GUSTAVE CAILLEBOTTE – Ein Impressionist und die Fotografie

Die Schirn Kunsthalle Frankfurt widmet dem französischen Impressionisten Gustave Caillebotte vom 18. Oktober 2012 bis 20. Januar 2013 eine umfassende Werkschau mit rund 50 Gemälden und Zeichnungen. Die Ausstellung wird durch über 150 überragende fotografische Positionen des ausgehenden 19. sowie beginnenden 20. Jahrhunderts folgerichtig ergänzt und manifestiert so Caillebottes Vorreiterrolle in der Entstehung eines neuen Sehens.

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Während in Deutschland die Auseinandersetzung mit Caillebotte gerade erst ihren Anfang nimmt, hat dieser herausragende Künstler in Frankreich, Großbritannien und in den Vereinigten Staaten seinen gebührenden Platz an der Seite großer Impressionisten wie Auguste Renoir, Édouard Manet oder Edgar Degas bereits eingenommen.

Caillebottes Œuvre eröffnet neue, grundlegende und ergänzende Zugänge zur Malerei des Impressionismus: Seine radikalen, sehr modern und fotografisch anmutenden Darstellungen erschließen auf außergewöhnlich überzeugende Weise den engen Zusammenhang von Fotografie und Malerei. Viele Werke Caillebottes nehmen vor allem durch die besondere Perspektive ihrer Bildausschnitte, doch auch anhand von Themen wie Bewegung und Abstraktion einen fotografischen Blick vorweg, der sich in diesem Medium erst später herausbildet.

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Schirn Kunsthalle Frankfurt | 18. Oktober 2012 — 20. Januar 2013

GUSTAVE CAILLEBOTTE – Ein Impressionist und die Fotografie

Pressetext: Schirn Kunsthalle Frankfurt

Gustave Caillebotte (1848 in Paris —1894 in Gennevilliers) war zeitlebens eher als Mäzen, Sammler und Vorkämpfer der Impressionisten bekannt, obwohl er selbst über 500 Gemälde, Pastelle und Zeichnungen schuf. Im großbürgerlichen Milieu von Paris aufgewachsen, absolvierte er zunächst ein Studium der Rechte. Seine darauf folgende Ausbildung an der Pariser Kunstakademie brach der unabhängige Geist 1874 bereits nach gut einem Jahr ab und schloss sich den impressionistischen „Partisanen“ um Edgar Degas, Auguste Renoir, Claude Monet und Édouard Manet an.

Nach dem Tod des Vaters mit einem großen Vermögen ausgestattet, förderte Caillebotte als „Schirmherr der Impressionisten“ fortan die Maler der neuen Richtung. Ab der zweiten (1876) von acht in Paris stattfindenden Impressionistenausstellungen war Caillebotte mit eigenen Werken vertreten. Ab 1881 zog sich der begeisterte Sportler zunehmend in sein Sommerhaus in Petit-Gennevilliers an den Ufern der Seine zurück, wo er neben seiner künstlerischen Tätigkeit zu einem der besten Segler seiner Zeit avancierte und über 20 eigene Schiffsmodelle entwarf.

Gustave Caillebotte starb am 21. Februar 1894 im Alter von 46 Jahren an den Folgen eines Gehirnschlags. Bereits zu Lebzeiten hatte er testamentarisch verfügt, dass seine bedeutende Sammlung impressionistischer Werke an den französischen Staat gehen solle; heute gehört ihr Gutteil zum wesentlichen Bestand des Musée d’Orsay.

Mit zahlreichen Hauptwerken wie „Le Pont de l’Europe“ (Musée du Petit Palais, Genf) und „Parkettschleifer“ (Musée d’Orsay, Paris), weiteren Leihgaben aus dem Brooklyn Museum of Art, New York, The Art Institute of Chicago und dem Van Gogh Museum in Amsterdam sowie selten zu sehenden Gemälden aus Familienbesitz gliedert sich die Ausstellung in der Schirn chronologisch in drei für Caillebotte maßgebliche thematische Werkgruppen: Stadt- und Architekturansichten, Porträts und Interieurs sowie Stillleben und Landschaften mit Garten- und Sportdarstellungen.

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Katalog GUSTAVE CAILLEBOTTE - Ein Impressionist und die Fotografie

KATALOG | Gustave Caillebotte — der Katalog zur Ausstellung

245 Seiten,
49 Tafeln in Farbe,
111 in Schwarz-Weiß,
31 Abbildungen in Farbe,
28 in Schwarz-Weiß
Sprache: Deutsch
23 × 26,5 cm, gebunden

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Der Katalog zur Ausstellung gibt auf 245 Seiten einen Überblick über das Schaffen des Künstlers Gustave Caillebotte. Gleichzeitig nimmt er den Leser mit auf eine Reise in das Paris des 19. Jahrhunderts:

Imposante Bauwerke weisen auf den technischen Fortschritt hin, Menschen eilen durch die belebten Straßen. Die Motive und Techniken des Künstlers spiegeln sich in zahlreichen Fotografien wider, die zum Teil erst später entstanden sind. Wie in der Ausstellung sind diese Bilder jeweils thematisch passend den Gemälden und Skizzen Caillebottes zugeordnet.

Essays namhafter Autoren ergänzen die großformatigen Bildtafeln und Abbildungen. Die Kunsthistorikerin Karin Sagner befasst sich zum Beispiel mit Gustave Caillebotte als Impressionisten und seiner Nähe zur Fotografie. Ein weiterer Essay widmet sich der Darstellung des Straßenlebens in Fotografien des 19. Jahrhunderts. Kurze Texte gehen auf einzelne Bilder Caillebottes näher ein, erklären deren Entstehung sowie die Intention des Künstlers bei der Auswahl bestimmter Perspektiven und Ansichten. Eine kurze Biografie von Caillebotte schließt den Katalog ab.

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Gerade Caillebottes zwischen 1875 bis 1882 entstandene Stadtbilder belegen eindrücklich die Ausnahmeposition des französischen Künstlers innerhalb der aufstrebenden Gruppe der Impressionisten, indem sie auf bahnbrechende Weise die unter dem Begriff der „Haussmannisierung“ bekannte fundamentale Umgestaltung der Stadt Paris veranschaulichen. Ab den 1860er-Jahren waren die vormals engen und verwinkelten Gassen der Stadt durch weiträumige Plätze und große Boulevards ersetzt worden — Paris wurde zur Metropole der Moderne.

Obwohl viele der französischen Impressionisten den gewandelten Stadtraum als Gegenstand ihrer Kunst entdeckten und die Dynamik des zeitgenössischen Lebens möglichst wirklichkeitsnah einzufangen versuchten, kam Gustave Caillebotte mit seinen wagemutigen Blickwinkeln und einem weit über die impressionistischen Arbeiten hinausgehenden Realismus dem neuen urbanen Lebensgefühl am nächsten.

Heute ist unbestritten, dass das um 1840 erfundene fotografische Verfahren eine Veränderung der künstlerischen Wahrnehmung mit sich brachte und spätestens seit Mitte des Jahrhunderts so präsent war, dass sich mehr oder weniger jeder Künstler damit konfrontiert sah. Fraglos betraf dies auch einen so unkonformistischen Künstler wie Gustave Caillebotte, auch wenn wir heute keinen spezifischen Nachweis dafür haben, wie und in welchem Umfang er fotografisches Material kannte oder nutzte.

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Caillebottes Angriff auf die Sehgewohnheiten spiegelte sich nicht minder deutlich in Szenen des privaten Lebens wider. Seine vorwiegend zwischen 1880 und 1882 gemalten Interieurs der großbürgerlichen Pariser Klasse, darunter „Die Klavierstunde“ und „Interieur, lesende Frau“, vermitteln allesamt den Eindruck von zwischenmenschlichen Spannungen und Entfremdung und erweisen sich ebenso wie die zwischen 1875 und 1883 entstanden Porträts einzelner oder mehrerer Personen als Psychogramme seiner Zeit. Auch im Bruch mit der traditionellen Stilllebenmalerei wird erneut die ungewöhnliche Gestaltungsweise des Künstlers anschaulich. Die fast 30-teilige, in den Jahren 1881 und 1882 entstandene Serie von Lebensmittel- und Blumenarrangements — in der Schirn vertreten mit Werken wie „Fasane und Schnepfen auf einem Marmortisch“ und „Stillleben mit Kalbskopf und Ochsenzunge“ — weist eine eigenwillige, streng symmetrische Komposition auf und lässt sich mit der zeitgenössischen Fotografie von Schaufensterauslagen der sich neu formierenden Konsumkultur verknüpfen.

Analog zu der in den 1880er-Jahren erwachenden Sehnsucht der Stadtbevölkerung nach reiner Luft, freier Natur und sportlicher Betätigung wählte auch Caillebotte ab 1881 sein Wochenenddomizil im ländlichen Petit-Gennevilliers, das als Eldorado der impressionistischen Maler wie der Wassersportler galt. Hier griff Caillebotte wieder verstärkt Motive von Schwimmern, Kanufahrern, Ruderern und Seglern auf, denen er sich bereits Mitte der 1870er-Jahre auf dem Sommersitz der Familie in Yerres — einem 20 Kilometer von Paris entfernten Dorf am Ufer des gleichnamigen Flüsschens — gewidmet hatte.

Nach der endgültigen Übersiedlung nach Petit-Gennevilliers und dem Bau seines Ateliers 1887 entdeckte Caillebotte die Gartenkunst für sich und fand darin ein nächstes fundamentales Bildmotiv. Die bis zu seinem Lebensende entstandenen 60 Gemälde von Landschaften und Gärten bestechen durch die Reduktion der Bildelemente und weisen durch die Auflösung konventioneller Raumdarstellung und ihren expressiven, sich zunehmend von detaillierter Gegenständlichkeit lösenden Farbauftrag auf die Abstraktion voraus.

Wie viele seiner impressionistischen Freunde, die sich die 1839 eingeführte Fotografie für ihre Bildgestaltungen nutzbar machten, kannte auch Gustave Caillebotte dieses neue Medium und dessen vielfältige Möglichkeiten wie Stereo-, Moment- und Bewegungsaufnahmen. Mit beispiellosen Sturzperspektiven, radikalen Aufsichten, Verzerrungen, bruchstückhaften Ausschnitten und Unschärfen muten seine Gemälde tatsächlich wie der kühne Einsatz fotografischer Stilmittel an, die so in der zeitgenössischen Fotografie noch nicht umgesetzt wurden (bzw. noch nicht umgesetzt werden konnten). Caillebotte, der in seinem Werk zentral die Wahrnehmung des modernen Individuums thematisiert, greift damit seiner Zeit weit voraus, denn vergleichbare fotografische Ansätze finden sich in der Fotografie selbst erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Im Dialog mit ausgewählten Werken zeitgenössischer Fotografen wie Édouard Baldus, Charles Marville oder Eugène Atget und Beispielen der Neuen Fotografie der 1920er-Jahre von AndréKertész, László Moholy-Nagy, Wols oder Alexander Rodtschenko erschließt sich in der Ausstellung auf verblüffende Weise der enge Zusammenhang zwischen dem Schaffen Caillebottes und der Herausbildung eines neuen Sehens. Gustave Caillebotte erweist sich so als revolutionäres Talent unter den Pionieren der ersten historischen Avantgarde.

Kuratorin: Dr. Karin Sagner (München)
Kurator Fotografie: Dr. Ulrich Pohlmann (Münchner Stadtmuseum)

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VIDEO | GUSTAVE CAILLEBOTTE [ Schirn ]

Kuratoren Karin Sagner und Ulrich Pohlmann und Direktor Max Hollein 
sprechen über die aktuelle CAILLEBOTTE-Ausstellung

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