AI WEIWEI – Evidence in Berlin

Martin-Gropius-Bau, Berlin | bis 07.07.2014

Der Berliner Martin-Gropius-Bau zeigt in der bisher größten Einzelausstellung des Künstlers Arbeiten, die eigens für den Martin-Gropius-Bau entstanden oder noch nie in Deutschland zu sehen waren. Ai Weiwei bespielt mit seinen Werken das gesamte, ca. 3000 Quadratmeter umfassende Erdgeschoss des Ausstellungsgebäudes. Für jeden der 20 Räume sowie den Lichthof entwickelt er eine eigene Komposition, mehr als die Hälfte der Werke entsteht direkt für die Berliner Schau.

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Modernismus ist das Urgeschöpf der aufgeklärten Menschen, er ist die ultimative Betrachtung über den Sinn des Daseins und das Elend der Realität, er hat ein wachsames Auge auf Gesellschaft und Macht, er geht keine Kompromisse ein, er kooperiert niemals.“

Ai Weiwei 1997 
(zit. n. „Ai Weiwei - Der verbotene Blog“, Galiani: Berlin 2011)

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Ai Weiwei ist Künstler, Architekt und Politiker. Kaum eines seiner Werke kommt ohne versteckte Anspielungen aus, sei es auf die binnenchinesischen Verhältnisse, sei es auf das große Thema ‚China und der Westen’. Man muss die historischen und politischen, oft ironischen Botschaften in seinen Werken lesen, die er gleichsam wie eine Flaschenpost in die Welt schickt.

Ai Weiwei ist einer der berühmtesten Künstler weltweit, und doch steckte die chinesische Staatsmacht ihn illegal für 81 Tage in die Zelle eines Geheimgefängnisses (81, 2014), in der 24 Stunden Licht brannte und die er nie verlassen durfte, Tag und Nacht beobachtet von zwei Wärtern. Die Handschellen wie jene, in denen er während der Haft an einen Stuhl gefesselt war, bildete er in edler, höchst kostbarer Jade nach (Jade Handcuffs, 2013).

Willkürliche Verhaftungen und Korruption tagtäglich, das ist es was chinesische Bürger erleben. Ai Weiwei will das nicht hinnehmen. Er fordert Redefreiheit, Gewaltenteilung, Mehrparteiendemokratie. Und er nutzt die unendlich variierbare Formensprache der Konzeptkunst, um eben dies auszudrücken in einem Land, in dem Meinungsfreiheit nicht existiert.

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Martin-Gropius-Bau, Berlin | bis 07.07.2014

AI WEIWEI – Evidence

Pressetext: Martin-Gropius-Bau

„Evidence“ nennt er seine Ausstellung, nach jenem Wort, welches uns aus amerikanischen Krimiserien bekannt ist: der Beweis, möglichst gerichtsfest. Es ist eine politische Ausstellung, die Ai Weiwei für Berlin in seinem einfachen und schönen Studio am dörflichen Stadtrand von Peking entwarf.

Ai Weiweis bittere Pointe

Maximilian Kalkhof für Spiegel online | Artikel lesen

Tagelang hatte Ai Weiwei betont, er sitze auf gepackten Koffern und warte auf seinen Reisepass. Er hat ihn nicht bekommen. Einer Pressekonferenz zur Ausstellung wird er deswegen nur per Videobotschaft zugeschaltet. Die Abwesenheit des Künstlers beschert der Berliner Schau eine bittere Pointe:

Vor rund einer Woche hatte Ai, das Reiseverbot vorwegnehmend, in einem Interview erklärt, sein Lieblingsstück der Ausstellung sei der Umstand, dass er nicht an ihr teilnehmen dürfe:“Das ist ein Kunstwerk an sich. Das spiegelt eine menschliche Verfassung wider.“

Unter den Werken und Installationen, die im Martin-Gropius-Bau zu sehen sind, findet sich die goldene Kopie jener Zodiac-Skulpturen (Golden Zodiac, 2011), die einst von chinesischen Handwerkern in Bronze gegossen und von den Europäern Castiglione und Benoist entworfen wurden (um 1750). Sie waren Teil einer Art Sonnen- und Wasseruhr und befanden sich in einem vom Kaiser in Auftrag gegebenen Gartenabschnitt voller Gebäude im europäischen Stil. 1860, nach dem Ende des Zweiten Opiumkrieges, wurde der gesamte Garten von beutegierigen Engländern und Franzosen, die Peking erobert hatten, um ihren Opiumhandel in China durchzusetzen, geplündert und in Brand gesteckt. Einige der bronzenen Zodiac-Figuren gelangten damals nach Europa und hielten, als sie 2008 auf einer Auktion der Kunstsammlung von Yves Saint-Laurent in Paris auftauchten, die chinesische Welt in Atem. Ai Weiwei bestreitet, dass diese Bronzefiguren wie die Regierung behauptet, nationale Schätze Chinas seien, vielmehr sieht er sie als globale Schätze.

Wenn Ai Weiwei für die Ausstellung im Gropiusbau die umstrittenen pazifischen Diaoyü-Inseln (Diaoyu Islands, 2013) in Marmor, gebrochen in einem Steinbruch nahe Peking, nachbilden lässt — aus eben jenem Marmor, den die Kaiser von China einst für die Verbotene Stadt und die heutigen Machthaber für das Mao-Mausoleum nutzten, dann übersetzt er einen heute die Welt bedrohenden politischen Konflikt in künstlerische Form.

Es sind diese raschen Umsetzungen in Kunst von aktuellen politischen Ereignissen und Fragen in Kunst, die einige der wichtigsten Installationen des Künstlers kennzeichnen. So die Die verdrehten Armierstähle, welche an das schreckliche Erdbeben in Sichuan (Forge, 2008-2012; Forge bed, 2008-2012) und seine 80.000 Toten erinnern, und damit an Misswirtschaft und Korruption. So sein großes Werk „1800 Milchpulverdosen“, das er erstmals 2013 in Hongkong zeigte — ein Kommentar zu jenem Skandal, durch den Kinder in China wegen nachlässiger Kontrollen durch verseuchtes Milchpulver vergiftet wurden.

Oft sind es auch antike chinesische Materialien, die Ai Weiwei einsetzt. Er spricht gelegentlich davon, dass er die Affekte des Betrachter durch kontradiktorische Elemente hervorlocken will. Etwa wenn er alte Keramikgefäße der Han-Zeit (202 BC — 220 AC) in Autolack taucht, in Farben wie sie bei deutschen Luxusautos in Peking derzeit sehr beliebt sind (Han Dynasty Vases with Auto Paint, 2013).

2008 wurde Ai Weiwei von der Stadtregierung von Shanghai eingeladen, ein großes Studio zu errichten. Doch als es fertig war, ließ die Regierung es — willkürlich – in nur einem Tag abreißen. Weil der Künstler es gewagt hatte, die Regierung zu kritisieren. Ai Weiwei aber kreierte aus den Resten seines Studios ein Kunstwerk: „Souvenirs from Shanghai“ (2012), bestehend aus dem Schutt des Studios.

Im spektakulären Lichthof des Gropiusbaus montiert der Künstler 6.000 einfache hölzerne Stühle (Stools, 2014), wie sie auf dem Land seit der Ming-Zeit (1368-1644), seit hunderten von Jahren also, Verwendung finden. Ein eindrucksvoll ästhetisches, pixelartiges Werk entsteht. Diese Stühle, so Ai Weiwei, seien Ausdruck einer Jahrhundert alten Ästhetik des ländlichen China.

Katalog

Ein umfangreicher Katalog gibt vertiefend Auskunft, mit Artikeln von Uta Rahman-Steinert über den Umgang Ai Weiweis mit der Tradition, von Wulf Herzogenrath über die künstlerischen Herangehensweisen des Künstlers, von Klaus Ruitenbeek über das Chinesische im Werk von Ai Weiwei und von Thomas W. Eller über die materiale Rhetorik ästhetischen Widerstands.

KATALOG  Ai Weiwei - Evidence

KATALOG | Ai Weiwei – Evidence

Gebundenes Buch,
Pappband,
240 Seiten,
24,5 x 30,5 cm,
141 farbige Abbildungen,
22 s/w Abbildungen
Verlag: Prestel
Sprache: Deutsch

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In kurzen Einführungen zum Tafelteil vermittelt der Künstler seine persönliche Sicht auf die Kunstwerke. Für den vorliegenden Band werden diese Werke eigens aufgenommen und präsentieren zusammen mit den fundierten Texten der wichtigsten Kenner des Œuvres von Ai Weiwei einen umfassenden Überblick über das ebenso faszinierende wie berührende Schaffen des „chinesischsten aller Künstler, die wir aus China kennen“, wie ihn Gereon Sievernich, Direktor des Martin-Gropius-Baus, charakterisiert.

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Music Video | Dumbass by Ai Weiwei

Song by Ai Weiwei with music by Zuoxiao Zuzhou.
[Audio: interessanter Früh-1980er-KILLING JOKE-Bezug]
Cinematography by Christopher Doyle.©2013 Ai Weiwei.

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Ein einziger Akt der Solidarität

Ingo Arend für die TAZ | Artikel lesen

Auch der unbestechlichste Kunstkritiker steckt bei Ai Weiwei in einem Dilemma. Immer blickt er nämlich durch die Brille der Solidarität. Wie die ganze Schau ein einziger Akt der Solidarität ist… Bei so viel Distanzlosigkeit übersieht man leicht, dass viele Arbeiten wie Remakes wirken.
Viele, zu viele Arbeiten in dieser Schau wollen groß sein, plakativ, partout Installation. Irgendeinen mysteriösen Rest sucht man hier vergebens.

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Altbekanntes Pathos

Carsten Probst für Deutschlandradio | Beitrag lesen / hören

Die Ai Weiwei-Retrospektive im Berliner Gropius-Bau bleibt unter ihren Möglichkeiten. Seine politische Kunst, die rebellischen Gesten dieser Ausstellung sind am Ende Illustrationen westlicher Symbolpolitik. Hüben wie drüben ist Ai Weiwei Mittel zum Zweck. Gar so leicht konsumierbar und gefällig wie in dieser Berliner Schau ist sein Werk in Wirklichkeit aber gar nicht. Schade um die vertane Gelegenheit, es besser kennenzulernen.

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Unser Lieblingschinese

Hanno Rauterberg für Zeit online | Artikel lesen

Schwerer denn je scheint es ihm zu fallen, seinen politischen Aktivismus in eine überzeugende, museumstaugliche Form zu bringen. … zumeist bleibt seine Kunst nur Dissidentenfolklore. Ai Weiwei ringt um seine Freiheit; die Werke aber sind Gefangene seines Kampfes.

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ai weiwei instagram

Ai Weiwei | photo via instagram

Ai Weiwei

aiweiwei.com

führt mit uns im Westen ein Gespräch über China. Seine Konzeptkunst war (und ist), als er nach seine Rückkehr aus New York 1993 damit begann, revolutionär für China, ein Land, das den Künstlern bis dahin nur bestimme Ausdrucksformen gestattete. Wer Formen kontrolliert, der kontrolliert auch Inhalte. Ai Weiwei widersteht der Kontrolle, er führt auf seine Weise einen Diskurs über freies Reden und Schreiben. Ais große Vorbilder sind Marcel Duchamp, Andy Warhol, wie auch Giorgio Morandi.

Aber Ai sieht sich auch in der Tradition des Chan (Zen)-Philosophen Hui Neng (638-713). Er sieht in ihm den radikalen Verfechter des ungebundenen Ausdrucks, jemanden der sich gegen die konfuzianisch-buddhistische Orthodoxie seiner Zeit auflehnte. Noch in der Kulturevolution (um 1969) zerstörten die Roten Garden seinen Tempel im Süden Chinas, wo er noch heute (wieder) verehrt wird.

Ai Weiwei ist auch in China einer der berühmtesten Künstler. Chinesische Regierungspropaganda versuchte in den letzten Jahren, ihn aus dem öffentlichen Bewusstsein zu entfernen. Er darf in keinem Museum Chinas ausstellen. Flugs machte er das Internet zu seiner Dauerausstellung: hervorragend seine mittlerweile verbotenen Blogs wie auch sein aktueller Auftritt auf Instagram.

Zwar kann er in seinem Studio arbeiten, doch vor seinem Tor sind ein Dutzend Überwachungskameras angebracht. Ironisch kommentiert er das, indem er an diesen rote Laternen anbrachte und sie in Marmor nachbildete (Marble Surveillance Cameras, 2010). Das Handeln der Staatsmacht wird Teil seiner Konzeptkunst. Zwar darf er in China reisen, doch jeder seiner Schritte wird von Undercoveragenten überwacht. Seinen Paß hat man ihm entzogen, ins Ausland darf er nicht reisen.

Blogger und Internetaktivist

AI WEIWEI – „Was ist Redefreiheit? Twitter ist es.“

AI WEIWEI – “Es gibt keinen schöneren Outdoor-Sport, als mit Steinen auf Diktaturen zu werfen. Ebenso gibt es keine provokantere Aktivität als alle Internetnutzer im virtuellen Raum massiv zu mobilisieren.”

Seit Ai Weiwei auf die Einladung des Betreibers der neuen Blog-Plattform Sina.com Ende 2005 das kommunikative Potential des Internets entdeckte, nehmen klare politische Stellungnahmen einen immer größeren Raum in seinem Werk ein. Ai zeigt sich dabei als der geborene Vermittler, Übersetzer und kulturelle Netzwerker, der es schafft, sich sowohl den chinesischen Lesern seines Blogs als auch einem westlichen Zeitungspublikum verständlich zu machen.

Ein amerikanischer Verlag erarbeitete mit Ai Weiwei eine Buchausgabe, jetzt gibt es sie erstmals auf Deutsch. Der Kampf um Ai Weiweis Blog steht beispielhaft für den Kampf ums Internet in China.

PUBLIKATION | Ai Weiwei – Der verbotene Blog

Mit zahlreichen Fotos des Künstlers

gebunden
mit Schutzumschlag
478 Seiten
Sprache: Deutsch
21,4 x 13,4 x 3,8 cm

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In seinen Texten sieht man einer Revolution beim Wachsen zu. Sie sind spannende persönliche Zeugnisse und haben das Zeug zum Klassiker der engagierten Literatur.

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Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstraße 7, 10963 Berlin

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