ADRIAN PIPER – Der Goslarer Kaiserring 2021 geht an die amerikanische Künstlerin

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Adrian Piper. Everything #2.8. 2003, detail 
Photocopied photograph on graph paper, sanded with sandpaper, overprinted with inkjet text,
8.5" x 11" (21.6 x 27.9 cm).
Private Collection. © Adrian Piper Research Archive Foundation Berlin

Adrian Piper erhält den Goslarer Kaiserring des Jahres 2021, einen der renommiertesten Kunstpreise der Gegenwart. Sie gilt als einflussreiche Konzeptkünstlerin und Philosophin, die seit Mitte der 1960er Jahre die amerikanische Konzeptkunst maßgeblich mitprägte.


In ihrer Begründung schreibt die Kaiserring-Jury: „Konsequent wie frei in Zeichnung, Malerei, Skulptur, Film und Performances entblößt Adrian Piper die harschen Strukturen des Normativen und führt nonchalant den Betrachtenden vor Augen, dass es immer auch auf uns selbst, unser Denken und unser Handeln ankommt.“

Wenn die Pandemie es zulässt, sollen Adrian Piper sowie der Kaiserringpreisträger aus dem Jahr 2020, Hans Haacke, den Kaiserring in einer Doppelverleihung im Herbst entgegennehmen. Die Verleihung an Hans Haacke konnte im vergangenen Jahr wegen der Einschränkungen durch die Pandemie nicht wie geplant stattfinden.


1996 schrieb Adrian Piper: „Es schien, je klarer und abstrakter ich zu denken lernte, desto deutlicher konnte ich meinen Bauch hören, der mir sagte, was ich zu tun hatte, und desto dringlicher wurde es, es zu tun.“

MoMA, New York

Seit den 1960er Jahren erforscht die kompromisslose Künstlerin und Philosophin das Potenzial der Konzeptkunst – einer Kunst, bei der die Konzepte hinter der Kunst Vorrang vor dem physischen Objekt haben – und hinterfragt unsere Annahmen über die sozialen Strukturen, die die Welt um uns herum formen. Oftmals aus ihren persönlichen und beruflichen Erfahrungen schöpfend, hat sich Pipers einflussreiche Arbeit direkt mit Geschlecht, Rasse, Fremdenfeindlichkeit und in jüngerer Zeit mit sozialem Engagement und Selbsttranszendenz auseinandergesetzt.

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Adrian Piper, CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons

Adrian Piper

Adrian Margaret Smith Piper, 1948 in New York geboren, ist eine US-amerikanische Konzeptkünstlerin der ersten Generation und eine analytische Philosophin. Seit 2005 lebt und arbeitet sie in Berlin, wo sie die APRA (Adrian Piper Research Archive) Foundation Berlin betreibt. Seither spricht sie ihren Namen deutsch aus.

Adrian Piper schafft Kunstwerke in einer Vielzahl unterschiedlicher Medien. Darunter sind sowohl Collagen, Zeichnungen auf vorgedrucktem Papier, Videoinstallationen, standortbezogene Installationen, digitale Bilder, Performances und Audioarbeiten. Ihre Arbeiten erkunden die Natur von Subjektivität und Entscheidungsfreiheit. Die Grenzen des Selbst werden ebenso erforscht wie der Fortbestand und die Unterbrechungen der individuellen Identität – sowohl im metaphysischen als auch im sozialen und politischen Kontext. Adrian Piper befasste sich damit früh mit Themen, die noch heute aktuell sind, aber damals oftmals noch als Tabu galten. So setzte sie sich insbesondere mit Rassismus und Fremdenfeindlichkeit auseinander.

Ihre Medieninstallation und Gruppenperformance „The Probable Trust Registry“ (2013) brachte ihr auf der 56. Biennale von Venedig 2015 den Goldenen Löwen als beste Künstlerin ein. Darüber hinaus bekam Adrian Piper für ihre Kunst weitere Auszeichnungen wie die Skowhegan-Medaille für Skulptur, den New York Dance and Performance Award, auch bekannt als Bessie Awards, im Bereich Installation und Neue Medien oder den 2012 College Art Association Artist Award. Als erste Amerikanerin wurde ihr 2018 der Käthe-Kollwitz-Preis verliehen.


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Adrian Piper - Decide Who You Are #1: Skinned Alive (1992;
Foto-Text-Kollage, 3 Tafeln, 182,8 × 388,6 cm über alles).
Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, via wikipedia commons

2018 richtete das New Yorker Museum of Modern Art Adrian Piper die größte Retrospektive aus, die es je einer lebenden Künstlerpersönlichkeit gewidmet hat. Warum hat sie diese Ausstellung nicht selbst angesehen?

Adrian Piper’s Show at MoMA is the Largest Ever for a Living Artist. Why Hasn’t She Seen It?

Thomas Chatterton Williams für das New York Times Magazine | Artikel lesen

Das Leben und Werk der Konzeptkünstlerin stößt an die Grenzen von Rasse und Identität in Amerika.

„Adrian Piper, die Konzeptkünstlerin und analytische Philosophin, ist fast so bekannt für das, was sie aufgehört hat zu tun, wie für das, was sie getan hat. Bis 1985 hatte sie Alkohol, Fleisch und Sex aufgegeben. Im Jahr 2005 ließ sie sich von ihrem Job in Wellesley beurlauben, verkaufte ihr Haus auf Cape Cod und verschiffte ihr gesamtes Hab und Gut nach Deutschland. Bei einer Vortragsreise in den USA im Jahr darauf entdeckte sie einen Vermerk auf ihrem Flugticket, der ihr suggerierte, dass sie auf einer Beobachtungsliste stand; seitdem hat sie keinen Fuß mehr in die USA gesetzt. Dann, im Jahr 2012, an ihrem 64. Geburtstag, „zog sie sich vom Schwarzsein zurück“. Sie tat dies, indem sie ein digital verändertes Selbstporträt auf ihre Website hochlud, in dem sie ihre Haut – normalerweise Café très-au-lait – auf die Farbe von Elefantenhaut verdunkelt hatte. Begleitet wurde es von einer Nachricht, die ihren Rücktritt ankündigte. Der prägnante Text, der am unteren Rand des Fotos eingeblendet war, führte aus: „Von nun an wird meine neue Rassenbezeichnung weder schwarz noch weiß sein, sondern eher 6,25 % grau, um mein 1/16 afrikanisches Erbe zu ehren“, schrieb sie. „Bitte feiern Sie mit mir dieses aufregende neue Abenteuer in sinnloser administrativer Präzision und nutzloser institutioneller Kontrolle!“ (Durch umfangreiche genealogische Arbeit stellte sie später fest, dass ihr afrikanisches Erbe eher bei einem Achtel liegt).

Das Stück war, wie vieles von Pipers Kunst und Schreiben, absurd komisch, nicht zuletzt, weil es so brutal ehrlich war. Es wurde von Pipers dämmernder Erkenntnis inspiriert, dass sie nicht in der Lage war, die Erwartungen anderer Leute durch die Linse der Rasse zu erfüllen; seit den frühen 2000er Jahren hatte sie aufgehört, ihre Kunstwerke in rein schwarzen Ausstellungen ausstellen zu lassen, was sie als Ghettoisierung empfand. 2015 gab sie bekannt, dass sie nicht mehr mit der Presse über ihre Arbeit sprechen würde.“


Adrian Piper A Synthesis of Intuitions Katalog 700 ADRIAN PIPER 8211 Der Goslarer Kaiserring 2021 geht an die amerikanische K nstlerin

KATALOG | ADRIAN PIPER.
A Synthesis of Intuitions: 1965-2016

Gebundene Ausgabe
352 Seiten
Publisher: Museum of Modern Art;
Illustrated edition (19 April 2018)
Sorache: Englisch
22 x 3 x 29.7 cm

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Dieser Katalog präsentiert mehr als 280 Kunstwerke, die die gesamte Bandbreite von Pipers Medien umfassen: Arbeiten auf Papier, Video, Multimedia-Installationen, Performance, Malerei, Sound und Fototexte. Essays von Kuratoren und Wissenschaftlern beleuchten ihre umfangreichen Forschungen zu veränderten Bewusstseinszuständen; die Einführung des Mythic Being – ihres subversiven männlichen Alter Egos; ihre Medien- und Installationsarbeiten aus der Zeit nach 1980, die Stereotypen von Rasse und Geschlecht aufdecken und herausfordern; und die globalen Bedingungen, die die Bedeutung ihrer Kunst beleuchten. Bisher unveröffentlichte Texte der Künstlerin legen wichtige Ereignisse ihrer persönlichen Geschichte und ihre tief empfundenen Vorstellungen über die Beziehung zwischen Betrachter und Kunstobjekt dar. Diese Publikation erweitert unser Verständnis der konzeptionellen und post-konzeptionellen Kunstbewegungen und Pipers Schlüsselposition unter ihresgleichen und für spätere Generationen.


Eine hässliche Geschichte aus dem liberalen Amerika

Jörg Heiser für REPUBLIK.CH | Artikel lesen

Rassismus hat die Künstlerin Adrian Piper ins deutsche Exil getrieben. Nicht jener von Präsident Trump. Sondern jener, den sie als schwarze Professorin am College erlebte, an dem einst Hillary Clinton studierte.

„2018 veröffentlichte Piper ihre Memoiren. Der Wirbel um ihre Retrospektive mag die Aufmerksamkeit ein Stück weit abgelenkt haben vom Zündstoff, den dieses Buch eigentlich enthält. Heute bekommt man den Blick dafür wieder frei. Der Band heisst «Flucht nach Berlin. Eine Reiseerinnerung» und ist in einer zweisprachigen, deutsch-englischen Ausgabe erschienen. Das Buch ist so schockierend, wie es fesselnd ist. Mal hat man das Gefühl, man müsse es langsam und konzentriert lesen wie ein episches Gedicht. Dann wieder will man es verschlingen wie einen Thriller. Es ist berührend, erschütternd, meist beides zugleich. Dies ist definitiv nicht die Sorte Künstler­memoiren, bei denen es um süffige Anekdoten unter Alpha­tieren geht. Das macht schon der Titel klar. Flucht? Solch ein Wort wählt man (hoffentlich) nicht leichtsinnig.

«Du möchtest wissen, warum ich die USA verlassen habe und mich weigere, zurückzukehren?», heisst es gleich am Anfang, gefolgt von der Antwort: «Darum.» Und tatsächlich erzählt Piper im Folgenden, zwischen den Deckeln eines mit zahlreichen Kunst­werken und Privat­fotos illustrierten Hardcover-Buches, warum sie eine amerikanische Künstlerin ist, die seit 2005 im Exil lebt. In Berlin. Eine Künstlerin, die nicht einmal ihre eigene Retrospektive in New York besuchte. Es geht um Mobbing am Arbeits­platz, um Psycho­terror an der Universität, um rassistische und sexistische Diskriminierung. Und es geht um den Widerstand dagegen – auch in Form dieses Buchs, das eine Art Abrechnung ist. Denn man könnte auch sagen, dass Piper in den Neunziger­jahren zur Whistle­blowerin wurde. Und wie andere amerikanische Whistle­blower wurde sie dafür massiv bestraft.“


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ADRIAN PIPER.
Escape to Berlin: A Travel Memoir /
Flucht nach Berlin: Eine Reiseerinnerung

LESEPROBE

Gebundene Ausgabe
110 farbige Abbildungen.
Sprache: Bilingual Deutsch/English

Kaufen direkt bei: www.adrianpiper.com/books/Escape_To_Berlin/index.shtml

Im Jahr 2005 wanderte Adrian Piper heimlich aus den Vereinigten Staaten aus. Es vergingen mehrere Monate, bis jemand bemerkte, dass sie verschwunden war. Sie tauchte in Berlin wieder auf und lebt seither dort. Piper hat sich konsequent und entschieden geweigert, in die USA zurückzukehren oder zu erklären, warum sie gegangen ist. Viele vermuten, dass es daran lag, dass sie ihren Namen auf der Suspicious Travelers Watch List des U.S. Department of Transportation Security entdeckt hat. Andere verweisen darauf, dass das Wellesley College ihr zwangsweise die ordentliche Professur entzogen hat. Wieder andere spekulieren, dass die Präsidentschaft von George W. Bush, amerikanischer Rassismus oder die Invasion des Irak sie zwangen, das College zu verlassen. All diese Mutmaßungen sind unbegründet. ESCAPE TO BERLIN: A Travel Memoir ist eine packende autobiografische Erzählung, die die Fakten vollständig wiedergibt.


VIDEO | Adrian Piper. The Probable Trust Registry: The Rules of the Game #1-3 |
Film zur Ausstellung 24.2 – 3.9.2017
HAMBURGER BAHNHOF – MUSEUM FÜR GEGENWART – BERLIN


Kaiserring Goslar

Der Goslarer Kaiserring ist einer der weltweit renommiertesten Preise für moderne Kunst. Er wird seit 1975 verliehen. Die ersten Preisträger waren Henry Moore, Max Ernst und Alexander Calder. Ihnen folgten Pioniere der Gegenwartskunst wie Joseph Beuys, Gerhard Richter, Nam June Paik, Christo, Cindy Sherman oder Jenny Holzer.

Vor Adrian Piper und Hans Haacke erhielten in den letzten Jahren unter anderem Andreas Gursky, Bridget Riley, David Lynch, Olafur Eliasson, Wolfgang Tillmans und zuletzt Barbara Kruger den Preis.


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