Wer heute an das Wandern als Motiv in der Malerei denkt, der hat Caspar David Friedrichs berühmtes Gemälde „Wanderer über dem Nebelmeer“ vor Augen. Diese herausragende Leihgabe aus der Hamburger Kunsthalle bildet den Ausgangspunkt für eine Sonderausstellung in der Alten Nationalgalerie, die diesem für die Kunst überraschend zentralen Thema durch das gesamte 19. Jahrhundert bis hin zu Beispielen der klassischen Moderne nachspürt.
Mit Rousseaus Parole „Zurück zur Natur!“ und Goethes Sturm-und-Drang-Dichtung wird das Wandern um 1800 zum Ausdruck eines modernen Lebensgefühls. Angesichts der rasanten gesellschaftlichen Umbrüche seit der Französischen Revolution entwickelt sich in einer Gegenbewegung eine neue Form der entschleunigten Selbst- und Welterkenntnis, die bis heute nachwirkt.
Seit der Romantik erobern sich Künstler die Natur zu Fuß und unter neuen Aspekten. Dem Wandern wächst dabei in der Kunst die sinnbildliche Bedeutung der Lebensreise und der symbolischen Pilgerschaft zu. Die selbstbestimmte Fußreise eröffnet eine neue, intensive Art der Naturbegegnung und eine sinnliche wie auch körperliche Form der Weltaneignung.
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Alte Nationalgalerie, Berlin | bis 16. September 2018
Wanderlust
Von Caspar David Friedrich bis Auguste Renoir
Pressetext: Alte Nationalgalerie, Berlin
KATALOG | Wanderlust. Von Caspar David Friedrich bis Auguste Renoir
Taschenbuch Klappenbroschur 288 Seiten 190 Abbildungen in Farbe Verlag: Hirmer Sprache: Deutsch 24,6 x 2,7 x 28,9 cm
Künstler entdecken seit der Romantik die Natur zu Fuß, verlegen ihre Arbeit ins Freie und verstehen die Wanderung als Gleichnis der Lebensreise und der Selbsterkenntnis. Literatur und Philosophie definieren das Wandern und beeinflussen somit die Sicht der Künstler auf diese Aktivität. Ihrer Naturbegegnung, die sich in hochkarätigen internationalen Leihgaben spiegelt, wird in fundierten Texten nachgespürt.
Die in der Ausstellung gezeigten Werke von Meistern wie Caspar David Friedrich, Carl Blechen, Karl Friedrich Schinkel, Johan Christian Dahl, Richard Wilson, Christen Købke, Gustave Courbet, Iwan Kramskoi, Ferdinand Hodler, Auguste Renoir, Emil Nolde, Ernst Ludwig Kirchner, Otto Dix und Ernst Barlach verdeutlichen, wie wirkmächtig und fruchtbar das Motiv des Wanderns nicht nur in Deutschland, sondern von Frankreich, Großbritannien über Dänemark und Norwegen bis nach Russland war. Die Ausstellung ist thematisch in verschiedene Kapitel gegliedert: Entdeckung der Natur, Lebensreise, Künstlerwanderung, Spaziergänge, Sehnsuchtsland Italien, Wanderlandschaften nördlich der Alpen.
Erstrangige Leihgaben aus europäischen und amerikanischen Museen sowie eine bedeutende Auswahl von Werken der Sammlung der Nationalgalerie werden in einer mehr als 120 Exponate umfassenden Großausstellung präsentiert.
VIDEO | Wanderlust | Film zur Ausstellung
»Von Wanderlust gelockt«
Eine Einführung von Birgit Verwiebe, dem Ausstellungskatalog entnommen.
»Oh Wandern, Wandern, meine Lust« und »Wanderlustige Gedanken, / Die ihr flattert nah und fern« heißt es in zwei der berühmten Wanderlieder Wilhelm Müllers.
Friedrich Rückert dichtete: »Zuletzt war ich von Wanderlust gelockt«, und Franz Kugler schrieb: »Das Wandern wohl ins Freie, / Das Wandern ist meine Lust«. Wanderlust ist ein im frühen 19. Jahrhundert, vor allem in der Zeit der Romantik besonders von Dichtern häufig verwendeter Begriff.
Er beschreibt die Freude am Wandern, »den steten inneren Antrieb, sich zu Fuß die Natur und die Welt […] zu erschließen«. Im Gegensatz zu zweckgebundenen Wanderungen etwa von Handwerkern bedeutet Wanderlust freiwilliges, selbstbestimmtes Gehen durch die Natur, im Unbekannten, im neu zu Entdeckenden.
Schon lange ist das deutsche Wort Wanderlust auch im Englischen üblich. Seit mehr als hundert Jahren steht es im englischen Wörterbuch, für 1902 ist der erstmalige Gebrauch in englischer Sprache belegt: »[…] from German Wanderlust, literally ›desire for wandering‹«, in Webster’s Dictionary ist zu lesen: »[…] an impulse, longing, or urge to wander or travel«. Wanderlust betrachteten die Briten als eine auf mittelalterliche Ausbildungstraditionen der Handwerker zurückreichende, von der Romantik neu gedeutete und von der Wandervogelbewegung um 1900 wieder aufgegriffene Tradition der Deutschen.
Unserer Ausstellung haben wir ebenfalls den Titel Wanderlust gegeben. Ihr liegt die Idee vom Wandern als authentische Erfahrung, als identitätsstiftende Praktik zugrunde, mit der sich die Landschaftsmalerei grundlegend erneuerte. Es sind Kunstwerke vorwiegend des 19., aber auch des frühen 20. Jahrhunderts zu sehen, zumeist Landschaftsbilder, auf denen das Wandern beziehungsweise Wanderer dargestellt sind. Eigene Wandererfahrungen der Künstler und deren Reflexionen drücken sich darin aus. Nicht gezeigt werden hingegen die unmittelbaren Ergebnisse von Künstlerwanderungen wie zum Beispiel Freilichtstudien.
In der Zeit der Romantik war das Wandern zu einem bedeutenden Gegenstand der bildenden Kunst geworden. Später, um 1900, wurde es gelegentlich wieder aufgegriffen. Die Figur des Wanderers ist häufig mit Motiven wie dem Weg, der Weite, der Schlucht, dem Abgrund und dem Gipfel, aber auch der Überfahrt und der Rast verbunden. In ihnen spiegeln sich reale Erfahrungen; zugleich wurde das Wandern als Gleichnis verstanden, als Sinnbild für den Lebensgang des Menschen, als konstruktives Lebensprinzip. Es war im frühen 19. Jahrhundert oft identisch mit dem Pilgern, dem Gehen auf dem Weg zu Erfahrung und Erkenntnis.
Angesichts des hohen Tempos in der heutigen Lebenswelt werden Phasen der Entschleunigung immer wichtiger: »Wandern ist ein perfektes Kontrastprogramm, die Rückkehr zum menschlichen Maß, dem Maß des Schrittes, und zum natürlichen Zeitgeber, dem Licht der Sonne«.
Dem Motiv des Wanderns wird seit alters her auch eine allegorische Bedeutung in Bezug auf das ganze Leben zugesprochen. Das aufmerksame Gehen durch die Gefahren und Schönheiten des Lebens und der Natur wurde zum Gleichnis für eine spezifische Daseinsweise.
Caspar David Friedrich hat mit seiner weltberühmten Komposition Wanderer über dem Nebelmeer die Idee vom Aufsteigen, vom Rasten und Schauen als Bild des Lebens, als Lebensreise genial zum Ausdruck gebracht.
Das Wandern, um 1800 zur bewusst gewählten Bewegungsform der Landschaftsmaler geworden, veränderte das Sehen. In den Blick gerieten nun auch die Eindrücke vom Wegesrand, ungewohnte, allein auf Wanderungen sich erschließende Motive abseits der Fahrwege wurden von den Malern entdeckt. Dies wiederum erlaubte ganz neue gestalterische Möglichkeiten, eine betont subjektive Weltsicht wurde bildwürdig.
Oftmals haben sich die Künstler selbst oder ihre Malerfreunde beim Wandern oder beim schöpferischen Innehalten in der Natur dargestellt. Mit Gustave Courbets grandiosem Gemälde Bonjour Monsieur Courbet ist im Kapitel zur Künstlerwanderung ein weiteres Highlight unserer Ausstellung zu sehen. Neben diesem hängt Paul Gauguins eindrückliches Bild Bonjour Monsieur Gauguin, das im Dialog mit Courbets Meisterwerk entstanden ist. Gauguins Bild ist nur in den ersten Wochen der Ausstellung zu sehen, da es danach in einem anderen Museum gezeigt wird.
Es waren die Romantiker, die – zumeist nach ihren Erfahrungen im Süden – nun auch ausgedehnte Wanderungen durch Deutschland, beispielsweise durch die Rheingegend, den Harz, die Sächsische Schweiz, das Riesengebirge oder die Eifel, unternahmen und diese Regionen unter ästhetischen, historischen und literarischen Gesichtspunkten neu in das Bewusstsein hoben. Die Konfrontation mit dem Fremden führte zur Entdeckung und Erkenntnis des Eigenen und zu zahlreichen Darstellungen heimischer Landschaften.
Mit der Aufklärung wurde der Spaziergang zu einem beliebten bürgerlichen Ritual, zumeist von Paaren und Familien. Vom Wandern unterscheidet er sich durch die geringere körperliche Anstrengung und die kürzeren Entfernungen, das betrachtende Genießen der Natur steht im Vordergrund. Das Motiv von in Gruppen, paarweise oder einzeln schlendernden Spaziergängern ist seit Ende des 18. Jahrhunderts in der bildenden Kunst immer wieder anzutreffen; ihm ist in unserer Ausstellung ein eigenes Kapitel gewidmet.
Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden zunehmend Spaziergängerinnen, nicht in Parkanlagen oder auf Promenaden, sondern emanzipiert und selbstbewusst in freier Natur, am Meer, in den Bergen oder auf dem Weg durch weite Felder, zum Gegenstand der Malerei, oftmals in beeindruckenden Großformaten.
Die Idee vom Wandern als selbstbestimmte Art der Welterkundung und Welterkenntnis besaß von Anbeginn auch einen weltanschaulichen Hintergrund.
Er wurzelte in der Naturphilosophie Jean-Jacques Rousseaus. Dessen zivilisationskritisches »Zurück zur Natur!« wandte sich gleichermaßen gegen die Konventionen der höfischen Kultur wie gegen den Rationalismus der Aufklärung. Der um 1800 zu Fuß neu erlebte Naturraum wurde als Ort der Freiheit und als Gegenbild zu den gesellschaftlichen Zwängen der frühindustriellen Wirklichkeit begriffen. In der altdeutschen Tracht vieler Wanderer, etwa des Dichters Heinrich Hoffmann von Fallersleben, spiegelt sich die patriotische Aufbruchsstimmung während der napoleonischen Besetzung Deutschlands.
Um 1900 entstand eine neuromantische Jugend- und Wanderbewegung, die mit der Idee der Entwicklung eines »neuen Menschen« verbunden war.
Nach dem Ersten Weltkrieg und der Revolution von 1919 ging es um einen grundsätzlicheren Aufbruch, der seinen künstlerischen Ausdruck in der Figur des Schreitenden, des Losgehenden fand. Die einige Jahre später entstandene eindrückliche Holzskulptur Wanderer im Wind von Ernst Barlach beschließt im letzten Kapitel, zum Thema Aufbruch, den Rundgang der Ausstellung; ihr Entstehungsjahr, 1934, verleiht der Figur eines mühsam, dennoch kräftig im starken Gegenwind Schreitenden auch eine gesellschaftliche Dimension.
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