ALEXANDER RODTSCHENKO – Neue Zeit

In einer umfassenden Retrospektive präsentiert das Bucerius Kunst Forum, Hamburg das vielfältige OEuvre Alexander Rodtschenkos (1891—1956). Rodtschenko war treibende Kraft der russischen Avantgarde und wurde zum Vordenker der Neo-Avantgarde der 1960er Jahre.

Alexander Rodtschenko (1891—1956) gehörte zu den treibenden Kräften der russischen Avantgarde. Als einer der ersten Künstler experimentierte er mit einer großen Bandbreite künstlerischer Ausdrucksmöglichkeiten — von Gemälde, Collage, Photomontage, Photographie und Skulptur bis hin zu Werbedesign und Typographie – und brachte die dynamische Umgestaltung der Gesellschaft in den ersten Jahren nach der Oktoberrevolution ins Bild: die Gestaltung einer neuen Zeit.

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BUCERIUS KUNST FORUM, Hamburg | bis 15. September 2013

ALEXANDER RODTSCHENKO – Eine neue Zeit

Pressetext: BUCERIUS KUNST FORUM, Hamburg | www.buceriuskunstforum.de

Die Ausstellung „Rodtschenko. Eine neue Zeit“ gibt einen Überblick über die mediale Vielfalt seines Schaffens. Im Zentrum steht das malerische Werk, das seinen Höhepunkt in dem 1921 geschaffenen Triptychon der Farben Rot, Gelb und Blau findet. Auch in der Skulptur ging Rodtschenko experimentelle Wege. Seine schwebenden Raumkonstruktionen mit ihren Variationen geometrischer Grundformen geben im Spiel von Licht und Schatten eine Verräumlichung des Konstruktivismus und dessen utopischer Ideen.

In der Kunst des jungen Alexander Rodtschenko löste die Russische Revolution 1917 einen Höhenflug aus. In weniger als zehn Jahren schuf er ein vielseitiges und innovatives OEuvre. „Ich mache in jedem Werk ein neues Experiment.“ Mit diesem Satz formulierte Rodtschenko Anspruch und Programm. Der Bruch mit dem Zarenreich und seiner Kunst setzte alles auf Anfang: Die neue Kunst war visionär und sollte den Menschen wie eine Naturwissenschaft dienen. Voller Neugier untersuchte Rodtschenko die eigenen Mittel und fügte der Malerei neue Medien hinzu: Skulpturen, die wie Architektur- oder Planetenmodelle aussahen, Design für Alltagsgegenstände, Werbegraphik und eine neue Art zu photographieren.

Schon 1918 konnte er seine Werke in einer Einzelausstellung zeigen. Danach schloss er sich mit gleichgesinnten Künstlern zusammen, organisierte Gruppenausstellungen und entwickelte die Manifeste des Konstruktivismus. Wie Kandinsky und Malewitsch übernahm er Verantwortung bei der Neuorganisation der nun staatlichen Kunstsammlungen und der Gründung von Museen für die Avantgardekunst. Als Lehrer unterrichtete er an der neu ins Leben gerufenen Künstlerisch-Technischen Hochschule, wurde zum Kulturmanager und Aktivisten des künstlerischen Aufbruchs seiner Generation. Sie wollte mit der Kunst das Leben ändern. Doch Rodtschenkos Ruf „Seid freie, ewig junge Suchende“ wurde nur in den Anfangsjahren der Sowjetunion gehört. Mit der Festlegung der Partei auf das Konzept eines sozialistischen Realismus entzog sie ihm Arbeitsgrundlage und Gestaltungsspielraum.

Die von der Familie Rodtschenkos und russischen Museen unterstützte Ausstellung konzentriert sich auf die Jahre des Experiments, in denen Rodtschenko Entwicklungen vorwegnahm, die eine spätere Künstlergeneration aufgreifen sollte: In monochromer Malerei, Op-Art, kinetischer Kunst, Konzeptkunst und künstlerischer Intervention wurde der Avantgardist zum Vordenker der Neo-Avantgarden der 1960er Jahre.

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Rodtschenko erklärt das Ende der Malerei

Mit einem „Triptychon“ erregte Alexander Rodtschenko 1921 Aufsehen. Es gilt bis heute als Beweis für die Radikalität des Künstlers. Ohne Struktur oder Muster bestehen die drei Gemälde nur aus jeweils einer einfarbigen Fläche — in Rot, in Gelb und in Blau. Auf Außenstehende wirkt das Werk wie die Karikatur eines avantgardistischen Bildes. Doch Rodtschenko sah darin die Quintessenz und in gewisser Weise auch die Krönung der Malerei. Er selbst sagte, mit diesem Werk habe er das „logische Ende“ der Malerei erreicht. Bis heute zerbrechen sich Kunstexperten über die Bedeutung dieser Aussage den Kopf. Das „Triptychon“ fehlt in keiner Liste der wichtigsten avantgardistischen Werke und ist einer der Höhepunkt der Ausstellung.

In Rodtschenkos dreiteiligem Werk „Reine Farbe Rot, Gelb und Blau“, das er 1921 auf der Ausstellung 5×5=25 präsentierte, antizipiert er die späteren Entwicklungen des Abstrakten Expressionismus, der Farbfeld-Malerei. „In dieser Ausstellung sind von mir zum ersten Mal in der Kunst die drei Grundfarben proklamiert worden.“ So äußerte sich Rodtschenko im Katalog zur Ausstellung über seine drei monochromen Leinwände. Die Malerei ist hier zum Objekt geworden; sie stellt nichts mehr dar, außer sich selbst. Im Rückblick bewertet Rodtschenko 1939 selbstbewusst die Bedeutung des Triptychons für die Geschichte der Malerei: „Ich habe die Malerei zu ihrem logischen Ende gebracht und habe drei Bilder ausgestellt: ein rotes, ein blaues und ein gelbes, und dies mit der Feststellung: Alles ist zu Ende. Es sind die Grundfarben. Jede Fläche ist eine Fläche, und es soll keine Darstellung mehr geben.“

Avantgarde kontra stalinistischem Realismus

Das „Ende der Malerei“ bedeutete für Rodtschenko nicht, sich als Künstler zur Ruhe zu setzen. Er experimentierte weiter als Grafiker, Architekt und Fotograf. Seine Aufnahmen sind es auch, die viel zu seiner weltweiten Bekanntheit beigetragen haben. Er schoss seine Motive aus ungewöhnlichen Perspektiven und Winkeln. Werke wie „Mädchen mit Leica“ oder „Portrait der Mutter“ sind Ikonen der Fotokunst und werden noch heute als Poster verkauft.

Sowohl viele seiner Fotos als auch das Triptychon fallen in die Zeit des Höhenfluges des Künstlers — das war in den zehn Jahren nach der Oktoberrevolution von 1917. Der Avantgardist Rodtschenko zeigte damals seine Werke in Ausstellungen, lehrte als Kunst-Professor in Moskau und war in Ausschüssen und Museen tätig.

Ab etwa 1927 bekam er jedoch die Kehrseite der Revolution zu spüren. Aufbruchsgeist und Offenheit der ersten Jahre waren verflogen. In der Kunst dominierte immer mehr der von „oben verordnete“ sozialistische Realismus: Einfache Werke, die den Sieg der Arbeiter und Bauern darstellten, verdrängten die Avantgarde. 1930 wurden Rodtschenko alle öffentlichen Funktionen entzogen. Er hatte Glück und überlebte Stalins Schreckensregime. Doch die Rückbesinnung Russlands auf die Avantgarde ab 1968 kam für ihn zu spät — 1956 erlag er einem Schlaganfall.

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Essays und Bilder im Katalog „Rodtschenko. Eine neue Zeit“

Der Hirmer Verlag präsentiert den hochwertigen Katalog zur Schau und legt den Schwerpunkt auf das malerische Werk des Künstlers.

 Katalog Alexander Rodtschenko Eine neue Zeit

Gebundene Ausgabe
239 Seiten
mit 149 Farbtafeln,
80 Abbildungen in Farbe und 37 in Schwarz-Weiß
Verlag: Hirmer; Auflage: 1., Auflage (30. Juni 2013)
Sprache: Deutsch
28,2 x 22,8 x 2,4 cm

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Der Katalog zur Ausstellung konzentriert sich auf die Zeit der Experimente Rodtschenkos von der Revolution bis zum Ende der 1920er-Jahre, als er in Konflikt mit der stalinistischen Bürokratie geriet. Großformatige Abbildungen zeigen auf 239 Seiten das reiche Schaffen des Künstlers in verschiedenen Disziplinen.

Ergänzt wird der hochwertige Katalog durch kenntnisreiche Essays. Experten wie Hubertus Gaßner, Direktor der Hamburger Kunsthalle, und Irina A. Wakar, Kuratorin der Staatlichen Tretjkow-Galerie Moskau, kommen zu Wort. Sie erklären detailliert, wie Rodtschenko zum Vordenker einer ganzen Generation von Künstlern wurde. Sein Schaffen war, wie er selbst sagte, stets in die Zukunft gerichtet. Von den Post-Avantgardisten der 1960er-Jahre bis zur zeitgenössischen Kunst unserer Tage — sein Einfluss ist unverkennbar.

Der Katalog zeichnet die Schaffensperioden des Künstlers nach, denen jeweils ein passendes Kapitel vorangestellt ist. So erhält der Leser einen fundierten und zeitlich gefächerten Einblick in das Leben und Wirken von Russlands bekanntestem und radikalstem Kunst-Revolutionär.

Alexander Rodtschenko

Alexander Rodtschenko ist einer der großen Künstler des russischen Konstruktivismus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Sein Werk ist weltweit bekannt geworden und zählt bis heute zu den wichtigsten Positionen der Moderne. Bevor er Mitte der 1920er Jahre die Fotografie als neues Medium für sich entdeckte, hatte er sich bereits als vielseitig tätiger und innovativer Künstler in Moskau hervorgetan. Seine Auffassung von Fotografie verstand sich als radikaler Bruch mit der Kunstfotografie der Jahrhundertwende. Der fotografische Blick sollte revolutioniert werden, ein „neues Sehen“ die Gesellschaft und den Menschen — in einer Zeit epochaler Veränderungen in Russland und in Europa — verändern.

Er hält die Motive in extremen Aufsichten und Untersichten fest, in Diagonalen, Anschnitten und Details. Für das damalige herrschende Sehempfinden war dies ein ungewöhnliches Verfahren. Doch die neuen Aufgaben und Themen verlangten seiner Meinung nach eine neue Form der Darstellung:

„Wir müssen unser optisches Erkennen revolutionieren. Wir müssen den Schleier von unseren Augen reißen, der ‚vom Nabel aus‘ heißt.“ „Und die interessantesten Blickwinkel der Gegenwart sind die von oben nach unten und von unten nach oben und ihre Diagonalen“. (1928)

Doch ab 1928 sah sich Rodtschenko zunehmend scharfer Kritik ausgesetzt. „Gefährlich“ und „bürgerlich-formalistisch“ ließ die Zeitschrift Sowjetskoje Foto verlauten, kaum waren die ersten dieser Arbeiten in der Zeitschrift Novy LEF erschienen. Er wird als Anhänger der experimentellen Fotografie von Moholy-Nagy und Man Ray diffamiert. Politischer Hintergrund ist eine stärkere Indienstnahme der Fotografie als Mittel der sozialistischen Massenkommunikation, die eindeutig ‚lesbar‘ sein sollte.

Rodtchenko-Internet-Special
anlässlich der Ausstellung
im Museum of Modern Art, New York
vom 25. Juni – 06. Oktober 1998

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rodtschenko-berlin-2008-katalog.jpgKATALOG

Alexander Rodtschenko

Herausgeber Berliner Festspiele
Herausgeber Haus der Fotografie Moskau

224 Seiten
| 230 Abb. im Duotone,
| 34 farbige Abb.
| 23,5 x 29 cm
| gebunden mit Schutzumschlag
| Sprache: deutsch

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»Wir müssen unser optisches Erkennen revolutionieren.«
A. Rodtschenko, 1928

Alexander Rodtschenko (1891 — 1956) zählt zu den großen Erneuerern der Fotografie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Seine Fotomontagen, seine ungewöhnlichen Architekturaufnahmen aus extremer Oberund Untersicht, seine Bildexperimente mit Perspektiven und Licht- und Schattenwirkungen, seine Fotoreportagen, die Bild und Text auf neue Weise kombinierten — all das war bahnbrechend für die Entwicklung der modernen Fotografie. Rodtschenko stellte sich nach der Oktoberrevolution in den Dienst der jungen Sowjetunion und setzte sich gemeinsam mit Künstlern und Dichtern wie Wladimir Tatlin, Wassily Kandinsky und Wladimir Majakowski für den Aufbau einer neuen Gesellschaft ein. Seit dem Ende der 1920er-Jahre sah er sich allerdings zunehmend scharfer politischer Kritik ausgesetzt.

1933 | Bau des Bjelomor-Kanals (Weißmeer-Ostsee-Kanal). Mega-Bauprojekt der Stalin-Ära, das durch den Einsatz von Gulag-Häftlingen umgesetzt wurde. Rodtschenko musste die Zwangsarbeiter für die Propagandazeitschrift „SSSR na strojke“  „USSR im Aufbau“ fotografieren. Dieses 140 Meilen lange Arbeitslager kostete 200.000 überwiegend politischen Gefangenen das Leben. ( BBC4 Home )

Dieses Buch bietet mit mehr als 250 Abbildungen einen breiten Überblick über die vielen Facetten von Rodtschenkos fotografischem Werk. Darunter sind etliche bislang unpublizierte Arbeiten aus dem Nachlass. Ein Essay über die fotografische Avantgarde in Russland und eine umfangreiche Biografie Rodtschenkos beschließen den opulent ausgestatteten Band.

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