LOUISE BOURGEOIS – Passage dangereux

Anlässlich ihres 100. Geburtstags zeigt die Hamburger Kunsthalle bis zum 17. Juni 2012 Skulpturen, Rauminstallationen, Radierungen, Arbeiten aus Stoff und Tapisserien der letzten 15 Lebensjahre der Künstlerin Louise Bourgeois (1911-2010), die als eine der bedeutendsten und einflussreichsten Künstlerinnen unserer Zeit gilt. Einige der ausgestellten Werke sind zum ersten Mal überhaupt öffentlich zu sehen.

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Hamburger Kunsthalle | Ausstellung bis 17. Juni 2012

LOUISE BOURGEOIS – Passage dangereux

Pressetext: Hamburger Kunsthalle www.hamburger-kunsthalle.de

Das Werk einer der bedeutendsten und einflussreichsten Künstlerinnen unserer Zeit offenbart eine ganz eigene Form- und Materialsprache. Es behandelt existentielle Themen des Menschseins und zugleich ganz persönliche Erfahrungen, denen sich Louise Bourgeois unermüdlich zu stellen wagte: Angst, Abhängigkeit, Erinnerung, Sexualität, Liebe und Tod.

«Mein Ziel besteht darin, eine vergangene Emotion wieder zu durchleben. (…) Angst erneut zu erfahren. (…) Angst ist ein passiver Zustand, und das Ziel besteht darin, aktiv zu sein und die Kontrolle zu übernehmen.»

Auf dem Außenplateau der Kunsthalle thront eine über 9 Meter hohe, überdimensionale Spinne aus Bronze, Stahl und Marmor: Maman (1999). Gleichermaßen beeindruckend wie furchterregend ist diese monumentale Skulptur ein zentrales Werk von Louise Bourgeois. Der Titel Maman (Mutter) macht deutlich, dass Bourgeois diese Skulptur als Hommage an ihre eigene Mutter verstanden hat, die als Restauratorin von Tapisserien tätig war. Das unermüdliche Wiederherstellen und Restaurieren von Gewebe, das auch Spinnen eigen ist, wird zugleich zu einem Symbol für das unendliche, sich wiederholende und erneuernde Leben im Allgemeinen.

Der Ausstellungstitel Passage dangereux ist dem Namen einer Arbeit von Bourgeois spektakulärster Werkgruppe entnommen, ihren so genannten Cells: käfigartige, mit Objekten und kleinen Skulpturen gefüllte Räume. Passage dangereux (1997) ist die größte und komplexeste dieser Cells und macht die Auseinandersetzung der Künstlerin mit ihrer eigenen persönlichen Geschichte, aber auch mit allgemeinmenschlichen Erinnerungen und Emotionen auf verdichtete Weise erfahrbar.

“1991 wagt sich die Künstlerin weiter in den realen Raum vor und gestaltet eine erste «Cell» (Zelle, Klause). Neben der einfachen Ausstattung mit Bett, Tisch und Stuhl findet sich eine Anhäufung von Alltagsutensilien und medizinischen Hilfsmitteln. Die Bettbezüge – alte französische Postsäcke – bestickt sie mit Reflexionen über Kunst:

«Art is the guarantee of sanity»; «Pain is the ransom of formalism».

Als eigentliche Erinnerungsarchitektur kommuniziert Cell I auf der Ebene der bildhaften Inszenierung. Sie handelt auch von Krankheit und vom Leiden; Bourgeois vergleicht das Pflegen ihrer Mutter mit der Kunstproduktion als heilendem Prozess.” [ Eva Keller ]

Zu den oft raumgreifenden und mehrteiligen Exponaten gehört der großformatige, vierzehnteilige Radierungszyklus À l’infini (2008) aus dem Besitz des Museum of Modern Art in New York, der erstmals in Deutschland vorgestellt wird. Das MoMA war das Museum, das Louise Bourgeois im Jahr 1982 als erster Künstlerin überhaupt eine retrospektive Ausstellung widmete. Die großformatigen, von Hand überarbeiteten einzelnen Blätter von À l’infini zeigen jeweils zwei sich begegnende Linien, aus denen immer neue Formen, wie etwa ein sich liebendes Paar, entstehen. Sie bilden Ausformungen wie Blasen, Zellen oder ineinander verschlungene, menschliche Körper und erinnern – blutrot gemalt – an Blutbahnen. Zugleich kann das Werk À l’infini („Bis ins Unendliche”) als Bild für die Zeit, für den Lebensweg des Menschen gelesen werden. In den Arbeiten aus Stoff der letzten, bemerkenswert produktiven Schaffensphase der Künstlerin verselbständigt sich der Faden zu einem Muster, zu einer abstrakten Formation von großer Schönheit.

Mehrere Ausstellungsräume sind Stoff-Arbeiten gewidmet, in denen sich der Faden zu Mustern und zu abstrakten Formationen von beeindruckender Schönheit verselbständigt. Gewebe als Geschichte zu denken, die immer weiter fort gesponnen werden kann, als Erinnerungsfäden, die den Weg in die Vergangenheit aufzeigen – dieses Verständnis prägt das künstlerische Werk von Louise Bourgeois.

Louise Bourgeois gilt als Jahrhundert-Künstlerin.

98 Jahre alt geworden, vereinigte Louise Bourgeois in ihrer Person und in ihrem Lebensweg mehrere Epochen. In Paris geboren erlebte sie als junge Frau die Pariser Moderne, studierte u. a. bei Fernand Léger und bewegte sich im Kreis der Surrealisten. 1938 übersiedelte sie mit dem amerikanischen Kunsthistoriker Robert Goldwater, ihrem Ehemann, nach New York. Dort kam sie mit den aus Frankreich emigrierten Künstlern um Marcel Duchamp in Kontakt und war mit Vertretern des Abstrakten Expressionismus befreundet.

“In New York, wohin Louise als Kunststudentin und Ehegattin des Kunsthistorikers Robert Goldwater 1938 ausgewandert war, wurmte sie die Nichtachtung der Surrealisten, des arroganten Duchamp oder des neunmalklugen Max Ernst, die mit Frauen, wenn sie nicht reich waren, nichts zu tun haben wollten. Sie sei Existentialistin, sagt sie, ihre Kunst sei ein Reflex auf ihre Ohnmacht im Leben. Denn Macht, gesteht Louise Bourgeois, mache sie hilflos, und im Leben identifiziere sie sich stets mit den Opfern. In der Kunst dagegen sei sie die Aggressorin, die zerschlagen, zerstören, zerteilen könne.” [ Die alte Dame als Folterknecht, Elke von Radziewsky für die ZEIT, 1994 | Artikel lesen ]

Bourgeois nahm die in den USA dominanten Strömungen der Minimal- und der Pop Art wahr, schloss sich jedoch nie einer der bestehenden Gruppen an. Vielmehr entwickelte Louise Bourgeois eine seltene stilistische Komplexität, die vieles von dem vorwegnahm, was Anliegen einer jüngeren Künstlergeneration werden sollte.

Kuratorin der Ausstellung: Dr. Brigitte Kölle

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Biografie | Louise Bourgeois | Leben und Werk
Autor: Ulf Küster, Kurator der Fondation Beyeler.

Deutsch 2012
144 Seiten,
41 Abb., davon 33 farbig

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Das Buch ist eine Einführung in das Leben und Werk einer der bedeutendsten Künstlerpersönlichkeiten unserer Zeit.

Louise Bourgeois wurde am 25. Dezember 1911 geboren. Aus Anlass ihres 100. Geburtstages erscheint dieses Buch, das zentrale Themen des Schaffens der im letzten Jahr gestorbenen Künstlerin behandelt: die Verarbeitung ihrer Lebensgeschichte, ihre Auseinandersetzung mit anderen Künstlern und die Umsetzung ihrer Emotionen in Kunstobjekte.

In neun Kapiteln werden exemplarische Werke behandelt und in den Kontext der Kunstgeschichte gestellt, indem sie mit Werken aus der Sammlung Beyeler konfrontiert werden. So wird deutlich, dass Louise Bourgeois nicht nur den für die Kunst der Moderne wichtigen Gegensatz zwischen Figuration und Abstraktion aufgehoben hat; sie hat auch dazu beigetragen, der modernen Kunst eine eigentümliche Interpretationsebene neben dem rein Sichtbaren zu geben.

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Die potente Künstlerin

Louise Bourgeois ist eine von wenigen Künstlerinnen, die in ihrem Werk neben weiblicher auch männliche Sexualität zur Diskussion stellt.

Sibylle Mulot für EMMA Mai/Juni 2002 | Artikel lesen

„Der schöpferische Impuls für alle meine Arbeiten ist in meiner Kindheit zu suchen“, sagte die 95-jährige Louise Bourgeois. Alle ihre Arbeiten der in New York lebenden Französin kreisen um Liebe, Hass, Gewalt, Abhängigkeit und Aufbegehren innerhalb der Familie.

„Der Phallus ist Gegenstand meiner zärtlichsten Aufmerksamkeit“, sagt sie. „Es geht um Verwundbarkeit und Schutz. Schließlich habe ich mit vier Männern zusammengelebt, meinem Ehemann und drei Söhnen. Ich war ihre Beschützerin. Doch wenn ich glaube, dass ich den Phallus beschützen muss, bedeutet das nicht, dass ich mich nicht auch vor ihm fürchte.“

Eine 60 Zentimeter hohe Plastik aus Latex taufte sie „Fillette“, Kleines Mädchen – tja, rein theoretisch könnte dieses Ding entfernt an ein armes Waisenkind auf Knien erinnern, aber unübersehbar ist es doch ein Riesenphallus mit Hoden. Den klemmte die zarte Louise sich unter den Arm, als sie 1982 zum Fototermin bei Robert Mapplethorpe marschierte. Die Fotoserie mit der grinsenden Louise im zotteligen Mantel und dem „Fillette“ unter dem Arm wurde berühmt. Louise Bourgeois war damals 70.

La Fillette, ein mit sechzig Zentimetern grotesk überdimensionierter, aufgereckter Latexpenis mit dunkler gummiartiger Haut, dessen Eichel von einem Metalldraht zur Aufhängung durchbohrt ist. Die Macht des Supersignifikanten Phallus untergräbt die Künstlerin mit sardonischem Witz, indem sie den Phallus als von ihr selbst erzeugt präsentiert – in Anspielung auf Freuds Gedanken, daß jede Frau in Ermangelung eines Penis danach strebe, ihren eigenen Penis zu gebären. Schützend trägt sie ihren »Säugling«, den sie liebevoll als La Fillette tituliert, was im Französischen ein kleines Mädchen bezeichnet. [ via arte tv ]

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Insomnia Drawings – Die Zeichnungen der Schlaflosigkeit 1994-95

Schlaflosigkeit war Louise Bourgeois’ lebenslanger Begleiter. Zwischen November 1994 und Juni 1995 zeichnete sie Gedanken, Erinnerungen und Bilder auf, die ihr in langen, schlaflosen Nächten durch den Kopf gingen. Die 220 entstandenen Zeichnungen sind die Summe der Antriebe, Quellen und Motive ihres Werkes.

Der ‘Insomnia-Zyklus’ zeigt den ruhelosen Geist der Künstlerin am Werk: Zeichnungen und Skizzen wechseln ab mit Gedichten und Aphorismen in Englisch und Französisch, dazwischen finden sich Alltagsnotizen, die an die emsige Geschäftigkeit des Tages erinnern. Im Zyklus spiegelt sich das Leben und Werk einer außergewöhnlichen Künstlerin: schön, beunruhigend, leidenschaftlich, fragend und durchdrungen von schrägem Humor.

Band I: Faksimiles der Vorder- und Rückseiten aller 220 Zeichnungen / Band II: Essays von Marie-Laure Bernadac, Kunstkritikerin und Kuratorin, Paris, und Elisabeth Bronfen, Autorin und Anglistik Professorin, Zürich; Chronologie sowie kommentierte Transkriptionen aller auf den Vorder- und Rückseiten der Zeichnungen enthaltenen Texte und Notizen

Insomnia Drawings

Gebundene Ausgabe: 580 Seiten
Sprache: Englisch
Größe und/oder Gewicht: 33,8 x 23,9 x 7,7 cm

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Louise Bourgeois:

Ich arbeite an den Zeichnungen nachts im Bett, auf Kissen gestützt. Vielleicht mit ein bisschen Musik, oder ich höre einfach den Geräuschen auf der Straße zu. Meine Zeichnungen bewahre ich sorgfältig auf. Sie entspannen mich und helfen mir einzuschlafen. Zeichnungen sind Denkfedern, es sind Ideen, die ich mitten im Flug erhasche und auf Papier setze. Alle meine Gedanken sind visuell. Doch die Themen meiner Zeichnungen werden oft erst Jahre später in Skulpturen umgesetzt. Folglich gibt es viele Dinge, die in den Zeichnungen auftauchen, aber nie weitergeführt werden. Tusche und Kohle: Kohle ist so wertvoll, dass ich auch die kleinsten Stummel noch aufbewahre. Tusche ist endgültig. Eigentlich nicht ganz, denn die beste Tusche ist die weiße, mit der ich alles überdecken und löschen kann. Auf vielen Zeichnungen gibt es fünf Elemente, sie repräsentieren Robert, Louise, Alain, Jean-Louis, Michel – fünf Personen, meine Familie. Es gibt eine Menge von diesen Zeichnungen mit fünf Elementen.

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VIDEO | Louise Bourgeois (1911-2010) – Ein Portrait Teil 1/6

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