Gefeiert und Verspottet – FRANZÖSISCHE MALEREI 1820-1880

Kunsthaus Zürich | bis 28. Januar 2018

Das Kunsthaus Zürich zeigt exklusiv und zum ersten Mal in der Schweiz die französische Kunst im Spannungsfeld zwischen der akademischen «Salonmalerei», die im Laufe des 19. Jahrhunderts ihrem Ende entgegenlief, und der sich davon emanzipierenden, individuellen Impulsen folgenden Malerei. Romantik, Naturalismus, Realismus und der Impressionismus kämpfen erbittert um die Gunst des Publikums. Wer damals geschmäht wurde, gilt heute als Star und umgekehrt.


Anhand von etwas mehr als 100 Gemälden werden verschiedene Strömungen der französischen Malerei im 19. Jahrhundert einander gegenübergestellt. Dabei werden nicht nur starke Gegensätze, sondern auch Gemeinsamkeiten aufgedeckt.

Die differenziertere Betrachtungsweise auf diese kunsthistorisch wichtige Periode ist vor allem im deutschen Sprachraum erkenntnisfördernd, wo die Rezeption der französischen Kunst einseitig verlaufen ist.

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Kunsthaus Zürich | bis 28. Januar 2018

GEFEIERT UND VERSPOTTET

Französische Malerei 1820-1880

Pressetext: Kunsthaus Zürich www.kunsthaus.ch
Kuratorin: Sandra Gianfreda

KATALOG | Gefeiert und Verspottet – FRANZÖSISCHE MALEREI 1820-1880

Broschur
248 Seiten
184 Abbildungen in Farbe
Verlag: Hirmer
Sprache: Deutsch
23 x 2,2 x 28,2 cm

Neben einer ausführlichen Einführung und Kurzbiografien zu den Künstlerinnen und Künstlern beinhaltet die Publikation Essays zu dem damaligen Kunstsystem, der Historienmalerei, der Chardin-Rezeption in der Stilllebenmalerei sowie zu der Landschaftsmalerei.

In der Gegenüberstellung sogenannter »Salonmaler« und »Erneuerer der Malerei« bietet der Band einen differenzierten Blick auf die kontroversen Stilrichtungen in der französischen Malerei zwischen 1820 und 1880 sowie auf die Entwicklungen innerhalb der traditionellen Bildgattungen.

Heute «in», morgen «out»

und umgekehrt: Das gab es schon im 19. Jahrhundert. Romantik, Realismus und Impressionismus waren konkurrierende Strömungen in der französischen Malerei, die von einigen wenigen Liebhabern bejubelt, von den meisten Kritikern aber geschmäht wurden.

Die französische Malerei des 19. Jahrhunderts bietet allerdings eine Vielzahl anderer, ebenso wichtiger Künstler, die damals bei Kunstkritik und Publikum das grössere Ansehen genossen und hochgefeiert wurden. Obschon der traditionellen Malweise verpflichtet, waren Delaroche, Couture, Meissonier, Cabanel, Gérôme und Bouguereau beispielsweise selbst höchst innovativ.

Durch den im deutschsprachigen Raum zu Beginn des 20. Jahrhunderts festgelegten Kanon der französischen Malerei jener Epoche wurden diese hervorragenden Künstler jedoch ins Abseits gedrängt. Nun gilt es, sie neu zu entdecken.

INNOVATIVE KLASSIZISTEN UND TRADITIONELLE AVANTGARDISTEN

Romantik, Naturalismus, Realismus, Impressionismus – das sind noch immer die Stilbegriffe, mit denen die französische Malerei des 19. Jahrhunderts klassifiziert wird. Künstler dieser Stilrichtungen, zu denen Géricault, Delacroix, Corot, Daumier, Millet, Courbet, Manet, Sisley, Monet und Renoir zählen, verliessen damals den offiziellen «Hauptweg» der Malerei, den akademisch-klassizistischen Stil. Trotz ihrer revolutionären Ansätze wiesen manche unter ihnen jedoch auch eine traditionelle Seite auf. Zu ihrer Zeit höchst umstritten, gehören diese Künstler heute zu den weltweit gefeierten «Wegbereitern der Moderne».

Ganz anders verhält es sich mit den damals hochangesehenen Künstlern wie Meissonier, Cabanel, Gérôme und Bouguereau: Heute fristen sie vor allem im deutschsprachigen Raum ein Schattendasein – zu Unrecht, denn sie spielen für das Verständnis der damaligen Entwicklungen in der Kunst eine herausragende Rolle. Obschon der traditionellen Malweise verpflichtet, waren diese Künstler selbst höchst innovativ.

ÜBER ERFOLG UND MISSERFOLG ENTSCHIED DER SALON

Die Ausstellung konzentriert sich auf die Jahre zwischen 1820 und 1880: 1822 gab Delacroix sein Debüt am Salon, der damals offiziellen Ausstellungsplattform der Künstlerinnen und Künstler, und bot der klassizistischen Malerei eines Ingres die Stirn. 1880 wurde die Ära des Salons als staatlich organisierte Veranstaltung beendet.

In diesem Zeitraum verliessen auch Géricault, Corot, Daumier, Daubigny, Courbet, Manet, Pissarro und Monet den offiziellen «Hauptweg» der Malerei, die akademisch-klassizistische Manier. Zu ihren Lebzeiten höchst umstritten, gehören diese Künstler heute zu den weltweit gefeierten «Wegbereitern der Moderne».

In der Folge fiel anders organisierten Ausstellungen, dem Kunstmarkt und dem Publikum die Rolle des «Königsmachers» zu. Lag der Einfluss der Kunstkritik mit den oben genannten Akteuren an der Schwelle zum 20. Jahrhundert zunächst noch gleichauf, ist sie heute ein weit weniger bestimmender Faktor für den Aufstieg und Fall von Kunstschaffenden.


 

Jean-Baptiste Camille Corot  - Orpheus führt Eurydike aus der Unterwelt, 1861 
Öl auf Leinwand, 112,7 x 137,2 cm
[Public domain], via Wikimedia Commons
The Museum of Fine Arts, Houston, 
Museum purchase funded by the Agnes Cullen Arnold Endowment Fund, 87.190

Camille Corot, der heute vor allem als Wegbereiter des Impressionismus bekannt ist, beginnt seine Karriere als Maler von idealisierten Italienlandschaften. Durch seinen Lehrer Achille-Etna Michallon wendet er sich bereits in jungen Jahren der direkten Naturbeobachtung zu. Neben seinen naturalistischen Darstellungen, die im Wald von Fontainebleau entstehen, widmet Corot sich zeit seines Lebens auch Landschaften, die von mythologischen Figuren belebt sind, darunter Orpheus führt Eurydike aus der Unterwelt von 1861.

Inspiration für die Darstellung dieses traditionellen Bildthemas dürfte die von Hector Berlioz adaptierte Oper Orpheus und Eurydike von Christoph-Willibald Gluck gewesen sein, die Corot 1859 in Paris besuchte. Der Maler platziert die beiden Figuren in eine träumerisch-poetische Landschaft. Als er sie 1861 am Salon zeigt, ist die Kritik zweigeteilt: Die einen loben ihn als «Dichter der Landschaft», die anderen kritisieren ihn dafür, sich ständig zu wiederholen.


 

Eugène Giraud - Le bal de l’Opéra, 1866
Der Opernball
Öl auf Leinwand, 172 x 125 cm,
Musée Carnavalet – Histoire de Paris

Während Eugène Giraud zu Lebzeiten zu den anerkannten Künstlern gehörte, die im Kreis von Prinzessin Mathilde Bonaparte und dem einflussreichen Kulturpolitiker Alfred Émilien de Nieuwerkerke verkehrten, ist er heute kaum noch jemandem bekannt. Der in akademischer Manier malende Künstler beschickt den Salon regelmässig mit seinen Porträts, Genreszenen und Landschaften.

1867 stellt er den Opernball aus. Das Gemälde zeigt eine ausgelassene Szene während eines jeweils zur Fastnacht stattfindenden Maskenballs in der Pariser Oper. Giraud widmet sich damit einer Darstellung des modernen Lebens, so wie es auch Édouard Manet und die Impressionisten tun. Sein Gemälde Der Opernball, das seinerzeit durch einen Holzschnitt und eine Fotografie Verbreitung fand, tauchte erst vor wenigen Jahren wieder auf und ist seit dem Salon von 1867 nun erst zum dritten Mal wieder ausgestellt.


 

Als Édouard Manet sein Gemälde Die Schwalben für den Salon von 1874 einreicht, wird es von der Jury abgelehnt. Einzig sein Gemälde „Die Eisenbahn“ sowie ein Aquarell finden Gnade in den Augen der Kommission. Die konservative Jury kann sich noch immer nicht an das «unfertige» Erscheinungsbild von Manets Gemälden gewöhnen. Es ist nicht das erste Mal, dass der 42-jährige Künstler eine solche Zurückweisung einstecken muss.

Diesmal allerdings dürfte der negative Entscheid für Manet überraschend gekommen sein, wurden doch auf den Salon der beiden Vorjahre zwei seiner gezeigten Gemälde von der Kritik in den höchsten Tönen gelobt. Sein zuvor gefeierter Triumph wurde daher 1874 gleich wieder zunichte gemacht, zumal seine Werke erneut heftig kritisiert werden.

Mit rasch gesetztem losem Pinselwerk hat Manet hier die Szene eines friedlichen Nachmittags im Freien eingefangen. Im Vordergrund sind die Mutter des Künstlers in Schwarz und Madame Manet in Weiss dargestellt, die von tieffliegenden Schwalben umkreist werden.


 

James Tissot - Portrait de Mademoiselle L.L., 1864
Öl auf Leinwand, 123,5 x 99 cm, 
Musée d’Orsay, Paris

James Tissot beginnt seine Karriere als Maler von religiösen Sujets und literarischen Genreszenen. Sehr schnell lässt er diese Richtung jedoch hinter sich und wendet sich – wie Édouard Manet, Edgar Degas und Claude Monet – der Darstellung des modernen Lebens zu.

Auf dem Salon von 1864 präsentiert er zum ersten Mal Gemälde mit zeitgenössischen elegant gekleideten Damen: Zwei Schwestern und Porträt der Mademoiselle L.L. Letzteres zeigt eine junge Dame in einem Interieur, die den Betrachter mit einem beinahe herausfordernden Blick ansieht. Die Identität der Porträtierten ist bis heute nicht geklärt.

Tissot lehnt sich bei seiner Darstellung einer vor einem Spiegel sitzenden Dame sowie mit seiner akademischen Feinmalerei der Porträtkunst von Jean-Auguste-Dominique Ingres an, den er bewundert. Diese Verehrung teilt er übrigens mit Degas, mit dem Tissot damals eng befreundet war.


 

PRESSESCHAU

Ziemlich beste Vergessene

Paulina Szczesniak für den Tagesanzeiger | Artikel lesen

„Warum immer nur Monet, Manet und Degas zeigen, wenn die französische Malerei des 19. Jahrhunderts noch so viel mehr zu bieten hat? Das Kunsthaus Zürich stellt unsere heutigen Favoriten neben Künstler, die mittlerweile so gut wie unbekannt sind, einst aber Stars waren.

Vielleicht hätte man sich etwas mehr Mut von den Ausstellungsmachern gewünscht und die Bilder gern so präsentiert bekommen, wie sie tatsächlich einst im Salon hingen: dicht an dicht neben- und übereinander, bis unter die Decke. Oder wäre das zu viel fürs heutige Auge gewesen? Immerhin wurde gleich beim Eingang der Schau François-Joseph Heims Louvre-Gemälde der Preisverleihung am Salon 1824 raumhoch reproduziert; man gewinnt da einen ganz guten Eindruck von den damaligen Zuständen.“

 


Kunsthaus Zürich www.kunsthaus.ch
Heimplatz 1, CH–8001 Zürich,

Offen: Fr–So/Di 10–18 Uhr, Mi/Do 10–20 Uhr. Feiertage: 24./26. Dezember,
31. Dezember 2017 sowie 1./2. Januar 2018: 10–18 Uhr.

Ausstellung inkl. Audioguide d/e/f: CHF 23.–/18.– reduziert und Gruppen.
Kombiticket inkl. Sammlung: CHF 26.–/19.– reduziert und Gruppen.
Bis 16 Jahre und mit einer Jahresmitgliedschaft der Zürcher Kunstgesellschaft gratis.

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