THOMAS ZIPP – Neues aus der Anstalt

Thomas Zipp | Kassel 2010 | Installationsansicht | Photo: Roman März

Mit der Ausstellung (WHITE REFORMATION CO-OP) MENS SANA IN CORPORE SANO verbindet die Kunsthalle Fridericianum in Kassel bis zum 13. Juni 2010 einen Großteil von Thomas Zipps künstlerischen Oeuvres mit neuen Werken zu einer aufwendigen Gesamtinstallation.

—————————–

Thomas Zipp: „Ich habe einmal mit einem Strohhalm Kontakt mit dem Jenseits aufgebaut. Seitdem bin ich relativ stabil.“

—————————–

PT | Pressetext Kunsthalle Fridericianum Kassel 2010

Thomas Zipp - (WHITE REFORMATION CO-OP)
MENS SANA IN CORPORE SANO

bis 13. Juni 2010

Thomas Zipp (geboren in Heppenheim, 1966) gehört zu den bedeutendsten deutschen Künstlern der Gegenwart. Ausgebildet als Maler fasst er seine Einzelwerke, bestehend aus Gemälden, Skulpturen, Grafiken und installativen Arbeiten, immer zu einem Gesamtkonzept zusammen, das die Räume des Ausstellungsortes vollends einbezieht. Durch diese Arbeitsweise verleiht Zipp seinen Ausstellungskonzepten eine einzigartige, unwiederholbare Existenz.

Zipps Werke sind geprägt von einer intensiven Auseinandersetzung mit Geschichte, Wissenschaft und Religion, mit Politik und Gesellschaft sowie mit Kunstgeschichte und Philosophie. Hierbei spielen für ihn die Einordnung des Selbst in die Gesellschaft, der Antagonismus im Sinne sich polar gegenüberstehender Widersprüche sowie die Folgen aus historischen, wissenschaftlichen und religiösen Errungenschaften und Ereignissen eine zentrale Rolle. Gut und böse, Wahrheit und Lüge, Gott und Teufel, Norm und Abweichung, Körper und Geist, Obsession, Rausch, Grenzerfahrung, Seligkeit und Sexualität geben Zipp die thematischen Anstöße. Einige von Zipp formulierte Thesen beziehen zu diesen Themen Stellung und bezeugen eine kritische Haltung:

  1. Angesichts der Existenz von Gleichgültigkeit und angepassten, begrenzten, rauschhaften Zuständen wird heute der Widerstand gegen die Unwahrheit niemanden mehr interessieren.
  2. Das Gewirr der reaktionären, heliozentrischen Tendenzen, seien sie pseudofortschrittlich oder stagnativ, wird von Lethargie beherrscht; die Lethargie muss ja dominieren, denn sie ist kennzeichnendes Merkmal und Privileg des Zeitgenossen.
  3. Die Impotenz der Lethargie des wissenschaftlichen Schwergewichts in allen bürgerlichen Aktionen verbannt die Euphorie ins Graue, Makabre und Statische, ins protestantisch Steife und Pessimistische, ins Neutrale oder ins verweichlicht Unentschlossene oder aber in Scheinexzesse, die jedoch streng kanalisiert werden. (Thomas Zipp in: Achtung! Vision: Samoa & The Family of Pills, 2005)

______________________________________________________________

thomas-zipp-achtung-vision-2005BUCH | Thomas Zipp: Achtung! Vision – Samoa.
The Family of Pills & The Return of the Subreals

mit Beiträgen von Gertrude Wagenfeld-Pleister, Zdenek Felix, Thomas Groetz, Veit Loers, Guido W Baudach

| repräsentativer Leinenband
| 30,4 x 24,4 x 2 cm
| 176 Seiten
| Deutsch, English
| 137 farbige Abb.  4 s/w Abb.

| kaufen bei amazon

This book presents paintings, drawings, collages, and installations, including a number of other works 2003 –  2005.

————-

sammlung-goetz-thomas-zipp-england-attack-subreals.jpg

"England | Attac Of The Subreals" | Sammlung Goetz, München
Foto: Jens Ullheimer
Die Arbeit bezieht sich auf Max Ernst, Au rendez-vous des amis, 1922

In den Bildwelten Zipps berühren sich Gedankenströme des New Age mit einer provokativen spirituellen Ironie. Religion, Kult und Mythos, Drogen und Gewalt – der in Berlin lebende Künstler hält sich nicht mit Belanglosigkeiten auf, seine Haltung ist entschieden: ein Plädoyer für den »Stachel im Fleisch«. Was die anspielungsreichen Arbeiten Zipps jedoch über die Motive hinaus so verstörend erscheinen lässt, ist der Verzicht auf jede Form der Hierarchisierung oder Wertung. Der Band versammelt Gemälde, Zeichnungen, Collagen und Installationen des Künstlers, die seit 2003 entstanden sind.

______________________________________________________________

Die Kunsthalle als psychiatrische Anstalt

Thomas Zipp zählt zu den Künstlern, die in der Lage sind ein Ausstellungshaus  - wie die Kunsthalle Fridericianum - mit einer Einzelpräsentation nicht nur zu bespielen, sondern es in seiner Gänze zu verwandeln.

Unter dem Titel (WHITE REFORMATION CO-OP) MENS SANA IN CORPORE SANO widmet sich Zipp in Kassel intensiv der Fragestellung nach Norm und Abweichung, sozialer Ausgrenzung sowie der Einordnung des Selbst in die Gesellschaft und verwandelt die Räume der Kunsthalle Fridericianum durch düstere Ästhetik und satirische Übertreibung in seine Vision einer „psychiatrischen Anstalt“.

Mit dem Untertitel MENS SANA IN CORPORE SANO verweist Zipp auf den bekannten Zitatausschnitt des römischen Dichters Juvenal (ca. 60-140 n. Chr.), der als Satiriker bereits selbst die Zeichen seiner Zeit spitzzüngig kritisierte. [ Das lateinische Motto vom gesunden Körper, in dem ein gesunder Geist wohnt ] Vielfache Verwendung erhielt diese ehemals viele Gebäude und Wappen zierende Idee der Zusammenführung von Geist, Gesundheit und Körper und somit die diskreditierende Gleichsetzung eines gesunden Körpers mit einem gesunden Geist im Zuge der „vaterländischen Volkserziehung“, der Entstehung und Entwicklung von „Internierungshäusern“, „Besserungsanstalten“ und „psychiatrischen Heilanstalten“ seit dem Ende des 17. Jahrhunderts.

Vor diesem Hintergrund erfährt die Kunsthalle Fridericianum eine komplette Transformation: Die großen Lettern am Portal ersetzt Thomas Zipp durch die Worte MENS SANA IN CORPORE SANO und das Foyer wird zur Eingangshalle der „Anstalt“. In den weiträumigen Hauptflügeln des Fridericianums verbindet der Künstler sein skulpturales und malerisches Werk mit umfassenden installativen Eingriffen. Durch Abdunkelung und den gleichzeitigen Einsatz grellen Neonlichts erschafft Zipp die Illusion langer Gänge, deren Türen zu sowohl zugänglichen als auch verschlossenen Räumen führen, in denen immer wieder erneut die Thematik der Ausstellung über Gemälde oder Plastiken, wie beispielsweise seine Psychonauten, aufgegriffen wird. An diese Gänge schließen sich in den jeweiligen Seitenflügeln die Großinstallationen einer Gummizelle, eines  Turngeräteraumes und eines Spiegelsaals mit konkaven und konvexen Formungen an, die das Spiegelbild stark verzerren.

Die Ausstellung (WHITE REFORMATION CO-OP) MENS SANA IN CORPORE SANO verbindet einen Großteil von Thomas Zipps künstlerischen Oeuvres mit neuen Werken zu einer aufwendigen Gesamtinstallation. Die Besucher/innen werden, wie für Zipps Arbeitsweise üblich, aber in den Räumen der Kunsthalle Fridericianum im Besonderen herausgefordert, sein Werk nicht nur in seiner einzelnen Analyse, sondern ebenso assoziativ zu begreifen sowie auf sich selbst rückführend und physisch zu erfahren. Thomas Zipp versteht es, historische und geisteswissenschaftliche Entwicklungen mit der heutigen Zeit in Verbindung zu setzen und aktuell zu deuten.

Indem (WHITE REFORMATION CO-OP) MENS SANA IN CORPORE SANO die Bedingungen des ältesten Museumsbaus auf dem europäischen Kontinent einbezieht, erhält die Ausstellung einen einzigartigen, unwiederholbaren Charakter und interpretiert das Fridericianum auch als Haus der Aufklärung neu.

Thomas Zipp
(WHITE REFORMATION CO-OP) MENS SANA IN CORPORE SANO
Kunsthalle Fridericianum
Bis 13. Juni 2010

_______________________________________________________________

Thomas-Zipp-Geist-ohne-Koerper-2004- links | Courtesy: Galerie Guido W. Baudach, Berlin.
Psychonaut- A-2008-rechts | Courtesy: Rubell Family Collection, Miami | photos-roman-märz

DEUTSCHLANDRADIO Kultur – Volkhard App Beitrag lesen / hören

Der Schlaf der Vernunft gebiert hier Ungeheuerliches

In einem Raum dürfen Patienten – oder sollte man eher von Probanden sprechen? – in Beichtstühlen ihr Gewissen erleichtern und zu den Klängen eines Harmoniums singen. Und unweit des düsteren Direktorenzimmers ist eine weiß ausstaffierte Gummizelle eingerichtet. Dabei bleibt Vieles kulissenhaft: Die Türen stehen frei und die Wände der Anstaltsräume sind allein durch Zipps Zeichnungen und durch seine Acrylgemälde markiert, die in der Luft auf gleicher Höhe hängen.

Um Norm und sogenannte Abweichung bewegt sich diese weitläufige Installation, um Kreativität, Rausch und Wahn. Dabei sind die Bilder von Thomas Zipp ein rätselhafter Kosmos für sich: Skelette, alptraumhafte Gesichter, manchmal mit leeren Sprechblasen, und Fratzen, mit denen der Künstler auf Ernst Jüngers “Psychonauten” hinweisen will, die bei ihrer drogenstimulierten Reise ins Unbewusste keine Abgründe scheuen. Und in Textarbeiten huldigt Zipp ausdrücklich den Surrealisten und ihrer automatischen Schreibweise.

—————————–

thomas-zipp-muehlheim-2007.jpg

Der Reiz verrätselter Kunst

Hans-Joachim Müller – ZEIT online Artikel lesen

Dass manches auf Psychiatrie deutet, merkt man nicht erst, wenn man im Behandlungszimmer vor den Betten mit den Anschnallgurten steht. Schon unter dem neoklassizistischen Giebel draußen liest man das altrömische Gesundheitsprogramm »mens sana in corpore sano«. Und was, bitte schön, will uns die Aufschrift »Pattex« sagen, die all die Berühmte-Männer-Sockel ziert?

… dass in der Not auch eine Tube Alleskleber für ein bisschen Nebel im Hirn sorgt.

_______________________________________________________________
(WHITE REFORMATION CO-OP) MENS SANA IN CORPORE SANO
Thomas Zipp
Kunsthalle Fridericianum
Bis 13. Juni 2010