GILLIAN WEARING

Das Museum Brandhorst, München zeigt bis 7.7.2013 nicht nur die erste Überblicksschau der in London lebenden Künstlerin überhaupt, sondern damit im deutschsprachigen Raum auch die erste repräsentative Einzelausstellung Wearings. Zu sehen sind etwa 40 Arbeiten aus der Zeit von 1992 bis heute.

Eine Ausstellung der Pinakothek der Moderne im Museum Brandhorst,   München, in Kooperation mit der Whitechapel Gallery, London, und der  Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf.

Die britische Künstlerin Gillian Wearing (geb. 1963 in Birmingham, lebt und arbeitet in London) erkundet in ihrem Werk das Verhältnis von Öffentlichem und Privatem, Fiktion und Realität sowie die Beziehung zwischen Künstler und Betrachter. Fragen nach der Identität, nach Rolle und der Gestaltung der eigenen Existenz stehen im Zentrum der Filme, Videos, Fotografien und Installationen Wearings.

Für ihre Videoinstallation Sixty Minute Silence hat sie 1997 den angesehenen Turner Prize erhalten; in den 1990er Jahren war Wearing an allen Ausstellungen der Young British Artists beteiligt (von Brillant, Walker Art Center, Minneapolis, 1995, über life/live, ARC Musée d’Art Moderne de la Ville de Paris, 1996, bis hin zu Sensation, Royal Academy of Arts, London, 1997).

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Whitechapel Art Gallery, London | 28.03.12 - 17.06.12, 
Kurator: Daniel Hermann
K20 Düsseldorf | 08.09.2012 - 06.01.2013, 
Kuratorin: Doris Krystof
Museum Brandhorst München, 21.03. — 09.06.13, 
Kurator: Bernhart Schwenk

GILLIAN WEARING

Pressetext: K20 Köln | Museum Brandhorst München

Gillian Wearing nutzt Fotografie und Film, um ihre projekthaften und häufig prozessualen Arbeiten zu realisieren. Viele ihrer Arbeiten sind inszenierte Nacherzählungen, dokumentierte Bekenntnisse oder erzählte Wunschträume. Masken und Verkleidungen spielen eine zentrale Rolle in ihrem Werk, das von einem hohen Bewusstsein für die Kultur der Bilder und Fragen der medialen Vermittlung geprägt ist. Verfahren der Dokumentation und der Psychotherapie bis hin zu den Codes des Reality TV werden in Bilder überführt, die die visuelle Sprache der Populärkultur zwar zitieren, sich aber dennoch im Widerstand gegen sie befinden.

Die performativen Fotografien und Filme der Turner Prize Gewinnerin von 1997 basieren auf persönlichen Bekenntnissen, privaten Fantasien und Traumata. Darstellerische Techniken, die vom Theater, vom Film und vom Fernsehen entlehnt sind, kommen zum Einsatz. Um Darsteller für ihre Arbeiten zu finden, gibt Gillian Wearing häufig Anzeigen auf. Unterschiedliche Masken und Verkleidungen gewähren den Schutz der Persönlichkeit.

Wearing richtet die Kamera aber auch auf sich selbst. In ihren Selbstporträts zeigt sie sich als ihre Mutter, ihr Vater oder Bruder. Mit einer Reihe von jüngsten Arbeiten hat Wearing ein besonderes Familienalbum geschaffen. Indem sie sich als Diane Arbus, Robert Mapplethorpe, Andy Warhol, Claude Cahun sowie August Sander präsentiert, verwandelt sie sich ihre künstlerischen Vorbilder an. Wearing hinterfragt ihre eigenen Vorstellungen von Identität ebenso, wie die der anderen.

Auf einen Schlag berühmt wurde die Künstlerin in den frühen 1990er Jahren mit einer Fotoserie: Signs that say what you want them to say and not Signs that say what someone else wants you to say (1992-93). Zufällig ausgewählte Passanten wurden aufgefordert, sich mit einem weißen Blatt Papier fotografieren zu lassen, auf dem die Porträtierten eine individuell auf sie zutreffende Botschaft aufgeschrieben hatten.

Gillian Wearing -
Signs that say what you want them to say
and not signs that say what someone else wants you to say, 1992-3

In der eindringlichen Porträtserie, die mit historischen Fotografien von August Sander bis Walker Evans verglichen worden ist, erzeugen Wort und Bild überraschende Verbindungen — etwa, wenn ein Geschäftsmann freundlich in die Kamera lächelt und auf seinem Schild zu lesen ist: „I’m Desperate“.

Ein anderer “Gillian-Wearing-Klassiker” ist Confess all on video. Don’t worry, you’ll be in disguise. Intrigued? Call Gillian (1994). Mit der 30-minütigen Videoarbeit setzte Gillian Wearing ihre sozialen Forschungen im England der Nach-Thatcher-Ära fort. Lange vor den entsprechenden Fernsehformaten äußerten sich vor der Kamera der Künstlerin unterschiedliche Menschen über ihre persönlichsten Gefühle. Zum ersten Mal kamen hier Masken zum Einsatz, die den Lebensberichten die versprochene Anonymität zusicherten.

Responding to an advertisement in Time Out magazine, a series of participants took up Wearing’s offer to make their confessions on camera. This work was inspired by ‚fly-on-the-wall‘ documentaries and confessional TV chat shows, but it also evokes the religious ritual of confession and its modern secular equivalent, psychoanalysis. Wearing raises questions about the motives behind confession. Disguised, her participants are free to tell the truth about things to which they would never admit in daily life. At the same time, they can invent flamboyant lies without being caught out. [ via TATE Modern ]

Belastende Kindheits- oder Jugenderfahrungen bilden auch das Fundament für die Video-Installationen Trauma (2000) und Secret & Lies (2009): Sie werden in eigens angefertigten „confession boxes“ präsentiert, so dass sich der Betrachter in einer intimen Nähe zu dem „Beichtenden“ befindet. Prägungen aus Kindheit und Jugend hat die Künstlerin in ihrem
umfangreichen Projekt Family History (2006) verarbeitet. Dabei griff sie auf Family von 1974 zurück, eine der frühesten britischen Reality TV-Serien. Als raumgreifende Video-Installation ist Family History (2006) erstmals nach der Präsentation in Großbritannien nun in Düsseldorf zu sehen.

Gillian Wearing - Secrets and Lies

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Von 2007 bis 2010 entstand Gillian Wearings erster Film Self Made, der erfolgreich auf internationalen Filmfestivals gezeigt wird und seit September 2011 auch in britischen Kinos läuft. Am Beginn der Produktion des 80-minütigen Films standen wiederum eine Anzeige und ein Casting: „Would you like to be in a film? You can play yourself or a fictional character. Call Gillian“. Der Film begleitet eine Gruppe von sieben Personen, die an einem Schauspielkurs teilnehmen. Aus den eigenen Biografien sowie aus den eigenen Wunschvorstellungen entwickeln die Teilnehmer ihre Rollen, die sie schließlich in Filmszenen vorführen. Während der Ausstellung soll Self Made in einigen Düsseldorfer Kinos laufen.

VIDEO | Gillian Wearing – Self Made, 2010 Trailer

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In den neuesten filmischen und fotografischen Projekten hat Gillian Wearing den künstlerischen Ansatz noch einmal erweitert und ihre originären Themen wie die Beziehung von Individuum und Gesellschaft, wie Angst, Trauma, Sex und Tod konsequent fortentwickelt. Mit Experten-Hilfe von Madame Tussaud´s Wachsfigurenkabinett sind Masken angefertigt worden, die Wearing in der Fotoserie Album (2003) oder in den eindrucksvollen fotografischen Schwarz/Weiß-Großformaten Me as Mapplethorpe, Me as Warhol, Me as Arbus (2008-2010) einsetzt.

Für die zunächst in London gezeigte und nun in Düsseldorf zu sehende Ausstellung sind zudem zwei weitere Arbeiten dieser Serie entstanden, mit denen Gillian Wearing ihre eigene künstlerische Verwandtschaft thematisiert: Me as Cahun Holding the Mask of My Face und Me as Sander.

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Der Katalog mit zahlreichen Abbildungen und Essays von Doris Krystof, Daniel F. Herrmann, Bernhart Schwenk und David Deamer ist die erste deutschsprachige Monografie zu Gillian Wearing.

KATALOG | Gillian Wearing

Gebundene Ausgabe
252 Seiten
ca. 200 meist farbige,
teils ganzseitige Abb.
Verlag der Buchhandlung König
Sprache: Deutsch, teils englisch
32,8 x 24,5 x 3 cm

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Neben mehr als 100 Farbabbildungen und niemals zuvor veröffentlichten Archivmaterialien enthält das Buch eine Bio-Bibliographie sowie ergänzendes Referenzmaterial.

Auf 214 Seiten und mit zahlreichen Abbildungen gibt der Katalog eine umfassende Übersicht über Gillian Wearings Arbeiten und enthält Transkripte sowie deutsche Übersetzungen der Videoarbeiten. Erstmals veröffentlicht wurde eine ausführliche Bildstrecke über die künstlerische Produktion aus dem Archiv der Künstlerin.

‘What people project as the human mask they are is obviously very different to what goes on inside. There is always a disparity and I’m interested in that.’ [ Gillian Wearing ]

„Wir alle spielen Theater“,

der deutsche Titel eines Klassikers der Rollensoziologie (Erving Goffman), markiert – vor dem Hintergrund von Reality TV und Web 2.0 – eine herausragende Position der Gegenwartskunst, deren komplexes und berührendes Werk mit dieser großen Einzelausstellung erstmals im deutschsprachigen Raum vorgestellt wird.

Der Überblick reicht von Wearings ikonischem Frühwerk Signs that Say What You Want Them to Say and Not Signs that Say What Someone Else Wants You to Say (1992 – 93) bis zu ihrer jüngsten Videoarbeit Bully (2010). In dem mit der Künstlerin erarbeiteten Ausstellungsparcours sind Videoarbeiten (mit deutscher Untertitelung), Fotografien, Skulpturen und, erstmals außerhalb von Großbritannien, die raumgreifende Installation Family History (2006) zu sehen.

Die Ausstellung ist in Kooperation der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen mit der Whitechapel Gallery, London, und der Pinakothek der Moderne in München entstanden, wo sie vom 01.03. — 09.06.2013 zu sehen sein wird.

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VIDEO | Curator Introduction to Gillian Wearing

Curator Daniel Hermann introduces the Gillian Wearing exhibition 
at the Whitechapel Gallery from 28 March - 17 June 2012

The films and photographs of British artist Gillian Wearing (b. Birmingham, 1963) explore our public personas and private lives. This Turner Prize winner’s remarkable works draw on fly-on-the-wall documentaries, reality TV and the techniques of theatre, to explore how we present ourselves to the world.

Wearing’s portraits and mini-dramas reveal a paradox, given the chance to dress up, put on a mask or act out a role, the liberation of anonymity allows us to be more truly ourselves.

The exhibition begins with the artist herself, dancing in a shopping mall, blissfully unaware of her bemused audience. The idea of performance continues with works including Wearing’s 1997 masterpiece, 10—16. Adults lip synch the voices and act out the physical tics of seven children in a captivating film which moves from the breathless excitement of a ten year old to the existential angst of an adolescent.

Other highlights include Wearing’s iconic 1992 series, Signs that say what you want them to say, and not Signs that say what someone else wants you to say where strangers are offered paper and pen to communicate their message. In the upper galleries we enter the inner world of subjectivity. An advert – Confess All On Video. Don’t Worry, You Will Be In Disguise. Intrigued? Call Gillian… (1994) attracted a series of disturbing disclosures. Wearing jettisons her own identity to adopt the guise of family members or artists such as Diane Arbus or Andy Warhol, so revealing her own background and influence.

This comprehensive survey, which also premieres new films and sculptures, shows how Wearing is both political – often focusing on the dispossessed or the traumatised — and poetic, finding the extraordinary in us all.

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