Max LIEBERMANN | Wegbereiter der Moderne

Max Liebermann, Strand bei Noordwijk, ( Ausschnitt ) 1908, Hamburg, Körber-Stiftung

Max Liebermann (1847-1935) führte die Moderne in die deutsche Malerei ein. Die Hamburger Kunsthalle zeigt dies vom 30. September 2011 bis 19. Februar 2012 in einer umfangreichen Retrospektive, die über hundert Gemälde all seiner Schaffensphasen vereint.

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Der Bogen spannt sich vom bäuerlich ländlichen Sujet über die Darstellung bürgerlichen Freizeitlebens bis hin zu seinen treffsicheren Porträts und den späten farbintensiven Gartenbildern. Neben dem großen Bestand der Hamburger Kunsthalle werden zahlreiche Werke aus nationalen und internationalen Museen gezeigt, die durch wichtige Leihgaben aus Privatbesitz ergänzt werden. Zudem werden Liebermanns eindrucksvolle Pastelle mit Hamburger Motiven aus dem Bestand der Kunsthalle präsentiert.

In einem dokumentarischen Ausstellungsbereich wird der Umgang mit Werken Liebermanns in deutschen Kunstmuseen während der Zeit des Nationalsozialismus veranschaulicht.

Pressetext Hamburg / Bonn

Vom Akademismus in Deutschland enttäuscht, wandte sich der junge Berliner Künstler nach Frankreich und Holland. Dort tauchte er in die progressiven Strömungen der Zeit ein. In Barbizon, der Wiege des Naturalismus, studierte Liebermann die Freilichtmalerei, in Paris kam er in Kontakt mit dem französischen Impressionismus und in Holland traf er auf Vertreter der Haager Landschaftsschule. Mit dem, was der Suchende dort aufsog und in seine Arbeiten einfließen ließ, beschritt er – stilistisch wie auch thematisch – Neuland.

Liebermanns Wiedergabe einfacher ländlicher Arbeit unter Verzicht auf literarische und historische Bezüge brachte ihm zunächst harsche Kritik ein, die in dem Schimpfwort „Schmutzmaler” gipfelte. Als Mitbegründer und Präsident der Berliner Secession avancierte er zum Motor einer Opposition, die gegen die preußisch-wilhelminische Kunstpolitik gerichtet war.

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Die Gänserupferinnen | Liebermanns erstes großes Ölgemälde, 1872
unter Beeinflussung durch Munkácsys und Rembrandt

Als Liebermann mit dem Bild 1872 an der Hamburger Kunstausstellung teilnahm, weckte sein ungewöhnliches Sujet vor allem Abscheu und Schockierung. Zwar lobte die Kritik seine geschickte Malweise, doch erhielt er das Image als „Maler des Hässlichen“.

Die realistische Malerei des 19. Jahrhunderts hatte ihren Blick bereits auf den unspektakulären „Heroismus des modernen Lebens”, das ganz im Zeichen der Arbeit stand, gerichtet. Liebermann folgte dieser Spur und löste gleich mit seinem ersten Hauptwerk – den Gänserupferinnen von 1872 – einen handfesten Skandal aus: Das belanglose Motiv arbeitender Bauernfrauen und dessen spröde malerische Umsetzung empörten Publikum wie Kritik gleichermaßen. Sein Ruf als „Apostel der Hässlichkeit” war besiegelt.

Sein Frühwerk galt einer sich nur allmählich aufhellenden „Armeleutemalerei”. Doch sie klagte keineswegs soziale Missstände an. Die Menschen auf Liebermanns Bildern – Gemüseputzerinnen, Weber, Korbflechter, Näherinnen – definieren sich durch ihre Arbeit. Fast weltvergessen gehen sie ihren alltäglichen Verrichtungen nach: „das Sujet gedanklich gleich Null … und alles der Malerei untergeordnet”, so Liebermann. Diese Bilder stellten nicht nur das gewohnte Hierarchiedenken auf den Kopf, sie eröffneten den Salonbesuchern eine neue Sicht auf die Welt. [Wandtext in der Ausstellung]

1902 reiste Liebermann erneut nach Hamburg, wo er auf Einladung des ersten Direktors der Hamburger Kunsthalle, Alfred Lichtwark, vom 3. Juli bis 5. August 1902 im Hotel Jacob an der Elbchaussee wohnte, das auch heute noch existiert. Er sollte für die „Sammlung von Bildern aus Hamburg“ Ansichten der Umgebung malen. Es entstand unter anderem das Bild Polospiel in Jenischs Park und eines seiner bekanntesten Werke Terrasse des Restaurants Jacob in Nienstedten an der Elbe.

Terrasse des Restaurants Jacob

Menschen, die unter schattenspendenden Bäumen oder auf luftigen Terrassen Erholung und Zerstreuung suchen – dieses bürgerlich-städtische Motiv hat Liebermann ab Mitte der 1880er Jahre immer wieder gemalt. Trotz seines anfänglichen Interesses für Szenen des intakten bäuerlichen Lebens blieb dem Künstler nicht verborgen, dass die moderne urbane Gesellschaft zunehmend neue Lebensformen entwickelte. Zu den typischen Erscheinungen der Zeit gehörten Biergärten und Ausflugslokale. Hier konnten sich unterschiedliche Schichten zwanglos begegnen und unbeschwerte Geselligkeit an der frischen Luft genießen.

An dieser Schnittstelle zwischen Kultur und Natur hatte Liebermann eine neue malerische Aufgabe für sich entdeckt. In den weiträumigen, sonnendurchfluteten Wirtshausgärten an den unterschiedlichsten Orten – in München, Brannenburg, Hamburg oder an den Berliner Seen – fand er stimmungsvolle Bildmotive. Der sorgfältig komponierte Bildraum wird durch das Wechselspiel von Licht und Schatten belebt. Der Boden ist mit hellen Sonnenflecken übersät – ein Markenzeichen des Künstlers. Mit Ausnahme des frühen Münchner Biergartens von 1883/84, wo er die dichtgedrängten Gäste noch genau charakterisiert hatte, war ihm ein lebendiger Natureindruck der Gesamtkomposition zunehmend wichtiger.  [ Wandtext in der Ausstellung ]

1903 erfolgte eine erste Veröffentlichung als Professor der Akademie der Künste: Unter dem Titel “Die Phantasie in der Malerei” lehnte er Gebilde, die nicht auf die Anschauung eines Wirklichen zurückgingen, kategorisch ab. Bei der Malerei sei das Sujet im Grunde gleichgültig, es komme auf „die den malerischen Mitteln am meisten adäquate Auffassung der Natur“ an. Damit lehnte er die junge Bewegung der abstrakten Kunst, insbesondere den Expressionismus, entschieden ab. Liebermanns Essay war keine Kampfschrift, es war sein persönliches Plädoyer für den Naturalismus und den Impressionismus. [ via wikipedia ]

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Die umfassende Retrospektive

vereint über hundert Gemälde all seiner Schaffensphasen. Der Bogen spannt sich vom bäuerlich ländlichen Sujet über die Darstellung bürgerlichen Freizeitlebens bis hin zu seinen treffsicheren Porträts und den späten farbintensiven Gartenbildern. Neben dem großen Bestand der Hamburger Kunsthalle werden zahlreiche Werke aus nationalen und internationalen Museen gezeigt, die durch wichtige Leihgaben aus Privatbesitz ergänzt werden. Gemälde von Künstlern wie Mihály Munkácsy, Adolph Menzel, Paul Cézanne und Auguste Renoir, die für Liebermanns Kunstbegriff wichtig waren, runden die Schau ab. Ein zusätzlicher, eigener Ausstellungsraum ist Liebermanns eindrucksvollen Pastellen mit Hamburger Motiven aus dem Bestand der Hamburger Kunsthalle gewidmet, die den unmittelbaren Natureindruck ausnehmend lebendig wiedergeben.

In einem gesonderten, dokumentarischen Ausstellungsbereich wird der Umgang mit Werken Liebermanns in deutschen Kunstmuseen während der Zeit des Nationalsozialismus veranschaulicht. An audiovisuellen Medien wird neben einem filmischen Porträt des Künstlers auch ein Ausschnitt aus dem Filmzyklus „Schaffende Hände” (1922) von Hans Cürlis gezeigt. Der Zyklus beobachtet verschiedene Maler und Bildhauer bei der Arbeit im Atelier, darunter auch Liebermann. Mit dem „Aus meinem Leben” betitelten Vortrag des fast 85-jährigen Malers, der 1932 als Rundfunkstunde für Kinder gesendet wurde, ist auch Liebermanns Stimme in der Ausstellung gegenwärtig.

Eine Ausstellung in Kooperation mit der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland in Bonn.

Kuratoren in Hamburg: Dr. Jenns Howoldt und Dr. des. Markus Bertsch
Kuratoren in Bonn: Dr. Robert Fleck, Agnieszka Luliñska, Marie-Amélie zu Salm-Salm

Hamburger Kunsthalle
Galerie der Gegenwart, Sockelgeschoss
30. September 2011 bis 19. Februar 2012

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Max Liebermann. Wegbereiter der Moderne

KATALOG Max Liebermann. Wegbereiter der Moderne

| Gebundene Ausgabe
| 224 Seiten
| mit ca. 100 farbigen und 50 einfarbigen Abbildungen
| Dumont Buchverlag
| Sprache: Deutsch
| 29 x 23,8 x 2,4 cm

| LESEPROBE [ pdf ]

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Dieser Band widmet sich dem großen Künstler in einer umfangreichen Zusammenschau seines Werks und Lebens und lädt zu einer packenden Zeitreise ein: von den Bildkonventionen des 19. Jahrhunderts in Liebermanns Frühwerk über die Entdeckung des freien Spiels von Licht und Farbe in den urbanen Bildern bis hin zu experimenteller Farbmalerei in den See- und Gartenbildern aus der Zeit der Weimarer Republik.

• Fotografien und Dokumente zu Leben und Werk
• Umfassender Werküberblick

Texte: Robert Fleck, Jenns Howoldt, Agnieszka Lulinska und Andreas Zeising sowie eine umfassend bebilderte Biografie von Christina Dickel.

Über den Autor: Robert Fleck, 1957 in Wien geboren, ist Direktor der Deichtorhallen Hamburg. Er hat unter anderem bei Gilles Deleuze und Michel Foucault studiert und 1988 in Innsbruck mit einer Arbeit über die Revolution von 1848 promoviert. Bei Philo Fine Arts ist erschienen: HIER DISTANS. Arnulf Rainer, Dieter Roth & die Wiener Künstlerbohème der Siebziger (2008)

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Max Liebermann hat sich nicht nur durch sein künstlerisches OEuvre, sondern auch durch seine kulturpolitische Tätigkeit einen herausragenden Platz innerhalb der deutschen Kunst- und Kulturgeschichte erworben und gilt damit als einer der führenden Wegbereiter der modernen deutschen Malerei. Die eigenständige Stellung Liebermanns zwischen dem ausgehenden 19. und dem beginnenden 20. Jahrhundert ist auch für die heutigen Entwicklungen der Malerei von besonderer Aktualität.

Mit einer Auswahl von über 100 Werken aus allen Schaffensphasen setzt die Ausstellung neue Akzente innerhalb der Werkrezeption von Max Liebermann setzen. Nachdem in den letzten zwei Jahrzehnten vor allem einzelne thematische Schwerpunkte seines Schaffens (Freilichtmalerei, Realismus, Impressionismus, Gartenbilder) im Fokus der Betrachtungen standen, wird Liebermann in dieser Ausstellung vor allem als konsequenter Verfechter aktueller künstlerischer Positionen in der Kunst des ausgehenden 19. und des beginnenden 20. Jahrhunderts gezeigt. Die herkömmliche Einordnung dieses Malers als “Impressionist” wird ebenso hinterfragt wie der Begriff des Realismus.

Badende Jungen um 1900
Zu einem seiner bevorzugten Motive um die Jahrhundertwende gehörten Szenen mit badendenden Fischerjungen. In zahlreichen Varianten stellte sich Liebermann der malerischen Herausforderung, figürliche Bewegung vor der Licht atmenden Weite des Naturraums zu erfassen.

Die französischen Impressionisten erhoben das Motiv des sommerlichen Badepublikums zu einem bildwürdigen Thema. Dabei galt ihr Hauptinteresse den sich ständig verändernden Naturphänomenen. Die Individualität der dargestellten Figuren war der Wiedergabe von Lichtwirkung und Atmosphäre untergeordnet. Farbe und Faktur wurden zu Trägern einer neuen Seherfahrung.

Max Liebermann am Meer

Auch Liebermann folgte diesem Ansatz und widmete sich Darstellungen des Strandlebens an der holländischen Küste: „Was mich persönlich betrifft, so bin ich in eine neue Periode getreten: in den drei Monaten, die ich jetzt in Holland war, habe ich mich wieder gehäutet (…).” Mit den Szenen badender, spazierender und Sport treibender Sommergäste vor einer maritimen Kulisse veränderte sich auch das Personal und die Malweise Liebermanns. Die mit raschem, lockerem Pinselstrich gemalten Bilder entstanden nun meist vollständig in freier Natur. [ Wandtext in der Ausstellung ]

Mit den präsentierten Gemälden und Arbeiten auf Papier wird Liebermanns unkonventionelle Themenbehandlung und stilistische Entwicklung in 14 chronologisch aufgebauten Kapiteln dargestellt. Der Ausstellungsbogen reicht von der frühen Freilichtmalerei und Bildern stiller Arbeit der 1870er und 1880er Jahre über Szenen des modernen Freizeitvergnügens um die Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert bis zu Auftragsporträts und Selbstbildnissen aus der Zeit der Weimarer Republik. Die Ausstellung endet mit dem Alterswerk der späten Gartenbilder, die Max Liebermann zwischen 1910 und 1933 in über 200 Varianten schuf.

Als langjähriger Präsident der Berliner Secession und danach der Preußischen Akademie der Künste gehörte Liebermann zu den einflussreichsten Förderern der Moderne im Berlin des Kaiserreichs und der Weimarer Republik. Nachhaltig beeindruckt von den Altniederländern und angezogen von der Schule von Barbizon, mit einer Vorliebe für die französischen Impressionisten, die er persönlich sammelte, hat Liebermann ein stilistisch und thematisch vielfältiges Werk geschaffen.

An der Ausstellung beteiligen sich über 50 öffentliche und private Leihgeber aus Deutschland und dem Ausland.

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Presseschau zur Bonner Ausstellung

Der vollkommene Bourgeois

Manfred Schwarz für ZEIT online | Artikel lesen

… viel zu viel Gärtnerei und viel zu wenig Welt. Zu viel Geblühe. Und zu wenig Leben.

Kein Vergleich mit Monet übrigens: Der Franzose wächst zur gleichen Zeit in Giverny zum Mystiker und Kosmiker heran. Liebermann schrumpft in seinem Wannseegarten vom weltmännischen Großbürger auf das Format eines Spießers.

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Der Malerfürst einer vergangenen Epoche

Manfred Schwarz für Frankfurter Rundschau online | Artikel lesen

Bereichert und damit „modernisiert” hat er die Malerei denn auch weniger durch Qualitäten der Komposition und der Freistellung der Farbe von der Abbildung der Realität als vor allem durch die Erweiterung der Motive, derer er sich annimmt. Die Bilder sind von oft erstaunlich vielfältiger Welthaltigkeit. Es macht nicht zuletzt ihre Attraktion aus, dass die heile Welt, von der sie Ausschnitte vorführen, uns jetzt oft mehr ferne Erinnerung als Gegenwart ist, hier also, von heute aus gesehen, Verluste beschrieben werden.

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Konventionelle Möchtegern-Retrospektive

Christiane Fricke für das Handelsblatt | Artikel lesen

Die Bonner Liebermann-Ausstellung setzt auf den populären Maler und versäumt es, kritische Fragen zu stellen. Ihre These des Wegbereiters lässt sich nicht hinreichend überprüfen.

Ratlos steht man etwa vor größeren Ansammlungen von Strand- und Gartenbildern, die nicht alle überzeugen. Was sollten diese Bilder belegen? Warum haben Institutionen, deren Aufgabe es ist, mit kunsthistorischer und kritischer Kompetenz Maßstäbe zu setzen, nicht rigider aussortiert?

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Hamburger Kunsthalle | Galerie der Gegenwart | Glockengießerwall

Hamburg, Deutschland

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