WERNER BÜTTNER – Gemeine Wahrheiten

Museum Weserburg Bremen | bis 23.02.2014

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Werner Buettner | zkm video still

Die Weserburg, Bremen zeigt bis zum 23.2.2014 die bislang umfangreichste Schau mit Werken des Hamburger Künstlers Werner Büttner. Die Ausstellung wurde vom ZKM | Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe von den Kuratoren Peter Weibel und Andreas Beitin konzipiert. In Bremen wird die Ausstellung von Peter Friese in enger Zusammenarbeit mit Werner Büttner aufbereitet und in einer neuen Fassung gezeigt.

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Zusammen mit Martin Kippenberger und Albert Oehlen prägte er seit den frühen 1980er-Jahren nachhaltig die europäische Kunstszene. Bilder, Zeichnungen, Collagen und Skulpturen zeugen von Büttners Einfallsreichtum, Ironie aber auch beißendem Spott gegenüber den gesellschaftlichen Realitäten. Die Ausstellung hebt die Bedeutung von Werner Büttner in Bezug auf die Entwicklung der deutschen Malerei im ausgehenden 20. Jahrhundert hervor, die er maßgeblich mitbeeinflusst hat und stellt ihn als eine ihrer zentralen Figuren und Vordenker dar.

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ZKM | Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe 
06.04.—22.09.2013 http://www.zkm.de/
Museum Weserburg Bremen
27.10.2013 - 23.02.2014 http://www.weserburg.de/

WERNER BÜTTNER – Gemeine Wahrheiten

Pressetext: Museum Weserburg Bremen / ZKM Karlsruhe

Attacke auf „Qualitätskunst“ und „Guten Geschmack“

„Damals wie heute nahm und nehme ich die Malerei so ernst wie mein Kochgeschirr oder mein Auto“ (Werner Büttner).

Zu Beginn der 1980er-Jahre etablierte sich in einigen deutschen Kunstzentren eine vitale, ungestüme und zuweilen radikale Malerszene, die das, was Malerei bis dahin war oder sein wollte, provokant in Frage stellte.

Werner Büttner, Die Avantgarde von hinten, 2011 © Werner Büttner 
Foto: Egbert Haneke

Mit bewusst trivialen oder absurden Motiven und Themen wurde die Malerei vermeintlich der Lächerlichkeit preisgegeben. Schroffe Ablehnung gegenüber dieser Kunstszene war zunächst die Folge, deren wichtigsten Kristallisationspunkte Köln, Berlin und Hamburg waren. In einer betont lapidar erscheinenden Malweise, die zwischen Abstraktion und Anleihen aus der Gegenstandswelt schwankte, wurden von den Künstlern großformartige Bilder geschaffen, die den ‚guten Geschmack‘ und die ‚Qualitäts-Kunst‘ attackierten. Häme und Zynismus auf die sich etablierende, neoliberale Gesellschaft der Helmut Kohl-Ära standen dabei im Vordergrund vieler Werke. Trotz der vorderhand eingenommenen „Scheißegal“-Attitude kann die Kunstszene, die sich um Büttner versammelte, als eine dezidiert Politische bezeichnet werden.

Im Zentrum der damaligen Hamburger Malerszene standen neben Werner Büttner Martin Kippenberger und Albert Oehlen; ebenfalls zu seinem Umfeld gehörten Hubert Kiecol, Markus Oehlen und Georg Herold.

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KATALOG  WERNER BÜTTNER - Gemeine Wahrheiten

Zur Ausstellung erscheint im Verlag Hatje Cantz eine Publikation, hg. v. Peter Weibel und Andreas Beitin, ca. 460 Seiten, überwiegend farbig illustriert, mit Texten von Andreas Beitin, Bazon Brock, Harald Falckenberg, Zdenek Felix, Eckart Gillen, Walter Grasskamp, Eva Meyer-Hermann, Johannes Meinhardt, Daria Mille, Wolfgang Ullrich sowie einem Interview mit Werner Büttner von Oliver Zybok, einem Gespräch von Werner Hofmann mit Werner Büttner und Künstlerstatements von Jonathan Meese, Georg Herold, Albert Oehlen im Gespräch mit Jörg Heiser sowie Daniel Richter.

KATALOG | WERNER BÜTTNER – Gemeine Wahrheiten

Leinen mit Schutzumschlag
520 Seiten,
ca.934 Abb.
Deutsch
31,2 x 23,4 x 5 cm

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Die Publikation stellt das künstlerische Schaffen des Pioniers und Erneuerers der deutschen Malerei im ausgehenden 20. Jahrhundert und zu Beginn des neuen Jahrtausends heraus.

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„Büttners Kunstbegriff ist realistischer. Die einzige Wahrheit der postrevolutionären Phase lautet: die Taktik des Überlebens gilt auch für die Kunst. (…) Büttner verwendet also seine Bilder als Kampfformel, seine Malerei als Kampfmittel, mit denen er sich zur Wehr setzt, mit denen er angreift und sich verteidigt. Er greift alles und jeden an, auch sich selbst und die Malerei. (…) Daher tragen seine Arbeiten so wunderbare, ironische Titel wie Probleme des Minigolfs in der europäischen Malerei (1982/1983). Seine Arbeiten sind ’Propaganda gegen alles’, ’Rebellische Umdeutung gemeiner Wahrheiten’.“ (Peter Weibel)

VIDEO | Büttner-Ausstellung im ZKM, Karlsruhe

Die rund 300 Bilder, Zeichnungen, Collagen und Skulpturen der Ausstellung widmen sich hauptsächlich dem Maler Werner Büttner, der nach dem Wiedererstarken der gegenständlichen Malerei in den 1960erund 70er-Jahre angetreten war, mit ihrem Illusionismus zu brechen und ihr endgültig alles Bourgeoise zu nehmen. Durch seine betont ruppige und grobschlächtige Malweise wendet sich Büttner gegen die bis dahin gängigen Vorstellungen, was abstrakte und was gegenständliche Kunst zu sein hat. Er nimmt alle schriftlichen, mündlichen oder künstlerischen Äußerungen aus seiner Lebenswelt auf, zermalmt das Vorgefundene motivisch wie inhaltlich und setzt es schließlich neu im Bild zusammen, sodass zuweilen markante Kombinationen entstehen, wie „Stilleben mit Wolpertinger und beschädigtem de Chirico“ (1984).

Auch in seinen neueren Arbeiten, C-Prints, deren Motive Büttner trotz ihrer scheinbaren Nähe zu digital erstellten Bildern ganz handwerklich mit Messer und Schere collageartig zusammensetzt, wird dieses Einbeziehen sämtlicher lebensweltlicher Ausdrucksformen deutlich.

werner_buettner-Auf der Suche nach Liebe in der Bibliothek einer Geisterstadt - 1981 - Sammlung Falckenberg - Foto_Jens_Ullheimer

Werner Büttner - 1981: 
Auf der Suche nach Liebe 
in der Bibliothek einer Geisterstadt, 
Acryl und Öl auf Nessel 149,5 x 119,5 cm, 
(courtesy Sammlung Falckenberg), 
Foto: Jens Ullheimer

„Büttner bevorzugt das Fragmentarische, Aphoristische, die Rätselrede, das kleine, poetische Dickicht“. ( Harald Falckenberg, 2011 )

Kaum ein anderer Künstler aus der Hamburger Malerszene der Zeit pflegt einen solch hintersinnigen Umgang mit Sprache und ihrem Verhältnis zur Kunst wie Werner Büttner. Titel wie „Die Probleme des Minigolfs in der europäischen Malerei“ (1982) oder „Moderne Kunst kann man verstehen, moderne Welt nicht“ (1985) zeugen von seinem sinisteren Humor und Tiefsinn im Diskurs mit der Kunst. Andere Titel wie „Die Russische Revolution vom Hörensagen und in Öl“ (1985) oder „Wetterfester Schmetterling“ (2008) sprechen wiederum von Büttners treffender Gesellschaftskritik.

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Genie, Tradition, Gelächter

Radek Krolczyk für die TAZ | Artikel lesen

Ein Film aus Genieattitude, männlicher Maltradition und schallendem Gelächter liegt über der dick aufgetragenen Farbe. So eine Ausstellung wird schnell zu einer Ansammlung lustiger in Öl gemalter Bilder. Eine begehbare Witzesammlung.

Vielleicht ist es aber auch eine Generationenfrage, ob man zu dieser Art von Malerei einen Zugang findet. Vielleicht muss man in den 80er Jahren erwachsen gewesen sein, um diese Art der Auflehnung als befreiend zu begreifen. Es gibt durchaus auch Gesten der Auflehnung, die eher erdrückend wirken. Heute erscheint etwa die Konzeptkunst, über deren Verkopftheit Maler wie Büttner sich in den 80er Jahren lustig machten, sehr viel offener und humorvoller als diese schweren dunklen Schinken, mit ihren groben Strichen.

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Wahrheit ist Arbeit

Auszug aus der Laudatio von Harald Falckenberg, anlässlich der Verleihung des Hans-Platschek-Preis für Kunst und Schrift an Werner Büttner 2011:

LAUDATIO lesen

„„Zur Kunst brachte ihn Albert Oehlen, der die Behauptung wagte, Werner könne weder malen noch zeichnen. Als Albert ihm die ersten Arbeiten von dem wenigen Geld, das er hatte, abkaufte, stand sein Entschluß fest, allen bürgerlichen Haupt- und Nebentätigkeiten den Rücken zu kehren. In der Künstlergruppe um Georg Herold, Hubert Kiecol, Martin Kippenberger und Albert und Markus Oehlen bildeten Büttner, Kippenberger und Albert Oehlen den harten Kern. Martin, der Aktionist, der für alles und jedes gut war, Werner, der Theoretiker, der an den Texten zur Kunst schmiedete und zum Motor ihrer strategischen Verbreitung wurde, und Albert, der Malergott, zuständig für die mehr künstlerischen Belange.

Die erste große Ausstellung hatten sie 1984 bei Zdenek Felix im Essener Folkwang-Museum. Felix ließ dem Trio weitgehend freie Hand, und der Katalog unter dem Titel Wahrheit ist Arbeit wurde zum Manifest der Gruppe.

Nach dem Zusammenbruch des Kunstmarktes Ende der 80er formierte Werner Büttner seine Aktivitäten neu. Inzwischen Professor an der Hochschule für bildende Kunst, setzte er seine analog Goyas Desastres de la Guerra entstandene Reihe von Zeichnungen über die Schrecken der Demokratie fort, kleine ironische, auch melancholische, immer pointierte Arbeiten. Von der Technik und vom Format her waren sie bewußt am Markt vorbeiproduziert.

Büttner malte und zeichnete in dieser Zeit für sich selbst. Erst viel später entwickelte er neue Techniken und gewann wieder Lust, sich dem Kunstbetrieb zu stellen.

„Das… Zitieren ist ein beliebter Kunstgriff zur Erhöhung der eigenen Glaubwürdigkeit. Indem man best beleumdete Kronzeugen vergangener Tage formvollendet für seine Sache aussagen läßt, erhöht man ganz gehörig seine Chancen, das positive Votum der Jury zu erlangen. Diese Zeugen sind zuverlässig und billig. Sie verweigern weder Erscheinen noch Aussage, sagen das Abgesprochene auf und fallen niemals um.“ ( Werner Bütter )

Er nähert sich Fragestellungen von außen – distanziert, ironisch, bisweilen zynisch. Spott und Nonchalance kennzeichnen die schon Dada prägende Haltung einer Identität der Nichtidentität. Sie ermöglicht es, sich auf anarchische Kräfte einzulassen und doch die Ebene der Kunst nicht zu verlassen. Büttners Arbeiten spiegeln diesen Balanceakt wider. Sie haben meist subversiven Charakter, sind aus verschiedenen Gliedern zusammengesetzt, ohne zuverlässige Gestalt, Ordnung und Proportion, letztlich in zufälliger Abfolge. Büttner greift auf alles Gelesene, Gehörte, Gesehene, Gelebte und Gedachte zurück. Er ist Beobachter, und es charakterisiert sein Werk, daß er seine Beobachtungen auf den Punkt bringt.

Hier mag auch ein Grund dafür liegen, daß sich Büttner nach den gierigen 80er Jahren auf die kleinen Formate und Zeichnungen konzentriert hat. Es geht ihm nicht um Wiedergabe von Bildern, gar Weltbildern, und den Erfolg, der auf dem Kunstmarkt offenbar größeren Werken vorbehalten ist. Seine künstlerische Arbeit ist die Erfassung, Analyse und Kommentierung unserer verunstalteten Welt und so zugleich Abstand und Rückzug.“

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Museum Weserburg, Teerhof 20, 28199 Bremen

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