GEORGE CONDO – Mental States

Die Frankfurter Schirn präsentiert bis zum 28. Mai 2012 eine umfassende Retrospektive von GEORGE CONDO, dessen Stil sich als künstlicher Realismus beschreiben lässt. Neben 66 bedeutenden Gemälden aus unterschiedlichen Schaffensperioden zeigt die Schirn in thematisch und stilistisch geordneten Gruppen zudem eine Auswahl von etwa zehn Skulpturen sowie neue Arbeiten George Condos.

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Schirn Kunsthalle Frankfurt | bis  28. Mai 2012

GEORGE CONDO – Mental States

Pressetext: Schirn Kunsthalle Frankfurt | www.schirn.de

Ironisch, provokant, witzig — seit seinen Anfängen im New Yorker East Village der frühen 1980er-Jahre hat der US-amerikanische Künstler George Condo ein unverwechselbares Œuvre geschaffen. Seine von beißendem Humor, surrealistisch anmutender Absurdität und überbordendem Pathos gekennzeichnete Malerei nimmt — von Velázquez über Picasso bis Gorky — immer wieder Bezug zu den Traditionen der amerikanischen und europäischen Kunstgeschichte der letzten 500 Jahre. Seine Gemälde wie seine Skulpturen legen die anhaltende Auseinandersetzung mit der menschlichen Physiognomie und allzu menschlichen Geisteszuständen offen.

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George Condo Mental States Seelenzustände

KATALOG | George Condo. Mental States.

Herausgegeben von Ralph Rugoff und Max Hollein.
Mit einem Vorwort von Max Hollein, Ralph Rugoff und Sjarel
Ex. Texte von Ralph Rugoff, Laura Hoptman und Will Self
sowie einer Short Story von David Means.

Deutsche Ausgabe,
176 Seiten,
ca. 100 Farbabbildungen,
30,6 x 28,4 x 2,4 cm,
Sprache: Deutsch

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George Condo wurde 1957 in New Hampshire geboren und studierte Kunstgeschichte und Musiktheorie an der University of Massachusetts Lowell. Seit nahezu drei Jahrzehnten behauptet er eine herausragende Stellung in der Kunstwelt. Neben Künstlern wie Keith Haring und Jean-Michel Basquiat hatte Condo maßgeblichen Einfluss auf die Kunstszene des New Yorker East Village der 1980er-Jahre. Seine erste öffentliche Ausstellung fand 1981 in der Galerie Ulrike Kantors in Los Angeles statt. In Deutschland wurde Condo erstmals 1984 in der Kölner Galerie Monika Sprüth eine Einzelausstellung gewidmet. Seither zeigten zahlreiche Institutionen in den USA und Europa seine Werke, darunter das Whitney Museum of American Art und das Museum of Modern Art in New York, das Contemporary Art Museum in Houston oder das Musée Maillol in Paris. Arbeiten George Condos finden sich in so bedeutenden Sammlungen wie dem Museum of Modern Art, dem Metropolitan Museum of Art, dem Whitney Museum of American Art und dem Solomon R. Guggenheim Museum in New York. George Condo engagierte sich künstlerisch außerdem in den Bereichen Mode, Musikindustrie und Street-Culture. 2010 arbeitete George Condo mit dem US-Hip-Hop-Star Kanye West zusammen; er schuf eine Reihe von Gemälden, die als Albumcover genutzt wurden.

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VIDEO | George Condo. Mental States [ Schirn Trailer ]

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George Condo hat im Lauf seines Schaffens einen künstlerischen Stil entwickelt, der auf schonungslose Art und Weise das Schöne mit dem Grotesken, Ernsthaftigkeit mit Absurdität verbindet und so eines der provokantesten und imaginativen Œuvres der zeitgenössischen Malerei geschaffen. Condo wird oftmals als „an artist’s artist“ bezeichnet, und sein anhaltender Einfluss auf jüngere Künstlergenerationen ist unbestritten.

Die Figuren seiner Gemälde wurden darüber hinaus zur Inspirationsquelle für Autoren wie William S. Burroughs oder Salman Rushdie. Condos Werken wohnen unzählige kunsthistorische Bezüge inne. Geschickt kombiniert er die Bildsprache der letzten Jahrhunderte und lässt verschiedenste Malstile und Darstellungsweisen in seine Werke einfließen. Besonderes Gewicht legt Condo auf die Gesichter seiner Figuren; mal fratzenartig verzerrt, kubistisch übersteigert oder gar gesichtslos hinterfragen sie die Identität des Individuums, das sich hinter dem Antlitz verbirgt.

Die Ausstellung „George Condo. Mental States“ zeigt Arbeiten der letzten drei Jahrzehnte. Thematisch in den fünf Gruppen „Portraits“, „Manic Society“, „Pathos“, „Abstraction/Figuration“ und „Heads“ organisiert, präsentiert sie einen Überblick über sein gesamtes Schaffen. Einen Schwerpunkt legt die umfangreiche Schau auf Condos imaginäre Porträts, die, zwischen Absurdität und Pathos changierend, unterschiedliche mentale Zustände beschwören. Auf einer großen, von der Decke bis zum Boden im Salonstil behängten Wand präsentiert, bilden sie das Herzstück der Schau.

Condos Figuren zeigen Archetypen — Butler, Geschäftsmänner, kirchliche und historische Persönlichkeiten —, die hinter ihren humorvoll verzerrten Gesichtszügen dennoch vertraut wirken. Ein besonderes Charakteristikum stellen die Augen dar. Häufig riesig, nicht zusammenpassend, in Panik oder Wut hervorquellend, verleihen sie den grotesken oder gar monströsen Gestalten Menschlichkeit und Persönlichkeit, wie beispielsweise bei „Portrait of a Woman“ (2002) oder „Nude on Purple“ (2007). Die Figuren einiger Gemälde erscheinen gesichtslos. Die Gestalt von „The Objective Idealist“ (1994) ist vor allem durch ihre Kleidung und den überladenen Schmuck definiert, im Gesicht hingegen klafft Leere. Die Gemälde hinterfragen nicht nur die Beurteilung von Identität nach Äußerlichkeiten, sondern auch den Anspruch der Porträtkunst als Abbild von Identität.

Trotz ihres oft monströsen Humors und ihrer Übersteigerung sind Condos Werke tief in europäischen und amerikanischen Maltraditionen verwurzelt. Durch die Verwendung traditioneller Materialien, Maltechniken und Stilformen stellt er vielfältige Querverweise her, die von der Renaissance zum Barock über den Kubismus und Surrealismus bis hin zum Abstrakten Expressionismus und zur Pop-Art reichen. Condo lässt sich von seinen Vorbildern inspirieren und tritt mit ihnen in Dialog.

„Memories of Rembrandt“ (1994) stellt eine Erinnerung an den großen Meister der Hell-Dunkel-Malerei dar; Rembrandts malerischen Effekt eines Bedeutung schaffenden Lichts sabotiert Condo in seinem Porträt. Er präsentiert das Gesicht als eine wüste, durcheinandergewürfelte Konstruktion, als wollte er die Rolle des Gesichts als primäres Sinnbild der Subjektivität zerstören.

Klare gesellschaftliche Bezüge stellen die Gemälde der Gruppe „Manic Society“ dar. Auf schonungslose Art und Weise konfrontiert Condo den Betrachter mit den Abgründen und Lächerlichkeiten der modernen Gesellschaft.

Die Protagonisten in „Couple on Blue Striped Chair“ (2005) blicken dem Betrachter aggressiv entgegen. Der Ausdruck ihrer verzerrten Gesichter schwankt zwischen Angst, Hohn, Lust und Gier. Condo nennt seine Figuren auch „antipodal beings“, weil sie unentdeckte Sphären des Bewusstseins offenlegen.

Im Ausstellungsbereich „Pathos“ blicken dem Betrachter einsame, trostlose Gestalten mit abermals verzerrten Gesichtszügen, übergroßen Ohren und auffallenden Zahnreihen, die über den Mund hinauszuwachsen scheinen, entgegen. Die Protagonisten in „The Chinese Woman“ (2001) oder „The Janitor’s Wife“ (2000) wirken, als seien sie sich ihrer aussichtslosen Lage bewusst. Sie zeigen sich als Ausgestoßene, die sich hilflos gegen ihre Entfremdung stemmen. Zehn Skulpturen der Gruppe „Heads“ ergänzen die Porträtkunst Condos. Die zumeist vergoldeten Bronzeköpfe beinhalten ebenso kunsthistorische Zitate wie gesellschaftskritische Anspielungen und übertragen Condos unverwechselbaren ironischen Stil in das Medium der Skulptur.

Die großformatigen abstrakten Gemälde, die neben den Porträts zunächst verblüffen mögen, drücken einmal mehr die intensive Beschäftigung des Künstlers mit dem Kubismus, dem Surrealismus und dem Abstrakten Expressionismus aus. In vielen Werken scheint die Abstraktion konsequente Folge einer manischen Übervölkerung mit Bildmotiven. In anderen Fällen wetteifern figurative Elemente mit abstrakten Kompositionen. Condos neueste Produktionen, Gemälde wie „The Fallen Butler“ (2009) oder „Racing Forms“ (2010), wimmeln von Körpern, die sich in abstrakten Formen und Landschaften verlieren.

Einen weiteren Höhepunkt der Ausstellung bilden die drei Kreuzigungsbilder „Jesus“ (2007), „Dismus“ (2007) und „Gestas“ (2007). Auch sie können exemplarisch für George Condos konstante Beschäftigung mit dem Widerspruch gesehen werden. Ihr Ausdruck schwankt zwischen Humor und Pathos, zeitgenössischer Bildsprache und dem Rekurs auf kunsthistorische Vorbilder.

Die Ausstellung „George Condo. Mental States“ wurde von der Hayward Gallery, Southbank Centre, London, in Zusammenarbeit mit der Schirn Kunsthalle organisiert. Sie war zuvor im New Museum, New York (26. Januar — 8. Mai 2011), im Museum Boijmans Van Beuningen, Rotterdam (25. Juni — 25. September 2011), sowie in der Hayward Gallery, London (18. Oktober 2011 — 8. Januar 2012), zu sehen.

In Zusammenarbeit mit der Londoner Hayward Gallery und kuratiert von deren Direktor Ralph Rugoff.

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Das Erbe des Pop

Mario Skalla für die TAZ | Artikel lesen

George Condo hat das Erbe der Pop-Art angetreten. Vieles ist schön bunt und sehr bekannt. Aber natürlich hat er etwas ganz anderes daraus gemacht, und schuld daran könnte ausgerechnet das alte Europa sein, wie der Künstler, der bei der Eröffnung zugegen war, offenbarte.

Er sprach nämlich ausdauernd über Hegel, Heidegger und die alten Griechen. Neben seinen grotesken Porträts oder den Exponenten einer „manischen Gesellschaft“ wirkte der über die Antike dozierende Künstler, als habe er sich nach einem langjährigen Aufenthalt in Platons Akademie spontan am Times Square materialisiert und dort unverzüglich mit dem Malen begonnen.

Das Ergebnis ist bizarr, originell, und es ist auf lustige Weise mit einem alten europäischen Projekt der Aufklärung verbunden.

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Mental States

Das New Museum in New York zeigt den Maler George Condo

Sacha Verna für Deutschlandradio Kultur | Beitrag lesen

Schade nur, dass George Condos Werk keinen Hauch von Originalität verrät. Statt einen wahren Charakter offenbart es seinen Warencharakter. Die vermeintliche psychologisch Tiefe hört schon bei der glänzenden Renaissance-Oberfläche dieser Bilder auf. Was bleibt ist eine Mischung aus John Currin und Robert Crumb, aus Referenz-Hysterie, Handwerk und sozio-pathetischem Comic. Da der museale Ritterschlag heute jeden treffen kann, lohnt es sich freilich nicht einmal, sich ordentlich darüber aufzuregen.

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