ICH BIN NATUR – VON DER VERLETZLICHKEIT. ÜBERLEBEN IN DER RISIKOGESELLSCHAFT.

Luzia Simons Stockage 76 2009 Lightjet print Diasec Ed 3 1 AP 300 x 441 cm in three parts ICH BIN NATUR VON DER VERLETZLICHKEIT BERLEBEN IN DER RISIKOGESELLSCHAFT
Abb.: Luzia Simons, Stockage 76, 2009, 
Lightjet print Diasec, Ed. 3 + 1 AP, 300 x 441 cm in three parts

Rohkunstbau widmet sich mit dem Thema „Ich bin Natur – Von der Verletzlichkeit. Überleben in der Risikogesellschaft.“ (19.06.–03.10.2021) den tiefen existenziellen Unsicherheiten, die durch die Corona-Pandemie für viele Menschen ausgelöst worden sind.


Ausgangspunkt ist unser Verhältnis zur Natur und das durch unsere Allmachtsvorstellungen geprägte instrumentelle Naturverständnis und seine Folgen.

Schon lange mehren sich die wissenschaftlichen Stimmen, die kausale Zusammenhänge von Klimawandel und Verlust der Artenvielfalt einerseits, und das Zurückdrängen der Lebensräume anderer Lebewesen mit dem Ausbruch von Pandemien andererseits aufzeigen.

Die Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen durch den Menschen, setzt die Menschheit den Gefahren von Krankheit und Tod aus. Durch Ängste in Zeiten der Pandemie bedenken Menschen die Verantwortung für das eigene Handeln nicht, sondern projizieren diese auf die Natur selbst und die unsichtbaren Gefahren. Viren, die Menschen nicht sehen, hören, tasten, schmecken oder riechen können, zerstören den Alltag.

„Die Reaktion auf die Pandemie, die Angst vor dem Nichtwahrnehmbaren, erinnert an die Atomkatastrophen von Fukushima vor 10 Jahren und Tschernobyl vor 35 Jahren. Radioaktivität, die von Menschen nicht wahrgenommen werden kann, trat in großem Umfang als Folge der Katastrophen in die Umwelt. Im Falle des Nichtwahrnehmbaren verlieren Menschen zunehmend die Möglichkeit, sich selbst zu schützen. Dies ist eine schwere, zunächst individuelle und dann auch gesellschaftliche Belastung. Gleichzeitig dreht sich die Ausstellung auch darum, welche Optionen, Chancen und neue kulturelle Strategien aus dem Bewusstsein der Bedrohung erwachsen.“

Inka Thunecke, Vorstand von Rohkunstbau e.V..

Die Werke der 22 eingeladenen, international tätigen KünstlerInnen wurden entweder für die Ausstellung im Schloss Lieberose konzipiert oder sorgsam aus ihrem Bestand ausgewählt. Das Thema „Ich bin Natur“ zieht sich durch die ausgestellten Werke aller KünstlerInnen.

Armin Boehm (D) Malerei / Etienne Chambaud (F) Bildobjekte / Claudia Chaseling (D/AUS) Wandmalerei / David Claerbout (BEL) Zeichnungen / Jochen Dehn (D) Objekte / Nina Fischer (D) & Maruan el Sani (D) Video, Installation / Gilbert & George (UK) Bildobjekt / Noa Gur (ISR) Video / Kapwani Kiwanga (CAN/TZA) Installation, Objekt, Collagen / Tong Kunniao (CHN) Installation, Objekte, Skulptur / Nadia Lichtig (F) Soundinstallation, Papierarbeit / Michael Morgner (D) Zeichnungen, Skulptur / Michael Müller (D) Installation, Skulptur, Malerei / Yoko Ono (JPN/USA) Installation / Philippe Parreno (F) Objekt / Laure Prouvost (F) Skulptur, Objekte, Installation / Yhonnie Scarce (AUS) Fotografie / Luzia Simons (BRA) Photographie, Skulptur, Video / Daniel Steegmann Mangrané (SP) / Objekte, Photographie, Video / Anna Rún Tryggvadóttir (IS) Zeichnungen

Die Arbeiten reichen von subtilen Interventionen in den Schlossräumen (Daniel Steegmann Mangrané) über das skulptural gefasste Gefühl der Angst (Michael Morgner), dem Anschauen des Unbehagens (Kapwani Kiwanga) bis hin zur hoffnungsvollen Geste, eigene Wünsche an Bäume hängen zu können (TOWER OF LOVE von Yoko Ono).

Mit allen Sinnen soll die Kunst erlebt werden, wie im „Chilli-Raum“ von TongKunniao – da es doch häufig um unaussprechliche Zwischenbereiche geht. In der ehemaligen Schlossküche bewegt sich der Besucher durch sieben Tonnen Sand zur Kunst von Michael Müller. Und bestehende Kulturtechniken wie die Erinnerung an lieb gewonnene Gegenstände unserer Großeltern oder bewusste Entspannungsmethoden durch suggestives Meeresrauschen (Laure Prouvost) sollen helfen, die eigene – spürbar haltlos gewordene Existenz – neu zu verankern, wie es Armin Boehm in seinen „Beziehungsbildern“ aus der Zeit der Pandemie aufzeigt.

„Ich bin Natur“ lautet das Credo der Ausstellung. Der Mensch ist ein Teil der Natur, er steht nicht über der Natur. Es scheint eine banale Erkenntnis, die dennoch Sprengkraft besitzt. Denn es ist eine tief in den Menschen und in die Gesellschaft eingeschriebene Wahrheit, die ebenso sinnstiftend, freudvoll und erschreckend ist (etwa bei Gilbert & George und Anna Rún Tryggvadóttir).

Ein großer Bereich der Natur zeichnet sich durch ihre sichtbaren und wirkmächtigen Kräfte aus. Etwa zerstörerisches Feuer wie in den Zeichnungen von David Claerbaut, graphische Spuren von Wasser im Sand, bedingt durch die Gezeiten (Daniel Steegmann Mangrané), natürliche Manipulationen in der Botanik (Jochen Dehn) und kolonialisierende Pflanzen (Nadia Lichtig).

Das aufkommende neue Unbehagen in der Gesellschaft resultiert aus dem Scheitern unseres Umgangs mit der Natur – mit den Folgen der Zerstörung der Ökosysteme. Die Pandemie brachte diese Gefahren und damit verbundenen Ängste nach Europa, welche Menschen auf anderen Kontinenten längst erleiden. In der Auseinandersetzung mit der zivilen und militärischen Nutzung der Atomkraft weisen KünstlerInnen wie Yhonnie Scarce, Claudia Chaseling sowie Nina Fischer & Maroan el Sani und Luzia Simons auf das kollektive Gedächtnis der apokalyptischen Bilder der Katastrophen hin.


ICH BIN NATUR.

VON DER VERLETZLICHKEIT. ÜBERLEBEN IN DER RISIKOGESELLSCHAFT

Internationale Ausstellung zeitgenössischer Kunst

www.rohkunstbau.net

19.06.–03.10.2021
KURATORIN: DR. HEIKE FUHLBRÜGGE

Schloss Lieberose
Schlosshof 3
15869 Lieberose

Öffnungszeiten
Sa./So.:  12.00–18.00 Uhr

Tickets 12 Euro, ermäßigt 7 Euro
Tickets können ab 14.06.2021 online auf rohkunstbau.net gebucht werden.

Aufgrund der Pandemie ist der Ausstellungsbesuch jeweils auf 60 Minuten begrenzt. Die Anzahl der BesucherInnen in der Ausstellung soll 50 nicht übersteigen.


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