GIACOMETTI – Figur und Raum

Gleich zwei Ausstellungen ehren in Hamburg Alberto Giacometti als wegweisenden Bildhauer des 20. Jahrhunderts und Vorreiter der „Environment“-Kunst, in der die Umgebung zu einem Teil des Werkes wird. Präsentiert wird die ganze Spannweite und Aktualität von Giacomettis Kunst. Vom surrealistischen Frühwerk bis hin zu bisher kaum gezeigten Plastiken, Zeichnungen und Gemälden.

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Giacometti — Die Spielfelder
Hamburger Kunsthalle | 25.01.-19.05.2013

Alberto Giacometti — Begegnungen
Bucerius Kunst Forum, Hamburg | 26.01.-20.05.2013

Während sich das Bucerius-Kunst-Forum mit 120 bisher kaum gezeigten Plastiken, Zeichnungen und Gemälden auf die Porträtkunst Alberto Giacomettis als Ausgangspunkt und Zentrum seines Werks konzentriert, macht die Kunsthalle Giacomettis zum Mythos gewordenen Arbeitsraum in seiner räumlichen Gedrängtheit erlebbar. Giacometti selbst umgab sich über Jahrzehnte mit vergrößerten „Spielelementen“ in seinem winzigen Atelier. Unter den 200 ausgestellten Werken, die Skulpturen, Ölgemälde, Zeichnungen und Fotografien umfassen, bilden seine bis zu drei Meter hohen Skulpturen und die Modelle dazu einen Höhepunkt der Ausstellung und lassen den Betrachter zur Spielfigur werden.

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Giacometti. Die Spielfelder

Ab Januar 2013 ermöglicht die Hamburger Kunsthalle einen neuen Blick auf die Kunst von Alberto Giacometti (1901-1966) und macht dabei deutlich, warum das Werk des bedeutendsten Bildhauers des 20. Jahrhunderts bis heute wegweisend ist.

Dafür werden erstmals überhaupt Giacomettis in Deutschland kaum bekannte surrealistische Frühwerke zum Ausgangspunkt genommen und ihre Folgen für das gesamte, berühmte Nachkriegswerk aufgezeigt: In den fragilen Unikaten aus Holz, Marmor und Gips der 1930er Jahre richtet Giacometti die Skulptur horizontal aus und entwickelt mit diesen tischbrettgroßen «Spielfeldern» das bis in die heutige Kunst reichende Konzept der «Skulptur als Platz».

Die Ausstellung verfolgt diese Idee über die bekannten Sammelskulpturen der Nachkriegszeit, mit ihrer typisch überlängten Formensprache, bis hin zu Giacomettis spektakulären überlebensgroßen Skulpturen für seine Gestaltung des Vorplatzes der Chase Manhattan Bank in New York von 1960. Die teils fast drei Meter hohen Figuren bilden im Spätwerk wie in der Ausstellung den Höhepunkt der Suche nach einer idealen Platzgestaltung zwischen Kunst und Leben. Das Projekt für die Chase Manhattan Plaza wird vollständig in seiner Modell- sowie in seiner monumentalen Version gezeigt: mit den weltberühmten Figuren «Schreitender Mann II» (1959-60), «Große Stehende II» (1960) und «Großer Kopf» (1960). Mit diesem Werkkomplex wird der Boden der Galerie der Gegenwart zur Spielfläche und die Ausstellung zum Träger des zentralen Themas der Schau, nämlich zum inszenierten Spielfeld für die Besucher selbst.

Der neuartige, themenspezifische Werküberblick legt erstmals offen, wie sehr Werk und Sockel, Präsentiertes und Präsentationsform bereits in den surrealistischen, so genannten Spielbrett-Skulpturen ineinander fallen und sein ganzes Oeuvre bestimmen. Entscheidend wird die bedeutungsvolle Positionierung der einzelnen, geheimnisvoll auf Eros, Tod und Erinnerung anspielenden Elemente.

Bislang kaum bekannte Zeichnungen aus Privatsammlungen eröffnen zudem eine bisher unentdeckte, weitergehende Wahrnehmung: Giacometti zeichnet winzige menschliche Figuren in die Spielflächen und macht deutlich, dass die Skulpturen als Modelle auf große öffentliche Platzgestaltungen verweisen. Hier sollte der Betrachter in aktiv-handelnden, körperlichen Austausch mit der Kunst treten. Die tischbrettgroßen «Spielfelder» sind somit als Experimentierfelder für größenmaßstäbliche, den Menschen einbeziehende Platz-Realisierungen zu verstehen. Damit nimmt Giacometti die «Environment»-Kunst der 1960er Jahre voraus, in denen die Umgebung zum Teil des Werkes wird.

Keines der frühen wie späteren Schaumodelle wurde endgültig als öffentliche Platzgestaltung umgesetzt. Giacometti vergrößerte aber einzelne Elemente für sich selbst und umgab sich über Jahrzehnte damit in seinem winzigen Pariser Atelier, das «mit der Zeit immer größer wurde» (Alberto Giacometti). Ihre bedeutungsvollen, wie in einem Gedächtnistheater arrangierten Platzierungen auf dem Atelierboden hielt er sorgsam fest. Die Ausstellung ermöglicht mit zahlreichen Gemälden, Zeichnungen und Photographien aus verschiedenen Schaffensperioden teils bisher ungesehene Einblicke in diesen außergewöhnlichen Produktions- und Präsentationsort. Denn auch das Atelier war Giacomettis «Spielfeld»: Es wurde zur Bühne, auf welcher der Künstler sich selbst und seine Schöpfungen inszenierte. Dieser zu Recht zum Mythos gewordene Arbeitsraum wird in seiner räumlichen Gedrängtheit und zugleich ideellen Bedeutung in der Ausstellung erstmals erlebbar.

Die groß angelegte Schau umfasst über 200 ausgewählte Werke. Darunter befinden sich 40 zum Teil bislang kaum ausgeliehene Holz-, Marmor-, Gips- und Bronzeskulpturen sowie rund 30 Ölgemälde, zudem Zeichnungen und Photographien aller Werkphasen aus internationalen Museen und Privatsammlungen. Präsentiert wird so die ganze Spannweite und Aktualität von Giacomettis Kunst: Innerhalb der Formensprache von der Blockhaftigkeit zur fragilen Entmaterialisierung, innerhalb der Raumauffassung vom winzigem Produktionsort zum inszenierten Präsentationsort und innerhalb des Skulpturenbegriffs vom individuellen Objekt zum architekturbezogenen, überlebensgroßen «Environment».

Kuratorin: Dr. Annabelle Görgen-Lammers

Die Ausstellung Giacometti. Die Spielfelder der Hamburger Kunsthalle wird im Anschluss von der Fundacion Mapfre, Madrid, übernommen.

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VIDEO | Alberto Giacometti – Ein Portrait [ ca. 60 min. ]

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DVD | Alberto Giacometti – Die Filme
[ Heinz Bütler ]

PAL 16:9
Region 2
Sprachen: Deutsch Français English

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Inhalte:

Alberto Giacometti – Die Augen am Horizont [ Laufzeit: 58 Minuten ]

In einem kleinen Atelier in Paris entstand über Jahrzehnte der Grossteil eines Werkes, das zu den bedeutendsten der bildenden Kunst des 20. Jahrhunderts gehört: die Plastiken, Gemälde und Zeichnungen Alberto Giacomettis (19011966). „Alberto Giacometti Die Augen am Horizont“ ist eine filmische Reise durch eine einzigartige Kunst- und Lebenswelt, deren Ausgangspunkt Giacometti selbst ist. Denn sein Leben lang hat der Künstler auch geschrieben: Reflexionen, tagebuchartige Skizzen, Analytisches über die eigene Arbeit, Aufzeichnungen von Träumen, Aufsätze über Künstlerkollegen, Erinnerungen. Giacomettis „Ecrits“ (Schriften) geben zwingend die Bildmotive des Films vor. Mitwirkende sind u.a. Ernst Beyeler, Henri Cartier-Bresson, Jean Clair, Sina Dolfi-Giacometti, Jacques Dupin, Bruno Giacometti, Eberhard W. Kornfeld und Jan Krugier.

Alberto Giacometti – Biographie [ Laufzeit: 25 Minuten ]

Der zweite Blick auf Giacometti ist die Erinnerung derer, die mit ihm befreundet waren, mit ihm zusammengearbeitet haben, von ihm geprägt wurden und ihn vermissen. Ein Giacometti-Porträt der Freunde und Kenner seines Werks, ganz im Sinne des Künstlers: durchaus unfertig.

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Alberto Giacometti. Begegnungen

Vom 26. Januar bis 20. Mai 2013 zeigt das Bucerius Kunst Forum die Ausstellung Alberto Giacometti. Begegnungen. Erstmals widmet sich damit eine Schau umfassend der Portraitkunst Alberto Giacomettis (1901—1966). Diese ist Ausgangspunkt und Zentrum seines Werks. Sie zeigt seine Persönlichkeit und künstlerische Weltauffassung wie kein anderer Bereich seines Schaffens.

Von seinen Portraitstudien ausgehend entwickelte Giacometti alle weiteren Überlegungen und Formfindungen. Das Bucerius Kunst Forum präsentiert rund 120 Plastiken, Gemälde und Zeichnungen, die zwischen 1919 und Giacomettis Tod im Jahr 1966 entstanden. Eindrücklich führen sie seine unablässige Auseinandersetzung mit dem Gegenüber vor Augen, die ihn zu den anonymen schlanken Figuren brachte.

In einer Zeit, in der die künstlerische Avantgarde die Abstraktion propagierte, beharrte Giacometti auf der figurativen Darstellung und nahm damit eine Außenseiterposition ein. Während seines gesamten Künstlerlebens fertigte er Portraitköpfe, sitzende oder stehende Portraitfiguren in den verschiedensten Medien — Plastik, Malerei und Zeichnung — von allen ihm Nahestehenden. Immer aufs Neue arbeitete Giacometti an Bildnissen seiner Familie und Portraits von Schriftstellern und Philosophen seines Freundeskreises im Paris der Nachkriegszeit. Sie zeigen, wie Giacometti das Wesen und die Lebensenergie der Menschen ins Bild setzte.

Über diese intensive Konfrontation mit Antlitz und Gestalt des Anderen kam Giacometti — nach surrealistischen Anfängen — der Philosophie des Existentialismus nahe. Der Künstler rang um die Erfassung der existentiellen Gegenwart des Menschen, die er als „geballte Gewalt“ wahrnahm. Diese übertrug er auch in seine anonymen Bildnisse. Seine überlängten schlanken Figuren sind frei von Zuordnungen zu konkreten Personen und stellen die Essenz seiner „Suche nach dem Absoluten“ dar, wie Sartre 1948 das künstlerische Streben Giacomettis charakterisierte.

Zur Ausstellung erscheint ein umfangreicher, von Ortrud Westheider und Michael Philipp herausgegebener Katalog mit Beiträgen von Casimiro Di Crescenzo, Miriam Häßler, Eva Hausdorf, Michael Peppiatt, Martin Schieder, Beat Stutzer und Ortrud Westheider.

KATALOG | Alberto Giacometti: Begegnungen

Gebundene Ausgabe
216 Seiten
166 Abbildungen in Farbe
71 Abbildungen in Schwarz-Weiß
22,5 x 28,5 cm
Verlag: Hirmer; Auflage: 1., Auflage (Januar 2013)
Sprache: Deutsch

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Das Katalogbuch  zur Ausstellung in Hamburg, Bucerius Kunst Forum widmet sich erstmals umfassend Giacomettis Portraitkunst, sie sein gesamtes Werk durchzieht. Sie zeigt die Persönlichkeit und künstlerische Weltauffassung wie kein anderer Bereich seines Schaffens.

Die über lange Jahre entstandenen Bildnisse seiner Familie, die Portraits von Künstlern und Philosophen seines Pariser Freundeskreises um Jean.Paul Sartre und Simone de Beauvoir führen den kreativen Prozess vor Augen. Das Gewebe aus menschlichen Verbindungen regte ihn zu immer neuer Auseinandersetzung mit Antlitz und Gestalt des Gegenübers an.

So kam er nach surrealistischen Anfängen der Philosophie des Existentialismus nahe und übertrag diese auch in seine anonymen Portraits, darunter die überlängten schlanken Skulpturen – die Essenz seines Schaffens. Bedeutende, bisher kaum gezeigte Leihgaben aus der Familie des Künstlers ermöglichen eine besondere Nähe zu Giacomettis Werk. Weitere Skulpturen, Gemälde und Zeichnungen kommen aus deutschen und internationalen Museen sowie Privatsammlungen.

Die Ausstellung im Bucerius Kunst Forum umfasst 44 Plastiken, 10 Gemälde und 65 Zeichnungen. Wichtige Leihgaben kommen aus der Familie des Künstlers — bedeutende Werke, die bisher in Deutschland nicht gezeigt wurden. Weitere Exponate stammen aus deutschen und internationalen Sammlungen wie dem Centre Pompidou, Paris, dem ComitéMarc Chagall, Paris, dem Kunstmuseum Solothurn, der Staatsgalerie Stuttgart, dem Hirshhorn Museum and Sculpture Garden, Washington D.C., der Sammlung Klewan, München und weiteren Privatsammlungen.

Kurator(in): Dr. Michael Peppiatt, London, und Dr. Eva Hausdorf, Bremen

Eva Hausdorf ist spezialisiert auf die Skulptur des 18. bis 20. Jahrhunderts. In ihrer 2012 publizierten Untersuchung über den Bildhauer Jean-Baptiste Pigalle (1714—1785) beschäftigte sie sich u.a. mit Giacomettis Sicht auf die Kunst Pigalles. Michael Peppiatt setzt sich seit Jahren mit Giacometti auseinander. Sein Buch In Giacomettis Atelier, 2010 in englischer Sprache publiziert, erscheint jetzt im Deutschen Kunstverlag.

BUCH | In Giacomettis Atelier
[ Dr. Michael Peppiatt ]

Gebundene Ausgabe
Leinen mit Schutzumschlag
224 Seiten
mit ca. 92 Duplex- und
Schwarzweißabbildungen
21 × 28 cm
Deutscher Kunstverlag; Auflage: 1 (Februar 2013)
Sprache: Deutsch

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»In Giacomettis Atelier« richtet unseren Blick auf einen der wohl einflussreichsten Orte in der Kunst des 20. Jahrhunderts, nämlich in jenes winzige, marode Atelier, in dem der große Bildhauer hinter dem Montparnasse von 1926 bis zu seinem Tod lebte und arbeitete. Für fast 40 Jahre war dieser chaotische, aber höchst kreative Ort das Zentrum von Alberto Giacomettis Welt.

Sein Atelier war der Magnet für eine ganze Generation von Künstlern und Schriftstellern in Paris, von Picasso und Braque über Breton und Sartre bis zu Genet und Beckett. Michael Peppiatt ist ein intimer Kenner von Leben und Werk Alberto Giacomettis. Zunächst arbeitete der Autor in London als Kunstkritiker beim Observer, bis er Ende der sechziger Jahre nach Paris zog, um für Le Monde über Kunst und als Korrespondent für die New York Times und die Financial
Times zu schreiben.

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Stilvoll verzweifelt

Hanno Rauterberg für ZEIT online | Artikel lesen

Man könnte meinen, es stimme tatsächlich, was viele behaupten: Giacometti sei der wichtigste Bildhauer des 20. Jahrhunderts. Doch wird kaum einer so sehr überschätzt wie er.

Er war nicht das Genie, das viele in ihm sehen. Kein Künstler, der das Sehen und den Raum und die Kunst neu erfand. Keiner, der den Ort des Menschen einzigartig zu bestimmen wusste, weil er mit den Konventionen brach und nur sich selber treu blieb. Das alles ist Mythos, von berühmten Fotografen und existentialistischen Denkern erfunden.

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Das Leben ist in ständiger Bewegung

Anette Schneider für DEUTSCHLANDRADIO Kultur | Beitrag lesen

In „Giacometti. Die Spielfelder“ präsentiert die Kuratorin Annabell Görgen das vermeintlich bekannte Werk des Künstlers unter völlig neuem Blickwinkel – und das absolut überzeugend:

„Was wir versuchen wollen ist, den jungen Giacometti zu zeigen. Sein Werk, was er in der surrealistischen Zeit entwickelt, und die Bedeutung dieses Werkes darzulegen für sein so berühmtes Spätwerk. Und jung zum Zweiten, weil wir sehen, dass das, was er dort um 1930 für die Kunst, für die Bildhauerei entdeckt – dass das etwas ist – nämlich die Skulptur als Feld, als Spielfeld, die Skulptur als Handlungsraum – die die Kunst bis heute bestimmt. Dann können wir entdecken, dass sich das Giacometti schon 1930 ausgedacht hat.“

Und: Die Idee beschäftigte ihn bis zu seinem Tod 1966. Annabell Görgen ist die erste, die auf diese Kontinuität stieß – und ihr ist damit ein kunsthistorischer Coup gelungen. Dabei hat sie „lediglich“ das Werk als Ganzes betrachtet, und nicht, wie üblich, in ein unwichtiges Frühwerk und das berühmte Spätwerk geteilt.

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