MAX ERNST – Im Garten der Nymphe Ancolie

Das Max Ernst Museum Brühl des LVR stellt bis 24.2.2013 das einzige in seiner Vollständigkeit erhaltene Wandbild von Max Ernst „Pétales et jardin de la nymphe Ancolie“ (Blütenblätter und Garten der Nymphe Ancolie) vor. 

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Das 22 Quadratmeter große Gemälde fertigte der Künstler 1934 für die Tanzbar des Corso-Theaters in Zürich an. Es wurde gegen Ende der 1950er Jahre von der Wand abgenommen und auf 18 Holzplatten übertragen. Dabei wurde das Bild beschädigt.

Die Restaurierung am Corso-Wandbild, das 1965 vom Kunsthaus Zürich erworben wurde, begann im September 2007 anlässlich der Ausstellung „Max Ernst. Im Garten der Nymphe Ancolie“ in Basel. Das Museum Tinguely unterstützte die Arbeiten, die nach Ende der Ausstellung im Kunsthaus Zürich fortgesetzt wurden und bis September 2008 andauerten. Alte Übermalungen, die etwa siebzig Prozent der gesamten Fläche einnahmen, sowie die im Laufe der Jahrzehnte grau gewordene Firnisschicht wurden entfernt. Gleichzeitig wurden zahlreiche Fehlstellen in der intakten Ölmalerei geschlossen und mit Gouachefarben retuschiert.

Nach einer umfangreichen, über ein Jahr dauernden Restaurierung erstrahlt das Wandgemälde, das Max Ernst 1934 für die Neugestaltung des Corso-Theaters in Zürich schuf, wieder in seinen hellen Farben. In diesem ursprünglichen Zustand hat es seine enorme Faszinationskraft zurück gewonnen. Erstmals in Europa besteht nun die Möglichkeit, für die Dauer eines ganzen Jahres das größte Werk des Künstlers in der einstigen Farbwirkung zu sehen.

Von der Tanzbar in den Tanzsaal

Nach einer kurzen Präsentation im Kunsthaus Zürich reiste das Werk im Oktober 2008 nach Houston zur Menil Collection. Nun ist die exklusive Leihgabe im Max Ernst Museum Brühl des LVR im Rahmen der „Schausammlung im Wechsel“ zu sehen. Das Gemälde versetzt den zentralen Tanzsaal des ehemaligen Brühler Pavillons mit seiner Leuchtkraft, seinem Nuancenreichtum und seiner Leichtigkeit in eine schwungvolle und vitale Dynamik. So erhält unser Publikum die Möglichkeit, die exklusive Leihgabe aus dem Kunsthaus Zürich erstmals in Europa für die Dauer eines ganzen Jahres in ihrer ursprünglichen Faszinationskraft zu bewundern. So kann das Max Ernst Museum des LVR „mit einer regelrechten Sensation aufwarten“ freut sich der Direktor Dr. Achim Sommer und ergänzt: „Diese bedeutende Leihgabe spiegelt die internationale Vernetzung unseres Hauses wider.“

Wandbild: Blütenblätter und Garten der Nymphe Ancolie, 1934 | Max Ernst
Kunsthaus Zürich | Höhe: 415 cm Breite: 531 cm (Foto: Kunsthaus Zürich)

Für das Motiv des Nymphengartens griff Max Ernst auf eine eigene Arbeit zurück. In der Collage „Loplop présente“ von 1932 inszeniert eine schematisierte Staffelei die künstliche Natur der eingeklebten botanischen Tafel. Die Darstellung der „Stenocarpus cunninghami“, die einer Ausgabe des botanischen Lexikons aus dem 19. Jahrhundert „Flore des serres et des jardins de l’Europe“ aus den 1850er-Jahren entstammt, hatte er durch zeichnerische Ergänzungen ausgedeutet und verwandelt.

Unten fügte er zwei Frauenbeine mit Stöckelschuhen im ausladenden Tanzschritt hinzu, oben einen spitzen Vogelschnabel sowie seitlich zwei Arme, von denen die Hand rechts eine Fruchthülse lustvoll berührt. Die Metamorphose, bei der die vorgefundene Pflanzendarstellung und der zeichnerische Eingriff ununterscheidbar verschmelzen, übertrug Max Ernst in Zürich auf die Wand, wobei er weitere Veränderungen vornahm. Im Prozess der Vergrößerung wurde das gesamte Motiv vertikal gestreckt. Von den weiblichen Beinen blieben nur die Konturlinien von Oberschenkel und Wade rechts erhalten. Gelbe biomorphe und fließende Flächen ergänzten die Komposition. Wie Reflexe auf einer Wasseroberfläche geben sie den Blick frei auf submarine Tiefen, in deren hellblauem Grund die große grüne Blattform transparent durchschimmert.

Das entrückte Reich der Nymphe Ancolie, die in der griechischen Mythologie nicht vorkommt, ist ein moderner Garten der Lüste. Für ihren Namen entfernte Max Ernst von dem Wort „Mélancolie“ die ersten drei Buchstaben, um echoartig die Schwermut zu verbannen und an ihrer Stelle bildnerisch die Freuden des Lebens, der Vitalität und des Eros aufblitzen zu lassen.

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KATALOG | Max Ernst – Im Garten der Nymphe Ancolie

Deutsch
2007. 224 Seiten,
226 Abb.,
davon 183 farbig,
1 Klapptafel
24,80 x 28,70 cm
gebunden mit Schutzumschlag

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Mit seinem experimentellen Umgang mit Materialien und Techniken und den antiformalistischen Bildfindungen überraschte und provozierte der Maler und Bildhauer Max Ernst (1891—1976) die Kunstwelt immer wieder.

Die Publikation konzentriert sich auf ausgesuchte Aspekte, die einen geschärften Blick auf das facettenreiche Werk von Max Ernst erlauben. Im Zentrum steht das Wandbild Pétales et Jardin de la Nymphe Ancolie (1934). Gemälde, Collagen und Plastiken rund um das Thema der Garten- und Pflanzenwelt, der Transformation von Natur zu anthropomorphen oder menschlichen Figuren visualisieren den weiten ikonografischen Umkreis dieses Bildes. Dazu gehören u.a. die Jardins gobe-avions und Arbeiten rund um das Thema von Loplop, dem Alter Ego des Künstlers.

Davon ausgehend berührt die Publikation auch weitere zentrale Themen im Schaffen des Künstlers wie die der Mechanik und Erotik in seinen dadaistischen Collagen sowie seinen bewussten Einsatz von Automatismus und Zufall in den Frottagen.

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dadamax
Nach des Künstlers militanter Dada Zeit in Köln in den beginnenden 1920er Jahren und seiner Übersiedlung nach Paris kehrten die Freuden des Lebens in ein Werk zurück, das wie ein Seismograph auf die Krisen der Kriege und Revolutionen, aber auch die Versprechen/Verheissungen des Eros, das Glück der Liebe, den Frieden und die Gelassenheit der Erdgeschichte reagierten.

Paradiese und Untergänge

Seit der kompletten Ausmalung seines mit Gala Éluard bewohnten Hauses in Eaubonne (1923/24) bewegte sich Max Ernst auf der Suche nach jener Göttin „Gradiva“, die von Sigmund Freud bis AndréBreton die Wunschträume der Männerwelt anregte. Bevor vor dem zweiten Weltkrieg wieder die Chimären, Barbaren und Todesengel in seine Bilderwelt einbrachen, erfreute sich der Künstler an den Wonnen der Natur, der vegetabilen Harmonie, den Lüsten der Verführung, dem Nirwana der Hingabe. Alles ist Zauber, alles heiteres Spiel, „Joie de vivre“. Selten hat ein Künstler in seinem Unbewussten so frei wandeln können.

Bald jedoch mischen sich wieder Störenfriede ins Idyll: Fleischfressende Pflanzen fallen über Flugzeugteile her (Jardin gobe-avions), und ganze Städte (Ville entière) werden von wild wuchernden Wäldern verschlungen. Aus den Gärten der Hesperiden und der Joie de vivre — Mittagshelle vertrieben, überlebt ein Sumpfengel im Dickicht, das grossartige Chant du soir singt in der Dämmerung, über dem Rhein bricht tiefe, düstere Nacht ein (Nuit rhénane, 1944).

„Aus den Gesprächen mit Max Ernst wurde mir immer wieder klar, wie stark er in seinem Werk der 30iger Jahre auf die politischen Umstände reagierte. Zum Beispiel diese Collagen aus den 1930iger Jahren, diese wunderbaren Blätter zu ‚une semaine de bonté‘, sind nach der Auskunft von Max Ernst auch entstanden als Gegenrede zum Diskurs der Nazis. Das sind Bilder, die vergleichbar sind mit Goyas ‚desastres de la guerra‘ und ‚proverbios‘.“ [ Werner Spies ]

So pendelt Max Ernsts Werk seiner Biografie entsprechend zwischen den Metamorphosen der Lust und dem Trauerspiel der europäischen Geschichte und lotet assoziativ neue Erfahrungsräume der menschlichen Existenz aus.

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Max Ernst.

Leben und Werk
in Bildern und Dokumenten

Autor: Werner Spies

Gebundene Ausgabe
351 Seiten
Sprache: Deutsch

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Ein bewegtes Künstlerleben lässt ein ganzes Kunstjahrhundert verstehen: Lebensbilder — Bilderleben.

Bildwelten schuf Max Ernst als wichtigster Künstler des Dadaismus und Surrealismus sein Leben lang. Aber nur mit dem Blick auf die Bilder seines wirklichen Lebens und mit dem Klang der zahlreichen Originaldokumente, Briefe, Gelegenheitsdichtungen und Tagebücher im Ohr vermag der Leser und Betrachter begreifen, was diesen zu den herausragendsten Künstlern des 20. Jahrhunderts zählenden Maler bewegte.

Das zwischen den Kunstmetropolen des 20. Jahrhunderts verlaufende Leben des Malers, der mit den bedeutendsten Kollegen seiner Zeit in engstem Austausch stand, vermittelt darüber hinaus faszinierende Einblicke in das dicht verwobene Netzwerk, das die Kunst des 20. Jahrhunderts bestimmte.

Als »Dada-Max« stand Ernst in regem Austausch mit Tristan Tzara und Hans Arp und den Künstlern der Dada-Zentren Zürich und Berlin. In Paris begegnen wir dem surrealistischen Künstlerzirkel um AndréBreton und Paul Éluard und in den USA erleben wir Max Ernst in intensivem Austausch mit den Händlern und Sammlern der Neuen Welt. So eröffnen diese Einblicke in ein bewegtes Künstlerleben zugleich die Sicht auf ein ganzes Kunstjahrhundert.

Der Autor:

Werner Spies, geboren 1937, leitete von 1997 bis 2000 als Direktor das Musee national d’art moderne et Centre de Creation industrielle im Centre Georges Pompidou in Paris und lehrte bis 2002 als Professor für die Kunst des 20. Jahrhunderts an der Staatlichen Kunstakademie in Düsseldorf. Zahlreiche Publikationen und Aufsätze zur Kunst des 20. Jahrhunderts, vor allem Standardwerke zu Pablo Picasso und Max Ernst. Für das Jahr 2005 bereitet er eine Max-Ernst-Retrospektive im Metropolitan Museum, New York, vor. Im Jahr 2010 erhält Werner Spies den Carlo-Schmid-Preis für sein Lebenswerk.

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