Konstruktion der Welt | Kunst und Ökonomie

Kunsthalle Mannheim | bis 03. Februar 2019

Alexander Deineka, Beim Bau neuer Werkhallen, 1926,
Tretjakow Galerie Moskau © VG Bild-Kunst, Bonn 2018, Foto: Alexej Sergeew

Von der Weimarer Republik über die USA bis hin zur Sowjetunion: Zwischen 1919 und 1939 entwickelten sich die visuellen Künste dieser drei Großmächte plötzlich analog. Die Kunsthalle Mannheim zeigt in ihrer Ausstellung „Konstruktion der Welt“ die vielfältigen Facetten des kritischen Realismus und der Neuen Sachlichkeit erstmals im internationalen Vergleich.


Dabei werden sowohl die künstlerischen Spuren der vorübergehenden Stabilisierung zwischen den Weltkriegen anschaulich gemacht, als auch das erneute Chaos, das 1929 durch die Weltwirtschaftskrise ausgelöst wurde.

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Zehn Jahre nach dem Höhepunkt der globalen Finanzkrise 2008, die die Wirtschaftssysteme in Amerika und Europa in ihren Grundfesten erschütterte und unsere Gegenwart nachhaltig beeinflusst, verdeutlicht diese Themenausstellung erstmals den dramatischen Einfluss der Ökonomie auf die Kunst in einem weltweiten Vergleich und zeigt dies in der Gegenüberstellung zweier Epochen auf.

Ökonomische Phänomene in der Klassischen Moderne der 1920/30er Jahre werden mit Fokus auf Deutschland, Russland und den USA reflektiert und künstlerischen Positionen der unmittelbaren Gegenwart gegenübergestellt.

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Kunsthalle Mannheim | bis 03. Februar 2019

Konstruktion der Welt

Kunst und Ökonomie | 1919 bis 1939 und 2008 bis 2018

Pressetext: Kunsthalle Mannheim www.kuma.art
Kuratorenteam: 
Eckhart Gillen (Berlin), Ulrike Lorenz, Sebastian Baden
Projektleitung: Inge Herold
Assistenz: Lisa Valentina Riedel, Elisabeth Bohnet

KATALOG | Konstruktion der Welt | Kunst und Ökonomie 1919-1939

Broschiert
400 Seiten
Kerber Verlag
Sprachen: Deutsch, Englisch
27,9 x 24,1 x 3,7 cm

Der reich illustrierte wissenschaftliche Ausstellungskatalog dokumentiert diese spannungsvolle Zeit und veranschaulicht den brisanten Einfluss der Ökonomie auf die Kunst dieser Zeit.

Im ersten Teil beschäftigen sich die Kuratoren mit der Kunstentwicklung zwischen den beiden Weltkriegen in den USA, in der sozialistischen Sowjetunion und im Deutschland der Weimarer Republik mit ihren unterschiedlichen Gesellschaftsmodellen und konträren Volkswirtschaften.

Die Ausstellung präsentiert zahlreiche internationale Leihgaben wie Gemälde, Grafiken, Plakate, Fotografien und Filme und verfolgt, wie wirtschaftlicher Aufschwung und Wirtschaftskrise in der visuellen Kultur und den Bildenden Künsten ihren Ausdruck fanden. Thematische Schwerpunkte werden auch die Industrialisierung oder das Verhältnis von Mensch und Maschine sein.

Der zweite Teil der Ausstellung ist dem 21. Jahrhundert gewidmet und reflektiert den Wandel des Arbeitsbegriffs. Er führt die Themen des ersten Teils weiter, knüpft diese jedoch eng an die Problematik einer veränderten Arbeitswelt unter den Bedingungen der Globalisierung.

Präsentiert werden etwa 35 internationale zeitgenössische Positionen aus den Bereichen Film, Installation, Fotografie, Performance und sozialer Aktion. Die künstlerischen Positionen setzen sich mit der heutigen Arbeitswelt auseinander – zwischen körperlicher Ausbeutung und computergestütztem Management. Sie thematisieren weltumspannende Produktionsprozesse, spekulative Finanzwirtschaft, Digitalisierung und Informationsüberwachung. Ein besonderer Fokus liegt auf Werken, die sich mit den Auswirkungen der Wirtschaftskrise nach 2008 beschäftigen.


Karl Völker -Industriebild, um 1924 
Öl auf Leinwand, auf Hartfaser aufgezogen, 93 x 93 cm, 
Kulturstiftung Sachsen-Anhalt, Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale)
Foto: Klaus E. Göltz, © Nachlass Karl Völker

MENSCH UND MASCHINE

Das zweite Kapitel konfrontiert die unterschiedlichen lndustrialisierungskonzepte der drei Volkswirtschaften. USA und Sowjetunion entwerfen im Zeichen
von Fordismus und Taylorismus ein positives Bild der Technik im Sinne der Emanzipation der Menschheit aus materiellen Schranken. Die sowjetischen Künstler zeigen jedoch im Gegensatz zu den Amerikanern den Maschinenpark immer in Verbindung mit den Arbeitern, die ihn bedienen. Die Maschine ist Instrument der Befreiung und Kollektivierung des lndividuums, Geburtshelfer des Neuen Menschen. Im Ersten Fünfjahrplan (1928-1932) sollte die ganze Gesellschaft nach Prinzipien der Fabrikdisziplin und des Fließbands reorganisiert werden.

Die deutschen Maler der Neuen Sachlichkeit hingegen betonen die Entfremdung des Menschen. Wilhelm Lachnit, Heinrich Hoerle und Karl Völker zeigen ihn als Anhängsel der Apparate. Kommunistische Künstler wie die Maler der ASSO oder John Heartfield mit seinen Fotocollagen thematisieren Klassenkampf und Ausbeutung unter kapitalistischen Verhältnissen. Im Zentrum der Ausstellung steht der amerikanische Präzisionismus dem sowjetischen Konstruktivismus und dem deutschen Verismus gegenüber. Neben neusachlicher Gegenstandsmagie (Carl Grossberg] und sozialen Realismen sind auch konstruktivistisch-abstrahierende und analytische Tendenzen zu beobachten.

SCHÖNE NEUE ARBEITSWELT. DIE PRODUKTIONSBEDINGUNGEN

Arbeit heißt in der Gegenwart nicht nur Produktion,sondern auch Konsum und Verwaltung. Grundlage der Arbeitswelt sind Handwerk und industrielle oder automatisierte Herstellungsprozesse. Menschen, die an verschiedenen Orten der Welt arbeiten, präsentiert die Videoinstallation von Harun Farocki und Antje Ehmann. Vor dem Hintergrund der Globalisierung werden lokale Unterschiede beim Blick auf diese Einstellung zur Arbeit besonders bewusst.

Charles Lims Videos und Landkartencollagen zeigen, wie die Landgewinnung in Singapur modernes gegen traditionelles Arbeitsleben setzt. Maha Maamoun fotografiert die Verwaltung von Landbesitzin Ägypten, wo Gebetsposter den Aktenbergen Aura verleihen.

Die Beiträge von Szilérd Cseke und der Gruppe Chto Delat demonstrieren ungerechte Arbeitsmarktverhältnisse in Mittelosteuropa und Russland, wo die Privatisierung einerseits prestigeträchtige Bauprojekte hervorbringt, andererseits zur Arbeitsmigration zwingt.

Sanja lvekovié forscht nach Formen der Zwangsarbeit in der Geschichte internationaler Unternehmen, vor allem in Deutschland. Das Video Mother Economy von Maya Zack wiederum zeigt den privaten Haushalt als Ort der Erinnerung und des Verlusts.

KRISE, PROTEST UND NEUE UTOPIEN. WIDERSTAND UND KAPITALISMUSKRITIK

Seit Karl Marx‘ Analyse des Kapitals stabilisieren Kritik und Krise den Siegeszug des Kapitalismus. Utopien entlarven sich schnell als Dystopien der „Risikogesellschaft“.

Kampf und Widerstand gegen Ausbeutung und Armut zeigen Künstler und Kollektive wie Claire Fontaine, Thomas Hirschhorn, Thierry Geoffroy, Zefrey Throwell, Jeremy Delleroder Oliver Ressler [BOX].

Digitalisierung und Überwachung kontrollieren die künftige „Konstruktion der Welt“. Das Aufsichtspersonal trägt Schusswesten von Jacques Coetzer. Das Kollektiv EBM lässt Roboter sprechen und schickt die Besucher in eine Mixed Reality, in der sie zum Teil des Kunstwerks werden.

Fast unbemerkt schürfen die von Simon Denny installierten Computer Kryptokapital aus der Blockchain, einer internetbasierten Netzwerkstruktur für den fiktiven Wertpapierhandel.

LIED DES LEIDENS

Die Gegenüberstellung des Gemäldes von Edouard Manet und der Skulptur von José Antonio Vega Macotela verdeutlicht das Konzept für Konstruktion der Welt. Kunst und Ökonomie. Einflüsse von Wirtschaft und Politik auf die Kunst in Vergangenheit und Gegenwart werden aus einem neuen Blickwinkel beobachtet.

Mit der Exekution des vonNapoleon III. als Kaiser von Mexico eingesetzten habsburgischen Erzherzogs Ferdinand Maximilian I. Scheiterte der Versuch, die koloniale Vorherrschaft Frankreichs in Lateinamerika durchzusetzen. Politisches Engagement von Künstlern ist heute aktueller denn je.

Auch Macotelas Skulptur thematisiert die europäische Eroberung Lateinamerikas in der Neuzeit. Sie bezieht sich auf den bewaffneten Aufstand afrikanischer Sklaven in den kolumbianischen Minen im 18.Jahrhundert. „Meißel“ und „Stollen“ sind hier Metaphern für Bergbau und Widerstand. Die Werkzeuge treffen in dieser Klangskulptur auf das Prinzip der europäischen Spieluhr. Die perforierte Spieluhr-Partitur an der Wand übersetzt ein Lied, das die verzweifelten Aufständischen auf Spanisch sangen. Würde Macotelas martialisches Musikinstrument tatsächlich erklingen — es wäre die Adaption eines Trauermarschs. Die kontroverse Konstellation Manet / Macotela bringt aktuelle sozioökonomische und politische Aspekte der Globalisierung auf den Punkt, deren Ursprünge weit in die Geschichte der Eroberung der Welt durch europäische Mächte zurückreichen.


KATALOG | Konstruktion der Welt
Kunst und Ökonomie 2008-2018

Taschenbuch
Klappenbroschur, broschiert
192 Seiten
Kerber Verlag
Sprachen: Deutsch, Englisch
24,00 x 28,00 cm

Wie reflektiert zeitgenössische Kunst die heutige Arbeitswelt? Dieser Frage geht der Katalog zum zweiten Teil der Ausstellung „Konstruktion der Welt“ der Kunsthalle Mannheim nach. Dabei stehen vor allem künstlerische Positionen der letzten Dekade im Zentrum, die die gesellschaftlichen, politischen und ökonomischen Auswirkungen der jüngsten Wirtschaftskrise nach 2008 aufgreifen. Neue Produktionsbedingungen, Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt, aber auch politische Konflikte werden in den Werken thematisiert und problematisiert. Die begleitende Publikation gibt spannende Einblicke in die unterschiedlichen künstlerischen Positionen.

Künstler: Maja Bajevic, BBM (Olaf Arndt und Janneke Schönenbach), Bureau d’Etudes, Claire Fontaine, Abraham Cruzvillegas, Chto Delat, Jeremy Deller, Simon Denny, Tatjana Doll, Harun Farocki mit Antje Ehmann, Thierry Geoffroy, Andreas Gursky, Thomas Hirschhorn, Olaf Holzapfel, Sanja Ivekovic, Alicja Kwade, Charles Lim Yi Yong, Maha Maamoun, Antonio Vega Macotela, Tobias Rehberger, Oliver Ressler, Mika Rottenberg, Andreas Siekmann, Superflex, Zefrey Throwell, Volume V, Maya Zack, Artur Zmijewksi.

 


PRESSESCHAU

VIDEO | „Konstruktion der Welt“ in der Kunsthalle Mannheim!
4 Min. | Verfügbar bis 03.02.2019 | Quelle: SWR

 


Wie die unsichtbare Hand Bilder malt

Christian Hillengass für die TAZ | Artikel lesen

Die Schau „Konstruktion der Welt. Kunst und Ökonomie – 1919–1939 und 2008–2018“ in der Mannheimer Kunsthalle zeigt, wie sich Mensch und Maschine in Kunst und Wirtschaft spiegeln.

„Mit Fokus auf die Jahre 1919 bis 1939 und 2008 bis 2018 zeigt sie, wie seismografisch Kunst auf ökonomische Großwetterlagen reagiert und eröffnet gleichzeitig ein Panorama wirtschaftlich-sozialer Zusammenhänge der letzten hundert Jahre. Dass sich die Form- und Bildsprache sowjetischer und US-amerikanischer Werke dabei kaum unterscheidet, wird hier deutlich. Entbehrungen durch die Weltwirtschaftskrise sollten durch staatsnahe Kunst abgemildert werden. Dabei stehen sich die drei Nationen in nichts nach, überall wird künstlerisches Schaffen politisch instrumentalisiert.“


Öffnungszeiten
Di, Do – So und Feiertage 10 — 18 Uhr, Mi 10 – 20 Uhr,
1. Mi im Monat 10 — 22 Uhr, Mo geschlossen

Eintritt
Regulär 10 €

Öffentliche Führungen [60 Min./90 Min.] 3 €/4 €
Kinder & Jugendliche u. 18 Jahren  Eintritt frei

Eintritt frei
1. Mittwoch im Monat, 18 – 22 Uhr

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