Im FARBENRAUSCH | Munch, Matisse und die Expressionisten

Mit der Ausstellung „Im Farbenrausch — Munch, Matisse und die Expressionisten“ (29. September 2012 bis 13. Januar 2013) widmet das Museum Folkwang einem der spannendsten Kapitel der Malerei des frühen 20. Jahrhunderts eine große Sonderausstellung. Es werden über 150 Gemälde und Skulpturen präsentiert, von denen einige selten oder bisher noch nie öffentlich gezeigt worden sind.

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Erstmals werden die „Fauves“, die sogenannten Wilden in der französischen Kunst — Henri Matisse, André Derain, Maurice de Vlaminck —, den Norweger Edvard Munch und die jungen deutschen und russischen Expressionisten wie Ernst Ludwig Kirchner, Erich Heckel, Alexej von Jawlensky, Wassily Kandinsky, Gabriele Münter und Franz Marc einander gegenübergestellt.

Die Fauves vollzogen eine grundlegende Neuerung, sie definierten in ihren Bildern das Verhältnis zwischen Natur und Kunst neu und ließen den Bildraum aus dem kraftvollen Zusammenwirken der Farben entstehen. Die Künstler in Deutschland verfolgten aufmerksam die neue Malerei in Frankreich und machten sie zum Ausgangspunkt ihrer eigenen revolutionären Entwicklung. Auch Edvard Munch kam hierbei eine zentrale Rolle zu.

Mit der Ausstellung führt das Museum Folkwang die Arbeit Karl Ernst Osthaus’ fort, der ab 1906 Werke der Fauves, der Expressionisten und Edvard Munchs zeigte und für die Sammlung erwarb. Diese frühe Förderung durch das Museum mündet jetzt in der Ausstellung Im Farbenrausch — Munch, Matisse und die Expressionisten, in der anhand von Schlüsselwerken die besondere Rolle des Fauvismus aufgezeigt wird. Sie erschließt eine für die künstlerische Entwicklung in Frankreich und vor allem Deutschland prägende Epoche neu. Dabei kann das Museum Folkwang wichtige Werke aus der eigenen Sammlung in das Projekt einbringen.

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Museum Folkwang, Essen | 29. September 2012 bis 13. Januar 2013

Im FARBENRAUSCH | Munch, Matisse und die Expressionisten

Pressetext: Museum Folkwang | www.museum-folkwang.de
Microsite zur Ausstellung

In elf Kapiteln beleuchtet die Ausstellung den neuen Umgang mit und die veränderte Bedeutung von Farbe. Ausgehend von den „Wegbereitern der Moderne“ — Paul Cézanne, Vincent van Gogh, Paul Gauguin und Paul Signac — präsentiert Im Farbenrausch wie die junge Künstlergeneration in Frankreich und Deutschland zwischen 1905 und 1911 die Malerei endgültig von der Abbildung der Natur befreiten und durch ihren neuartigen Einsatz der Farbe einen revolutionären Malstil kreierten.

In der Ausstellung wird deutlich wie sowohl die Künstler der „Brücke“ mit Heckel, Kirchner, Hermann Max Pechstein und Karl Schmidt-Rottluff in Dresden als auch die Gruppe der „Murnauer“ Kandinsky, Münter, Jawlensky und Marianne von Werefkin aufmerksam die neuen Entwicklungen in der Malerei verfolgten und diese zum Ausgangspunkt ihres eigenen revolutionären Schaffens machten.

 

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Die von Mario-Andreas von Lüttichau und Sandra Gianfreda kuratierte Schau ist unmittelbar mit der Geschichte des Museum Folkwang verbunden. Das 1902 von dem Sammler und Mäzen Karl Ernst Osthaus in Hagen eröffnete Folkwang Museum, hat bereits früh Munch, Matisse, Braque, die Maler der „Brücke“, sowie Kandinsky, Jawlensky und Marc gefördert, ausgestellt und gesammelt. Dieses frühe Engagement des Museums für die avantgardistische Kunst ist nun Ausgangspunkt, um diese prägende Zeit und den Dialog zwischen den Künstlern in schlagenden Gegenüberstellungen neu zu erschließen.

Professor Ute Eskildsen, Interimsdirektorin des Museum Folkwang: „Es ist eine sehr beeindruckende Erfahrung, diese großartige Schau im Neubau von David Chipperfield zu erleben. Eine derartige Konzentration auf die „Fauves“ und die deutschen Expressionisten unter besonderer Beachtung von Munch ist bislang weltweit nicht gezeigt worden. Bezogen auf die kurze, aber wesentliche Zeitspanne von 1905 bis 1911 richtet die Ausstellung den Blick auf eine bahnbrechende Epoche und veranschaulicht die vielfältige und fruchtbare Rezeption des Norwegers und der Franzosen in der deutschen Malerei jener Zeit.“

Der umfassend illustrierte Katalog beleuchtet anhand von Essays namhafter Autoren die wichtigsten Aspekte dieser prägenden Epoche und fruchtbaren Auseinandersetzung der deutschen Künstler mit Munch und den Franzosen: u.a. die Entwicklung der „Fauves“ — etwa Henri Matisse, AndréDerain, Maurice de Vlaminck, aber auch Henri Manguin, Georges Braque und Kees van Dongen — von 1905 bis 1907, ihre Rezeption in Deutschland, Munchs Bedeutung für die „Brücke“-Künstler und Marcs und Mackes Blick nach Frankreich bis 1911. Ein Beitrag widmet sich der Rolle und Bedeutung der Farbe im Werk der präsentierten Künstler.

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KATALOG | Im Farbenrausch — Munch, Matisse und die Expressionisten
Mit Essays von Birgit Dalbajewa, Claudine Grammont, Bruno Haas, Andreas Hüneke, Peter Kropmanns, Jill Lloyd, Uwe M. Schneede und weiteren Texten von Sandra Gianfreda, Ulrike Hofer, Asja Kaspers, Hans-Jürgen Lechtreck und Mario-Andreas von Lüttichau

Hardcover mit Schutzumschlag
ca. 296 Seiten
ca. 220 Abbildungen in Farbe
22 x 28 cm

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Eine Gegenüberstellung avantgardistischer Malerei aus Frankreich und Deutschland

Zur Ausstellung von Mario-Andreas von Lüttichau und Sandra Gianfreda

Die Ausstellung Im Farbenrausch — Munch, Matisse und die Expressionisten konzentriert sich auf die Entstehung des Fauvismus und die Entwicklung des Expressionismus in Deutschland von 1905 bis 1911. Im Vordergrund stehen auf französischer Seite Henri Matisse, AndréDerain und Maurice de Vlaminck, die innerhalb dreier Jahre die Malerei endgültig vom Naturabbild befreiten und durch ihren neuartigen Einsatz der Farbe einen revolutionären Malstil kreierten.

Im Farbenrausch untersucht, wie diese neue Malerei in den Jahren bis 1911 von den Künstlerinnen und Künstlern in Deutschland rezipiert wurde — insbesondere von Erich Heckel, Ernst Ludwig Kirchner, Max Pechstein und Karl Schmidt-Rottluff in Dresden, von Alexej von Jawlensky, Wassily Kandinsky, Gabriele Münter und Marianne von Werefkin in München respektive Murnau sowie von Franz Marc und August Macke.

Das Jahr 1905 ist für die Malerei in Frankreich wie auch in Deutschland von besonderer Bedeutung: In jenem Jahr verbrachten Matisse und Derain den Sommer im südfranzösischen Fischerdorf Collioure. Im südlichen Licht malten die beiden Freunde mit breiten, locker gesetzten Pinselzügen, in leuchtenden, ungemischten Farben vereinfachte Ansichten des Hafens und Blicke von einer Anhöhe auf das kleine Dorf. Der mit Derain befreundete Vlaminck wählte währenddessen Motive in den Vororten von Paris: Dorfszenen, hügelige Landschaften und Dampfer auf der Seine. Teilweise noch unter dem Eindruck der Malerei Vincent van Goghs und Paul Signacs befreiten sich Matisse und seine Künstlerkollegen von dem in Frankreich noch vorherrschenden Postimpressionismus und entwickelten ihren innovativen Stil. Den innovativen Umgang ihrer künstlerischen Väter mit der Farbe steigerte die junge Künstlergeneration zu einer „Orgie der reinen Farbtöne“ — so zumindest beschrieb der Kritiker Louis Vauxcelles deren Werke, die 1905 im Salon d’Automne ausgestellt waren, und nannte diese jungen Maler zunächst abschätzig „Fauves“ („wilde Tiere“).

Im gleichen Jahr 1905 gründeten Heckel, Kirchner, Schmidt-Rottluff und Fritz Bleyl in Dresden die Künstlergemeinschaft „Brücke“ mit dem Ziel, eine Alternative zur malerischen Tradition zu suchen und neue Möglichkeiten künstlerischen Gestaltens aufzuspüren. Ihr schlossen sich 1906 Max Pechstein und Emil Nolde an. Auch die „Brücke“-Künstler entwickelten ausgehend von den Wegbereitern der Moderne — Paul Cézanne, Vincent van Gogh und Paul Gauguin — ihren spontanen, unverwechselbaren Malstil, der die subjektive Empfindung vor dem Motiv ins Zentrum stellt. Prägend für ihre Entwicklung war zudem ihre direkte Auseinandersetzung mit der Kunst der jungen Franzosen, die sie zu Ausstellungen nach Deutschland einluden, aber auch Edvard Munch spielte für sie eine zentrale Rolle ab 1907/1908. Der Norweger hielt sich wiederholt in Berlin, Hamburg, Dresden und Chemnitz auf, wo seine Gemälde und grafischen Werke gezeigt wurden. Über den Sammler Gustav Schiefler, der das Werkverzeichnis von Munchs Grafik herausgab, traten Heckel und Nolde 1907 in direkten Kontakt mit Munch. Doch trotz der Bemühungen der „Brücke“, ihn zur Teilnahme an ihren Ausstellungen zu bewegen, kam es nie zu einem gemeinsamen Auftritt.

Zur gleichen Zeit begegneten sich mit Jawlensky, Kandinsky, Münter und Werefkin Gleichgesinnte in München, die sich nach längeren Aufenthalten in Italien und Frankreich seit Herbst 1908 regelmäßig im oberbayerischen Murnau zum Malen trafen. Von Jawlensky ermuntert, näherten sie sich der neuen französischen Malerei an und änderten alsbald grundlegend ihren Blick auf die Natur. Marianne von Werefkin setzte sich zudem mit Munchs Bildwelt auseinander. Gemeinsam lösten auch sie die Farbe zunehmend vom Gegenstand und machten sie zu einem eigenständigen Gestaltungselement: Mit roten Bäumen, blauen Bergen und gelben Wiesen steigerten diese Künstler die Landschaften zu spektakulären Motiven, getragen von einer in höchstem Maße subjektiven Wahrnehmung.

Die Expressionisten entwickelten eine neue Ästhetik, indem sie Linien, Farben und Flächen zu bildprägenden Formen zusammenfügten, die Farben vom Lokalton lösten, die Proportionen missachteten, alle Kompositionselemente gleichwertig behandelten und die Wiedergabe des Gesehenen mit einer zunehmenden Abstraktion verbanden. Nicht zuletzt aufgrund ihres Blickes nach Frankreich und auf Munchs Werk entwickelten diese Künstler bis 1911 den Expressionismus zu einer eigenständigen, unverwechselbaren Bildsprache — eine der bedeutendsten Leistungen der Moderne in Deutschland.

Als solche feierte er 1912 anlässlich der Internationalen Kunstausstellung des Sonderbundes westdeutscher Kunstfreunde und Künstler in Köln seinen ersten öffentlichen Triumph.

[ siehe auch:
1912 — MISSION MODERNE — Die Jahrhundertschau des Sonderbundes
Wallraff-Richartz-Museum, Köln | Ausstellung: bis 30. Dezember 2012 

Mit der Ausstellung und mit dem begleitenden Katalog wird dieser Wandel des Malstils in Frankreich und etwas zeitversetzt in Deutschland nachgezeichnet. Das Augenmerk richtet sich dabei auf den neuartigen Umgang mit der Farbe und dessen Folgen: wie sie sich zunehmend von ihrer naturabbildenden Funktion löst, der Linie als Gestaltungselement übergeordnet und zum Ausdrucksträger inneren Erlebens wird. In der direkten Gegenüberstellung ausgewählter Werke wird deutlich, wie nahe sich die hier vertretenen Künstler in der Bildauffassung waren, aber auch wie unterschiedlich ihre Herangehensweise war.

Die Fauves definierten das Verhältnis zwischen Natur und Kunst neu, indem sie den Bildraum aus dem kraftvollen Zusammenwirken der Farben entstehen ließen. Sie lehnten das Festhalten der flüchtigen Erscheinung des Motivs, wie bei den Impressionisten, ab und strebten stattdessen nach dem beständigen Charakter der Dinge.

Die Künstler der „Brücke“ gestanden sich in ihrem Programm von 1906 weitere Freiheiten zu, wonach jeder „unmittelbar und unverfälscht“ das wiedergeben solle, „was ihn zum Schaffen drängt“. Dabei stand für sie die Spontaneität im Malakt an vorderster Stelle. Kandinsky hingegen forderte im Gründungszirkular der „Neuen Künstlervereinigung München“ im Januar 1909, nach künstlerischen Formen zu suchen, die „von allem Nebensächlichen befreit sein müssen, um nur das Notwendige stark zum Ausdruck zu bringen — kurz, das Streben nach künstlerischer Synthese“.

In der Wahl ihrer Motive blieben all diese Künstler zwar den traditionellen Gattungen verpflichtet, sie befreiten sie jedoch von den akademischen Konventionen. So begegnen wir bei Braque, Derain, Matisse, Manguin und Vlaminck vorwiegend Landschaften, Ansichten von Collioure, Chatou oder L’Estaque, bei van Dongen vermehrt Porträts und Aktdarstellungen; Matisse und Vlaminck malten an Farben und Gegenständen überbordende Stillleben; das klassische Thema des Aktes in der Landschaft wurde von Matisse radikal erneuert. Die Dresdener Malerfreunde malten neben Landschaften vorwiegend nackte Modelle in ihren Wohnräumen, die sie zugleich als Ateliers nutzten (möbliert mit von ihnen selbst geschaffenen Möbeln und Gegenständen), oder sie hielten ihr unbekümmertes, zügelloses Dasein in der Seenlandschaft um Dresden malerisch fest. Während das Stillleben von ihnen vernachlässigt wurde, spielte es für Jawlensky, Münter und Macke eine wichtige Rolle. Für die in Oberbayern arbeitenden Maler bildete die Landschaft das zentrale Motiv, wohingegen man Badende bei ihnen vergeblich sucht.

Das Motiv der Dame mit Hut wiederum hat alle Künstler gleichermaßen begeistert, seit Matisse sein berühmt gewordenes Gemälde Frau mit Hut — das leider aufgrund einer testamentarischen Verfügung nicht an Ausstellungen verliehen werden kann — 1905 im Salon d’Automne ausgestellt und damit einen großen Skandal ausgelöst hatte.

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