Der Farbholzschnitt in Wien um 1900

Albertina, Wien | bis 22. Januar 2017

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Karl Anton Reichel - Weibliche Aktstudie, 1909, Farbholzschnitt
Albertina, Wien

Mit einer Ausstellung zum Farbholzschnitt in Wien zwischen 1900 und 1914 widmet sich die Albertina einem bislang wenig beachteten Kapitel des Wiener Jugendstils und präsentiert 100 herausragende Werke aus der eigenen Sammlung.


Wien um 1900 ist ein Schmelztiegel der Kulturen sowie Hochburg der Wissenschaften und Künste. In der bildenden Kunst geht die Künstlervereinigung Secession neue Wege und wird zur Keimzelle des Wiener Jugendstils.

Prominente Mitglieder wie Carl Moll, Emil Orlik oder Koloman Moser entdecken um 1900 eines der ältesten Druckverfahren der Welt völlig neu und verhelfen dem Farbholzschnitt zu einer ungeahnten Blüte. Mit der Betonung von Umrisslinien, der Stilisierung der Motive sowie dem Spiel mit Farbkontrasten entsprechen ihre Werke ganz dem neuen Formideal des Jugendstils. Die dekorativen Darstellungen von eleganten Damen, exotischen Tieren oder friedlichen Schneelandschaften erfreuen sich großer Beliebtheit und zeichnen sich durch höchste Erlesenheit und Virtuosität in der handwerklichen Ausführung aus.

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Schirn, Frankfurt | 6. Juli – 3. Oktober 2016 | TIPP: DIGITORIAL ansehen
Albertina, Wien | 19. Oktober 2016 - 22. Januar 2017

Der Farbholzschnitt in Wien um 1900

Kunst für Alle

Pressetext: Albertina, Wien www.albertina.at

Die Ausstellung findet in Kooperation mit der Schirn Kunsthalle Frankfurt statt. Initiiert wurde die Schau von Dr. Tobias G. Natter, Experte für die Wiener Kunst um 1900. Kuratorin in der Albertina ist Dr. Eva Michel.

Im Unterschied zur Frankfurter Station der Ausstellung, präsentiert die Albertina ausschließlich eigene Werke, die zu den Zimelien der Sammlung zählen. Damit zeigt sich einmal mehr die Stärke der Sammlung, die auch auf dem Gebiet der Kunst in Wien um 1900 prominente „Klassiker“ und neu zu entdeckende Schätze birgt.

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KATALOG | Kunst für alle. Der Farbholzschnitt in Wien um 1900

Gebundene Ausgabe
416 Seiten
ca. 460 Abbildungen
Verlag: TASCHEN
Mehrsprachige Ausgabe: Deutsch, Englisch, Französisch
4,4 x 25,4 x 38,1 cm

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Zeitgleich mit einer Ausstellung in der Schirn Kunsthalle Frankfurt und der Wiener Albertina stellt dieser Band führende Beispiele der Renaissance des Farbholzschnitts in Wien um 1900 vor. Mehr als 40 Künstlerinnen und Künstler, darunter einige heute fast vergessene, werden vorgestellt, detaillierte Bildanalysen und begleitende Essays unterstreichen die bislang unterschätzte Tragweite dieses Kapitels in der Kunstgeschichte, in dem der Japonismus nachhallt und die Moderne bereits aufscheint.

Fasziniert von japanischen Farbholzschnitten entdeckte man im 19. Jahrhundert in ganz Europa die alte Kunst des Holzschnitts neu. Zu den Künstlerinnen und Künstlern, die diese Technik begeistert aufgriffen und modernisierten, zählten auch zahlreiche Mitglieder der Wiener Secession. Um die Wende zum 20. Jahrhundert fügte sich dieses vorrangig illustrative Medium durch seine Reproduzierbarkeit und leichte Verfügbarkeit ideal in ihr Konzept einer „Kunst für alle“, die sämtliche Lebensbereiche durchdringen sollte.

Maler, Grafiker und Kunsthandwerker wie Carl Moll, Maximilian Kurzweil, Emil Orlik, der für seine Farbholzschnitte international ausgezeichnete Ludwig Heinrich Jungnickel oder Koloman Moser, Mitbegründer der Wiener Werkstätte, verhalfen dem Farbholzschnitt zu neuem Ruhm und trugen maßgeblich zur Entwicklung einer modernen Bildsprache bei, die bereits auf den Expressionismus hindeutet. Ihre Arbeiten, viele davon abgedruckt in der Zeitschrift Ver sacrum, dem zentralen Publikationsorgan der Wiener Secession, beeindrucken heute noch durch ihre grafische und farbliche Intensität. Im Wien der Jahrhundertwende gab das älteste grafische Druckverfahren der Moderne entscheidende Impulse.


VIDEO | Ausstellungsfilm der Schirn, Frankfurt

Die Vorreiterrolle der Secession

Ob Sigmund Freud oder Arthur Schnitzler, ob Gustav Klimt, Adolf Loos oder Karl Kraus – zahlreich und vielseitig sind die Protagonisten um die Jahrhundertwende in der Donaumetropole. Hinzu kommt die einzigartige Lust am intellektuellen Austausch zwischen Literatur, Musik, Theater und Bildender Kunst in bürgerlichen Salons sowie alternativen Künstlerzirkeln. Literaten, Maler, Kunsthandwerker, Architekten, Journalisten und Philosophen sind eng miteinander vernetzt und kennen einander nicht zuletzt auch durch die wienerische Institution des Kaffeehauses.

Die Künstlervereinigung Secession ist ein außergewöhnliches Beispiel für jene beispiellose künstlerische Dichte in Wien um 1900 und zugleich die Keimzelle des Wiener Jugendstils. Nach ihrer Abspaltung vom Künstlerhaus 1897 brechen die Secessionisten unter der Führung Gustav Klimts mit dem rückwärtsgewandten Historismus der Ringstraßenzeit und öffnen sich der Moderne. Alle Gattungen stehen gleichberechtigt nebeneinander, und Kunst soll das gesamte Leben durchdringen. Die Secession wird rasch zur einflussreichsten Künstlervereinigung Wiens.

Auch an der Entwicklung des Farbholzschnitts hat die Künstlergruppe besonderen Anteil: Während sich Klimt selbst nicht mit dem Farbholzschnitt befasst, verhelfen ihm andere prominente Secessions-Mitglieder wie Carl Moll, Koloman Moser und Maximilian Kurzweil zwischen 1900 und 1910 zu einer ungeahnten Blüte. In ihrem Ausstellungshaus nahe dem Karlsplatz veranstalten die Secessionisten zwischen 1900 und 1904 einige vielbeachtete Ausstellungen, in denen Farbholzschnitten breiter Raum gewidmet ist. Einen Glanzpunkt des Wiener Ausstellungsgeschehens bildet 1908 die Kunstschau, in der die gesamte heimische Farbholzschnittszene vertreten ist.

Für die Etablierung des Wiener Farbholzschnitts ebenso wichtig sind Zeitschriften: Die luxuriös gestaltete Vereinszeitschrift Ver Sacrum (lateinisch für „Heiliger Frühling“) publiziert zwischen 1898 und 1903 rund 220 Farbholzschnitte und verbreitet so die Ideen der Secessionisten mittels anspruchsvoller Buchkunst – freilich zu einem Preis für ein elitäres Publikum. Der programmatische Titel der Zeitschrift bezieht sich auf den secessionistischen Neuanfang nach der Stagnation während des Historismus – mit kunsttheoretischen Artikeln, praktischen Beispielen der neuen Ästhetik sowie Beiträgen in- und ausländischer SchriftstellerInnen kommt das Kultblatt der Forderung Der Zeit ihre Kunst, der Kunst ihre Freiheit mehr als nur treffend nach.

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Alfred Roller - Magazin Cover, Wiener Secession Januar 1898
[Public domain], via Wikimedia Commons

Die Wiederentdeckung des (Farb-)Holzschnitts

Der Holzschnitt ist damals keine neue Erfindung, sondern vielmehr die Wiederentdeckung eines der ältesten Druckverfahren der Welt: In China wird bereits im 4. Jahrhundert auf Papier gedruckt. Um 1500 erlebt der Holzschnitt mit Albrecht Dürer in Europa einen künstlerischen Höhepunkt. Den entscheidenden Beitrag zur Herausbildung des Farbholzschnitts liefern Dürers Zeitgenossen Lucas Cranach und Hans Burgkmair sowie Ugo da Carpi in Italien. Andere Drucktechniken verdrängen allerdings schon bald den Holzschnitt, der lange nur als Reproduktionsmedium dient, bis er im 19. Jahrhundert in großen Teilen Europas wiederbelebt wird. Edvard Munch revolutioniert den Farbholzschnitt und eröffnet ihm an der Wende zur Moderne radikal neue Ausdrucksmöglichkeiten.

Im Unterschied zum Holzschnitt in Schwarz-Weiß stellen Kunstschaffende beim Farbholzschnitt für jede Farbe einen eigenen Druckstock her, auf dem die Zeichnung jeweils seitenverkehrt erscheint. Auf dem Papier drucken sich die erhabenen Stege und Flächen seitenrichtig ab, während in die Druckplatte vertiefte Stellen keinen Abdruck hinterlassen. Die Druckstöcke werden nacheinander auf einen Papierbogen gedruckt und ergeben zusammen das fertige Bild. Die Farben können variiert werden, sodass es von manchen Werken unterschiedliche Fassungen gibt.

In die Ausstellung integriert sind außerdem verwandte Techniken wie der Linolschnitt, deren Ergebnisse oft kaum von denen des Holzschnitts zu unterscheiden sind. Ab 1905 entwickelt beispielsweise Jungnickel eine Schablonenspritztechnik, während Franz von Zülow 1907 für den Papierschnittdrucks ein Patent erhält.

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Ludwig Heinrich Jungnickel, Rauchende Grille, 1910, Privatsammlung

Von Moll bis Zülow

Jedem Künstler der Schau ist ein eigener Bereich gewidmet – so ist eine intensive Konzentration auf die einzelnen Künstlerpersönlichkeiten und ihre Werke möglich: Carl Molls bekannte Stadtansichten und Koloman Mosers flächenhaft stilisierte Drucke sowie originale Druckstöcke von Maximilian Kurzweil bilden den Auftakt. Selbstbewusste Frauenfiguren von Carl Anton Reichel stehen zu Beginn der Ausstellung in krassem Gegensatz zu dem verfeinerten, schönlinigen Frauenbild des Jugendstils anderer Künstler.

Zentral in der Schau sind die farbenprächtigen Tiere Ludwig Heinrich Jungnickels: Mit viel Gefühl für Form und Bewegung erfasst er Raubkatzen oder Vögel in ihren jeweils charakteristischen Eigenheiten. Seine formvollendeten Tierdarstellungen und experimentellen Schablonenspritzarbeiten bilden den Hauptteil der Ausstellung.

Auch dem Thema Landschaft ist breiter Raum gewidmet: Sowohl die alpinen Impressionen von Josef Stoitzner als auch zahlreiche Reise-Eindrücke Carl Mosers sprechen eine klare, reduzierte und somit moderne Bildsprache.

Den Abschluss bilden die expressiven Papierschnittdrucke von Franz von Zülow, der in seinen naiven Darstellungen bäuerlichen Lebens die Ästhetik des Farbholzschnitts aufgreift, den Holzstock aber durch leichter bearbeitbare Papierschablonen ersetzt.


ALBERTINA
Albertinaplatz 1
1010 Wien / Österreich

www.albertina.at

ÖFFNUNGSZEITEN

Täglich 10 bis 18 Uhr
Mittwoch 10 bis 21 Uhr

An allen Feiertagen gelten die für den jeweiligen Wochentag vorgesehenen Öffnungszeiten.

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