CARNIVALESCA | Was Malerei sein könnte

Kunstverein Hamburg | bis 02. Mai 2021
Raphaela Vogel The Missed Education of Miss Vogel 700 CARNIVALESCA Was Malerei sein k nnte
Raphaela Vogel, The (Missed) Education of Miss Vogel, 2021, 
Courtesy BQ, Berlin und Raphaela Vogel,
Foto / Photo: Roman Maerz, Berlin

Mit dieser Ausstellung will der Hamburger Kunstverein einen Dialog mit einer traditionellen Kunstform führen – mit der Malerei. Für die Annäherung an sie wird das Wort Karneval verwendet, weil es Ausgelassenheit und Freude bedeutet, hinter ihm zugleich aber auch eine gewisse Unsicherheit, ja, sogar Melancholie aufscheint.


Der Karneval ist eine ursprünglich westlich-christliche, bis in die Antike zurückreichende Zeit des Feierns und hat auf der ganzen Welt unzählige synkretistische und kulturelle Transformationen erlebt. Seine Interpretationen stellen ihn als eine soziale Einrichtung dar, in der die edleren Funktionen des Denkens und der Seele zugunsten eines „grotesken Leibs degradiert“ sind, welcher der Erneuerung der Gesellschaft und der Welt dient. Im Karneval gibt man Neigungen nach, die scheinbar die soziale Ordnung bedrohen, letztlich aber doch soziale Normen festigen.

Als soziale Transformation oder auch als Instrument unterschiedlicher Gruppen lenkt der Karneval die Aufmerksamkeit auf Konflikte und Missverhältnisse. Der Kunstverein hofft, diese Bedeutung auf eine Diskussion über zeitgenössische Malerei übertragen zu können.

Wie ihr Titel schon andeutet, erweitert diese Ausstellung den Rahmen der Betrachtung, um einen neuen Blick auf die Malerei zu werfen und eine Reihe von Aspekten zur Diskussion zu stellen, die wir gemeinhin mit der Sphäre der Malerei und dem Handeln der von uns als „Maler“ bezeichneten Subjekte assoziieren. Sie wird den Blick auf die Malerei erweitern und bedeutende, höchst einflussreiche internationale Künstlerinnen und Künstler wie Entwicklungen der Malerei von der Nachkriegszeit bis zur Gegenwart ins Zentrum der Betrachtung stellen, die in westlichen Veranstaltungsorten lange Zeit vernachlässigt wurden. Unsere Ausstellung wird wichtige Fortschritte hervorheben, die von ihnen und einer jüngeren Generation von Künstlerinnen und Künstlern gemacht wurden, die die Grenzen der Malerei weit über den bloßen Rahmen und die Leinwand ihrer Bilder hinaus verschoben und auf die Auseinandersetzung mit dem Sozialen und Politischen ausgedehnt haben. Und sie wird eine zeitgenössische Szene internationaler Malerei in der Vielfalt ihrer künstlerischen Ansätze beleuchten, die Diversität ihres diskursiven Engagements im Medium der Malerei demonstrieren und die Art und Weise, wie diese Malerei einer Vielzahl individueller Ausdrucksformen kulturübergreifend Form und Gestalt verleiht.

Auf einer ersten grundlegenden Ebene bedeutet dies, das Erbe einer in der Vergangenheit als Malerei der frühen Moderne kanonisierten Kunst infrage zu stellen – die Werke von Künstlern, die überwiegend, wenn nicht gar fast ausschließlich, weiße Männer aus Nordamerika und Westeuropa waren. Heute anerkennen wir, dass ein solcher Blick auf die Malerei sich erheblich verändert hat durch die Kunst vieler Frauen und Männer aus allen Kulturen und allen Teilen der Welt. Ihre künstlerische Tätigkeit lässt sich nicht allein durch eine, sondern nur durch viele Kunstgeschichten begreifen, was bereits seit geraumer Zeit hegemoniale Vorstellungen von Kunst und Kunstproduktion infrage stellt. Künstlerinnen und Künstler aus vielen verschiedenen Ländern, Kulturen und Traditionen zeigen ihre Werke heute international. Jene alte, für die westliche Kunstwelt zentrale Wahrnehmung, die ein bestimmter akademischer Kunstdiskurs fetischisierte, hat keinen Platz mehr in einer gültigen Erzählung darüber, was Malerei war und ist.

Zweitens beschäftigen sich viele Künstlerinnen und Künstler, die heute als Malerinnen und Maler tätig sind, mit realen sozialen und politischen Fragen – mit solchen, mit denen sich jeder Mensch identifizieren kann.

Schließlich wird auch deutlich, dass die Geschichte der Malerei als eine Reihe von Konflikten, Auseinandersetzungen und widersprüchlichen Entwicklungen erzählt werden muss, von denen viele bis heute in starkem Maße ungelöst sind. Jeder Versuch zu verstehen, was die Malerei sein könnte, muss dieser Komplexität sowohl in historischer als auch in zeitgenössischer Hinsicht Rechnung tragen. Diese Ausstellung beleuchtet daher die sehr unterschiedlichen Formen engagierter malerischer Praxis in gleichberechtigter Weise. Ganz im Geiste des Karnevals, der alle Hierarchien infrage stellt zugunsten einer Vielzahl von Positionen und Haltungen. Wir schlagen vor, die Malerei nicht als ordentlichen und strukturierten Diskurs zu betrachten. Was vielmehr ein solches „Medium“ oder eine solche „Disziplin“ im heutigen nicht-disziplinären Feld der Kunst ausmacht, ist ein karnevalesker Raum. Einer, in dem das Performative, Körper, Künstlersubjekte und ihre Gesten sowie ihre vielfältigen, globalen Geschichten und Bedeutungen formal gleichberechtigt sind.

Pressetext: Kunstverein Hamburg


Hamburger Kunstverein

www.kunstverein.de

CARNIVALESCA

Kurator: Nicholas Tammens

bis 02. Mai 2021

Öffnungszeiten
Dienstag bis Sonntag 12–18 UHR

Ausstellungsbooklet (7.2MB, pdf)

Teilnehmende Künstler*innen: Firelei Báez, Semiha Berksoy, Anna Betbeze, Anna Boghiguian, Hugo Canoilas, Beatriz González, El Hadji Sy, Donna Huanca, Helen Johnson, Lee Kit, Victor Man, Thao Nguyen Phan, Khalil Rabah, Raphaela Vogel


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