HITO STEYERL – I Will Survive

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VIDEO-Standbild | Hito Steyerl: How Not To Be Seen: A Fucking Didactic Educational .MOV File

Die Künstlerin, Filmemacherin und Autorin Hito Steyerl (*1966) gehört aktuell zu den zentralen Positionen, wenn es um die Reflexion der gesellschaftlichen Rollen von Kunst und Museum geht, um das Experimentieren mit medialen Präsentationsformen und die kritische Auseinandersetzung mit dem Einsatz von künstlicher Intelligenz. Die Ausstellung „I Will Survive“ gibt einen Überblick über Steyerls Werk.


Die Schau setzt mit frühen Arbeiten ein, die exemplarisch für den „documentary turn“ stehen, eine andere Auffassung des Dokumentarischen, dessen Begriffswandel Steyerl maßgeblich mitgedacht, formuliert und praktiziert hat. Steyerl hat in ihren Arbeiten der letzten dreißig Jahre die Mutationen der Kamerabilder verfolgt, vom analogen Bild und seinen vielfältigen Montagen hin zum geteilten, flüssig werdenden, digitalen Bild.

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Kunstsammlung NRW, K21 Düsseldorf | 26.9.2020 – 10.1.2021
Centre Pompidou, Paris | 03.02 - 07.06.2021

HITO STEYERL – I Will Survive

Pressetext: Kunstsammlung NRW, K21 Düsseldorf www.kunstsammlung.de
Kuratorin: Doris Krystof
DIGITORIAL ansehen www.kunstsammlung.de/de/steyerl
Hito steyerl i will survive katalog 700 2 HITO STEYERL 8211 I Will Survive

KATALOG | HITO STEYERL.
I Will Survive

Taschenbuch
fadengeheftetes Softcover
mit zahlreichen schwarz-weißen und farbigen Abbildungen
384 Seiten
Herausgeber : Spector Books
Sprache: : Deutsch, Englisch
29.5 x 3.5 x 28.5 cm

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Mit Texten von: Nora M. Alter, Karen Archey, Teresa Castro, Alexandra Delage, Florian Ebner, Thomas Elsaesser, Ayham Ghraowi, Tom Holert, Doris Krystof, Marcella Lista, Vanessa Joan Müller, Florentine Muhry, Mark Terkessidis, Brian Kuan Wood, und einem Vortrag von Hito Steyerl und Trevor Paglen.

»Wir haben es nicht mehr mit dem Virtuellen zu tun, sondern mit einer verwirrenden und möglicherweise fremden Konkretheit, die wir erst beginnen zu verstehen«, schreibt Brian Kuan Wood zu den digitalen Bildwelten, die die Künstlerin vorführt.

Die Publikation erscheint anlässlich der Überblicksschau von Hito Steyerl, im Centre Pompidou, Paris, und in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf.


Im Zentrum der Schau „I Will Survive“ steht zudem die neue multimediale Installation „SocialSim“, mit der Steyerl die Potentiale von Digitalität, Simulation und Künstlicher Intelligenz im Hinblick auf künstlerische Kreativität, museale Präsentationsweisen, soziale Verwerfungen und pandemische Bedingungen kritisch auslotet.

Eine Zusammenarbeit organisiert von der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf und dem Centre Pompidou, Musée National d’Art Moderne, Paris.

VIDEO | Tour durch die Ausstellung: Hito Steyerl. I Will Survive – mit der Kuratorin Doris Krystof


PRESSESCHAU

Die Über-Erzählerin

Katja Nicodemus für ZEIT online | Artikel lesen

„Die Ausstellung ist ein Labor der Subversion, ein Bilderdiskurs, ein Gedankenkraftwerk. Man könnte sie auch als einen einzigen langen Film sehen, der beim Nachdenken seiner Autorin immer wieder die Form wechselt. Ob sich Steyerl in einem Kurzfilm mit dem antisemitischen Anschlag in einer deutschen Kleinstadt beschäftigt (Babenhausen, 1997), die Gewalterfahrungen schwarzer amerikanischer Museumswächter vor den von ihnen bewachten Kunstwerken choreografiert (Guards, 2012) oder in Form eines schrägen Exploitation-Films ein verschollenes Bondage-Foto aus ihrer Jugend aufspürt (Lovely Andrea, 2007) – die künstlerische Strategie entsteht aus dem Sujet selbst. Immerzu geht es um die Suche nach einem Standpunkt, von dem aus sich möglichst viele Fragen stellen lassen. Nach einer in einem elementaren Sinne politischen Haltung, die von ihr auch extreme Perspektivwechsel verlangt.“


VIDEO | Hito Steyerl: „I Will Survive“ | Sandra Luzina für arte TV, 2 Min.
Verfügbar bis 17/10/2021

 

Überwachung, Datenkapitalismus, künstliche Intelligenz: Die Medienkünstlerin Hito Steyerl setzt sich kritisch mit der Gegenwart auseinander, mit einem besonderen Augenmerk auf die sozialen Netzwerke.

Hito Steyerl ist eine der einflussreichsten Künstlerinnen der Gegenwart. In ihren Werken experimentiert die Deutsch-Japanerin mit medialen Präsentationsformen. Sie thematisiert Rassismus und Nationalismus, es geht aber auch um Big Data und die Macht der Algorithmen. Mit der Ausstellung „Hito Steyerl. I Will Survive“ präsentiert die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen erstmals einen Überblick über das Werk der radikalen Künstlerin. Entwickelt wurde die Schau in Düsseldorf gemeinsam mit dem Pariser Centre Pompidou.


Digital wie die Realität

Georg Imdahl im Gespräch mit Stefan Koldehoff für Deutschlandfunk | Beitrag anhören

AUDIO

Die Künstlerin Hito Steyerl setzt sich kritisch mit Datenerfassung und dem Einsatz von künstlicher Intelligenz auseinander. Für die Ausstellung „I Will Survive“ in Düsseldorf hat sie eine neue multimediale Installation entwickelt. Eine Auseinandersetzung mit Corona und den Problemen der digitalen Welt.


How Not to Be Seen

VIDEO | How Not To Be Seen: A Fucking Didactic Educational .MOV File

Das Video How Not to Be Seen wird durch ein wiederkehrendes Motiv eingeleitet: ein kryptisches Gebilde aus weißen Balken auf schwarzem Grund. Man begegnet ihm auf Tafeln, die auf Stativen angebracht sind, als ausgeschnittene Formen in Vinyl auf dem Boden, sogar in der Anordnung der Bänke im Projektionsraum. Die Kombination der Balken entspricht dem Muster eines bestimmten Auflösungstestbilds, das die US Air Force seit 1951 entwickelte und bis 2006 nutzte: In verschiedenen Wüstengegenden der USA auf dem Boden aufgemalt, diente es dazu, das Auflösungsvermögen (die „Sehschärfe“) von Satelliten oder Flugzeugen zu kalibrieren. Die Vorrichtung fungiert als Leitmotiv und beschwört gleich eingangs die Reflexion über Bilder herauf, die in dieser Arbeit im Mittelpunkt steht. Scheinbar unentzifferbar, bündelt sie Belange, in denen sich Militärstrategie, Überwachungspolitik und Entwicklung der Bildtechnologien verzahnen.

Der Titel der Arbeit ist eine Hommage an Monty Pythons Sketch How Not to Be Seen, den die BBC 1970 ausstrahlte und der einen Informationsfilm der britischen Regierung nachahmt. Eine Off-Stimme nennt die Namen von Bürger•innen, die in weiträumigen Landschaften versteckt sind und buchstäblich zu Zielscheiben werden, sobald sie ins Bild kommen: Einer nach dem anderen explodiert oder wird hingerichtet. Die Moral der Geschichte lautet folglich wohl, dass es ein Risiko bedeutet, gesehen zu werden. Besser, man hält sich bedeckt, passt sich an, geht auf in seiner Umgebung, im System?–?ist nicht ortbar, wird unauffindbar. Damit erscheint dieser von Hito Steyerl 2013 aufgegriffene Titel als außerordentlich programmatisch.

How Not to Be Seen: A Fucking Didactic Educational .MOV File ist ein Tutorial in fünf Lektionen, das Techniken verrät, wie man sich den Fangarmen einer umfassenden Überwachung entziehen kann, eine fünfzehnminütige Ausbildung zum Guerilla-Agenten, der fähig ist, das Regime der digitalen Bilder zu erfassen, es auszuforschen und darin zu handeln. Hito Steyerl zeigt hier mit dem Finger auf eine Wende, die Vilém Flusser bereits 1990 prognostizierte: Bilder begnügen sich nicht mehr damit, Wirklichkeit aufzuzeichnen, sondern bringen Wirklichkeit hervor;1 und wenn wir Bilder aufnehmen, nehmen die Bilder jetzt auch etwas von uns (Informationen, Daten). Wir sind eingebettet in eine von Bildern gesättigte Welt, formatiert und (de)aktiviert von der Allmacht der Algorithmen2, die unsere Online-Inhalte steuern. Vom Rahmen der Monitore befreit, bespielen Bilder mittlerweile die Realität, „formen und beeinflussen Menschen, Landschaften, Politik und Gesellschaftssysteme“3. Sichtbarkeit ist folglich, wie nicht weiter überraschend, eine Sache der Politik: Was ist für uns sichtbar, wird uns sichtbar gemacht? Und was verschwindet im Zuge dessen und wie? Spottet das Video mit Humor der Didaktik, so ist es gleichwohl auf tragische Weise geprägt vom Motiv des Verschwindens, das Hito Steyerls ganzes Werk schmerzvoll durchzieht.

Ohne sie zu nennen, bezieht sie sich auf ihre Freundin Andrea Wolf, die 1998 an der Seite kurdischer Kämpferinnen erschossen wurde. How Not to Be Seen nimmt nun Züge einer Fabel an, in der die Leichen der Verschwundenen in einem Limbus umherirren, in dem man sich verflüchtigt, ohne ersichtliche Spuren zu hinterlassen. Im digitalen Zeitalter schrumpfen sie auf Pixelgröße zusammen, werden zu gesichtslosen Geistgestalten, in einer Welt reiner Projektion schwebender Ektoplasmen, die gekommen sind, die abblätternde Farbe der Auflösungstestbilder der US-Armee oder die zur Gentrifizierung der Welt beitragenden Architektenmodelle heimzusuchen. Hito Steyerl versammelt eine low-res-Armee von Bildproletariern, Abschaum, mit dem die amtierenden Mächte sich nicht abgeben wollen (Gegner autoritärer Regime, Frauen über fünfzig, aus den Zentren der Megalopolen verjagte Deklassierte …), denen sie aufträgt, die Sicherheitslücken der high-definitionBilderwelt zu knacken und darin einzuziehen.4 In unserer in eine riesige Video-Installation verwandelten Wirklichkeit, legt Hito Steyerl nahe, gehört der Widerstand denen, die die Bildtechniken beherrschen: Wer in die Wirklichkeit einschmelzen oder sie gar verändern will, muss mit einem PhotoshopTutorial anfangen.

Text: Alexandra Delage für den Katalog HITO STEYERL. I Will Survive


Kurzbiografie

Hito Steyerl

Hito Steyerl wurde 1966 in München geboren. Sie studierte Dokumentarfilmregie am Japan Institute of the Moving Image (ehemals Yokohama Broadcasting Technological School, die 1975 von Sohei Imamura gegründet wurde) und später an der Hochschule für Film und Fernsehen in München. Das darauf folgende Studium der Philosophie an der Akademie der Künste, Wien, schloss sie mit Promotion ab. Sie hat an der UdK, Berlin, eine Professur für Experimentalfilm und Video inne und hat dort zusammen mit Vera Tollmann und Boaz Levin das Research Center for Proxy Politics gegründet.

Steyerls Werke werden seit zwanzig Jahren im Kontext der bildenden Kunst ausgestellt und international rezipiert. 2004 wurde November auf der Manifesta 5 in San Sebastian gezeigt. Mit Lovely Andrea und Red Alert wurde sie auf der Documenta 12 (2007) in Kassel einem größeren Publikum bekannt. Mit Factory of the Sun war sie 2015 im deutschen Pavillon auf der Biennale von Venedig vertreten. 2016 nahm sie mit HellYeahWeFuckDie an der Biennale von Sao Paolo teil. Zu den jüngsten der zahlreichen Einzelausstellungen in Museen und Kunstinstitutionen weltweit gehören Ausstellungen im Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofia, Madrid (Duty-Free Art, 2016), Museum für Gegenwartskunst, Basel (War Games 2018, zusammen mit Martha Rosler), Castello di Rivoli, Turin (The City of Broken Windows, 2018), Serpentine Gallery London (Power Plants, 2019), Park Avenue Armory, New York (Drill, 2019), Art Gallery of Ontario, Toronto (This is the Future, 2019). Auf der Biennale von Venedig 2019 war sie in der Hauptausstellung „May You Life in Interesting Times“ im Arsenal und in den Giardini mit mehreren Arbeiten vertreten, darunter This is the Future / Power Plants.

Neben ihrer filmkünstlerischen Arbeit ist Steyerl als Autorin tätig, macht Interviews und hält Vorträge. Eine Auswahl ihrer an verschiedenen Stellen publizierten Essays sind in vier Büchern zusammengefasst: Die Farbe der Wahrheit (Turia Kant, Wien 2008), The Wretched of the Screen (Sternberg Press, Berlin 2012), Beyond Representation – Jenseits der Repäsentation (n.b.k., Berlin 2016), Duty Free Art – Art in the Age of Planetary Civil Wars / Kunst im Zeitalter des globalen Bürgerkriegs (en. Verso, London 2017 / dt. Diaphanes, Zürich 2018). Steyerl lebt und arbeitet in Berlin.

Hito Steyerl Duty Free Art Kunst in Zeiten des globalen Buergerkriegs 700 HITO STEYERL 8211 I Will Survive

Duty Free Art.
Kunst in Zeiten des globalen Bürgerkriegs

Gebundene Ausgabe
256 Seiten
Herausgeber : Diaphanes (4. Dezember 2018)
Sprache: : Deutsch
13.9 x 2.5 x 21.6 cm

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Was tun, wenn Waffenproduzenten Kunstausstellungen sponsern, Militärpotentaten im Glanz neofeudaler Sammlungen ihr Prestige adeln, Unmengen in Zollfreilagern geparkte Kunstwerke ein ebenso geheimes wie hochdotiertes Museum bilden? Die Grenzen sind unscharf geworden: Künstler, Kuratoren und Sammler, globaler Kapitalmarkt und weltweiter Bürgerkrieg durchdringen sich, und auch die großen staatlichen Institutionen mischen mit. Hito Steyerl reflektiert diese Verhältnisse seit vielen Jahren nicht nur mit ihren Filmen und Videoinstallationen, sondern auch in ihren Vortragsperformances und zahlreichen Essays.

Ausgehend von dem Ausdruck »Duty Free«, der zunächst die Praxis der zollfreien Lagerung meint, eröffnet sie auch die Frage, was eine Kunst frei von jeder Pflicht (zu performen, zu lehren, einen Wert zu verkörpern) bedeuten könnte. Der Band stellt ihre aktuellsten Texte erstmals in deutscher Sprache zusammen.


Künstlerin, Filmemacherin und Autorin Hito Steyerl

Steyerls Filme sind oft von der visuellen Nervosität des Internets imprägniert. Die im World Wide Web massenhaft verbreiteten, geteilten, manipulierten und kommentierten Bilder bilden einen reichhaltigen Fundus für ihre assoziativ verfahrenden Filmcollagen, in denen unterschiedliche Bildbearbeitungen, darunter die ausgiebige Verwendung von 3DAnimationen, zum Einsatz kommen. Ein Abstand zur traditionellen dokumentarischen Filmsprache tut sich auf, den Steyerl unter dem Begriff „documentary uncertainty“ (dokumentarische Unschärferelation) gefasst und in zahlreichen Essays und Vorträgen beschrieben und analysiert hat. Die Absolventin der HFF München, promovierte Philosophin und Professorin für Medienkunst an der UdK Berlin greift in ihren Filmen und Texten ebenso auf historische Quellen zurück, arbeitet Walter Benjamins Geschichtsphilosophie und die „negative Dialektik“ der Frankfurter Schule als tragendes Fundament in das von ihr mitgestaltete Format des Video-Essays ein. Zu den zahlreichen, produktiv genutzten Quellen zählen, um nur die vielleicht wichtigsten zu nennen, Theodor W. Adornos Ausführungen zum Essay als skizzenhafte, subjektive Argumentationsform, Harun Farockis Essayfilm und schließlich Jean-Luc Godards revolutionäre Filmsprache. Zitate aus der Pop Kultur von Disco-Hits über Monthy Python’s Flying Circus bis hin zum Game Design kommen hinzu.

Doch bei allem Witz und Hang zum Paradoxen steht hinter Steyerls pointierten und mit einer Länge von maximal 30 Minuten eher kurzen Filmen ein kohärentes Interesse an postkolonialer Kritik, ökologischer Theorie, feministischen Ansätzen, der Kritik an Big Data und der Überwachungsindustrie, womit Steyerl selbst inzwischen einen großen Einfluss auf die künstlerische Theorie und Praxis einer jüngeren Generation ausübt.

Ein wiederum kritisches Hinterfragen der eigenen Autorenschaft zeigt sich etwa in November (2004), wenn eine Stimme aus dem Off (Steyerl) sagt: „Nicht ich erzähle die Geschichte, sondern sie erzählt mich“. Hier wird deutlich, dass es Steyerl um eine Geschichte des Widerstands geht, die nicht nur ihre eigene ist, sondern die einer ganzen Generation, wie Florian Ebner in der Laudatio auf die Künstlerin anlässlich der Verleihung des Käthe Kollwitzpreises in der Berliner Akademie der Künste im Februar 2019 herausgestellt hat.


Centre Pompidou

www.centrepompidou.fr/en/

Hito Steyerl

3 Feb – 7 Jun 2021

ÖFFNUNGSZEITEN
11 – 20 Uhr


SOCIAL MEDIA anonym mit Hilfe des c't-Projektes Shariff

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