SEURAT, SIGNAC, VAN GOGH – Wege des Pointillismus

Albertina, Wien | bis 8. Januar 2017

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Vincent van Gogh - Der Sämann, 1888, Öl auf Leinwand.
© Collection Kröller-Müller Museum, Otterlo, Niederlande

Die Albertina kommt mit einer hochkarätigen Ausstellung daher, die den Beginn der Moderne mit dem Pointillismus als ihrem Geburtshelfer um ein wesentliches Kapitel vervollständigt: 100 ausgewählte Meisterwerke der Hauptvertreter Seurat und Signac sowie beeindruckende Gemälde, Aquarelle und Zeichnungen moderner, von der Punktekunst faszinierter Meister wie Van Gogh, Matisse und Picasso illustrieren die atemberaubende Strahlkraft sowie den bedeutenden Einfluss dieser Kunstrichtung.


In Kooperation mit dem Kröller-Müller Museum erzählt Seurat, Signac, Van Gogh die Erfolgsgeschichte des Pointillismus von ihrem Anfang 1886 bis zu ihren Auswirkungen in den 1930er-Jahren: Beginnend mit den bahnbrechenden, frühen Werken von Georges Seurat, Paul Signac und Théo van Rysselberghe spannt die Ausstellung den Bogen über Signacs und Henri-Edmond Cross‘ Transformation der Punkte zu kleinen Quadraten und Mosaiken hin zu den Meisterwerken Vincent Van Goghs.

Die kräftigen Farben der Fauves, die dekorativ gesetzten Punkte im Kubismus bei Pablo Picasso und die abstrahierenden Werke von Piet Mondrian stehen dabei ebenfalls im Fokus.

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Albertina, Wien | bis 8. Januar 2017

Seurat, Signac, Van Gogh Wege des Pointillismus

Pressetext: Albertina, Wien | www.albertina.at

Die umfassende Schau beleuchtet nicht nur die einzigartige Metamorphose des Punktes, sondern thematisiert erstmals jene Errungenschaften des Pointillismus, die für die Moderne fruchtbar gemacht wurden, und fügt sich damit neben Van Gogh. Gezeichnete Bilder, Impressionismus. Wie das Licht auf die Leinwand kam und Matisse und die Fauves in die Reihe jener Albertina-Ausstellungen ein, die die Geburtsstunde der Klassischen Moderne thematisieren.

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KATALOG | Seurat, Signac, van Gogh: Wege des Pointillismus

Gebundene Ausgabe
288 Seiten
170 Abbildungen
Verlag: Hirmer
Sprache: Deutsch
24,2 x 3,2 x 29,2 cm

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Die Künstler des Pointillismus richteten mit ihrer bahnbrechenden Punktmethode ihr Augenmerk nicht mehr allein auf die Nachahmung der Wirklichkeit. Von 1886 bis 1930 verselbstständigten sich Punkt, Farbe und Licht in ihrer Malerei zu Meisterwerken von bis dahin ungekannter Helligkeit und Farbenvielfalt.

Den Auftakt dieses Farbfeuerwerks bilden Werke von den Erfindern dieser Technik: Georges Seurat und Paul Signac. Arbeiten von Henri Matisse, Pablo Picasso und Paul Klee veranschaulichen, wie sich Künstler im 20. Jahrhundert mit der Punktmalerei auseinandergesetzt haben. Vincent van Gogh hat dazu beigetragen, dass sich die Maler der Moderne vom Pointillismus lösten. Mehr als 100 ausgewählte Werke, darunter Gemälde, Aquarelle und Zeichnungen, beleuchten die epochale Zeitenwende, die diese Kunstrichtung mit sich brachte – den Anfang der modernen Malerei.

Als Georges Seurat 1891 im Alter von 31 Jahren unerwartet stirbt, ahnt Camille Pissarro bereits, dass sich mit Seurats „Erfindung“ Folgen für die Malerei abzeichnen würden, „die später höchst bedeutungsvoll sein würden“: Mit nur wenigen Bildern hatte Seurat einen Stil begründet, der wegweisend für die Moderne sein sollte: den Pointillismus.

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Georges Seurat - Brücke von Courbevoie 1886-1887, 
[Public domain], via Wikimedia Commons / The Yorck Project

Zwischen Realismus und Abstraktion

Die Maler, die wegen ihrer außergewöhnlichen Technik „Pointillisten“ genannt wurden, setzen 1886 dazu an, den bis dahin gültigen Avantgardismus der Impressionisten herauszufordern. Die Entwicklung der Malerei in Paris gegen Ende des 19. Jahrhunderts gibt Pissarros vorausschauendem Urteil recht: Die Flächigkeit und Stilisierung sowie die Bewegungs- und Teilnahmslosigkeit der dargestellten Figuren in den Werken von Seurat zeigen, dass es ihm nicht mehr um das Dargestellte sondern um die Darstellung – also die Art der Malerei – selbst geht.

Die Komposition seiner Bilder folgt zunehmend geometrisch überlegten Linien, die vielen systematisch gesetzten Punkte wirken wie tausendfach zerlegte Ornamente. Die inhaltliche sowie formale Abstraktion ist nicht mehr aufzuhalten.

Mit der Reduktion der malerischen Handschrift auf die kleinstmögliche künstlerische Äußerung – den Punkt – distanzieren sich Seurat, Signac, Pissarro und Rysselberghe allerdings nicht nur von der Wiedergabe des flüchtigen Augenblicks der Impressionisten, sondern stellen mit ihren Ansätzen das Malen nach der Natur in Form von Pinselstrichen, wie es seit Jahrhunderten Gültigkeit hatte, gänzlich in Frage. Punkte in reiner Farbe, die die Pointillisten dem Prinzip der optischen Farbmischung folgend eng nebeneinandersetzen, generieren eine bis dahin ungekannte Strahlkraft und eine Vielzahl an Farbimpulsen. Die realistische Sicht auf die Welt weicht der Darstellung einer synthetischen Wirklichkeit: Der Moderne stehen mit einem Schlag alle Türen offen.

Nach Seurats Tod ist es vor allem sein Wegbegleiter Signac, der die Punkttechnik weiterentwickelt: Gemeinsam mit Henry-Edmond Cross steigert er die Leuchtkraft, intensiviert die Farbkontraste und prägt den Begriff des ‚Divisionismus‘. Bald entwickeln sich die kleinen, systematisch gesetzten Punkte zu Strichen, die aus entsprechender Entfernung im Auge eine Farbmischung eingehen sollen.

Mit diesem liberaleren Ansatz befreit Signac die Maler von der Verpflichtung zur Punkttechnik: Eine jüngere Generation, der unter anderen Henri Matisse und sein Kreis sowie Piet Mondrian angehören, brechen schließlich aus dem rigiden System Seurats aus.


VIDEO | Ausstellungsfilm
Klaus Albrecht Schröder, Direktor der Albertina, gibt Einblicke in die Ausstellung

Vincent Van Gogh

Ein individueller Weg Ein wichtiger Mittler bei dieser Entwicklung ist Vincent van Gogh, der als Außenseiter und kurzfristiger Anhänger des Pointillismus neue Wege beschreitet. Zunächst greift er Seurats Ideen mit Begeisterung auf: Seine Palette wird heller und strahlender – zahlreiche flirrende Punkte finden Einzug in seine Landschaften.

Doch die systematische Punktemanier spielt nie eine wirklich tragende Rolle in Van Goghs Schaffen; schnell entscheidet er sich für eine freiere Ausdrucksweise, die ihm eher entspricht: „Das Pointillieren, das Aurelieren und dergleichen, das halte ich für wirkliche Entdeckungen; aber man muss schon jetzt dafür sorgen, dass diese Technik nicht – sowenig wie andere – zu einem allgemeinen Dogma wird.“ sagt er bereits 1888 und setzt der kühlen und rationalen Malerei des Pointillismus seinen individuellen Ausdruck und Gefühl entgegen.

Matisse, Mondrian und Picasso

Ähnlich ist die Rezeption des Divisionismus im Werk von Henri Matisse zu verorten. Der Fauves-Begründer wendet sich diesem in zwei Schritten zu: 1897 experimentiert er mit kommaartigen, impressionistischen Kleinstrukturen, die der Malweise von Pissarro nicht unähnlich sind; 1898 intensiviert er Farben und Kontraste, was in weiterer Folge zu einer gültigen Anwendung der divisionistischen Methode sowohl hinsichtlich der Farbzerlegung als auch der Punkttechnik führt.

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Henri Matisse - Papageientulpen, 1905, Öl auf Leinwand
Albertina, Sammlung Batliner 
© Succession H. Matisse/ Bildrecht, Wien 2016

Van Gogh, Matisse und die Fauvisten

veranlassen schließlich auch Piet Mondrian, dem Pointillismus den Rücken zu kehren. Unter dem Einfluss des Luministen Jan Toorop befasst er sich in seinen Bildern vor allem mit Lichteffekten und setzt dabei auf Motive und eine Ausdruckskraft, die im Werk Van Goghs und in der regellosen Kunst der Fauves bereits angelegt waren.

Auch an den Werken Pablo Picassos gehen der Pointillismus und seine zukunftsweisenden Ideen nicht spurlos vorüber. Zu gleich drei Zeitpunkten in seiner Karriere – 1901, 1914 und 1917 – setzt sich der Spanier in spielerischer Weise mit den Werken Seurats auseinander und integriert Punkte in seine Werke. Zunächst motiviert ihn sein Wille, dem Zeitgeist zu entsprechen, später entwickelt er mit lose gesetzten Punkten dekorative Flächen und somit den sogenannten „Rokoko-Kubismus“. Zuletzt schafft Picasso mit seinem Meisterwerk Heimkehr von der Taufe nicht nur ein präzises sondern vollkommenes Zitat des Pointillismus.

Paris – Brüssel | Zentren des Pointillismus

Der Pointillismus verbreitet sich rasch über Paris hinaus und erreicht eine dem Avantgardismus aufgeschlossene Kunstszene in Brüssel. Nach dem Vorbild der Pariser Gruppe der sogenannten „Unabhängigen“ (Les Indépendants) organisieren sich auch belgische Künstler gegen den herrschenden Akademismus. Die Gruppe Les Vingt (Die Zwanzig) unterhält enge Beziehungen mit der französischen Avantgarde und greift den Pointillismus sofort begeistert auf.

1887 stellt Seurat sein Bild Ein Sonntagnachmittag auf der Insel La Grande Jatte in Brüssel aus. Die Belgier Henry van de Velde, William Alfred Finch und Théo van Rysselberghe und der Holländer Jan Toorop lösen sich unter dem Eindruck der neuen Kunst fast über Nacht vom Impressionismus. Sie reduzieren ihre Motive auf abstrakte Grundformen, stilisieren die Gegenstände und vereinfachen ihre Kompositionen zu geometrischen Konstruktionen gleichsam gerasterter Flächen.

Unabhängig vom Motiv legen van de Velde und Toorop einen feinen Schleier schillernder Farbpunkte über das Bild und gelangen so zu einer nahezu abstrakten Einfachheit. Toorop bewundert zudem den japanischen Farbholzschnitt und die Malerei Paul Gauguins. Geschwungene Linien und verspielte Arabesken heben die aus Punkten zusammengesetzten Flächen voneinander ab.

Das strenge System des Pointillismus engt manche Künstler zu sehr ein. Van de Velde wird Designer und Architekt, Finch Keramiker. Nur Théo van Rysselberghe bleibt der Malerei des Pointillismus treu. Seine Farbgebung steht jener seines Freundes Paul Signac sehr nahe, mit dem er ausgedehnte Segelausflüge an die französische Atlantik- und Mittelmeerküste unternimmt.


ALBERTINA
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