MARTIN KIPPENBERGER: sehr gut | very good

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Martin Kippenberger, Ohne Titel, 1982, Sammlung Falckenberg, Hamburg Harburg
6-teilige Serie, Öl und Acryl auf Leinwand, 100 x 120 cm
Foto: Jens Ullheimer, Hamburg

Am 25. Februar 2013 wäre Martin Kippenberger 60 Jahre alt geworden. Aus diesem Anlass zeigt der Hamburger Bahnhof — Museum für Gegenwart, Berlin bis So, 18. August 2013 mehr als 300 seiner Werke – private Fotos, Bücher, Plattencover und Filme – auf 3000 qm Ausstellungsfläche.

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Jeder Künstler ein Mensch

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AUDIO | Stichtag 07. März 1997: Der Todestag des deutschen Künstlers Martin Kippenberger [ Ralph Erdenberger für den NDR ]

Nach einem exzessiven Leben verstarb Kippenberger mit nur 44 Jahren. In der Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof — Museum für Gegenwart — Berlin wird ein Künstler ausgestellt, dessen Kunst und Leben nicht zu trennen ist — ein Maler, Schauspieler, Schriftsteller, Musiker, Trinker, Tänzer, Reisender, Charmeur, Enfant terrible und Selbstinszenierer, kurz: ein „Exhibitionist“, wie er selbst sagte.

Diese Durchdringung von Persönlichkeit und Werk sowie der ungeheure Facettenreichtum seiner künstlerischen Produktion sollen nun in der gesamten Bandbreite seines kreativen Schaffens visualisiert werden.

Grundlage ist die Friedrich Christian Flick Collection, in der sich so zentrale Werke befinden wie Uno di voi, un tedesco in Firenze (1976—1977), Martin, ab in die Ecke und schäm dich (1989) oder Kippenbergers zahlreichen Zeichnungen auf Hotelpapier.

„Kippenberger benutzte das Groteske der Massenkultur, weil sie längst frecher als ihre Kritiker war. Flick hat nur Freude am Dummfrechen an sich.“
[ Statement von Diedrich Diederichsen aus dem Jahr 2004 | lesen ]

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Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart, Berlin 
Nationalgalerie bis 18. August 2013

MARTIN KIPPENBERGER: sehr gut | very good

Pressetext: Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart, Berlin

„Martin Kippenberger: sehr gut | very good“ will keine Retrospektive sein, sondern eine Annäherung an die private und öffentliche Person sowie den Künstler Martin Kippenberger.

Auch wenn seine Zeit in West-Berlin nur kurz war — er kam 1978 und verließ die Stadt schon wieder 1981 —, entwickelte er hier bereits wichtige Themen seines künstlerischen Kosmos. So verkündet er „Berlin muss neu gestrichen werden“ und machte sich einen Namen als kurzzeitiger Mitinhaber des legendären Punk-Clubs SO36 oder Betreiber des „Büro Kippenberger“, von dem aus er eine ganze Palette Dienstleistungen anbot und delegierte. Auch als Musiker der Band „Luxus“ und Schauspieler trat er auf.

Hatte er mit seiner Serie Uno di voi, un tedesco in Firenze während eines Italienaufenthaltes noch als Maler von Öl auf Leinwand agiert, tauschte er in Berlin große Teile der zig-teiligen Serie gegen kostenloses Essen und Trinken in der legendären „Paris Bar“ ein, die er ebenfalls malte. Mit seiner Serie „Lieber Maler, male mir“ untergrub er kurz darauf das Klischee des Malergenies aber wieder, weil Kippenberger die großformatigen Bilder von seinem Büro aus nunmehr bei einem Plakatmaler orderte und das auch nicht verhehlte. Später sollte er bei einem Herrgottschnitzer gekreuzigte Frösche in Auftrag geben — eines seiner vielen skandalträchtigen Werke. Und auch den öffentlichen Empörungen, die er immer wieder verursachte, gewinnt er mit Arbeiten wie „Martin, ab in die Ecke und schäm dich“ noch etwas Positives ab.

Eine mehrteilige Installation, oft als „weiße Bilder“ bezeichnet und bislang selten gezeigt, ist ebenfalls zu sehen: Elf weiße Leinwände, die in die weiße Wand eingelassen sind und durch Einspachtelung der Fugen praktisch eins mit ihr werden. Tritt man näher heran, ist eine durchsichtig glänzende Kinderschrift zu erkennen, die Kippenbergers Arbeiten quasi ein Zeugnis ausstellt und sie durchweg mit der Note „sehr gut“ versieht — natürlich im Auftrag Kippenbergers. Ironie, Konzept und Avantgarderhetorik verschmelzen hier zum scheinbar leeren „white cube“. So sehr Martin Kippenberger aber Ausstellungen seiner Arbeiten liebte, so wenig hatte er für Kunsthistoriker und deren Urteil übrig. Der Titel der Ausstellung „Martin Kippenberger: sehr gut | very good“ bezieht sich aber nicht nur auf die weißen Bilder, sondern auch auf eine seiner weit über hundert Publikationen — das Magazin „sehr gut. very good“ von 1978.

Kommentiertes Werkverzeichnis der Bücher von Martin Kippenberger 1977-1997.
Von Uwe Koch. Essays von Diedrich Diederichsen & Roberto Ohrt. & Roberto Ohrt.

336 S. & 151 farb. Abb.
auf 32 Tafeln sowie 478 Abb. im Werkverz.
Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln 2002
20 x 28 cm
Index. Broschur
In dt. & engl. Sprache

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Die scheinbar marginalen Genres – Plakate, Einladungskarten, und Publikationen – sind ein wesentlicher Teil im Oeuvre Martin Kippenbergers (1953-1997). Dem Autor ist es gelungen, neben der ausführlichen bibliographischen Information, die auch sämtliche Varianten und Auflagen nennt, durch überaus kenntnisreiche Kommentare zu Anlaß, Hintergrund, Kooperationen und Entstehungsgeschichte eine Entwicklungsgeschichte des wohl persönlichsten, vielschichtigsten und experimentellsten Werkbereichs des Künstlers zu schreiben. 149 Künstlerbücher, von ihm verantwortete und gestaltete Ausstellungskataloge und Publikationen, die Originalbeiträge enthalten, laufen chronologisch und parallel zu einer von Kippenberger selbst verfaßten Biographie. Das Buch ist Referenzwerk und Lesebuch zugleich.

Inmitten aller Ironie kommt in der Ausstellung aber auch ein Mensch zum Vorschein, der seinen nahenden Tod künstlerisch zu verwerten wusste. In den Posen der Schiffsbrüchigen von Théodore Géricaults berühmten Gemälde von 1819 malt er sich selbst: aufgedunsen, gealtert, erschöpft.

Überhaupt ist die Selbstdarstellung ein wesentlicher Teil seiner Arbeit und seines Lebens. So tritt er auch in Picasso-Pose oder in Joseph Beuys’ Filzanzug auf, inszeniert sich als türkische Putzfrau und nennt das Helmut Newton für Arme. Die Fülle an Fotografien, vor allem Selbstporträts, ist darum enorm. Ausgesuchte Aufnahmen werden die Gemälde, Zeichnungen, Skulpturen, Plakate, Bücher und Musik ergänzen und so einen differenzierten und umfassenden Blick auf Kippenberger werfen lassen — 30 Jahre nachdem er Berlin verließ.

Heute gilt er als einer der bedeutendsten Künstler seiner Generation, genießt sein Name internationalen Ruhm.

„Kunst wird ja sowieso immer erst im Nachhinein betrachtet… Ich würde sagen, 20 Jahre ist der Zeitraum. […] Was dann die Leute noch von mir erzählen oder nicht erzählen werden, entscheidet. Ob ich gute Laune verbreitet habe oder nicht. Und ich arbeite daran, dass die Leute sagen können: Kippenberger war gute Laune!“, kommentierte er 1991 in einem Interview.

Kuratoren: Udo Kittelmann, Dr. Britta Schmitz

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AUDIO | Martin Kippenberger - Ja, Ja, Ja, Nee, Nee, Nee 
[ Greatest Hits 1996 ] mit Rüdiger Carl, Sven Åke Johansson, 
Christina Hahn, Achim Kubinski, Eric Mitchell und Albert Oehlen

War Martin Kippenberger der Anti-Beuys?

Carsten Probst für DEUTSCHLANDRADIO Kultur | Beitrag lesen

Kippenberger habe sich als großer Entmystifizierer der Kunst und des Kunstmarktes gesehen, was läge da näher, als die künstlerische Überfigur Beuys möglichst klein zu machen. „Ja ja nee nee“ tönt es aus Lautsprechern am Eingang, nicht von Beuys, sondern eben von Kippenberger gesprochen, allerdings in einer Intonation, die eher nach vergreistem Herbergsvater klingt.

Die Frage: „Wie schreibt man als Künstler Kunstgeschichte?“, steht ungeschrieben in fetten Lettern über allem, was Kippenberger angefangen hat – und dazu in Klammern das Selbsteingeständnis, dass er als Künstler nicht aus eigener Kraft an diese historischen Figuren heranzureichen vermag.

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Martin Kippenberger

geboren am 25.2.1953 in Dortmund, gestorben am 7.3.1997 in Wien.

Linkliste „Nachruf-Veröffentlichungen“

Martin Kippenberger zählt zu den vielseitigsten und produktivsten deutschen Künstlern der Nachkriegszeit. Mit überschäumender Energie erarbeitet er seit den 1970er Jahren bis zu seinem frühen Tod ein sehr umfangreiches OEuvre, das von Malerei, Grafik und Plastik über Installation und Happening bis hin zu Ausstellungsorganisation und Buchpublikation nahezu alle Möglichkeiten des Kunstschaffens ausschöpft. Dabei geht es ihm um die Hinterfragung von Gesellschaft, Kunstbetrieb und die Auslotung noch verbleibender Möglichkeiten der zeitgenössischen Kunst. In provozierend banalen oder spöttischen Bildfindungen, die bewusst auch Peinlichkeiten akzeptieren, in Nonsenstexten und mit beabsichtigtem Dilettantismus attackiert er die Kunstproduktion.

Kippenberger Multiples Bitte nicht nach Hause schickenBUCH | KIPPENBERGER -Multiples. Werkverzeichnis. Katalog.
Text von Karola Grässlin & Martin Prinzhorn.

brosch. 4to.
143 Seiten
190 (183 farb.) meist ganzseit. Abb.,
Text / Language:  Deutsch / English & niederl.

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Nach den „Gesamten Plakaten“  und dem „Kommentierten Werkverzeichnis der Bücher“  liegt mit dieser Publikation ein
weiteres Referenzwerk zur vielfältigen Arbeit Kippenbergers vor.

Das Werkverzeichnis erfaßt sämtliche 88 Multiples und Editionen aus den Jahren 1982 – 1997 chronologisch nach ihrer Entstehung in Bildern und Werkkommentaren sowie Titel, Format, Material und Auflage und bildet alle in Detailaufnahmen und Totalansichten ab, meist je auf einer Doppelseite. Die Multiples stehen exemplarisch für die Arbeitsstrategien des Künstlers und beinhalten alle Themenkomplexe, die Kippenberger ein Leben lang verfolgte. Vom Nasenpopel bis zur goldenen Laterne konnte er alles in Kunst verwandeln. Michael Krebber, Freund und Mitarbeiter Kippenbergers,
besorgte die Gestaltung.

This catalogue raisonn comprises all of Kippenbergers` multiples from 1982 1997: title, year, format, motif, edition, signature and production of every piece. The multiples are shown mostly full page and with commentary. Following „The Collected Posters“ and the catalogue raisonne of his books,this is a further standard work on Kippenberger.

Martin Kippenberger wächst in einer sehr kunst- und kulturinteressierten Familie auf. Nach einer nicht sehr erfolgreichen Schullaufbahn und einer abgebrochenen Dekorateurlehre beginnt er 1972 das Studium der Freien Malerei an der Hamburger Kunstakademie.

Nach Abbruch des Studiums vier Jahre später malt er in Florenz die Serie Uno di voi, un tedesco in Firenze, die er nach seiner Rückkehr

1977 in seiner ersten Einzelausstellung in der Berliner Galerie Petersen ausstellt.

1978 übersiedelt Kippenberger nach Berlin, wo er zusammen mit Gisela Capitain „Kippenbergers Büro“ gründet und die Geschäftsführung des Clubs SO 36 übernimmt. Er organisiert Ausstellungen und Konzerte, erwirbt erste Arbeiten von Künstlerkollegen und lernt seinen späteren Galeristen Max Hetzler kennen.

Er schreibt einen Roman und verbringt lange Nächte in Kneipen, etwa in der „Paris Bar“. Dort tauscht er auch zum ersten Mal einige seiner Kunstwerke gegen das lebenslange Recht ein, mit einer Begleitperson frei essen und trinken zu dürfen — ein Tauschgeschäft, das er in einigen Städten wiederholen wird. Seine künstlerische Produktion umfasst nicht nur unterschiedliche Medien (vom Ölgemälde übers Multiple bis hin zu Performances und Großinstallationen), sondern auch die gesamte Gestaltung von Ausstellungen inklusive  Einladungskarten, Plakaten, Büchern und Aufklebern. Kippenberger macht alles. Und er arbeitet gemeinsam mit anderen Künstlern, schafft Netzwerke und bringt Menschen zusammen.

1982 zieht Kippenberger nach Köln. Im Laufe der 1980er Jahre entstehen viele oftmals provozierende Kunstproduktionen sowie 1986 die erste umfassende Museumsausstellung „Miete Strom Gas“ in Darmstadt. Gemeinschaftsarbeiten mit Albert Oehlen, Werner Büttner und Georg Herold.

Den rastlosen Künstler zieht es immer wieder für lange Zeit ins Ausland, etwa nach Graz, Los Angeles, Madrid, Syros, Tokio und Wien.

1988 nimmt Kippenberger an der Biennale in Venedig teil.

1990 tritt Kippenberger eine Gastprofessur an der Städelschule Frankfurt an und unterrichtet 1992 an der Gesamthochschule Kassel. Fortan involviert er wiederholt Assistenten in sein künstlerisches Schaffen.

1995 siedelt er ins Burgenland über, wo er die Serie Das Floß der Medusa malt. Ein Jahr später erhält er den „Käthe-Kollwitz-Preis“.

Ein großes Projekt, das ihn neben unzähligen anderen bis zu seinem Tod beschäftigt, ist die Realisierung eines weltumfassenden U-Bahnnetzes, für das er 1993 einen Eingang in Syros (Griechenland), 1995 in Dawson City (Kanada) und 1997 einen dritten auf der Leipziger Messe errichtet, die im gleichen Jahr posthum nach seinen Konzepten durch einen Lüftungsschacht in Münster und einen portablen Eingang auf der Dokumenta X in Kassel ergänzt werden.

Martin Kippenberger stirbt am 7. März 1997 in Wien.

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Gespräche über Martin Kippenberger

Kippenberger & Friends Gespräche über Martin KippenbergerBUCH | Kippenberger & Friends

Gebundene Ausgabe
224 Seiten
ca. 80 color and b/w images
Verlag: Distanz Verlag;
Auflage: 1. (15. Februar 2013)
Sprache/Language: Deutsch, English
27,6 x 20 x 2,4 cm

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Am 25. Februar 2013 wäre der deutsche Künstler Martin Kippenberger 60 Jahre alt geworden. Mittlerweile wird sein Werk international gefeiert und bildet einen festen Bestandteil in den wichtigsten Sammlungen und Museen der Welt. Heute wie damals fordert die Frage nach seinem Stellenwert zu lebhaften Diskussionen heraus: Gepriesen als Beuys der 1980er Jahre, deutscher Warhol oder Picabias Erbe, ist er gleichermaßen bekannt als Dilettant und Genie, Enfant terrible und Provokateur, Netzwerker und Visionär.

Als Interview- und Fotobuch nähert sich Kippenberger & Friends dem Mythos Kippenberger in 25 Gesprächen mit Künstlern, Kuratoren, Galeristen und Freunden. Er enthält ca. 80 dokumentarische Fotografien aus den persönlichen Beständen der Freunde, die erstmals veröffentlicht werden. Nachdenklich, humorvoll, kritisch und auch selbstironisch öffnet sich so der Blick auf einen, der keinen gleichgültig gelassen hat. In den sehr persönlichen Erinnerungen wird nicht nur Kippenberger lebendig. Es entsteht ein dichtes Bild der kulturellen Situation in einem Deutschland, das zwischen Springer-Presse und Studentenrevolte, hedonistischer Konsumkultur und provozierender Rebellion hin- und hergerissen wurde.

Josephine von Perfall promoviert seit 2010 an der kunsthistorischen Fakultät der University of Cambridge über Martin Kippenberger. Die Rolle, die er als Künstler und insbesondere als Netzwerker für die Entwicklung der deutschen Nachkriegskunst gespielt hat, ist, so ihre These, nicht zu überschätzen und der Schlüssel zum Verständnis eines wichtigen Kapitels deutscher Nachkriegskunst.

Interviews mit: Roland Augustine, Galerist, New York; Lukas Baumewerd, Architekt; Klaus vom Bruch, Künstler; Werner Büttner, Künstler; Gisela Capitain, Galeristin, Köln/Berlin; Zdenek Felix, Kurator; Max Hetzler, Galerist, Berlin; Carmen Knoebel/Brigitta Rohrbach, ehemalige Wirtinnen des Ratinger Hof, Düsseldorf; Kasper König, ehemaliger Museumsdirektor Museum Ludwig, Köln; Jutta Koether, Künstlerin; Christian Ludwig Attersee, Künstler; Helmut Middendorf, Künstler; Albert Oehlen, Künstler; Peter Pakesch, Museumsdirektor Joanneum und Kunsthaus, Graz; Friedrich Petzel, Galerist, New York/Berlin; Martin Prinzhorn, Sprachwissenschaftler; Achim Schächtele, ehemaliger Mitinhaber des S.O.36, Berlin; Stephan Schmidt-Wulffen, Rektor der New Design University, St. Pölten; Elfie Semotan, Fotografin und Ehefrau; Claudia Skoda, Modedesignerin; Helene Winer, Galeristin, New York; Johannes Wohnseifer, Künstler; Michel Würthle, Besitzer der Paris Bar, Berlin; Bernd Zimmer, Künstler; Heimo Zobernig, Künstler.

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Kippenberger: Der Künstler und seine Familien

Martin Kippenberger, der früh verstorbene Bad Boy der Kunstszene, berühmt und berüchtigt für seine künstlerischen Grenzüberschreitungen, für sein provozierendes Leben, in einem berührenden Erinnerungsbuch seiner Schwester.

»Diese Biografie beeindruckt als investigativer Journalismus wie als fesselnde Literatur: eines der tollsten Kunstbücher seit Langem.« [ Berliner Zeitung ]

Martin Kippenberger hat als Künstler und als Mensch immer die Extreme gesucht.In ihrem biographischen Porträt schildert Susanne Kippenberger ihren Bruder, wie ihn die kannten, die ihm nahe waren. Sie blickt hinter die Inszenierungen eines Künstlers, der seinen Ruhm, seine Wirkung immer auch kontrollieren wollte.

Kippenberger - Der Künstler und seine FamilienBUCH | Kippenberger: Der Künstler und seine Familien
von Susanne Kippenberger

Gebundene Ausgabe
586 Seiten
Sprache: Deutsch
21,8 x 14,8 x 4,6 cm

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Sie beschreibt den Bürgerschreck und Familienmensch, den Selfmademan und Provokateur, der nichts so sehr fürchtete wie Langeweile und nichts so sehr hasste wie Routine – und gleichzeitig seine Rituale brauchte. Der süchtig war nach Drogen, Alkohol, Anerkennung, Liebe und sich zu Tode arbeitete für sein Werk, die Kunst. Dessen Sehnsucht nach neuen Orten und Projekten so groß war wie die nach einem Zuhause, nach Familien und Ersatzfamilien. Ein Enfant terrible, für das die Kindheit nie aufhörte.

Die Autorin erzählt eindrucksvoll von den Stationen dieses rastlosen Lebens, der Kindheit im Ruhrgebiet, dem Zusammenhalt der großen Familie, dem offenen Haus und den Künstlerfreunden der Eltern, aber auch von der Einsamkeit des Bruders in Internaten, den Problemen in der Schule und den frühen Ausbruchsversuchen.

Es folgen Reisen, erste Begegnungen in der Kunst- und Musikszene, ein abgebrochenes Kunststudium in Hamburg und Umzüge nach Florenz, Berlin, Paris, dann die großen Ausstellungen, der beginnende Ruhm. Susanne Kippenberger begleitet dieses Leben bis zum letzten Akt, dem frühen Tod 1997, mit 44 Jahren. Sie lässt Freunde und Weggenossen zu Wort kommen und fragt immer wieder nach dem Zusammenhang von Biographie und Werk. Ihr sehr persönliches Porträt ist auch ein Familien- und Zeit-gemälde, ein Bild der Gesellschaft und ihrer Kunst.

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Kippenberger. Der Film

Hortende Pisano zur Welturaufführung von „Kippenberger — Der Film“
KunstFilmBiennale Köln, Oktober 2005

Jägermeister, Rock ’n‘ Roll und einfach machen, nicht nur glotzen. Die ersten Filmminuten sind ein einziges leidenschaftliches Plädoyer für „Verschwende deine Jugend“. Acht Jahre nachdem Martin Kippenberger 44-jährig in Wien starb, wurde auf der KunstFilmBiennale in Köln erstmals Jörg Kobels „Kippenberger“-Film vorgestellt. Das 75-minütige Porträt begann mit einem Flashback auf das Berlin der Punkrockära. Filmbilder von 1979 führten in Kippenbergers Club SO 36 – ein verrauchter Keller, auf der Bühne ein junger Mann im grauen Anzug, der ekstatisch die Hüften schwingt. „Kippenberger ist ein genialer Rock ’n‘ Roller.“ Selbst dem bemüht nüchternen Kommentar des Journalisten ist zu entnehmen – der Künstler als rockender Performer, dem die Disco als Plattform diente, das war in Deutschland neu, aufregend, rebellisch.


Kippenberger - Der FilmKIPPENBERGER — DER FILM

Deutschland / Österreich 2005, 75 min.
Mit Diedrich Diederichsen, Kasper König, Christoph Schlingensief,
Michel Würthle, Gisela Capitain, Elfie Semotan, Familie Grässlin u.a.
Buch & Regie: Jörg Kobel

Bildformat: 4:3
Sprachen / Tonformate: Deutsch (Stereo)
Untertitel: Englisch
Ländercode: Codefree
Extras: Leben und Werk u. a.“Dieses Leben kann nicht die Ausrede für das nächste sein.“

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Wie porträtiert man den wortgewaltigen Selbstdarsteller Kippenberger, der als vielleicht „letzter überdimensionaler und hypostasierter Künstlerdinosaurier“ galt, wie Diedrich Diedrichsen schrieb, und der 1997 für immer von der Bühne verschwand? Filmemacher Kobel, Jahrgang 1966 und damit eher „Generation Golf“, recherchierte in den Archiven der Fernsehsender. Frühe Filmfeatures bereicherte er durch Interviews aus dem engen Kreis der Kippenberger-Familie. Entstanden ist ein sehr persönliches Porträt, das alle wichtigen Stationen des Künstlers ausbreitet.

Man könnte dem Film mangelnde Distanz attestieren, wenn die Sammler-Familie Grässlin Zoten frei nach der Schnauze des Künstlers zum Besten gibt oder die „So 36“-Mitbegründerin und heute erfolgreiche Galeristin Gisela Capitain emotional ergriffen Kippenberger als privat scheu beschreibt. Doch diese subjektiven Eindrücke sind die großen Momente des Films.

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Wie es wirklich war

»Ich brauch keinen Lektor, ich kann mich selber lenken,wenn ich mich wieder bücken kann. Und ich lach darüber, wenn jemand das nicht haben will oder nur ein Buch davon verkaufen will oder es nicht drucken will … Ich lach mich tot

Nach seinem frühen Tod scheint Martin Kippenberger so kanonisiert, wie er zu Lebzeiten umstritten war. Allerdings wird er dabei oft nur als Maler wahrgenommen, kaum dagegen als die epochale Integralgestalt, die auf ihre Art so gut wie alles machte: Kunst, Performances, Skandale, Feiern, Reisen, Punkrock, Kalauer und nicht zuletzt auch Bücher.

Diedrich Diederichsen, der Kippenbergers Weg aus nächster Nähe verfolgt hat, präsentiert eine Auswahl aus den inzwischen schwer gesuchten Textpublikationen, namentlich CaféCentral. Skizze zum Entwurf einer Romanfigur, Durch die Pubertät zum Erfolg und 1984 wie es wirklich war am Beispiel Knokke.

Martin Kippenberger  Wie es wirklich warBUCH | Martin Kippenberger | Wie es wirklich war – am Beispiel.
Herausgegeben von Diedrich Diederichsen

359 Seiten
Verlag: Suhrkamp Verlag;
Auflage: Originalausgabe (30. April 2007)
Sprache: Deutsch

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Diedrich Diederichsen, geboren 1957 in Hamburg, war in den 1980er Jahren Redakteur von Musikzeitschriften (Sounds, Spex), in den 1990ern Hochschullehrer. Er lebt in Berlin.

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„Der kann ja auch malen!“

Diedrich Diederichsen 6.2003 für die TAZ | Artikel lesen

Kippenberger war zu Lebzeiten wirklich umstritten. Die Presse, jedenfalls das so genannte Feuilleton, schrieb kein einziges freundliches Wort, die Museen ignorierten ihn. Das distinguierte Kunstpublikum ließ sich – ja, ich muss das schreckliche Wort hier benutzen – „provozieren“, die Szene war von seinen sexistischen Witzen genervt und selbst die, die ihn trotz allem immer wieder verteidigten, versuchten die endlosen Performances auf den Eröffnungsparties zu schwänzen.

All das ist wie weggeblasen: Nach seinem Tod wollen ihn alle Museen, das Feuilleton schreibt kein unfreundliches Wort mehr. Und auch eine neue Interpretation setzt ein, die aus dem „Der konnte ja malen“ schließlich den Ahnen der neuen deutschen Malerei und all ihrer – vor allem – biederen Rückkehrmanöver zu einer Kunst der klaren Arbeitsteilung zwischen den wieder ganz unbezweifelten Institutionen des Kunstbetriebs gemacht hat.

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