CARDIFF / MILLER – Werke aus der Sammlung Goetz

The Killing Machine (2007)
Der rote Knopf, der die Tötungsmachine in Gang setzt

Das Haus der Kunst München zeigt bis zum 8. Juli 2012 mit acht Kunstwerken aus gut einem Jahrzehnt, von Playhouse 1997 und The Paradise Institute2001, zu Cabin Fever 2004 und The Killing Machine 2007 einen Ausschnitt aus dem komplexen Werk des aus Kanada kommenden und in Berlin lebenden Künstlerpaars Janet Cardiff und George Bures Miller .

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Die Ausstellung zeigt acht Arbeiten des kanadischen Künstler-Duos Janet Cardiff und George Bures Miller, die durch die Kombination von Bild, Ton und nachgebildeten Räumen möglichst viele Sinne des Betrachters ansprechen, um das Geschehen so real wie möglich erscheinen zu lassen. In ihren Arbeiten erzeugen Cardiff/Miller mentale Bilder, die ganze Geschichten entstehen lassen, welche jeder Mensch individuell erlebt. Direkte Ansprache über Kopfhörer wie “Hast du den Ofen ausgemacht, bevor wir gegangen sind?” in “The Paradise Institute” oder eine Kameraführung aus der Perspektive des Handelnden lassen den Betrachter das Geschehen fast physisch spüren.

Haus der Kunst München | bis 8. Juli 2012

Janet Cardiff & George Bures Miller www.cardiffmiller.com

Pressetext Haus der Kunst München www.hausderkunst.de

So ist in der sich immer wiederholenden Videoinstallation “Hill Climbing” eine Wanderung über einen verschneiten Hügel aus der Perspektive des Gehenden aufgenommen, die mit einem Sturz endet. Über Kopfhörer hört man das Atmen des Wanderers und das Gebell eines Hundes – das weckt Erinnerungen an eigene Erfahrungen und schafft ein stärkeres Bewusstsein für den Körper als lebenden Organismus. Die Ausstellung mit Werken aus der Sammlung Goetz zeigt acht Installationen des Künstler-Duos, in denen sich Realität und Fiktion vermischen und der illusionistische Apparat der Medien als solcher offenbart wird.

KATALOG | Janet Cardiff & George Bures Miller
Werke aus der Sammlung Goetz

Hrsg. Stiftung Haus der Kunst, München, Texte von Alexander Alberro, Nora M. Alter, Okwui Enwezor, Lutz Koepnick, León Krempel, Brigitte Kölle, Clara Meister, Volker Pantenburg, Rainald Schumacher

Deutsch/Englisch
2012,gebunden
96 Seiten,
56 Abbildungen, davon 34 farbig,
20,50 x 27,20 cm

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Eine ganze Reihe von gemeinsamen Werken von Cardiff (*1957 in Ontario) und Miller (*1960 in Alberta) wurden über mehrere Jahren hinweg von Ingvild Goetz in ihre Sammlung integriert. Die Publikation zeigt sie erstmalig im Zusammenhang, erläutert Entstehung und Bezüge im Detail und macht ihre Bedeutung innerhalb des Gesamtwerks der beiden Künstler transparent. Dabei wird ein besonderer Schwerpunkt auf die zentrale Bedeutung von Sound und Klang gelegt sowie der spezielle Umgang von Janet Cardiff & Georges Bures Miller mit dieser so wichtigen und sonst meistens nur unterschwellig wahrgenommenen Facette in der aktuellen Medienkunst herausgestellt.

Aussagekräftige Bildwelten, mehrdeutige Erzählungen und intensive Klangstrukturen verbinden sich in den Werken zu offen angelegten und vielschichtig sinnlichen Erfahrungen, die fast spielerisch unsere Sensibilität aus ihrer häufig stupiden Einseitigkeit herauslösen. Die Werke von Janet Cardiff und George Bures Miller lassen erahnen, dass die Dinge, Objekte und Prozesse des Alltäglichen viel mehr enthalten als es eine auf das reine Funktionieren ausgerichtete Wahrnehmung vermuten lässt.

Ausgestellte Werke:
Playhouse, 1997
Hillclimbing, 1999
The Paradise Institute, 2001
Cabin Fever, 2004
Night Canoeing, 2004
Feedback, 2004
The Killing Machine, 2007
Kathmandu Dreams, 2007

Durch Erinnerung und Vorstellung an und von Räumen, Objekten und Zusammenhängen öffnet sich eine weitere Ebene. Als Betrachter-Zuhörer ist man zwischen Traum und Traumata, Erschrecken und Neugierde hin- und hergerissen. Oft passt das, was man sieht, nicht mit dem zusammen, was man hört – oder aber der Klang lässt sich dem imaginierten Ort nicht zuordnen.

„Killing Machine” (2007)

ist eines dieser faszinierenden Hauptwerke: Der Foltermaschine im Raum ausgesetzt, erlebt der Besucher einzig durch Licht und eine technisch komplexe Sound-Komposition die bis ins Unerträgliche gesteigerte Maltraitierung eines fiktiven Opfers.

Während das wechselnde Licht, mechanische Folterarme und der leere „Behandlungsstuhl” die innerlich schmerzende Erfahrung befördern, banalisiert die Disco-Lichtkugel diesen Moment. Das narrative Moment der Arbeit spielt sich einzig in unseren Köpfen ab, die Künstler reduzieren ihr Werk auf die akustische und visuelle Wahrnehmung und die Illusion des nicht Vorhandenen.

“In our culture right now there is a strange deliberate and indifferent approach to killing. I think that our interest in creating this piece comes from a response to that.” [ Cardiff / Miller ]

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VIDEO | Killing Machine

[ Credits: Robot arm design: Carlo Crovato | Music: "Heartstrings" by Frieda Abtan
| Percussion assistance: Titus Maderlechner ]

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“Partly inspired by Franz Kafka’s ‘In the Penal Colony’ and partly by the American system of capital punishment as well as the current political situation, the piece is an ironic approach to killing and torture machines. A moving megaphone speaker encircles an electric dental chair. The chair is covered in pink fun fur with leather straps and spikes. In the installation are two robotic arms that hover and move- sometimes like a ballet, and sometimes attacking the invisible prisoner in the chair with pneumonic pistons. A disco ball turns above the mechanism reflecting an array of coloured lights while a guitar hit by a robotic wand wails and a wall of old TV’s turns on and off creating an eerie glow. ”

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Bekannt wurden die beiden Kanadier mit Arbeiten wie The Secret Hotel, in dem sie Räume eines alten Grandhotels erleben lassen, oder The Paradise Institute, dem preisgekrönten Publikumserfolg auf der Biennale von Venedig 2001, das auf magische Weise einen Kinosaal der Jahrhundertwende illusioniert, doch parallel zum Filmton eben jenen Geräuschen die Hauptrolle zuspielt, die sonst nur stören – Flüstern, Husten und dem Geraschel von Popkorntüten. Die Werke und Installationen von Cardiff & Miller faszinieren insbesondere durch ihren außergewöhnlichen Einsatz von Stimmen, Geräuschen und Musik.

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KATALOG | George Bures Miller
The Killing Machine und andere Geschichten 1995-2007

Gebundene Ausgabe: 224 Seiten
104 Abb., davon 75 farbig

17,10 x 24,70 cm
Sprache: Deutsch
DVD beiliegend
mit videodokumentierten Installationen

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Auffällig ist zudem die liebevolle und aufwändige Gestaltung des Buches mit verschiedenen Inlays, großem Bildanteil und thematisch passenden Textauszügen von Geistesverwandten wie Philip K. Dick und Franz Kafka. Das alles macht sehr neugierig auf die Kunstwerke, die dankenswerterweise auf der beiliegenden DVD als Anschauungsmaterial aufbereitet sind. [data herd]

Die Raum- und Klanginstallationen des Künstlerpaares Janet Cardiff (geb. 1957) & George Bures Miller (geb. 1960) erzeugen faszinierende Erfahrungswelten. Die Publikation vereinigt in einem konzisen Werküberblick bereits bestehende sowie eigens für die Ausstellung entwickelte Arbeiten und versteht sich zugleich als umfassender Reader mit bisher unveröffentlichtem Text- und Bildmaterial sowie literarischen Parallelspuren zum Oeuvre von Janet Cardiff & George Bures Miller.

Publikation zu den Ausstellungen: Museu d’Art Contemporani de Barcelona (MACBA) 2.2.-1.5.2007 Mathildenhöhe Darmstadt 20.5.-26.8.2007.

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Presseschau: Ausstellung Mathildenhöhe, Darmstadt | bis 26. August 2007

Die Scheu vor dem roten Knopf

Sandra Danicke

Die Überlappung verschiedener Realitätsebenen ist eine Spezialität des kanadischen Künstlerpaares… Zu sehen, oder besser: zu erleben sind Arbeiten von irritierender Intensität, die erstaunlicherweise vor allem mit akustischen Mitteln ausgelöst wird.

Es erfordert Überwindung, den roten Knopf zu drücken, der die Tötungsmachine, The Killing Machine (2007) in Gang setzt. Ein megafonförmiger Lautsprecher umkreist einen mit rosafarbenem Kunstpelz bezogenen Zahnarztstuhl, auf dem ein unsichtbares Opfer mit roboterartigen Bohrern traktiert wird, die gleichzeitig ein mechanisches Ballett aufzuführen scheinen. Dazu ein dramatisches Getöse.

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The Killing Machine und andere Geschichten

Marli Feldvoss für NZZ Artikel lesen

Man muss sich auf das audiovisuelle Angebot einlassen, mitspielen, wenn man die kunstvoll arrangierte Überlappung der Realitätsebenen mit ihren ganz besonderen Erlebniswelten und Täuschungsmanövern so richtig mitbekommen will.

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