolschnitten schließlich verzichtet David Schnell auf jede Farbigkeit und widmet sich vollständig der Frage der Abstraktion, wenn er einzelne Gemälde in reines Schwarz-Weiß umsetzt. Die Kompositionen der Leinwandarbeiten sind in den druckgrafischen Arbeiten auf ein absolutes Minimum an sauberen Linien und scharf umrissenen Flächen reduziert. Mit der Überführung der räumlichen Ansichten in strenge Zweidimensionalität stellt Schnell die den Gemälde zugrunde liegenden Kompositionen in den Vordergrund und führt seine Auseinandersetzung mit dem Raum zurück in die Wirklichkeit der Zeichenfläche.

Die Ausstellung entsteht in Zusammenarbeit mit dem GEM Museum voor actuele Kunst in Den Haag, wo sie vom 7. Juli bis 10. Oktober 2010 zu sehen sein wird, und dem Museum Allerheiligen in Schaffhausen, Schweiz, das sie vom 13. Februar bis 24. April 2011 zeigt.

David Schnell – Stunde
Kunstverein Hannover
bis 30. Mai 2010

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Die Bilder von David Schnell lassen den Eindruck von unaufhörlicher Geschwindigkeit und Destabilisierung entstehen, der schließlich auch die eigene Zeitwahrnehmung hinterfragt.

KATALOG

David Schnell – Stunde

2010. Hrsg. Kunstverein Hannover, Museum zu Allerheiligen, Schaffhausen, Gemeentemuseum, Den Haag, Text von Xaver Bayer, Markus Stegmann, Ute Stuffer u.a.

Deutsch, Englisch, Niederländisch
ca. 160 Seiten, 79 Abb., davon 66 farbig
23,50 x 29,60 cm
gebunden mit Schutzumschlag

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David Schnell (*1971 in Bergisch Gladbach) überlagert in seinen Gemälden Landschaftsdarstellungen mit räumlichen Fiktionen. Während in einzelnen Werken ein weit in die Tiefe führender Fluchtpunkt architektonischer Elemente die räumliche Konstruktion im Bild übersteigert, gehen in anderen Bildern Architektur und Natur direkt ineinander über: Wie von einer gewaltigen Explosion zerrissen, splittert sich die Darstellung auf und verschränkt sich auf komplexe und faszinierende Weise. Zusätzlich betont wird der flirrende Zustand des Gezeigten durch die spezielle Farbgebung der Bilder, die von monochromen Darstellungen bis hin zu prismenartigen Lichtbrechungen reicht.  David Schnells Bilder lassen einen Eindruck von unaufhörlicher Geschwindigkeit und Destabilisierung entstehen, der schließlich die Zeitwahrnehmung des Betrachters hinterfragt. Die vorliegende Monografie hat retrospektiven Charakter und präsentiert ausgewählte Hauptwerke des Künstlers.

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Landschaft als künstlerische Konstruktion

Von Jochen Stöckmann für DEUTSCHLANDRADIO Kultur Beitrag lesen

… keilförmige Splitter und Fragmente aus impulsiven Pinselstrichen, die nach allen Seiten aus dem Bild streben.

So entsteht ein virtueller Raum außerhalb des Rahmens, aber auch mit seinen streng auf die Bildmitte zentrierten Schuppenkonstruktionen und Alleen kommt es David Schnell vor allem auf eines an: das Sehen in der Landschaft, den entgrenzten Blick. Und dafür braucht der Leipziger Maler mehr als Pinsel und Leinwand:

“Das Fahrrad ist für mich schon eine der genialsten Erfindungen, wie man viel Raum relativ schnell erschließen kann, ohne den Bezug oder den Kontakt zum Raum selber zu verlieren: So eine Art von Vorarbeit, wenn man eben nicht sich konkret einem Ort widmet, sondern das Ganze in Bewegung wahrnimmt – das ist eigentlich schon der erste Schritt zur Abstraktion.”

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David Schnell – Stunde
Kunstverein Hannover
bis 30. Mai 2010