Michael ELMGREEN & Ingar DRAGSET – The One & The Many

Michael Elmgreen und Ingar Dragset gehören zu den erfolgreichsten Installationskünstlern der Gegenwart. Ihr neuestes Werk ist bis zum 25. September 2011 in einer ehemaligen Rotterdamer U-Boot-Werft zu sehen: ein Kunst-Großprojekt auf 1.500 Quadratmetern.

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Das in Rotterdam ansässige Museum Boijmans van Beuningen zeigt vom 28. Mai bis zum 25. September 2011 in Kooperation mit dem Hafenbetrieb Rotterdam auf der ehemaligen U-Boot-Werft “Onderzeebootloods” die Ausstellung mit dem Titel “The One & The Many”. Darin ergründen sie die Wirkung von Einzelnen auf die Masse – zum Beispiel die Wirkung eines Stars auf seine Fans.

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VIDEO | Deutsche Welle TV | euromaxx

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Es ist die bisher größte Einzelausstellung des Dänen Michael Elmgreen und des Norwegers Ingar Dragset: Die beiden Künstler arbeiten in ihrer Kunstinstallation mit sinnestäuschenden und humoristischen Elementen und verfremden die alte Werft völlig. Zur Ausstellung gehören außerdem aufwendige Tanz-Performances.

Die Künstler

Nach der erfolgreichen Ausstellung des berühmten Ateliers Van Lieshout im vergangenen Jahr, ist es nun an neuen Künstlern, die alte U-Bootwerft im Rotterdamer Hafen vier Monate lang mit Leben zu füllen. In diesem Jahr ist die Wahl auf den Dänen Michael Elmgreen (1961) und den Norweger Ingar Dragset (1969) gefallen.
Für Elmgreen & Dragset ist es die erste Soloausstellung in den Niederlanden. Die beiden sind bekannt für ihre großen, oft ironisch gemeinten Kunstinstallationen, mit denen sie die Gegenwarts-Gesellschaft kritisch hinterfragen.

Das international bekannte  in Berlin lebende Künstlerduo gehört zu den innovativsten zeitgenössischen Installations-Künstlern der internationalen Kunstszene. 2005 erregten sie mit dem Nachbau einer Prada-Boutique in der Wüste von Texas viel Aufsehen.

Auch während der Biennale von Venedig sorgten sie 2009 mit ihrem Projekt “The Collectors” für Furore. Von November 2010 bis März 2011 zeigten sie ihre Werke bei einer großen Ausstellung in Karlsruhe. In der Vergangenheit schufen sie außerdem das Denkmal “Gedenkort für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen” (2008) und die Soloausstellung “Linienstrasse 160, Neue Mitte” in der Galerie Klosterfelde (2005), beide in Berlin.

Elmgreen & Dragset stehen der heutigen westlichen Konsumgesellschaft kritisch gegenüber. Diese Haltung bringen sie in ihren Werken zum Ausdruck, wie zum Beispiel in “The Welfare Show” in London und in der oben beschriebenen Ausstellung in Venedig. Auch in der Installation in Rotterdam lässt sich die kritische Attitüde entdecken.

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HOW ARE YOU

Ein Film über Elmgreen & Dragset [ ca. 70 Minuten ]

HOW ARE YOU ist ein Dokumentarfilm über das Künstlerduo Elmgreen & Dragset, die mit ihrer aktuellen Ausstellung „Celebrity” noch bis zum 27. März 2011 im ZKM | Museum für Neue Kunst zu sehen sind. Der Film geht zurück in die Zeit, als die beiden sich kennen gelernt und angefangen haben, miteinander zu arbeiten. In nur wenigen Jahren haben sie es geschafft, zu Shooting Stars der Kunstwelt zu werden.

VIDEO | HOW ARE YOU Trailer

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HOW ARE YOU wurde während der 61. Internationalen Filmfestspiele in Berlin präsentiert und zeigt nicht nur eine Auswahl der wichtigsten Werke von Elmgreen & Dragset, sondern verfolgt den Weg ihrer Karriere von den ersten gemeinsamen Performances bis hin zur Eröffnung ihres Biennale-Projektes 2009, dessen Fortsetzung und Abschluss die Ausstellung im ZKM 2010/2011 war.

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Celebrity | The One & The Many

Das ZKM | Museum für Neue Kunst, Karlsruhe realisierte vom 07. November 2010 – 27. März 2011 mit »Elmgreen & Dragset. Celebrity – The One & The Many« die erste große museale Einzelausstellung der beiden Künstler in Deutschland. Dort ging es um die Auswüchse unserer Mediengesellschaft, in der das Reality-TV die Stars macht und das Leben zur Castingveranstaltung mutiert. Seit Jahren schon kombinieren Elmgreen & Dragset mit großem Erfolg ihre umfassenden Gesellschaftsanalysen mit perfekt durchdesignten fiktionalen Settings.

In der Ausstellung »Celebrity – The One & The Many« wurden verschiedene Facetten des gesellschaftlich-kulturellen Klimas thematisiert. Innerhalb dieser künstlerischen Untersuchung wurde eine Reihe miteinander verflochtener Erzählungen inszeniert, die mit diversen Schlaglichtern die Perspektive auf soziale, politische und nicht zuletzt auch künstlerische Aspekte lenken wollte.

»Celebrity« richtete unter anderem den Fokus auf das Verhältnis zwischen »the one and the many«, also dem Einen – einer prominenten Persönlichkeit, einer Ikone, eines ›a-listers‹ – und der Menge von so genannten ›normalen‹ Leuten und beleuchtete, wie der Lifestyle der ›rich and famous‹ durch inszenierte, künstliche Realitäten an ein breites Publikum vermittelt wird. Verzerrungen, Gerüchte, Tratsch und Halbwahrheiten spielen in den Geschichten aus der Welt des Glamours bekanntermaßen eine wichtige Rolle, um entweder Traumwelten entstehen zu lassen – oder Skandale. In diesem Zusammenhang beleuchteten die Installationen in »Celebrity« auch die Mechanismen der medialen Verführung und zeitgenössischen Mythenbildung.

In den beiden Lichthöfen des ZKM | Museum für Neue Kunst wurden von den Künstlern zwei große Installationen realisiert, die eigens für die Architektur des Museums entwickelt wurden: Mit einem vier Stockwerke hohen Plattenbau im Eingangs-Lichthof wurde eine äußerst bescheidene Wohnunterkunft präsentiert. Man konnte den Wohnblock nicht betreten, allerdings konnte man von außen und von den Galerien der Lichthöfe zahlreiche Räume einsehen. Hinter ihren Fenstern spielten sich verschiedene Szenarien ab. Ihnen gemeinsam war, dass sie Bewohner präsentierten, die nach den Berühmtheiten unserer »Casting-Gesellschaft« (Bernhard Pörksen / Wolfgang Krischke) gieren. Ein Stück sozialer Realität wurde mit dieser architektonischen Großskulptur in den musealen Kontext versetzt.

Der zweite Lichthof des Museums wurde von einem pompösen aber leeren, klassizistisch anmutenden Festsaal dominiert, der an einen zweiten, fiktiven Saal grenzte, in dem hinter verschlossenen Türen eine VIP-Party stattfand. Die Geschehnisse dieses Events waren nur durch die Schattenrisse auf den Milchglasscheiben der Türen zu erahnen. Der Ausstellungsbesucher war von der realen Welt der Celebrities ausgeschlossen und hörte lediglich den Tratsch und die Geräusche der exklusiven Party. Alles Visuelle, das besonders in den Sphären des Glamours eine nicht zu unterschätzende Rolle spielt, war für die Außenstehenden auf geradezu platonische Weise auf ein Schattentheater reduziert. Diesem inszenierten Event gegenüber kauerte im Kamin, auf der anderen Seite des Saals, einsam und verlassen der Sohn des fiktiven Celebrity-Gastgebers der feudalen Unterkunft. Einsamkeit und Ausgeschlossenheit sind seine prägenden Erfahrungen.

Die Ausstellung »Celebrity – The One & The Many« verstand sich mit ihren inszenierten Realitäten in erster Linie als Kommentar zu aktuellen Phänomenen der Celebrity-Kultur, in der nicht mehr der ›traditionelle‹ Star, der durch Leistung und Charisma seinen Status erreicht hat, im Zentrum der medialen Aufmerksamkeit steht, sondern überwiegend junge Menschen, die bereit sind, für einen Augenblick der vermeintlichen Berühmtheit im Fernsehen, Internet oder in Blogs ihre Würde oftmals unbedacht aufs Spiel zu setzen. Diese Art von Eskapismus ist in einem bisher nicht bekannten Ausmaß festzustellen, dessen künstlerische Untersuchung unter anderem mit dieser Ausstellung unternommen wurde. Der seine eigene Position in diesem Gefüge reflektierende Ausstellungsbesucher wurde zum ambivalenten, performativen Element der Installation. Er beobachtete und wurde für die anderen, ebenfalls observierenden Besucher im Sinne eines erweiterten Skulpturbegriffs zum Teil der Installation.

Kuratiert von Andreas F. Beitin

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Katalog Michael ELMGREEN & Ingar DRAGSET - The One & The Many

KATALOG

Zur Ausstellung erschien im Verlag der Buchhandlung Walther König Anfang 2011 eine umfangreiche Publikation, die nicht nur die Schau im ZKM | Museum für Neue Kunst illustriert, sondern auch den Biennale-Beitrag von 2009.

Mit einem Interview von Sacha Goldmann mit Paul Virilio & von Eric Brogmus mit Ingar Dragset.

| 383 Seiten
| mit 296 (96 farbigen) teils ganz- bzw. doppelseitigen Abbildungen.,

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Dieser umfangreiche Reader-Katalog bietet zahlreiche Texte zum kulturellen Spannungsfeld zwischen Celebrities, Kunst, Medien und Politik (Hg. Peter Weibel und Andreas F. Beitin), mit Texten von Andreas F. Beitin, Hubert Burda, Nicolaus Schafhausen, Hans-Ulrich Obrist, Peter Weibel u.v.a. sowie einem eigens zum Thema geführten Interview von Sacha Goldman mit Paul Virilio.

Celebrity steht im Mittelpunkt der Monografie zu Elmgreen & Dragset. Sie erzählenvom VIP-Leben und medialer Öffentlichkeit, in der Selbstbetrug, Verzerrungen, Gerüchte und Halbwahrheiten eine große Rolle spielen. In diesem Zusammenhang thematisiert die Publikation die Mechanismen der Medien und deren Mythenbildung.

Auf zahlreichen Farbtafeln werden die beiden Celebrity-Installationen im ZKM dokumentiert: In den beiden Lichthöfen des Museums wird einerseits ein realistischer Plattenbau, andererseits ein prunkvoller Ballsaal installiert. Es geht um das Verhältnis zwischen the one and the many,also dem einen, einer prominenten Persönlichkeit im prunkvollen Saal, und der Masse von normalen Leuten im Plattenbau. Gezielt wird der Lifestyle der rich and famous inszeniert, kontrastiert durch die Realität des Wohnsilos.

Die umfangreichen Texte zu Celebrity verstehen sich auch als Kommentare zu den aktuellen Phänomenen der Celebrity-Kultur, in der nicht mehr der traditionelle Star, der durch Leistung und Charisma seinen Status erreicht hat, im Zentrum der medialen Aufmerksamkeit steht, sondern junge Menschen, die bereit sind, für einen Augenblick der Aufmerksamkeit in Fernsehen, Internet oder Blogs ihre Würde aufs Spiel zu setzen. In weiteren Kapiteln werden die Projekte The Welfare Show, Serpentine Gallery, London 2006 und das Biennale Venedig 2009 Projekt The Collectors veranschaulicht.

Das Biennaleprojekt im dänischen Pavillon erzielte nicht nur einen enormen Erfolg beim Publikum, sondern wurde auch von der Kunstkritik gefeiert. Bislang war dieses Projekt unpubliziert.

Katalogauszug

Von Petrarca zu Facebook

– einige Anmerkungen zur Celebrity-Kultur

Prof. Dr. Hubert Burda

Eine Celebrity-Kultur gab es eigentlich schon immer. Wer sich etwa – so wie ich bei der Gründung des gleichnamigen Preises – mit Petrarca beschäftigt, wird bemerken, welche Bedeutung er großen Männern eingeräumt hat. Ihn interessierten die „Viri illustres” – die berühmten Männer, deren Leben ihm um vieles spannender schien als das vieler seiner Zeitgenossen. Doch schon in der Antike widmete man sich am liebsten den Menschen, die Ruhm sammeln konnten – und die daher berühmt waren. Dabei gab es sogar bereits ähnliche Wege wie in der Moderne, Ruhm zu verkünden und zu mehren. So ließ Augustus sein Porträt auf die Münzen prägen, damit sich jeder ein Bild vom Kaiser machen konnte. Er nahm also vorweg, was Andy Warhol, der große Motor der heutigen Celebrity-Kultur, fast zweitausend Jahre später auf die Formel brachte: „Images need to be shared”.

Aber auch das, was wir heute Kunst nennen, hat viel mit dem Aufstieg neuer Familien zu tun, der um 1400 in Siena und Florenz erfolgte – mit den Karrieren der Medici, der Pazzi, der Rucellai. In der Medici-Kapelle ließ sich eine Familie erstmals zusammen mit den Heiligen Drei Königen abbilden, um so am Ruhm der heiligen Geschichte teilhaben zu können.

Kaum später ist nördlich der Alpen Kaiser Maximilian darauf bedacht gewesen, den Anspruch seines Hauses über alle anderen Fürstenhäuser zu stellen. 1512 beauftragt er Albrecht Dürer, in Analogie zu einem antiken Triumphbogen eine „Ehrenpforte” aus fast 200 großen Holzschnitten anfertigen zu lassen.

Wieder ein Jahrhundert später inszenierte und zelebrierte Ludwig XIV. seinen gesamten Tagesablauf, vom morgendlichen Aufstehen bis zum abendlichen Zu-Bett-Gehen. So wurde jeder Moment seines Lebens Teil eines Rituals, mit dem der Herrscher sich zur öffentlichen Person machte.

Später vollführte auch Napoleon keine großen Taten, ohne dass diese nicht festgehalten wurden. Allein von der Überschreitung der Alpen am Großen Sankt Bernhard musste der Maler Jaques Louis David mindestens fünf Varianten erstellen, um die heroische Leistung des Kaisers allgemein bekannt zu machen.
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